Test

SteamWorld Build

Von Robert Emrich am 08.12.2023

Habt ihr euch schon einmal gefragt, wie die Welt der Videospiele wohl aussehen würde, wenn sich die Studios mit ihren etablierten Spielreihen und Charakteren aus den Komfortzonen ihrer ursprünglichen Genres herauswagen würden? Need for Speed als Rollenspiel, Assassins Creed: Die Dating-Sim und Far Cry Funracer klingen zwar erst einmal albern, würden unter Umständen aber trotzdem mehr Leute begeistern, als die jährlichen Aufgüsse altbekannter Ideen. Zumal ein wenig Mut in der Branche fast immer honoriert wird. Die Entwickler des ehemaligen Studios “Image & Form”, das heute Teil der Thunderful Group ist, können von dieser Idee das eine oder andere Lied singen: Die ersten fünf Spiele ihrer SteamWorld-Reihe deckten die Genres Echtzeit Strategie, Tower Defense, Platformer, Action-Adventure, Metroidvania, rundenbasierte Strategie, Rollenspiel und Deckbuilder ab und konnten trotz der stetigen Wechsel immer überzeugen. Das aktuelle sechste Spiel ist aber für die Dampf-Roboter in mehr als einer Hinsicht ein Sprung ins kalte Wasser: Es ist der erste Teil, der nicht vom Original-Team der Reihe, entwickelt wurde, auch wenn Image & Form Gründers Brjánn Sigurgeirsson das Projekt durchgehend beaufsichtigt hat. Außerdem ist es die erste Städtebau-Simulation der SteamWorld-Reihe, in der ihr mit euren Bots Ober- und Unterwelten kolonisieren müsst, um letztlich zu den Sternen fliegen zu können. Ob das ganze funktioniert und wie es sich auf der Nintendo Switch spielt, haben wir uns für euch einmal angesehen.

Die Roboter wollen ins All

Während die meisten Spiele den Bau einer Stadt durch den Zweck derselben legitimieren (Bürger, die in Höhlen schlafen, sind miese Steuerzahler) und deswegen auch gut ohne eine Handlung auskommen, bemüht sich SteamWorld Build trotzdem um eine Erklärung für den Eifer der mechanischen Protagonisten. Die wollen ihren Planeten nämlich am liebsten verlassen und das Universum erkunden. Ob aus abenteuerlichem Entdeckungsdrang oder Unzufriedenheit über die staubige Heimat lässt das Spiel dabei offen. In jedem Fall ist es für die Bots mehr als praktisch, dass sie auf ihren mysteriösen Begleiter gestoßen sind, der zwar nicht mehr graben kann, dafür aber sehr genau weiß wo sich die Teile eines alten Raumschiffs befinden, mit dem man den kollektiven Wunschtraum wahr werden lassen kann. In einer alten Mine liegen die Teile über mehrere Etagen verstreut und warten nur darauf, von euch eingesammelt zu werden. Da die Instandsetzung der Mine sowie der örtlichen Infrastruktur aber diverse Fachkräfte benötigt, steht als erstes der Bau einer neuen Siedlung an, die euch im Verlauf des gesamten Unterfangens mit allen nötigen Ressourcen versorgen kann.

Die Geschichte ist insgesamt liebenswert gestaltet und strahlt den üblichen Charme der Reihe aus. Im Vergleich zu den anderen Spielen ist sie zwar etwas dünn, was beim aktuellen Genre aber nicht sonderlich stört. Schließlich geht es uns in erster Linie um die Gestaltung der Welt. Abenteuer und Beziehungen können unsere Bürger auch ohne unsere Hilfe erleben.

Schaffe schaffe Städtle baue

Das Spiel beginnt verheißungsvoll und lässt uns anfangs aus fünf Startgebieten und vier Schwierigkeitsgraden wählen. Die optionalen Menüpunkte “Story”, “Tutorial” und “zufällig generierte Minen” erweitern die Auswahl und zuletzt können wir unserer Stadt noch einen Namen geben, der dann auch der Name des Speicherstandes unserer Stadt wird. Nach einer herzerwärmenden Einleitung finden wir uns in unserem Areal wieder und arbeiten uns in den ersten Schritten durch das Tutorial, das uns alle wichtigen Aspekte des Spiels näher bringt. Erfüllen wir vom Spiel vorgegebene Aufgaben, wie zum Beispiel ein Zuhause für neue Arbeiter zu erschaffen, steigt unser Fortschrittslevel, durch den neue Aufgaben und weitere Spielelemente freigeschaltet werden, mit denen wir unsere Stadt immer luxuriöser werden lassen. Wie in solchen Spielen üblich brauchen unsere Einwohner nicht nur einen Platz zum Schlafen, sondern auch allerlei andere Annehmlichkeiten, die sich zum Teil in der Nähe der Einwohner befinden müssen, damit deren Zufriedenheitslevel steigt. Nur zu 100% zufriedene Bürger können aufgewertet werden und zu Ingenieuren oder später Wissenschaftlern werden, die ihr braucht, um euer Raumschiff am Ende zum Laufen zu bekommen. Hier zeigen sich aber die ersten Schwächen im Spieldesign, denn das Spiel zeigt den Wirkradius der infrastruktur nur mäßig übersichtlich anhand der verbauten Straßen an. Außerdem ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich, welche Gebäude in der Nähe der Einwohner sein müssen und welche eure Stadt nur grundsätzlich benötigt, sodass hier immer wieder ausprobiert werden muss. Dankbarer Weise ist das aber nur im schwersten Schwierigkeitsgrad ein Grund zur Sorge. In jeder anderen Stufe könnt ihr Gebäude nach Belieben verschieben oder bei voller Rückerstattung abreißen, sodass es kaum möglich ist, ernsthafte Probleme zu bekommen. Tatsächlich kam unsere Stadt im zweitschwersten, ausgeglichenen Schwierigkeitsgrad kein einziges mal in Geldnot und hat durchgehend Gewinn erwirtschaftet. Hin und wieder war mal jemand verstimmt (soll heißen: “nur" zu 90% zufrieden), weil vielleicht gerade keine Kneipe in der Nähe zu finden war oder Kohle knapp wurde. Doch trotz allem wuchs die Stadt stetig und ohne große Mühe sehr entspannt immer weiter.

Es geht abwärts

Mit den ersten Ingenieuren in der Stadt geht es dann daran, den alten Minenschacht zu reparieren und die Unterwelt des Gebietes zu erforschen. Hier beginnt alles ein wenig vereinfacht wieder von vorne und es dauert nicht lange, bis ihr die ersten Teile eurer Rakete findet. Zwischenzeitlich findet ihr natürlich auch Metalle und andere Rohstoffe, mit denen ihr in der Oberwelt neue Dinge entwickelt und so entwickelt sich schnell ein loses Wechselspiel zwischen den Ebenen, zwischen denen ihr problemlos wechseln könnt. In unteren Etagen finden sich dann einige Monster, die eure Wachen, sofern ihr Quartiere für sie erstellt habt, zum Schutz der anderen Minenarbeiter automatisch besiegen. Einmal eingerichtet arbeiten eure Bürger sowieso weitestgehend selbständig, wodurch sich im Verlauf des ganzen Spiels nie Stress oder Hektik entwickelt. Das ist für eine entspannte Spielrunde zum Feierabend eine gute Sache, nimmt dem Titel aber leider auch die Herausforderung, zumal man bedenken muss, dass es zwei weitere, noch einfachere Schwierigkeitsgrade gibt. Einer der beiden ist zwar der Sandbox-Modus, doch für erfahrene Städteplaner ist vermutlich die schwerste Herausforderung das, was einem regulären Spiel am nächsten kommt. Ähnlich ernüchternd verhalten sich auch die fünf Spielwelten auf den zweiten Blick. Während der erste Blick auf die Gebiete nahelegt, dass sich in den einzelnen Zonen unterschiedliche Gefahren befinden, die eine zusätzliche Herausforderung darstellen können, stellt sich schnell heraus, dass die Welten, von ihrem geografischen Aufbau abgesehen, spielerisch nahezu identisch sind und alle die gleiche Story bieten - Ein herber Schlag für den vermeintlichen Wiederspielwert, der mit neuen Elementen in den einzelnen Biomen um ein vielfaches höher gewesen wäre. So gibt es zumindest in Sachen Handlung keinen Grund die Simulation noch einmal von vorne zu beginnen, sowie das Raumschiff nach etwa zehn Stunden Spielzeit das erste mal vollendet wurde, was schade ist, da SteamWorld Build grundsätzlich ziemlich unterhaltsam ist und in einer entspannten Runde auch Spaß macht. Es wurde nur eine ganze Menge Potential verschenkt.

Wir brauchen mehr Dampf!

Technisch ist SteamWorld Build ein schönes Beispiel für die engen Grenzen, die die betagte Hardware der Switch neuen Spielen mittlerweile aufzwingt. Überall in eurer Stadt wuselt das Leben, während eure Einwohner fleißig ihrem Tagewerk nachgehen. Und auch die animierten Gebäude machen durchgehend den Eindruck, stetiger Geschäftigkeit. Leider bekommt ihr davon allerdings nicht viel mit, denn die Modelle der Figuren und Häuser mussten, aufgrund der schieren Masse der Objekte, die die Switch gleichzeitig handlen und darstellen muss, massiv vereinfacht werden. Maximal herausgezoomt funktioniert das sehr gut und flüssig, sodass ihr zumindest im Beobachtungsmodus problemlos den Überblick behalten könnt. Den Zoom auf einzelne Figuren oder Häuser, der am PC oder auf anderen Konsolen vielleicht ganz reizvoll sein kann, könnt ihr euch aber getrost sparen. Die Figuren sind optisch einfach zu simpel gehalten, um noch ein besonderes Interesse wecken zu können. Das ist schade, weil damit ein kleines Feature des Spiels kaum einen Nutzen hat, ist für das Gameplay an sich aber grundsätzlich nicht relevant. Letztlich wollt ihr eine Stadt bauen und nicht eure Bürger ausspionieren. Ein gänzlich anderes Problem zeigt sich im Baumodus des Spiels. Das Menü des Spiels wurde so gestaltet, dass auch auf dem Bildschirm einer Switch Lite alles gut zu erkennen und benutzen ist, was ja erst einmal toll ist. Leider ist der Bildschirm aber nicht allzu groß, was dazu führt, dass ein beachtlicher Teil eures Sichtfeldes von der nicht wegschaltbaren Übersicht eingenommen wird, die euch eben jene nimmt, wenn ihr ein Haus positionieren wollt und das Spiel euch alle relevanten Informationen dazu anzeigt. Ein skalierbares Interface wäre hier toll gewesen, damit man zumindest auf großen Bildschirmen ein wenig mehr sehen kann. In allen anderen technischen Belangen arbeitet das Spiel ordentlich und zufriedenstellend. Der Soundtrack dudelt wenig aufdringlich mit ruhigen Tönen im Hintergrund und schafft eine angenehme “Wild West”-Stimmung, die Steuerung funktioniert erstaunlich gut für ein dreidimensionales Bauspiel und geht nach etwas Übung einfach von der Hand. Die englische Synchronisation der Charaktere wurde mit deutschen Untertiteln ausgestattet und alle Texte wurden ordentlich übersetzt. Die Ladezeiten gehen insgesamt in Ordnung zumal im laufenden Spiel übergangslos zwischen allen Bereichen gewechselt werden kann.

Fazit:

SteamWorld Build ist leider nicht ganz so gut geworden, wie es sich Fans der Reihe vielleicht erhofft haben. Die niedrige Schwierigkeit, der überschaubare Wiederspielwert und einige technische Schwächen, die man fairerweise aber eher der Switch als dem Spiel anlasten muss, dämpfen den sehr guten ersten Eindruck ein wenig und machen den Titel für Genre–Profis, die nach einer Herausforderung suchen weniger interessant. Trotz allem ist SteamWorld Build aber auf keinen Fall ein schlechtes Spiel und für jüngere Spieler, die in das Genre einsteigen oder Menschen, die sich bei einem ruhigen Spiel ein wenig entspannen möchten, durchaus den einen oder anderen Blick wert. Diesen Spielergruppen kann der Titel, der dem inhaltlichen Charme seiner Vorgänger in nichts nachsteht, nämlich vorbehaltlos empfohlen werden.

Unsere Wertung:
7.5
Robert Emrich meint: "Charmantes Aufbauspiel, das nur ein wenig fordernder sein könnte, um länger zu begeistern."
SteamWorld Build von The Station erscheint am 01.12.2023 für PC und PlayStation 4 und PlayStation 5 und Nintendo Switch und XBox One und XBox Series. Wir haben die Version für Nintendo Switch getestet. Für diesen Test wurde uns ein Rezensionsexemplar von Thunderful Group zur Verfügung gestellt.
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