The Legend of Zelda: Ocarina of Time
Für viele Gamer, die in den 1980er- und 90er-Jahren aufgewachsen sind, ist das 1998 erschienene The Legend of Zelda: Ocarina of Time das beste Spiel aller Zeiten. Auch wer Metacritic zu Hilfe zieht, sieht den Titel mit einer fantastischen Wertung von 99 auf dem ersten Platz – wenn auch mit weit weniger Rezensionen als moderne Spiele. Tatsächlich argumentieren viele, dass eine so hohe Wertung auf Metacritic heutzutage gar nicht mehr möglich ist, weil es immer irgendwo ein Magazin gibt, das mit einer außerordentlich niedrigen Wertung für Aufmerksamkeit sorgen möchte und so den Schnitt senkt. Unbestreitbar ist allerdings, dass Ocarina of Time so oder so ein absolutes Meisterwerk ist und anno 1998 in mehrfacher Hinsicht neue Maßstäbe setzte. Kann das Remake dieses Kunststück wiederholen und dem Klassiker zu neuem Glanz verhelfen? Lasst es uns herausfinden!

Rette die Prinzessin, rette die Welt.
Ocarina of Time beginnt, anders als etwa spätere Teile der Serie, nicht mit einem ausgewachsenen Hauptprotagonisten. Unser Held Link ist stattdessen ein Dreikäsehoch, der unter den Kokiri aufwächst. Die Kokiri sind Waldkinder, die unter dem Schutz des mächtigen Deku-Baums in ausgehöhlten Baumstämmen auf einer großen Lichtung leben. Jedes Kind in dem winzigen Dorf der Kokiri hat eine Fee als ständige Begleitung, nur Link nicht. Das ändert sich aber gleich zu Beginn des Spiels, als Link Besuch bekommt: Die Fee Navi weckt unsere Schlafmütze und erklärt ihm, dass der Deku-Baum seine Hilfe benötigt und sie ihn fortan begleiten wird. Als Spieler schlüpfen wir daraufhin in Links Lederstiefel und versuchen, uns möglichst flott mit dem weisen Baumgeist zu treffen. Navi dient dabei als lebende Taschenlampe, Sprachrohr für den stummen Link, wandelndes Lexikon und Navigationshilfe, die Freunde, Gegner und interessante Gegenstände anvisieren kann.
Vom Deku-Baum erfahren wir wenig später, wie die drei Göttinnen der Kraft, der Weisheit und des Mutes die Welt erschaffen und das magische Triforce hinterlassen haben. Letzteres beschützt die Welt Hyrule, aber Ganondorf, Anführer des Wüstenvolks der Gerudo, will das Triforce für seine fiesen Zwecke missbrauchen, was Link mit Hilfe der Prinzessin Zelda verhindern muss. Dazu benötigt er das legendäre Master-Schwert und drei magische Steine, die quer über Hyrule verstreut sind. Als Link das Master-Schwert aus einem Steinpodest zieht, wird er allerdings für sieben Jahre in einer Art Zwischenwelt eingefroren. Er wächst zum jungen Erwachsenen auf und wird vom Weisen Rauru geweckt, um Ganondorf zu stoppen, der mittlerweile Hyrule überrannt hat.

Die Story ist nintendotypisch weder sonderlich originell noch komplex: Ein von den Göttern Auserwählter muss einen Bösewicht besiegen, um eine Prinzessin und die Welt zu retten. Die Geschichte bedient sich außerdem schamlos bei Klassikern der Fantasyliteratur, wie etwa der Artus-Saga oder Der Herr der Ringe, entfaltet aber rasch eine einzigartige und doch ganz eigene Magie, die an Studio Ghibli oder bessere Disney-Filme erinnert, denn Ocarina of Time ist trotz der mangelnden Originalität ein sprudelndes Ideenfeuerwerk. Es verwebt zeitlose Fantasy- und Zeitreise-Motive miteinander, und bietet uns darüber hinaus unzählige humorvolle, melancholische und herzerwärmenden Momente mit unvergesslichen, bunten Charakteren.
Zeitloser Spielspaß
Was das Spiel jedoch zu einem echten Meisterwerk macht, ist der schier unerschöpfliche Einfallsreichtum im Gameplay. Die Okarina selbst ist nicht bloß Zierwerk, sondern das magische Werkzeug, mit dem wir die Welt verändern, uns an fremde Orte teleportieren und die Grenzen der Zeit sprengen. Der Wechsel zwischen dem jungen und dem erwachsenen Link ist ein Geniestreich: Handlungen in der Vergangenheit beeinflussen direkt die Welt der Zukunft.

Egal ob man im Bauch eines gigantischen Wal-Gottes rätselt, mit Enterhaken und Feen-Unterstützung durch verwunschene Tempel navigiert oder auf dem Rücken von Epona über die Steppe reitet – der reine Spielspaß und der Entdeckergeist stehen in jeder Sekunde an erster Stelle, und wer Ocarina of Time noch nie gespielt hat, darf sich auf einige der kreativsten Rätsel und abwechslungsreichsten Gegner der Videospielgeschichte freuen. In den Dungeons greifen das Lösen diverser Umgebungsrätsel und die ikonischen Bosskämpfe perfekt ineinander: Schalter müssen umgelegt, Blöcke verschoben, Fackeln angezündet, Schlüssel gefunden und Feinde auf unterschiedlichste Art und Weise erledigt werden. Damit das nie langweilig wird, werden neue Waffen und benutzbare Items in relativ rascher Folge eingeführt.
Dank der Zielerfassung mit Navi, die anno 1998 das 3D-Kampfsystem revolutionierte und hier noch einmal verfeinert wurde, gehen die Schwertkämpfe und der Einsatz von Bogen, Enterhaken und co geschmeidig von der Hand. Höchst geschmeidig sind derweil auch die nun frei bewegbare Kamera und die Tatsache, dass Link, anders als im Original, auf Knopfdruck springen darf. Nach gefühlt endlosen Stunden mit Breath of the Wild und Tears of the Kingdom kam es mir zum Beginn des Spiels jedoch etwas komisch vor, dass Link nicht überall hochklettern kann und zum „Fliegen“ ein flatterndes Huhn braucht. Daran musste ich mich erst wieder gewöhnen.

Altbewährtes währt am längsten?
Die Neuerungen des Remakes fokussieren sich abseits der Optik und der Steuerung vor allem auf Komfort und Barrierefreiheit. Die Menüs wurden überarbeitet und bieten neuerdings eine Art Quest-Log, genannt "Spuren der Zeit". Die Item-Anwahl wurde derweil verbessert, geht nun mit Hilfe der Schultertaste R deutlich flüssiger von der Hand und macht vor allem in Tempeln, in denen häufig zwischen mehreren Items hin- und hergewechselt werden muss, viel Sinn. Darüber hinaus bietet die Neuauflage dezente Hilfestellungen für Einsteiger und manche Rätsel wurden etwas entschärft. Allgemein ist der Schwierigkeitsgrad eher niedrig angesetzt. Deshalb ist es auch schade, dass Kenner des Originals einen herausfordernden Master-Quest-Modus vergeblich suchen. Der „Große Monstersaal“, in dem wir gegen bereits besiegte Bossgegner erneut antreten dürfen, sowie Optionen zum Ausblenden des HUDs wirken in dem Kontext nur wie Trostpflaster. Ganz allgemein müssen Zelda-Veteranen sich darauf einstellen, wenig Neues geboten zu bekommen.
Das Remake bleibt dem Original in vielerlei Hinsicht sehr treu, was zur Folge hat, dass die einzelnen Gebiete nach heutigen Maßstäben sehr überschaubar und starr getrennt wirken. Änderungen finden sich eher im Detail wieder. Wer gehofft hatte, dass die Entwickler das Korsett des N64-Originals inhaltlich sprengen, wird rasch ernüchtert. Besonders dem Design der Hylianischen Steppe und Hyrule-Stadt merkt man das Alter deutlich an. Die weitläufige Steppe war 1998 eine technische Glanzleistung, wirkt heute jedoch einfach zu leer. Die „Stadt“ sieht derweil zwar sehr schön aus, besteht aber noch immer nur aus einem Marktplatz mit zwei sehr kurzen Straßen, die zu allem Überfluss mit etlichen verschlossenen Türen aufwarten, hinter denen sich rein gar nichts verbirgt. Eine weitere Straße, die von der Stadt zum Schloss führt, ist praktisch nicht mehr als eine Attrappe. Bewegt sich Link in ihre Richtung, erscheint ein Ladebildschirm und unser Held steht wenige Sekunden später vor dem Schloss. Ähnliches passiert, wenn wir vom Dorf Kakariko zum Berg der Goronen wandern. Hier hätte das Remake die Chance geboten, die Spielwelt mit neuen begehbaren Wohnhäusern und Läden sowie zusätzlichen Quests zu erweitern, wie es etwa Bloober Team beim Remake von Silent Hill 2 getan hat. Ein paar neue, aber bedeutungslose Charaktere auf dem Marktplatz sowie ein einziges neues Item (eine „Händler-Deku-Nuss“, mit der wir Händler herbeizaubern können, die Link auch außerhalb der bekannten Läden Tränke, Pfeile und mehr verkaufen) wirken da doch recht unspektakulär. All diese kleinen Kritikpunkte schmälern den Spielspaß kaum, verhindern aber ein Höchstwertung.

Hey, listen!
Nichts zu mäkeln gibt es dagegen bei der Musik. Der legendäre Soundtrack des Originals wurde mit orchestralen Arrangements behutsam modernisiert, ohne seinen ikonischen Wiedererkennungswert einzubüßen. Wenn die Melodie der Hylianischen Steppe bei Sonnenaufgang aufspielt, ist Gänsehaut garantiert, während Salias Lied in den Verlorenen Wäldern oder die Hymne des Sturms echten Ohrwurmcharakter haben. Umso unverständlicher ist es jedoch, dass Nintendo in puncto Sprachausgabe auf halber Strecke stehen geblieben ist. Neben den bekannten Seufzern, Lachen und Kampfschreien verharren die Dialoge weitgehend in Textboxen. Das geht so weit, dass so manche aufwendige Cutscene mit einer vollen Synchronisation beginnt aber mittendrin zu Textboxen wechselt. Auf einer modernen Konsole wirkt das schlicht wie aus der Zeit gefallen und nimmt mancher emotionalen Szene ein Stück ihrer Wirkung.
Ähnlich verhält es sich mit der Grafik. Das Spiel läuft mit butterweichen 60 FPS; Bugs oder Spielabstürze kamen während unserem Test nie vor. Die Texturen sind scharf, die Charaktermodelle detailliert und die Licht-, Glanz- und Nebeleffekte super. Wo das Original auf dem Nintendo 64 noch von kargen Oberflächen geprägt war, wiegen sich heute beim Sonnenaufgang über der Hylianischen Steppe Gräser im Wind, und in Gebäuden finden wir liebevoll ausgearbeitete Innenräume, die stets die persönliche Note der Bewohner wiedergeben. In weitläufigen Arealen und bei komplexen Schatteneffekten fällt allerdings störendes Kantenflimmern auf, das den sonst so sauberen Gesamteindruck trübt. Vielleicht musste Nintendo hier zugunsten der Bildrate Kompromisse eingehen?

Fazit
Auch wenn das Remake auf der Switch 2 durch inhaltlichen Konservativismus, kleinere technische Mängel wie Kantenflimmern und eine weitgehend fehlende Sprachausgabe ein paar Wertungspunkte liegen lässt: Der magische Kern von The Legend of Zelda: Ocarina of Time bleibt unverwüstlich. Vor allem die Tempel strotzen vor kreativen Einfällen und bestechen mit Spielspaß pur.
Anders formuliert: Das Spiel setzt heute keine neuen Maßstäbe mehr, aber das meisterhafte Spieldesign, die zeitgemäßen Quality-of-Life-Anpassungen und der unvergleichliche Charme machen diese Reise nach Hyrule vor allem für Neueinsteiger zu einem Muss. Ein Meisterwerk bleibt eben ein Meisterwerk – kleine Schönheitsfehler und verpasste Chancen hin oder her. Wer das Original bereits kennt, sollte sich jedoch bewusst sein, dass wir es hier nicht mit einer Neuinterpretation eines alten Klassikers zu tun haben, sondern größtenteils „nur“ mit einem Klassiker in neuem Gewand. Solche Spieler werden vermutlich keine Wow-Momente mehr erleben, dürfen sich aber natürlich auf einen schönen Nostalgie-Bonus freuen.
Hinweis: Innerhalb unserer Redaktion wurde die Wertung von Ocarina of Time heiß diskutiert. Zwar sind wir uns alle einig, dass es sich hier um ein fantastisches Spiel handelt, Meinungen gingen aber von 9.0 bis zu einer glatten 10, die vor allem Redakteur Terry, dessen Kommentar zum Spiel ihr hier findet, vehement verteidigte. Unsere Endwertung von 9.5 stellt einen Kompromiss dar.