Test

MIO: Memories in Orbit

Von Nico Zurheide am 21.01.2026

MIO Memories in Orbit macht von der ersten Minute an deutlich, welchen Weg es einschlägt. Kein erklärendes Intro, keine ausufernden Dialoge, kein Worldbuilding per Texttafel. Wir erwachen als kleiner Android namens MIO im Inneren des Raumschiffs Vessel, stehen auf, machen ein paar Schritte und sind sofort mittendrin. Das Schiff ist beschädigt, Systeme sind ausgefallen, Teile der Struktur wirken verlassen oder überwuchert. Mehr Kontext gibt es zunächst nicht. Das Spiel vertraut darauf, dass wir uns unsere Fragen selbst stellen und die Antworten unterwegs finden.

Dieser Einstieg wirkt bewusst nüchtern, funktioniert aber erstaunlich gut. Das Vessel fühlt sich direkt groß an, ohne uns zu überfordern. Die ersten Areale sind klar strukturiert, Wege gut lesbar, Gegner überschaubar. Das Spiel gibt uns Raum, das Wichtigste kennenzulernen: das Movement. MIO reagiert präzise, Sprünge sitzen punktgenau, Richtungswechsel erfolgen ohne Verzögerung. Alles fühlt sich kontrolliert an. Genau diese Direktheit ist die Basis dafür, dass das Spiel später auch in hektischen Situationen fair bleibt. Ein Metroidvania steht und fällt mit seiner Steuerung, und hier stimmt sie von Beginn an.

Schon nach kurzer Zeit beginnt sich das Raumschiff zu öffnen. Wege verzweigen sich, erste Abkürzungen führen zurück zu bekannten Punkten, vertikale Räume fordern sauberes Timing. Klassische Genremechaniken sind sofort erkennbar, werden aber angenehm unaufgeregt umgesetzt. Es geht darum, Fähigkeiten zu finden, alte Bereiche neu zu lesen und vertraute Orte plötzlich anders zu nutzen. Ein Vorsprung, der anfangs unerreichbar scheint, wird später zur Selbstverständlichkeit. Ein verschlossener Schacht entpuppt sich als zentraler Knotenpunkt. Diese Aha Momente gehören zu den größten Stärken von MIO Memories in Orbit und ziehen sich konsequent durch das gesamte Spiel.

Das Vessel selbst ist dabei mehr als eine funktionale Spielwelt. Es ist klar in Zonen unterteilt, die sich visuell und spielerisch unterscheiden. Technische Sektionen mit klaren Linien, kaltem Licht und surrenden Maschinen wechseln sich ab mit organisch überwucherten Bereichen, in denen Pflanzen, Ranken und fremdartige Strukturen dominieren. Trotz dieser Vielfalt bleibt alles glaubwürdig miteinander verbunden. Man spürt jederzeit, dass man sich in einem einzigen gigantischen Raumschiff bewegt und nicht in lose aneinandergereihten Levels. Dieses Gefühl von räumlicher Logik ist etwas, das vielen Genrevertretern abgeht und hier besonders gut gelingt.

Erzählt wird diese Welt fast ausschließlich über ihre Umgebung. Verlassene Kontrollräume, beschädigte Terminals, stillgelegte Maschinen und vereinzelte NPCs liefern Hinweise auf das, was hier geschehen ist. Das Spiel erklärt nichts direkt, sondern vertraut auf Beobachtung und Interpretation. Wer aufmerksam spielt, setzt sich nach und nach ein stimmiges Gesamtbild zusammen. Wer einfach nur weiterziehen möchte, wird nicht aufgehalten. Diese Zurückhaltung wirkt wohltuend und verleiht der Erkundung ein eigenes Gewicht.

Spielerisch bleibt MIO Memories in Orbit dabei konsequent aktiv. Kämpfe sind ein zentraler Bestandteil und verlangen Aufmerksamkeit. MIO ist kein träger Held, sondern ein schneller, agiler Android. Angriffe sind präzise, Ausweichmanöver essenziell. Gegner unterscheiden sich klar in Verhalten und Funktion. Manche gehen frontal vor, andere kontrollieren Bereiche, wieder andere zwingen uns permanent in Bewegung. Gerade in engen Räumen wird gutes Positionieren wichtig. Fehler werden bestraft, meist deutlich, aber fast immer nachvollziehbar.

Das gilt besonders für die Bosskämpfe. Sie gehören zu den Highlights des Spiels, sorgen aber auch für die größten Reibungspunkte. Die Inszenierung stimmt, Muster sind gut lesbar, Angriffe klar telegraphiert. Wer scheitert, weiß in der Regel warum. Gleichzeitig sind einige dieser Kämpfe anspruchsvoller, als man es von der ruhigen Anfangsphase erwarten würde. Besonders der Umstand, dass viele Bosse ordentlich Schaden austeilen und Fehler kaum verzeihen, sorgt für ein deutlich höheres Stresslevel. Hier zeigt sich eine Designentscheidung, die nicht jedem gefallen dürfte, die aber zur Gesamtphilosophie passt. MIO Memories in Orbit fordert Konzentration und sauberes Spiel.

Ein häufiger Kritikpunkt, der auch bei anderen Spielern und Reviews immer wieder auftaucht, ist das Checkpoint System. Speicherpunkte sind nicht immer dort platziert, wo man sie intuitiv erwarten würde. Nach einem harten Bosskampf kann es passieren, dass man einen längeren Weg erneut zurücklegen muss. Diese Rückwege sind selten unfair, bremsen aber den Spielfluss. Gerade in anspruchsvollen Abschnitten kann das frustrierend wirken, weil der Fokus kurzzeitig vom Lernen des Bosskampfes auf das erneute Abarbeiten bekannter Gegner verschoben wird. Es ist eine Designentscheidung, die Spannung erzeugt, aber nicht immer elegant gelöst ist.

Die Progression von MIO selbst ist übersichtlich, aber wirkungsvoll. Über Module lassen sich Fähigkeiten verbessern oder neue Spielweisen freischalten. Das System ist schnell verständlich und erlaubt es, eigene Schwerpunkte zu setzen. Mehr Mobilität, stärkere Angriffe oder defensive Boni verändern das Spielgefühl spürbar. Positiv fällt auf, dass keine Fähigkeit das Spiel trivialisiert. Auch später bleibt Aufmerksamkeit gefragt. Gleichzeitig gibt es kaum Entscheidungen, die sich endgültig falsch anfühlen. Wer experimentiert, wird belohnt, ohne sich festzufahren.

Besonders gelungen ist die enge Verzahnung von Movement und Leveldesign. Neue Fähigkeiten fühlen sich nicht wie Schlüssel an, sondern wie echte Erweiterungen des Bewegungsrepertoires. Ein Greifmechanismus oder neue Sprungoptionen eröffnen nicht nur neue Wege, sondern machen bekannte Strecken flüssiger und schneller. Backtracking wird dadurch weniger zur Pflicht und mehr zur Gelegenheit, sich effizienter durch die Welt zu bewegen. Das ist ein Punkt, den viele Metroidvanias zwar anstreben, aber nur wenige so konsequent umsetzen.

Visuell spielt MIO Memories in Orbit in einer eigenen Liga. Der handgezeichnete Stil ist detailreich, ohne unübersichtlich zu werden. Farben werden gezielt eingesetzt, Kontraste klar gesetzt. Besonders beeindruckend sind die vielen kleinen Animationen. Lichter flackern, Maschinen arbeiten im Hintergrund, Pflanzen reagieren auf Bewegung. Diese Details sind nie Selbstzweck, sondern unterstützen Orientierung und Atmosphäre. Das Spiel schafft es, visuell opulent zu wirken, ohne vom Gameplay abzulenken. Gerade in hektischen Kämpfen bleibt alles gut lesbar.

Auch technisch gibt sich das Spiel stabil. Die Performance ist durchweg sauber, Eingaben werden präzise umgesetzt, Ladezeiten bleiben kurz. Selbst in komplexeren Arealen mit vielen Effekten und Gegnern bleibt die Übersicht erhalten. Die Kamera arbeitet meist zuverlässig, nur in sehr engen vertikalen Passagen kann es kurz unübersichtlich werden. Das sind seltene Momente, fallen aber auf, weil der Rest des Spiels so präzise funktioniert.

Der Soundtrack hält sich bewusst zurück, erfüllt aber genau seine Aufgabe. Die Musik begleitet die Erkundung, verstärkt Stimmungen und setzt Akzente in Bosskämpfen, ohne sich aufzudrängen. Ruhige, fast melancholische Passagen wechseln sich mit spannungsgeladenen Momenten ab. Soundeffekte sind klar und funktional. Gerade in Kämpfen ist jederzeit hörbar, was um uns herum passiert. Das trägt spürbar zum fairen Spielgefühl bei.

In Sachen Umfang zeigt sich MIO Memories in Orbit angenehm ausgewogen. Die Hauptkampagne bietet viele Stunden Spielzeit, ohne sich künstlich zu strecken. Wer nur der Hauptlinie folgt, kommt zügig voran. Wer alles entdecken möchte, optionale Bosse sucht und versteckte Bereiche aufspürt, kann deutlich mehr Zeit investieren. Gleichzeitig respektiert das Spiel die Zeit der Spielenden. Abkürzungen sind sinnvoll gesetzt, Wege logisch verbunden. Trotz einzelner längerer Rückwege fühlt sich Fortschritt konstant an.

Nicht alles in MIO Memories in Orbit ist überraschend. Genrekenner werden viele Mechaniken wiedererkennen. Das Spiel erfindet das Metroidvania nicht neu, sondern setzt auf bewährte Strukturen. Einige Areale ähneln sich spielerisch stärker, als es nötig wäre, und nicht jede Nebenaufgabe fühlt sich gleich relevant an. Auch die erhöhte Schwierigkeit in Kombination mit teils knappen Checkpoints wird nicht jeden abholen. Diese Punkte sorgen dafür, dass das Spiel stellenweise polarisiert.

Gleichzeitig liegt genau hier eine seiner größten Stärken. MIO Memories in Orbit ist konsequent. Es weiß, was es sein will, und zieht dieses Konzept durch. Es setzt auf sauberes Movement, klares Leveldesign und eine Welt, die neugierig macht, statt alles auszuerzählen. Die Herausforderung ist Teil der Identität und kein nachträglicher Zusatz. Wer sich darauf einlässt, bekommt ein Spiel, das über viele Stunden hinweg trägt und motiviert.

Am Ende bleibt der Eindruck eines sehr durchdachten Metroidvanias, das vor allem spielerisch überzeugt. Es ist kein lautes Spiel, kein Effektfeuerwerk, sondern eines, das durch Qualität und Konsequenz glänzt. Wer gerne erkundet, präzises Gameplay schätzt und bereit ist, sich auch fordern zu lassen, findet hier ein starkes Gesamtpaket.

Fazit

MIO Memories in Orbit überzeugt mit präzisem Movement, starkem Leveldesign und einer atmosphärischen Welt, die sich über Details erschließt. Kleine Schwächen bei Checkpoints und Balancing können stellenweise frustrieren, werden aber durch handwerkliche Qualität und Spielfluss mehr als ausgeglichen. Ein Metroidvania, das nicht neu erfindet, aber auf hohem Niveau abliefert.

Unsere Wertung:
8.5
Nico Zurheide meint: "Ein anspruchsvolles, stilvolles Metroidvania mit exzellentem Movement und einer Welt, die man gerne erforscht."
MIO: Memories in Orbit von Douze Dixièmes erscheint für PC und PlayStation 5 und Nintendo Switch und Nintendo Switch 2 und Xbox Series. Wir haben die Version für Nintendo Switch 2 getestet. Für diesen Test wurde uns ein Rezensionsexemplar von Focus Entertainment zur Verfügung gestellt.
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