Test

The Chant

Von Jeremiah David am 03.11.2022

Wer noch nie vom Entwicklerstudio Brass Token gehört hat, braucht sich nicht zu schämen. Das Team aus Kanada existiert erst seit 2017. Damals setzten sich vier Entwickler zusammen, um mit der Arbeit an einem Horror-Adventure für Einzelspieler zu beginnen. Aus dem Quartett sind nun 19 Mitarbeiter geworden und das Erstlingswerk des Teams steht vor der Veröffentlichung. Wir haben uns die PS5-Version von The Chant angeschaut und verraten, ob sich der Kauf lohnt.

Fünf Freunde und das Abenteuer auf Glory Island

Wir befinden uns an einem Ort irgendwo in Nordamerika. Hautprotagonistin Jessica leidet seit dem tragischen Tod ihrer Schwester unter immer wiederkehrenden Panikattacken. Um derer Herr zu werden, lässt sie sich von ihrer Freundin Kim auf die entlegene Insel Glory Island einladen. Die Insel ist der Rückzugsort einer "spirituellen Selbsterfahrungsgruppe", die aus Kim, Hannah, der Köchin Maya, dem Investor Sonny und dem Guru Tyler besteht. Die fünf Personen leben in Zelten und Baracken, sind stets ganz in weiß gekleidet und laufen nur barfuß herum. Sie meditieren gemeinsam und geben sich der sogenannten Prisma-Wissenschaft hin, die die Kräfte verschiedener Kristalle zu erforschen versucht.

Jess ist nicht sonderlich religiös und zeigt sich angesichts der sektenartigen Aufmachung der Gruppe skeptisch, wird von allen Mitgliedern aber herzlichst empfangen. Kim zeigt ihr die Kommune, und Guru Tyler lädt sie gleich am ersten Tag ein, an einem Gruppenritual teilzunehmen. Dazu bekommt Jess einen eigenen Prisma-Kristall, den sie fortan, genau wie alle anderen, an einer Schnur um den Hals trägt.

Unterhaltsamer B-Movie-Trash

Als das Ritual am Abend beginnt, fangen Tyler und co im Kreis sitzend zu singen an. Der Gruppengesang - im Englischen Chant genannt - klingt zunächst relativ harmonisch und scheint tatsächlich eine beruhigende Wirkung auf alle Beteiligte zu haben, dann aber tauchen seltsame Lichter und noch seltsamere Wesen außerhalb des Sitzkreises auf. Kim fängt plötzlich zu schreien an. Sie rennt panisch davon und bricht damit den Kreis. Durch Kims unüberlegte Flucht öffnet sich ein Portal in eine andere, bösartige Welt. Dämonen strömen durch farbige Nebelschwaden auf die Insel. In der Rolle von Jess haben wir keine andere Wahl, als uns auf die Suche nach Kim zu machen und die Dämonenbrut zu vertreiben.

Die Story von The Chant ist bestenfalls auf B-Movie-Niveau und kommt noch dazu ohne nennenswerte Wendungen aus. Die völlig durchgeknallten Sektenmitglieder sind eben völlig durchgeknallt, die bösartigen Nebeldämonen sind bösartig. Immerhin ist das Setting relativ frisch und die Geschichte trotz zahlreicher Klischees und einem unnötigen Cliff-Hanger am Ende kreativ genug, um im Laufe der rund fünf bis sechs Stunden langen Kampagne ausreichend zu unterhalten. Letzteres liegt auch daran, dass es auf Glory Island viele Briefe, Plakate und Filme zu entdecken gibt, die Aufschlüsse über die Leben der Sektenmitglieder oder die Prisma-Forschung geben. Gleich zu Beginn des Spiels finden wir in unterschiedlichen Hütten beispielsweise Fragebögen, die Kim, Sonny oder auch Hannah vor dem Beitritt in die Sekte ausfüllen mussten. Später lesen wir Briefe von Leuten, die auf der Insel umgekommen sind. Plakate mit Informationen über verschiedene Gegner füllen derweil unser sogenanntes Bestiarium und geben uns Hinweise, wie wir unsere Widersacher am besten über den Jordan schicken können.

Psyche, Geist und Körper

Um als Jess die Insel erkunden und die Dämonen verbannen zu können, müssen wir stets drei Anzeigen für Psyche, Geist und Körper im Auge behalten. Die Körper-Anzeige spiegelt praktisch Jess' Lebensenergie wider. Geist-Energie kann derweil für übernatürliche Angriffe wie eine Druckwelle oder Dornen, die aus dem Boden wachsen, eingesetzt werden, diese brauchen aber so viel Energie, dass ihr Einsatz nur selten möglich ist. Durch Meditation kann Geist-Energie alternativ zur Stärkung der Psyche verwendet werden. Eine starke Psyche ist wichtig, denn bei leerer Psyche-Anzeige verfällt Jess in Panik und kann nicht mehr kämpfen.

Beim Gegnerdesign scheinen sich die Entwickler von der TV-Serie Stranger Things inspiriert zu haben. So gleichen die "Mimikriecher" dem "Demogorgon" aus Netflix' bekannter Serie. Andere Gegner sind etwa humanoide Gestalten mit Widderhörnern auf dem Kopf, fleischfressende Pflanzen, riesige Kröten und Frösche, sowie verschiedene Sektenmitglieder, die als Bossgegner auftreten. Ein besonders nerviger Feind ist ein Schwarm Fliegen, der die Gestalt von Jess' Schwester einnimmt und an bestimmten Orten der Insel als unbezwingbares Monster Jagd auf Jess macht.

Begegnungen mit den restlichen Dämonen sind nicht ganz so lästig, aber auch nur bedingt spaßig, was vor allem an dem ineffektiven Kampfsystem des Spiels liegt. Jess kann in Ermangelung klassischer Waffen nur mit den bereits erwähnten übernatürichen Angriffen sowie mit esoterischen Mitteln gegen die Dämonenbrut vorgehen. So kann sie Gegner mit Salz bewerfen, mit brennendem Salbei schlagen oder mit Ranken auspeitschen. Dazu kommen Fallen aus ätherischen Ölen und ähnlich abgefahrene "Waffen". Das funktioniert mehr recht als schlecht und wäre für sich genommen in Ordnung, wenn Gegner nicht fast ausschließlich in Gebieten mit farbigem Nebel auftauchen würden. Der Nebel leert Jess' Psyche-Anzeige und sorgt dafür, dass sie in Panik gerät. Dann färbt sich der gesamte Bildschirm schwarz-weiß und Jess ist nicht mehr in der Lage ihre Hippie-Waffen einzusetzen. Stellt euch also eine Dame in einem weißen Pyjama vor, die im Beisein von Dämonen Salz herumwirft und mit überdimensionalen Räucherstäbchen wedelt, dabei aber immer wieder Pausen einlegen muss, um so lange planlos im Kreis zu rennen, bis sich ihre jeweilige Panikattacke gelegt hat.

Durchschnittliche Rätsel, durchschnittliche Technik

Wenn Jess nicht gerade Dämonen vermöbelt, erkundet sie Glory Island, sammelt Ressourcen und Heilmittel, wie Lavendel oder Ingwer, und löst einige Rätsel, die leider kaum der Rede wert sind. Zum Öffnen bestimmter Türen müssen Formen in der Umwelt gefunden und miteinander kombiniert werden. Anderswo wollen Sicherungskästen mit Sicherungen bestückt werden. In der Nähe des Leuchtturms dürfen wir Kristalle so ausrichten, dass sie einen Lichtstrahl in unterschiedliche Richtungen weiterleiten. In einem Gewächshaus stellen wir aus verschiedenen Giftpflanzen ein Pflanzenvernichtungsmittel her. Das gab's alles schon hundert Mal in anderen Spielen. Auch das sehr simple Crafting-System und der überschaubare Fähigkeitenbaum können dem Spiel nicht zu mehr Individualität verhelfen.

Immerhin ist Glory Island relativ schön gestaltet. Dunkle Minenschächte, eine Konservenfabrik und ein alter Leuchtturm zählen zu den Orten, die Jess besuchen muss. Mit großen AAA-Produktionen kann The Chant visuell natürlich nicht annähernd mithalten, zumindest den Umgebungen merkt man jedoch nicht an, dass das Spiel von einem wirklich sehr kleinen Team entwickelt wurde - der Unreal Engine sei dank. Die Personen erinnern in ihrer Darstellung an Figuren aus Until Dawn oder anderen Titeln von Supermassive Games, allerdings glänzen die Haare bisweilen komisch, und ein Shader, der die Haut gegen Ende des Spiels nass aussehen lassen soll, verpasst Jess und Maya stattdessen einen seltsamen Wachs-Effekt. Die Animationen, die vermutlich ohne Motion-Capturing-Aufnahmen erstellt werden mussten, sind größtenteils in Ordnung. Akustisch bietet uns The Chant eine überraschend gute deutsche Sprachausgabe und eine gelungene musikalische Untermalung. Von Bugs und Glitches blieben wir während unserem Testlauf glücklicherweise verschont.

Fazit

The Chant ist sicher kein schlechtes Spiel, aber auch weit davon entfernt ein gutes zu sein. Es ist zwar offensichtlich, dass sich Brass Token viel vorgenommen hat, das Resultat dieser Ambitionen ist allerdings ein Adventure, das mehr will als es kann. Die Hauptstory ist seicht, das Kampfsystem zwar funktional, aber nicht sonderlich unterhaltsam, die Präsentation durchschnittlich. Zumindest macht die Erkundung der Insel Spaß. Genrefans dürfen einen vorsichtigen Blick riskieren, sollten dabei aber ihre Erwartungen zügeln. Andere Spieler sind mit Konkurrenzprodukten besser bedient oder sollten eine Preisreduzierung abwarten.


Unsere Wertung:
6.0
Jeremiah David meint: "Budget-Horror mit B-Movie-Story und gewöhnungsbedürftigem Kampfsystem"
The Chant von Brass Token erscheint am 03.11.2022 für PC und PlayStation 5 und XBox Series. Wir haben die Version für PlayStation 5 getestet. Für diesen Test wurde uns ein Rezensionsexemplar von Prime Matter zur Verfügung gestellt.
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1 Kommentar:
2null3)
2null3
Am 04.11. um 10:56
Schöner Test. Schade, dass es nicht mehr begeistern konnte. Sah ansonsten ja sehr interessant aus.