Test

Nobody Wants to Die

Von Jeremiah David am 21.07.2024

Niemand will sterben. Das behauptet zumindest das Entwicklerstudio Critical Hit Games, das uns einen Noir-Thriller mit eben diesem Titel präsentiert. Was hat es mit dem Titel auf sich und taugt „Nobody Wants to Die“ zum critical Hit? Unser Test klärt auf.

Cyberpunk 2329

Nobody Wants to Die spielt in der Stadt New York, aber nicht in der uns bekannten Metropole, sondern in einer alternativen, dystopischen Sci-Fi-Version, die stilistisch irgendwo zwischen der heruntergekommenen Neonpracht von Night City (Cyberpunk 2077) und dem Steampunk-Jugendstil von Rapture (Bioshock) liegt. Im Jahre 2329 zischen fliegende Autos an den Fassaden düsterer Wolkenkratzer vorbei und Hologramme flimmern wie in Blade Runner 2049. Die Autos kommen aber im Look der 1940er daher und auch die Damen in den Hologrammen tragen Kleider aus dieser Zeit. Ein Alleinstellungsmerkmal der Spielewelt ist zudem, dass Menschen praktisch ewig leben können – ein teures Abonnement bei einem entsprechenden Anbieter für Unsterblichkeit vorausgesetzt. Dies verdanken sie einem sogenannten Ichorit, mit dessen Hilfe das Bewusstsein einer Person von Körper zu Körper übertragen werden kann. Das Perfide daran: Ab dem 21. Lebensjahr muss jeder dafür zahlen, weiter leben zu dürfen. Wer sich das Leben nicht mehr leisten kann, muss damit rechnen, dass sein Ichorit in einer Gedächtnisbank abgelegt und sein Körper für eine andere Person verwendet wird.

Als Spieler schlüpfen wir in die Rolle eines 120-Jährigen: Der ehemalige Baseballspieler James Karra steckt in seinem vierten Körper und ist inzwischen ein Detective, der vor kurzem seine Frau verloren hat. Nach dem Verlust seiner Liebsten ist er psychisch labil und wird vom Polizeichef deshalb nur für einen vermeintlich leichten Fall eingesetzt. Er soll den Selbstmord von Edward Green schnell untersuchen und ebenso schnell ad acta legen, aber bald schon wird klar, dass sich der Kerl nicht selbst getötet hat. Greens Ichorit wurde zudem mutwillig zerstört. In Karras Schuhen und mit mehr oder minder tatkräftigen Unterstützung einer jungen Partnerin namens Sara Kai machen wir uns selbstredend auf die Suche nach dem Killer.

Sherlock Karra?

Wer sich Screenshots von Nobody Wants to Die anschaut, könnte ein Action-Adventure vermuten, tatsächlich bietet der Titel aber weder Action noch Geschicklichkeitspassagen und ist dadurch mehr mit Bloober Team’s Walking-Sim Observer zu vergleichen, als mit dem oben erwähnten Cyberpunk 2077 oder anderen Sci-Fi-Abenteuerspielen. Karra bewegt sich ohne jeden Zeitdruck durch die futuristischen Umgebungen, um Hinweisen nachzugehen, wobei das Spiel keine offene Welt bietet, sondern in einer fest vorgegebenen Reihenfolge verschiedene Tatorte abklappert. Benutzbare Items oder Waffen gibt es nicht. Atmosphäre, Story und Rätsel sind stattdessen Trumpf und hier punktet Nobody Wants to Die zum Glück mit einigen interessanten Spielmechaniken, denn an jedem Tatort stehen Karra neben einer normalen Fotokamera drei etwas ungewöhnlichere Werkzeuge zur Verfügung: Ein Röntgengerät, eine UV-Lampe und ein Hightech-Armband zur sogenannten Rekonstruktion.

Mit dem Röntgengerät kann Karra hinter Wände blicken oder Leichen bis auf die Knochen durchleuchten, während der UV-Strahler der Nachverfolgung von Blutspuren dient. Beide Geräte lockern das Gameplay auf, deutlich interessanter ist allerdings der Rekonstruktor, mit dem Karra die Zeit vor- und zurückdrehen kann. Mit dem Gerät sehen wir, was direkt vor dem Tod eines Opfers mit dem jeweiligen Körper geschehen ist. Das sieht cool aus, in der Praxis verkommt die Rekonstruktion allerdings zu zwei sehr leichten Minispielen, bei denen wir einen Regler am Armband mit den L2- und R2-Tasten in beziehungsweise durch speziell markierte Felder bewegen müssen. Mit dem richtigen Timing öffnen sich dann gelb schimmernde Bereiche, innerhalb derer wir neue Hinweise finden. Auch wann wir vom Rekonstruktor zur UV-Lampe oder dem Röntgengerät wechseln müssen wird per Texteinblendungen vorgegeben. Statt eigene Schlüsse zu ziehen und den Fall selbst lösen zu dürfen, werden uns die Hinweise so auf dem sprichwörtlichen Silbertablett präsentiert.

Nach dem Besuch eines Tatorts kehren wir stets in Karras Wohnung zurück, wo alle Hinweise auf dem Boden ausgebreitet werden. Hier müssen wir die Hinweise richtig sortieren, um eine logische Kette zu bilden. Das benötigt etwas mehr Hirnschmalz, ist zur Not aber auch durch einfaches Trial-and-Error zu schaffen. Ist die Verkettung der Hinweise geglückt, geht die Story weiter.

Letztere ist zum Teil ziemlich an den Haaren herbeigezogen. In einem abgestürzten Zeppelin rekonstruieren wir etwa eine Szene, bei der ein Auftragskiller als Barkeeper getarnt wortwörtlich mit Dynamitstangen und Sci-Fi-Molotowcocktails um sich warf, ehe er einen Mann mit einem Messer abstach und schlussendlich selbst erschossen wurde. Nachfolgende Szenen sind noch irrer. Der B-Movie-Plot kann aber trotz oder vielleicht auch gerade wegen solch skurriler Szenen und einigen seltsamen Dialogen gut unterhalten und ist spannend genug, um das Spiel bis zum Ende zu tragen, zumal sich die Story im Laufe der fünf bis sechs Stunden Spielzeit steigert und die Tatorte beziehungsweise Schauplätze immer interessanter werden.

Ein unreales Erlebnis

Nobody Wants to Die läuft mit der brandneuen Unreal Engine 5, und das merkt man. Anders formuliert: Optisch ist das Spiel eine Wucht! Was das kleine Entwicklerteam aus Polen hier auf den Bildschirm zaubert, braucht sich nicht hinter großen AAA-Produktionen zu verstecken. Die Straßenschluchten, die Karra gerne auf seinem Auto sitzend und mit einer Whiskeyflasche in der Hand beobachtet, sind fantastisch detailliert und ebenso atmosphärisch wie die Innenräume, die mit tollen Texturen und modernsten Licht-, Schatten- und Partikeleffekten ausgestattet wurden. Schön ist auch, wie Karra trotz der Egoperspektive bei bestimmten Handlungen in die Optik integriert wurde. Bei vielen Aktionen, wie das Betätigen eines Schalters oder beim Aufheben eines Gegenstandes, sind seine Hände sichtbar. Das hilft dabei, eine glaubwürdige Welt zu schaffen.

Dass es sich hier um eine verhältnismäßig kleine Indie-Produktion handelt, ist aber trotz der prächtigen Optik immer wieder bemerkbar: Die Sci-Fi-Welt schreit danach erkundet zu werden, darf außerhalb der begrenzten Räumlichkeiten der Tatorte jedoch nur aus der Ferne betrachtet werden. Die allermeisten Interaktionen zwischen Karra und seiner Partnerin Sara laufen außerdem nur über Funk ab. Das funktioniert in anderen Spielen, wie zum Beispiel Firewatch, recht gut, macht hier aber einfach keinen Sinn und schadet der Immersion. Wieso sollte ein Detective mit einer Partnerin zusammenzuarbeiten, die er nie sieht? Selbst dann, wenn er ihr Gegenstände zeigen möchte, schickt er entweder Fotos oder versendet besagte Gegenstände mit der Post. Zwar versucht das Spiel mit einer Storywendung zu erklären, wieso Sara nie an Karras Seite steht, die reißt allerdings nur weitere Lögiklöcher auf, zumal auch andere NPCs nur als Stimme auftreten. An einer Stelle im Spiel wird Karra etwa von zwei Polizisten aufgehalten, aber auch die werden nie gezeigt, sondern sitzen hinter abgedunkelten Scheiben in einem Polizeiauto. Nach dem Dialog braust das Auto davon, ohne dass wir die Insassen jemals sehen durften. Ähnliches gilt für den immerzu schlecht gelaunten Chef der Polizei. Dass die Entwickler grundsätzlich kein Problem mit detaillierten Charaktermodellen haben, zeigt sich bei den vielen Leichen, die untersucht werden müssen, die kommen aber logischerweise ohne Animationen aus. Eine Ausnahme ist außerdem Karras Frau Rachel, die in Erinnerungen und Visionen immer wieder auftaucht, um sich mit ihm zu unterhalten.

Apropos Unterhaltungen: Das Spiel bietet stets mehrere Dialogoptionen. Unsere Entscheidungen während diesen Dialogen haben laut kleinen Texteinblendungen immer wieder Einfluss auf den Fortverlauf der Story, es ist aber häufig nicht ersichtlich, wie sich die Entscheidungen auswirken. Unabhängig davon zeigen sich die englischsprachigen Synchronsprecher kompetent und liefern eine gute bis ordentliche Leistung ab. Wer des Englischen nicht mächtig ist, darf deutsche Untertitel hinzuschalten. Eine deutsche Sprachausgabe gibt es leider nicht.

Fazit:

Nobody Wants to Die ist ein technisch und atmosphärisch erstklassiges Krimispiel für Gamer, die mehr Wert auf eine ausgeklügelte Story als auf komplexes Gameplay legen. Es ist schade, dass wir während der Detektivarbeit an der Hand geführt werden und kaum selbst ermitteln dürfen, die abgedrehte Geschichte und das fantastische Setting im dystopisch-futuristischen New York sind aber genug, um den Spieler bis zum Ende bei der Stange zu halten.

Unsere Wertung:
7.5
Jeremiah David meint: "Gelungene Krimikost mit fantastischem Setting, aber seichtem Gameplay"
Nobody Wants to Die von Critical Hit Games erscheint am 17.07.2024 für PC und PlayStation 5 und XBox Series. Wir haben die Version für PlayStation 5 getestet. Für diesen Test wurde uns ein Rezensionsexemplar von PLAION zur Verfügung gestellt.
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1 Kommentar:
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2null3
Am 25.07. um 00:00
Klingt gut. Kommt auf meine Liste.