Test

Cult of the Lamb

Von Robert Emrich am 08.09.2022

Als Lamm hat man es nicht leicht. In verschiedenen großen Religionen zu Symbolen besonderer Ereignisse auserwählt, geht es den jungen Schafen seit über 3000 Jahren bei allen möglichen Gelegenheiten an den Kragen, obwohl sie selbst vermutlich gar nicht religiös sind. “Wäre es da nicht witzig, wenn zur Abwechslung einmal ein Lamm einen Kult leiten und Opferungen vornehmen würde?” müssen sich die Entwickler des kleinen Studios Massive Monster irgendwann gefragt haben und schufen mit “Cult of the Lamb” eine mögliche Antwort, die jetzt auf allen aktuellen Plattformen verfügbar ist. Wir haben uns in unsere Kutten geworfen und die Switch-Version des Spiels auf Herz, Nieren und besondere Göttlichkeit getestet. 

Der Wolf im Schafspelz ist ein Schaf

Eure Geschichte beginnt mit eurem Tod. Als unfreiwilliges und letztes Opferlamm der Welt macht ihr euch in den ersten Momenten des Spiels auf den Weg zum Schafott, um mit eurer Enthauptung den Gott einer vergessenen Religion für immer in Gefangenschaft zu halten. Ironischerweise erfüllt euer Tod aber genau die Prophezeiung, die eure Henker durch die Hinrichtung aufhalten wollten und so trefft ihr im Jenseits auf eben jene Gottheit, die nur als “Jener, der wartet” bekannt ist und die euch direkt ein verlockendes Angebot macht: Die Wiederauferstehung im Tausch für die Verkündung seiner Religion und die Vernichtung der Bischöfe des alten Glaubens, um den gefangenen Gott letztlich zu befreien. Von den Umständen eures Todes wenig begeistert nehmt ihr das Angebot dankbar an und findet euch nur Momente später im Diesseits wieder, jetzt aber nicht nur mit einem neuen Glauben, sondern auch mit diversen düsteren Kräften bewaffnet, die jeden Ketzer das Fürchten lehren. Als erste Machtdemonstration schickt ihr eure ehemaligen Henker nun selber ins Jenseits und macht euch dann auf den Weg, um die Welt im Namen von Jenem, der wartet in ein Paradies der kultigen Glückseligkeit zu verwandeln.

Die weitere Handlung beschäftigt sich erwartungsgemäß mit der Umsetzung eures Plans und wird meistens in kurzen Zwischensequenzen nach dem Sieg über einen weiteren Boss erzählt. Dass Cult of the Lamb trotz der niedlichen Grafik kein Spiel für jüngere Spieler ist, dürfte im Verlauf der obigen Lektüre hoffentlich klar geworden sein. Vielmehr nutzt der Titel seine charmante Optik, um das düstere Thema der Handlung frontal anzugehen und euch mit Situationen zu konfrontieren, die in einer realistischeren Grafik schlicht verstörend gewesen wären. Blutrituale, Menschenopfer und Kultanhänger, die euch wie Sklaven auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind, würden wohl nur wenig Sympathie für einen menschlichen Protagonisten erwecken. Ein Zeichentrick-Lämmchen kommt mit solchen Aktionen aber locker davon und so können wir ihm, trotz aller Untaten, die es im Namen einer (für das Spiel erfundenen) Religion verübt, nie wirklich böse sein.

Spiel mir das Lied vom Lamm

Von einigen Minispielen abgesehen, zu denen wir später noch kommen, besteht Cult of the Lamb genau genommen nicht aus einem, sondern aus zwei Spielsystemen, die sich immer wieder abwechseln. Zuerst einmal wären da die Kampfgebiete in denen das Spiel zu einem Roguelike wird und euch auf die Jagd nach Ketzern, Ressourcen, neuen Kult-Mitgliedern und den Bischöfen des alten Glaubens schickt, die besiegt werden müssen, um den Gott eurer Religion befreien zu können. Jeder Bischof wartet am Ende eines eigenen Gebietes, das ihr jeweils vier mal durchkämpfen müsst, ehe ihr ihnen an den Kragen gehen könnt. Dasselbe Gebiet viermal durchstreifen zu müssen klingt zuerst einmal ziemlich langweilig, ist tatsächlich aber eine sehr unterhaltsame und abwechslungsreiche Geschichte. Grund hierfür sind die Level, die bei jedem Durchmarsch anders aufgebaut sind, euch immer wieder andere Ausrüstung bieten und auf verschiedenen Pfaden durchwandert werden können, ehe ihr am Ende der ersten drei Durchgänge jeweils mit einem Mini-Boss konfrontiert werdet. Die Gebiete sind dabei, ähnlich wie bei anderen Roguelikes, in einzelne Räume unterteilt, in denen erst alle Monster besiegt werden müssen, ehe ihr den nächsten (oder einen vorherigen) Raum aufsuchen könnt. Die Monster verfügen über unterschiedliche Angriffsmuster, die zwar meistens nicht allzu schwer zu durchschauen sind, bei der Masse der Gegner aber doch hin und wieder für einen Treffer bei euch sorgen werden.

Für die Defensive verfügt ihr über einen Ausweichsprung (ohne Ausdauerbalken) und eine Lebensleiste, die euch einige Treffer einstecken lässt, ehe ihr das Zeitliche segnet. Für Angriffe verfügt ihr über eine Nahkampfwaffe und einen Angriffszauber, der aber nur mit von besiegten Gegnern hinterlassenen Ressourcen wieder aufgeladen werden kann. Mit dem Beginn jedes Durchlaufs bekommt ihr zufällig eine Waffe und einen Zauber und erhaltet in den meisten Gebieten auch noch die Chance, die Attacken gegen andere Angriffe auszutauschen. Zuletzt gibt es noch Tarotkarten, die ihr in jedem Durchlauf an unterschiedlichen Stellen erhaltet und die euch für den aktuellen Level Buffs geben, die die Kämpfe ein wenig erleichtern. Die Kämpfe sind schnell und spaßig und erfordern einiges an Reaktion und ein wenig Geschicklichkeit, werden dabei aber nie unfair, auch wenn wir im Eifer des Gefechts auf einem vollen Bildschirm hin und wieder für eine Sekunde den Überblick verloren haben. Die reguläre Schwierigkeit ist angenehm knackig, kann aber auch noch eine Stufe nach unten oder zwei Stufen nach oben gestellt werden, wenn ihr eurem Gott gerne öfter begegnen möchtet. Der erwartet euch nämlich nach jeder Niederlage im Jenseits, wo er euch freundlich erklärt, dass der Tod kein Drama ist, ehe er euch wiederbelebt und zurück in eure Basis schickt. Und tatsächlich schafft das Spiel es, mit jedem Ableben auch ein kleines Erfolgserlebnis zu verbinden, denn obwohl ihr den jeweiligen Durchlauf noch einmal von vorne beginnen müsst und bei einer Niederlage auch einige eurer im Kampfgebiet gesammelten Ressourcen verliert, kehrt ihr nie mit leeren Händen zu euren Jüngern zurück, sodass ihr euren Kult und damit auch eure Kampfkraft immer weiter ausbauen könnt, ehe ihr einen neuen Versuch wagt.

Schaffe, schaffe, Götzen baue

Auf- und Ausbau eurer Basis stellt den zweiten Spielmodus dar, der zwischen dem Besuch der einzelnen Kampfgebiete auf euch wartet. Anfangs nur mit einem unwirtlichen Stück Land und einigen wenigen Jüngern ausgestattet, wächst euer Kult mit der Zeit immer weiter und wird dabei mit jedem Ausbau auch immer imposanter. Damit es aber so weit kommen kann, braucht ihr nicht nur Anhänger, die alle niederen Arbeiten mit Freude verrichten, sondern auch Geld und Ressourcen. Geld findet sich fast ausschließlich in den Leveln, Ressourcen können auch von euren Jüngern abgebaut werden, sind bei eurer Kultstätte aber nicht unendlich vorhanden und benötigen danach Aufbau neuer Abbaustellen von euch. Doch eure Pflicht gegenüber eurem Kult endet nicht bei der Beschaffung von Material und dem Bau von neuen Gebäuden. Hunger, Müdigkeit, die allgemeine Hygiene und natürlich der Glauben an euch sollten immer wieder im Auge behalten werden, um dafür zu sorgen, dass eure Jünger nicht vorzeitig ins Gras beißen oder (was noch schlimmer wäre) eurem Kult den Rücken kehren. Um die einzelnen Bedürfnisse stillen zu können, stehen euch jeweils mehrere Optionen zur Verfügung, die in einigen Abstufungen von liebevoll bis grausam reichen. So könnt ihr euren hungrigen Jüngern zum Beispiel nahrhaftes Essen aus Fleisch, Fisch oder Gemüse kochen oder ihnen eine Mahlzeit aus Gras oder ihren eigenen Fäkalien (!) bereiten, die sie zwar satt, aber auch krank macht. Essen werden sie jedes eurer Gerichte in jedem Fall, aber krank arbeiten sie langsamer und benötigen Bettruhe, um keine Epidemie ausbrechen zu lassen. Auch der Glaube, um ein weiteres Beispiel zu nennen, kann auf unterschiedlichen Wegen verdient oder erzwungen werden. Rituelle Opferungen und die Umerziehung am Pranger gehören dabei zu den grausameren Methoden, funktionieren aber auf Umwegen genauso gut wie Geschenke und Segnungen, die ihr verteilen könnt. Egal ob ihr als Tyrann oder als Heiliger über eure Jünger herrscht: Sie werden alles ertragen, solange ihr überhaupt etwas tut und ihnen einen Grund gebt, an euch und Jenen, der bleibt zu glauben. Der Glaube ist dabei allerdings nicht nur eine Angabe für eure Macht, sondern auch der entscheidende Faktor für den Erfolg eurer Gottesdienste, die ihr immer wieder abhalten könnt. Während der Messe verkündet ihr neue Gebote, haltet Rituale ab und predigt euren Kult-Mitgliedern, die euch dafür mit Glaubens-Energie belohnen, mit der ihr wiederum eure Kampfkraft verbessern könnt. 

Alle diese und noch einige mehr Mechaniken greifen dabei mühelos ineinander ohne Langeweile aufkommen zu lassen. Die auf diese Weise verknüpften Spielsystem wären jedes für sich alleine vermutlich nicht fordernd genug, um daraus ein interessantes Spiel zu schaffen. In der gegebenen Kombination in ihr zwischen den beiden Modi aber alle 15 bis 20 Minuten hin und her wechselt funktioniert das aber sehr gut und wir haben uns während des aktuellen Basen-Baus oder Kampfes immer wieder abwechselnd auf den anderen Modus gefreut in dem wir dann die Früchte unserer Arbeit ernten durften. Die kurze Dauer der einzelnen Abschnitte sorgt außerdem dafür, dass Cult of the Lamb problemlos auch mal für eine Viertelstunde während einer Pause gespielt und dann wieder pausiert werden kann, wobei es sich natürlich auch für längere Runden eignet. Unabhängig von den beiden Spielmodi deckt ihr mit der Zeit noch einige zusätzliche Bereiche auf, die euch mit weiteren kurzweiligen Aktivitäten unterhalten möchten: So erlernt ihr ein kleines strategisches Würfelspiel, das ihr mit einem Charakter immer wieder um Münzen spielen könnt, um so euren Kontostand zu verbessern, während ihr an der Küste eine Angel-Herausforderung bekommt, die sich für euch ebenfalls lohnen kann. Die Aufgaben und zusätzlichen Gebiete sind, wenn man das grundsätzliche Spiel betrachtet, kaum relevant, zeigen aber, mit wie viel Spaß und Hingabe die Entwickler daran gearbeitet haben, der Welt ein wenig zusätzliches Leben einzuhauchen. Dementsprechend ist es, trotz des objektiv guten Umfanges, auch schade, dass das Abenteuer rund um das Lamm je nach Spielweise nach 15 bis 25 Stunden schon wieder vorbei ist. Es hätte gerne noch länger dauern können.

Mit allen Weihwassern gewaschen

Technisch macht Cult of the Lamb einiges her und läuft auf der Switch so angenehm flüssig, wie man es sich nur erhoffen kann. Die Steuerung funktioniert tadellos und lässt euch auch in den hektischsten Kämpfen sauber ausweichen - vorausgesetzt ihr reagiert schnell genug, versteht sich. Die Ladezeiten sind ebenfalls angenehm kurz und benötigen für den Gebietswechsel ein paar Sekunden, während neue Räume innerhalb der Gebiete übergangslos geladen werden. Eine echte Synchronisation besitzt das Spiel zwar nicht. Dafür wurden alle lesbaren Dialoge mit einer Phantasiesprache unterlegt, die in den Zwischensequenzen von einer herrlich knarrenden Stimme vorgetragen werden. Die beiden größten Stars der Technik sind aber ohne Frage der Soundtrack und die Grafik, die das Spiel alleine und auch in Kombination großartig in Szene setzen. Für den Soundtrack wurde der australische Musiker River Boy verpflichtet, den wohl bis vor kurzem kaum jemand auf dem Schirm hatte, was ihn aber nicht davon abhielt, knappe 90 Minuten Musik für das Spiel zu komponieren. Die Grafik steht dem Soundtrack, wie schon gesagt, in nichts nach und legt trotz des recht einfachen optischen Stils eine Detailverliebtheit an den Tag, die einige gestandene AAA-Titel vor Scham im Boden versinken lassen könnte. So erkennt ihr, um nur zwei Beispiele zu nennen, den gesundheitlichen Zustand eures Lamms nicht nur an der Herzleiste, sondern auch am Lamm selber, das mit der Zeit immer mitgenommener aussieht. Und auch die Stimmung und Verfassung eurer Anhänger kann man deren Gesichtern so gut ablesen, dass die Fähigkeit zum Gedankenlesen, die ihr früh im Spiel erhaltet, beinahe unnötig ist. Zusammen mit den sauberen Animationen und den atmosphärisch gestalteten Gebieten liefert das Spiel hier sauber ab und lässt somit technisch keine Wünsche offen.

Fazit:

Wenn man einen Koch für ein besonders leckeres Essen loben möchte, ist die Frage nach einem Nachschlag ein noch größeres Kompliment als die bloße Bestätigung, dass das Essen gut geschmeckt hat. Ähnlich geht es mir mit Cult of the Lamb, von dem ich unbedingt mehr erleben möchte. Die Geschichte ist witzig, das Spielsystem toll durchdacht und die Technik wirkt, nicht zuletzt dank der schönen Grafik und dem tollen Soundtrack, tadellos. Der Stil des Spiels schafft es erfolgreich, die eher gruselige Thematik der Handlung zu entschärfen, ohne den Inhalt dabei zu verharmlosen oder ins Lächerliche zu ziehen, sodass mir die vielen kleinen Grausamkeiten, die das Lamm verübt zwar nicht leicht fallen, dabei aber trotzdem nicht den Spaß am Spiel verderben. Es mag Zufall sein, dass mir schon im letzten Jahr einige Spiele mit tierischen Protagonisten in blutigen Rollen besonders gut gefallen haben (ich sage nur “Deaths Door” und “Tails of Iron”), doch für mich ist Cult of the Lamb eines der besten Spiele dieses späten Sommers und vielleicht sogar des ganzen Jahres. 

Unsere Wertung:
9.0
Robert Emrich meint: "Nieder mit dem Sommerloch! Alle Macht unserem Erlöser, dem Lamm!"
Cult of the Lamb von Massive Monster erscheint am 07.09.2022 für PC und PlayStation 4 und PlayStation 5 und Nintendo Switch und XBox One und XBox Series. Wir haben die Version für Nintendo Switch getestet. Für diesen Test wurde uns ein Rezensionsexemplar von Devolver Digital zur Verfügung gestellt.
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1 Kommentar:
Asinned)
Asinned
Am 09.09. um 07:42
Dabke für den Test! Habe den Titel auch auf meiner Liste und richtig Lust den demnächst mal anzuspielen.
Asinned)
Asinned
Am 10.09. um 07:51
Und habe bereits angefangen und auch wenn ich das Spiel bisher super finde: Die Technik ist bei mir nicht einwandfrei. Tatsächlich gibt es regelmäßig Framedrops im Kämpfen die teils das Gameplay beeinflussen. Bisher verzeiht das Spiel aber sehr viel, weshalb nocht nicht all zu störend war. Auch die Ladezeiten nerven ein wenig.