Tomodachi Life: Wo Träume wahr werden
Eine Insel voller Wahnsinn
Manchmal reicht eine einzige Szene, um zu verstehen, warum Menschen Videospiele spielen. Ein selbst erstellter Mii, der aussieht wie der eigene Chef, gesteht plötzlich einer vollkommen absurden Fantasiefigur seine Liebe. Zwei Freunde geraten wegen einer Nichtigkeit aneinander. Und irgendwo auf der Insel steht ein Bewohner herum, dessen Gesichtsausdruck vermuten lässt, dass er gerade die Existenzkrise seines Lebens durchmacht. Nichts davon ist besonders anspruchsvoll. Nichts davon dürfte in einem Drehbuch stehen, das sich selbst ernst nimmt. Und trotzdem sitzt man davor und lacht.
Dieses Gefühl ist der Ausgangspunkt von Tomodachi Life: Wo Träume wahr werden. Nach zwölf Jahren kehrt Nintendos ungewöhnliche Lebenssimulation zurück und fragt im Grunde nur, was passiert, wenn man eine Insel mit digitalen Abbildern seiner Mitmenschen füllt und ihnen anschließend dabei zusieht, wie sie ihr Leben leben. Die Antwort ist gleichermaßen albern, überraschend und gelegentlich erstaunlich persönlich.
Das Spiel ist im April 2026 für die Switch erschienen und lässt sich natürlich auch auf der Switch 2 spielen. Wer eine ausgeklügelte Simulation mit komplexen Bedürfnissystemen, umfangreichen Karrieren oder einer großen Geschichte erwartet, sollte seine Erwartungen allerdings früh korrigieren. Tomodachi Life ist weder Die Sims noch Animal Crossing. Es ist eher ein digitales Puppentheater, dessen Figuren man selbst erschafft, dessen Vorstellungen man aber nur bedingt kontrollieren kann. Und solange diese Vorstellungen überraschend bleiben, ist das eine ziemlich wunderbare Idee.

Das Leben der anderen
Der Einstieg ist angenehm unkompliziert. Wir erschaffen ein Mii, geben ihm einen Namen, eine Stimme und einen Persönlichkeitstyp und lassen ihn auf unserer Insel einziehen. Anschließend kommen weitere Bewohner hinzu. Freunde, Familienmitglieder, Arbeitskollegen, Prominente oder Charaktere, die es nirgendwo sonst gibt. Wer möchte, kann auch sich selbst gleich mehrfach auf der Insel verewigen. Die einzige Voraussetzung ist ein gewisses Maß an Fantasie und die Bereitschaft, die eigenen Schöpfungen nicht allzu ernst zu nehmen.
Die Miis führen anschließend ein weitgehend eigenständiges Leben. Sie laufen über die Insel, besuchen Geschäfte, treffen andere Bewohner, entwickeln Freundschaften und verlieben sich. Gelegentlich haben sie ein Problem, bei dem wir helfen sollen. Manchmal möchten sie etwas essen, benötigen ein neues Kleidungsstück oder wollen einfach ein bisschen Aufmerksamkeit. Unsere Aufgabe besteht darin, auf diese Situationen zu reagieren und die Bewohner bei Laune zu halten. Eine große übergeordnete Mission gibt es nicht. Die Insel ist das Ziel, die Miis sind der Inhalt und das Beobachten ist die eigentliche Beschäftigung.
Damit unterscheidet sich Tomodachi Life von vielen anderen gemütlichen Spielen, die ihre Belohnungen über feste Aufgaben, Sammelziele und stetig wachsende Handlungsmöglichkeiten organisieren. Hier gibt es zwar neue Orte, Läden und Möglichkeiten freizuschalten, aber keine klassische Fortschrittskurve, die uns unablässig vorwärtszieht. Das Spiel funktioniert vielmehr über kleine Ereignisse, die sich zu einer ganz persönlichen Chronik verbinden. Es geht nicht darum, ein Reich zu errichten oder eine Geschichte abzuschließen. Es geht darum, morgen wieder nachzusehen, was die eigenen Leute angestellt haben.

Kleine Menschen, große Möglichkeiten
Die Charaktererstellung gehört zu den stärksten Bestandteilen des Spiels. Gegenüber dem früheren Tomodachi Life auf dem Nintendo 3DS wurden die Gestaltungsmöglichkeiten erheblich erweitert. Gesichter lassen sich detaillierter anpassen, Frisuren und Haarfarben bieten mehr Spielraum, und mit zusätzlichen Optionen für Gesichtsmerkmale entstehen Figuren, die weit über das klassische Mii-Gesicht hinausgehen. Wer lieber experimentiert, kann Tiere, fantastische Wesen oder schwer einzuordnende Kreaturen erschaffen. Wer einfach nur schnell loslegen möchte, lässt sich anhand einiger Fragen einen Charakter generieren. Nintendo verfolgt hier einen sinnvollen Ansatz: Kreativität soll möglich sein, aber nicht zur Eintrittskarte werden.
Dabei zeigt sich schnell, dass die besten Miis nicht zwangsläufig diejenigen sind, die ihren realen Vorbildern am ähnlichsten sehen. Ein präzise nachgebildetes Gesicht kann durchaus lustig sein, aber erst die Kombination aus Aussehen, Stimme und Verhalten macht eine Figur interessant. Ein ernst dreinblickender Arbeitskollege, der mit einer vollkommen unpassenden Stimme über sein Lieblingsessen spricht, hat oft mehr komödiantisches Potenzial als eine technisch perfekte Nachbildung. Das Spiel versteht, dass Wiedererkennbarkeit nicht allein eine Frage der Gesichtszüge ist. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel vieler kleiner Details.
Neu hinzugekommen sind außerdem die sogenannten kleinen Eigenheiten, mit denen sich zusätzliche Verhaltensmerkmale festlegen lassen. Manche Miis essen wenig, andere schlafen unruhig oder bewegen sich auf eine bestimmte Art. Die bekannten 16 Persönlichkeitstypen aus dem Vorgänger bleiben erhalten und werden dadurch ergänzt. Das ist eine sinnvolle Weiterentwicklung, denn eine Persönlichkeit lässt sich eben nicht immer in eine Handvoll Kategorien pressen. Wer einen Mii nach einem echten Menschen gestaltet, kann ihm auf diese Weise kleine Besonderheiten mitgeben, die für Außenstehende belanglos wirken, für einen selbst aber den entscheidenden Unterschied ausmachen.

Die hohe Kunst des Unsinns
Sobald die Insel bewohnt ist, beginnt die eigentliche Show. Die Miis führen Gespräche, entwickeln Wünsche, geraten in merkwürdige Situationen oder präsentieren uns Träume, deren Logik sich ungefähr auf dem Niveau eines Fiebertraums bewegt. Ein gewöhnliches Gespräch kann sich in wenigen Sekunden in eine absurde Szene verwandeln. Die Figuren reagieren mit übertriebener Mimik und Gestik, während ihre künstlich klingenden Stimmen selbst den banalsten Satz zu einer kleinen Aufführung machen. Gerade weil die Bewohner so ernsthaft mit ihrem Unsinn beschäftigt sind, funktioniert der Humor.
Besonders schön ist, dass das Spiel seine komischen Momente nicht ständig mit einem Augenzwinkern kommentiert. Es erklärt uns nicht, warum die gerade beobachtete Situation lustig sein soll. Es präsentiert sie, lässt die Miis weitermachen und überlässt uns den Rest. Auch die Nachrichtensendung, in der Bewohner über die neuesten Ereignisse auf der Insel berichten, folgt diesem Prinzip. Was andernorts eine Randnotiz wäre, wird hier zur Schlagzeile. Die Insel nimmt sich selbst wichtig, obwohl ihre Bewohner mitunter Dinge tun, die außerhalb dieser kleinen Welt vollkommen hirnrissig wären.
Dazu kommen die Träume, die zu den schönsten Traditionen der Reihe gehören. Sie führen die Eigenheiten der Miis in eine noch surrealere Richtung und lassen sich kaum sinnvoll vorhersagen. Einmal steht die absurde Idee im Mittelpunkt, ein anderes Mal ist es die vollkommen ernsthafte Art, mit der die Figuren sie ausspielen. Nintendo beherrscht diese Form des Humors erstaunlich gut. Allerdings sind auch die absurdesten Einfälle nicht unendlich reproduzierbar. Was beim ersten Mal verblüfft, kann beim zehnten Mal bereits bekannt vorkommen.

Beziehungen ohne Drehbuch
Der soziale Teil der Simulation ist das Herzstück von Tomodachi Life. Die Bewohner lernen sich kennen, schließen Freundschaften, verlieben sich, streiten sich und versöhnen sich wieder. Aus Bekanntschaften können enge Beziehungen werden, manche Paare ziehen zusammen oder heiraten, und schließlich können auch Kinder hinzukommen. Wir dürfen diese Entwicklungen beeinflussen, aber wir bestimmen nicht jede einzelne Wendung. Das Spiel wirft Situationen in den Raum und lässt uns anschließend dabei zusehen, wie sie sich entfalten.
So entstehen die Geschichten, wegen derer man die Insel immer wieder besucht. Es ist ein Unterschied, ob wir einer Figur ein neues Kleid anziehen oder beobachten, wie sie sich ausgerechnet in denjenigen verliebt, den wir für die denkbar schlechteste Wahl halten. Die zweite Situation besitzt eine persönliche Fallhöhe, obwohl sie vollständig aus einem simplen Spielsystem hervorgeht. Wir kennen die Figuren, wir haben sie selbst erschaffen, und plötzlich produziert das Spiel eine Konstellation, die wir weder geplant noch erwartet haben. Aus Daten werden Beziehungen, aus Beziehungen werden Geschichten.
Wie viel davon tatsächlich aus einem komplexen sozialen System entsteht und wie viel auf vorgegebenen Ereignissen beruht, bleibt allerdings eine entscheidende Frage. Tomodachi Life simuliert keine Psyche, die sich unabhängig von seinen Regeln entwickelt. Die Miis greifen auf festgelegte Verhaltensweisen, Ereignisse und Reaktionsmuster zurück. Sie können uns deshalb zwar überraschen, aber nicht jede Überraschung ist ein Zeichen besonderer Tiefe. Mit der Zeit erkennt man bestimmte Muster wieder. Dann wird deutlich, dass die Insel keine unendliche Gesellschaft beherbergt, sondern eine überschaubare Auswahl an Situationen auf immer neue Figuren verteilt.

Ein Spiel, das Menschen ernst nimmt
Eine wichtige Verbesserung betrifft die Möglichkeiten, Geschlecht, romantische Vorlieben und Familienbeziehungen festzulegen. Miis können als männlich, weiblich oder nichtbinär angelegt werden. Ihre Datingpräferenzen lassen sich individuell bestimmen, wobei auch mehrere Optionen oder der Verzicht auf romantisches Interesse möglich sind. Zusätzlich können reale Verwandtschaftsverhältnisse hinterlegt werden. Damit berücksichtigt das Spiel unterschiedliche Beziehungen und verhindert beispielsweise, dass als verwandt eingetragene Figuren romantisch miteinander verkuppelt werden. Die Neuerungen greifen damit einen Wunsch auf, der die Reihe bereits seit dem Vorgänger begleitet hat.
Und das ist mehr als eine Ergänzung im Charaktereditor. Wer Menschen aus dem eigenen Umfeld nachbildet, möchte schließlich nicht bloß ihre Gesichter auf der Insel sehen. Die Figuren sollen auch in ihren Beziehungen zu den Vorbildern passen. Dass sich romantische Interessen individueller festlegen lassen, schafft dafür einen deutlich größeren Spielraum. Gleichzeitig kann man sich bewusst gegen Romanzen entscheiden und die Insel entsprechend gestalten. Das Spiel schreibt nicht vor, dass jede Figur eine Partnerschaft eingehen muss, um als vollständiger Bewohner zu gelten.
Ganz frei von Abstrichen ist das System dennoch nicht. Die zusätzlichen Auswahlmöglichkeiten verändern nicht automatisch die zugrunde liegende Logik der Simulation. Die Miis durchlaufen weiterhin dieselben grundlegenden Abläufe, unabhängig davon, wie vielfältig ihre Ausgangskonstellationen sind. Die neuen Optionen erweitern also den Kreis der Geschichten, die sich erzählen lassen, ohne das Spielprinzip grundsätzlich neu zu erfinden. Das ist trotzdem ein wichtiger Schritt. Er macht Tomodachi Life offener für die Menschen, die es spielen, und sorgt dafür, dass sich die eigene Insel weniger anfühlt wie eine vorgefertigte Vorstellung von Gesellschaft.

Die Insel gehört uns
Die vielleicht wichtigste Neuerung liegt jedoch nicht bei den Miis selbst, sondern in ihrer Umgebung. Mit dem Insel-Editor lässt sich die Welt wesentlich individueller gestalten als im Vorgänger. Gebäude, Wege und verschiedene Bereiche können angepasst werden, sodass aus der Insel nach und nach ein persönlicher Schauplatz entsteht. Die Bewohner sind nicht mehr bloß Figuren, die in einer vorgegebenen Kulisse ihren Alltag bestreiten. Sie leben in einer Umgebung, die der Spieler selbst mitgestaltet.
Noch interessanter wird es durch die umfangreichen Möglichkeiten, eigene Inhalte zu erstellen. Dazu gehören Gegenstände, Kleidungsstücke, Bücher, Spiele, Schilder, Innenräume und weitere Designs. Das Spiel bietet dabei Hilfen für diejenigen, die nicht jedes Motiv frei zeichnen möchten. Man kann mit Text arbeiten oder vorhandene Mii-Gesichter in Designs einbauen. Nintendo möchte damit auch weniger erfahrenen Kreativen einen Zugang geben.
Diese Werkzeuge erweitern das Konzept auf eine Weise, die weit über das bloße Dekorieren hinausgeht. Wer nur die vorgegebenen Möglichkeiten nutzt, bekommt eine unterhaltsame kleine Lebenssimulation. Wer dagegen eigene Gegenstände und Umgebungen einbringt, kann der Insel eine sehr persönliche Handschrift verleihen. Ein Büro voller Arbeitskollegen oder ein Wohnzimmer, das einer realen Wohnung nachempfunden ist, können für mehr Unterhaltung sorgen als jedes zusätzliche Standardobjekt. Der Inhalt ist plötzlich nicht mehr nur das, was Nintendo bereitstellt, er besteht auch aus den Ideen, die wir selbst einbringen.

Kreativität als Ersatz für Content?
Der Editor ist deshalb zugleich die größte Stärke und eine der größten Herausforderungen des Spiels. Er eröffnet viel Freiheit, verlangt aber auch eigene Ideen. Wer Spaß daran hat, Figuren nachzubauen, Gegenstände zu gestalten und kleine Insiderwitze in die Spielwelt einzubauen, findet hier eine erstaunlich flexible Spielwiese. Die Werkzeuge laden dazu ein, Dinge auszuprobieren, die in einer gewöhnlichen Lebenssimulation keinen Platz hätten. Und weil die Ergebnisse anschließend von den Miis benutzt werden, bekommen auch selbst gestaltete Kleinigkeiten einen praktischen Bezug zum Alltag auf der Insel.
Wer dagegen nicht gerne gestaltet, stößt schneller an die Grenzen des Angebots. Die vorgefertigten Inhalte liefern zwar zahlreiche Anlässe für skurrile Situationen, doch ihr Vorrat ist endlich. Die Entwickler können noch so viele Träume, Gespräche und Gegenstände vorbereiten: Irgendwann wiederholen sich Abläufe. Der kreative Anteil ist damit nicht bloß ein nettes Extra, sondern beeinflusst ganz wesentlich, wie lange das Spiel interessant bleibt. Die Spieler, die sich eigene Geschichten ausdenken, haben hier einen klaren Vorteil gegenüber denen, die sich ausschließlich vom Programm unterhalten lassen möchten.
Das ist keine ungewöhnliche Schwäche von Spielen mit umfangreichen Editoren. Es ist aber ein Unterschied, ob Kreativität zusätzlich belohnt wird oder ob sie einen großen Teil der langfristigen Motivation tragen muss. Tomodachi Life tendiert deutlich zur zweiten Variante. Das kann wunderbar funktionieren, solange die eigenen Ideen nicht versiegen. Es bedeutet aber auch, dass zwei Spieler nach zehn Stunden vollkommen unterschiedliche Eindrücke haben können. Der eine hat gerade erst angefangen, seine Insel mit persönlichen Einfällen zu füllen. Der andere hat die meisten Möglichkeiten ausprobiert und fragt sich, was als Nächstes kommen soll.

Die Routine hinter dem Zufall
Das grundlegende Problem zeigt sich im Alltag der Insel. Wir sprechen mit einem Mii, lösen ein kleines Anliegen, geben einer Figur etwas zu essen oder einen neuen Gegenstand und wenden uns anschließend dem nächsten Bewohner zu. Vielleicht wartet eine neue Beziehung auf uns, vielleicht ist eine Figur unzufrieden, vielleicht gibt es eine witzige Szene zu entdecken. Diese Schleife ist zunächst ausgesprochen charmant, weil sie immer wieder von kleinen Überraschungen unterbrochen wird. Sie ist aber auch erstaunlich einfach.
Es fehlt ein Ziel, das die vielen Einzelereignisse dauerhaft zusammenhält. Natürlich kann man sich selbst eines setzen. Man kann versuchen, eine große Gruppe von Freunden auf die Insel zu holen, bestimmte Beziehungen entstehen zu lassen oder möglichst viele eigene Designs zu erstellen. Wer sich auf solche selbst auferlegten Projekte einlässt, hat eine klare Richtung. Wer lieber vom Spiel geführt wird, findet dagegen wenig, das ihn dauerhaft an die Hand nimmt. Tomodachi Life ist nicht dafür gebaut, ständig neue Herausforderungen aufzufahren. Es setzt darauf, dass man schon aus kleinen Ereignissen genug Unterhaltung zieht.
Daher stellt sich irgendwann die Frage, wie viel Routine ein Spiel verträgt, dessen größte Stärke die Unberechenbarkeit sein soll. Die Miis bleiben zwar eigenwillig, aber ihre Bedürfnisse und Reaktionen wiederholen sich. Träume verlieren ihren Überraschungseffekt, Minispiele werden zur bekannten Unterbrechung und auch die Beziehungen folgen irgendwann vertrauten Bahnen. Die Komik verschwindet nicht vollständig, doch sie wird kalkulierbarer. Das Spiel bleibt sympathisch, während die Neugier langsam nachlässt. Das ist kein Totalausfall, sondern einfach eine Grenze des Konzepts, die sich nur schwer wegdiskutieren lässt.

Nicht jedes Spiel braucht einen langen Abend
Dabei wäre es möglicherweise unfair, Tomodachi Life an einem Spielverständnis zu messen, das auf lange Sessions und stetigen Fortschritt ausgerichtet ist. Es funktioniert besonders gut, wenn man die Insel in kurzen Abständen besucht. Man schaut nach, ob jemand ein Problem hat, beobachtet zwei Minuten lang eine absurde Szene, gibt einem Bewohner ein Geschenk und legt die Konsole wieder beiseite. Am nächsten Tag wartet vielleicht eine neue Entwicklung. Vielleicht passiert auch kaum etwas. Beides gehört zum Rhythmus dieser kleinen Welt.
Damit nähert sich das Spiel eher einem digitalen Haustier als einer umfassenden Lebenssimulation. Es erzeugt das Gefühl, dass andernorts etwas weitergeht, auch wenn wir gerade nicht spielen. Die Insel muss nicht ständig unterhalten, sie muss nur interessant genug bleiben, dass wir wiederkommen wollen. In diesem Rhythmus ist die Schlichtheit des Systems weniger problematisch, weil sich die Wiederholungen über längere Zeiträume verteilen und kleine Überraschungen wieder mehr Gewicht bekommen.
Allerdings ist das ein schmaler Grat. Aus einer entspannten Routine kann schnell Leerlauf werden. Wenn nach dem dritten Besuch hintereinander nur bekannte Anliegen und wiederkehrende Situationen auftauchen, wirkt die Insel nicht mehr wie ein eigenständiger Ort, sondern wie eine Liste offener Kleinigkeiten. Dann fehlt es an Ereignissen, die unseren Blick auf die Figuren verändern oder die Routine aufbrechen. Tomodachi Life ist deshalb ein Spiel, das stark von der richtigen Erwartungshaltung profitiert. Es will nicht jede freie Stunde füllen, sondern möchte ein paar Minuten Spielzeit von euch bekommen, und zwar möglichst regelmäßig. Ein Prinzip, das zugegebenermaßen perfekt zur Nintendo Switch passt.

Nintendo macht das Teilen unnötig kompliziert
Ausgerechnet dort, wo das Spiel seine größte Stärke hat, legt Nintendo ihm Steine in den Weg. Tomodachi Life ist wie geschaffen dafür, lustige Situationen mit anderen zu teilen. Die Miis sehen aus wie Menschen, die wir kennen, ihre Beziehungen liefern überraschende Konstellationen und die Dialoge produzieren regelmäßig Momente, die man am liebsten sofort an Freunde schicken würde. Das Spiel lädt zum Erzählen ein, doch die technischen Möglichkeiten zum Teilen sind eingeschränkt.
Screenshots und Videos lassen sich zwar grundsätzlich anfertigen und Inhalte können im Rahmen der geltenden Regeln geteilt werden. Bestimmte Systemfunktionen stehen für Aufnahmen aus Tomodachi Life jedoch nicht zur Verfügung. Dazu gehören beispielsweise der direkte Transfer auf ein Smartphone oder das unmittelbare Posten in sozialen Netzwerken. Eine komfortable Möglichkeit, eigene Miis und Kreationen online mit anderen Spielern auszutauschen, fehlt ebenfalls.
Das ist besonders schade, weil das Spiel so stark von persönlichen Insiderwitzen lebt. Wenn ein eigener Mii in einer absurd-komischen Situation landet, entsteht der eigentliche Wert häufig erst im Teilen. Die Pointe ist nicht nur das Geschehen auf dem Bildschirm, sondern auch die Reaktion der Person, die den Mii kennt. Nintendo hat ein Spiel geschaffen, das wie ein gemeinsames Gesellschaftsexperiment funktioniert, die praktische Verbindung zwischen den Spielern aber auffällig begrenzt. Man kann die eigenen Geschichten erzählen, muss dafür jedoch Umwege in Kauf nehmen. Die Einschränkungen sind umso schwerer nachzuvollziehen, weil sie nicht aus dem Spielprinzip heraus notwendig erscheinen.

Kleine Macken im Alltag
Auch bei der Steuerung bleibt der Eindruck gemischt. Die Bedienung ist grundsätzlich einfach genug, um ohne lange Einarbeitung loszulegen. Das Spiel will keine komplizierten Eingabekombinationen, sondern kurze Interaktionen. Trotzdem wäre es an vielen Stellen angenehmer, die Figuren direkter über den Bildschirm anzuwählen oder zu verschieben. Touchsteuerung wird nur in bestimmten Bereichen unterstützt, etwa bei der Mii-Erstellung und im Kreativmodus. Auf der Switch 2 fehlt außerdem die Unterstützung für die Maussteuerung der Joy-Con 2. Gerade bei einem Spiel, das so viel mit kleinen Figuren und selbst gestalteten Gegenständen arbeitet, wirkt das wie eine verpasste Gelegenheit.
Hinzu kommen kleinere Einschränkungen bei der Verwaltung der eigenen Figuren. Pro Insel lassen sich bis zu 70 Miis registrieren. Das ist für viele Spieler ausreichend, doch wer eine große Familie, einen Freundeskreis und zusätzlich eine Sammlung erfundener Charaktere unterbringen möchte, stößt irgendwann an Grenzen. Bereits vorhandene Miis können als Grundlage für neue Bewohner dienen, ein direkter Import aus anderen Spielen wie Miitopia ist jedoch nicht möglich. Auch die in Tomodachi Life erstellten Mii-Daten lassen sich nicht einfach exportieren und in anderen Spielen weiterverwenden.
Auf der technischen Seite ist Tomodachi Life kein Spiel, das mit aufwendiger Grafik oder besonders komplexen Umgebungen beeindrucken möchte. Die klaren Figuren, ihre ausdrucksstarken Bewegungen und die bunten Schauplätze passen zur bewusst künstlichen Präsentation. Auf der Switch 2 profitiert das Spiel von kürzeren Ladezeiten und einer höheren Auflösung im Handheld-Modus, ohne eigene Switch-2-exklusive Inhalte mitzubringen. Die technische Basis ist damit solide genug, auch wenn sie sich nicht wie ein großer Generationssprung anfühlt.

Fazit
Tomodachi Life: Wo Träume wahr werden ist am besten, wenn es uns einfach machen lässt. Die schönsten Momente entstehen nicht aus großen Spielzielen, sondern aus den absurden Geschichten, die zwischen unseren Miis entstehen. Das funktioniert oft und kann gerade deshalb eine ganz eigene Faszination entwickeln.
Doch die Insel ist nicht unendlich, wer nicht selbst gestaltet und immer wieder neue Figuren und Ideen einbringt, stößt irgendwann auf die Grenzen der Simulation. Tomodachi Life ist deshalb weniger ein Spiel, das uns dauerhaft beschäftigen will, als eines, zu dem wir immer wieder zurückkehren sollen. Für kurze Besuche ist das Konzept hervorragend geeignet. Als langfristige Lebenssimulation bleibt es dagegen überraschend oberflächlich.
Wer sich darauf einlässt, bekommt trotzdem eines der eigenwilligsten und charmantesten Spiele, die Nintendo derzeit zu bieten hat. Und manchmal ist es eben genug, nachzusehen, was die eigenen Leute heute wieder für einen Unsinn veranstalten.