Is This Seat Taken?
Alltagspanik im Miniaturformat: Kaum etwas fühlt sich universeller an als dieser kurze Moment der Unsicherheit, wenn man einen Raum betritt, der schon halb gefüllt ist. Der suchende Blick, das stille Abwägen, wer wohl der erträglichste Sitznachbar sein könnte, und die leise Hoffnung, dass niemand laut telefoniert oder intensiv nach Imbiss riecht. Genau aus diesem diffusen Unbehagen formt Is This Seat Taken? sein Spielkonzept. Das Puzzle-Spiel des Indie-Studios Poti Poti nimmt soziale Nervosität ernst und verwandelt sie in eine ebenso charmante wie überraschend treffende Denksportaufgabe. Was zunächst wie ein harmloses Schiebepuzzle mit niedlichen Formen wirkt, entpuppt sich schnell als kleine Studie über Nähe, Abgrenzung und den Wunsch nach einem Platz, an dem man einfach in Ruhe gelassen wird.
Im Zentrum steht Nat, eine kleine rautenförmige Figur, die sich auf eine Reise begibt, um Schauspieler zu werden. Diese Rahmenhandlung ist bewusst leise gehalten, sie drängt sich nie in den Vordergrund, gibt dem Spiel aber eine emotionale Klammer. Statt epischer Wendungen gibt es Alltagssituationen, statt dramatischer Dialoge kleine Gesten. Genau hier liegt eine der großen Stärken des Spiels, denn Is This Seat Taken? erzählt nicht laut, sondern mit einem Augenzwinkern und viel Gespür für Beobachtungen, die jeder aus dem echten Leben kennt.

Zwischen Kaffeeduft und Klimaanlagenkrieg
Das eigentliche Spielprinzip ist schnell erklärt, aber erstaunlich wandelbar. In jedem Level sehen wir eine Reihe von Sitzplätzen und eine Gruppe von Figuren, die wir so platzieren müssen, dass möglichst alle zufrieden sind. Jede Form bringt ihre ganz eigenen Macken mit. Manche wollen ans Fenster, andere hassen Zugluft, wieder andere reagieren empfindlich auf Geräusche, Gerüche oder zu viel Nähe. Diese sogenannten Pet Peeves sind das Herzstück des Gameplays und werden sowohl visuell als auch über kurze Beschreibungen kommuniziert.
Mit jedem neuen Schauplatz wächst die Komplexität. Aus dem Bus wird ein Café, später ein Kino oder ein Flugzeug. Plötzlich spielen nicht nur Sitznachbarn eine Rolle, sondern auch Umwelteinflüsse wie Insekten, die ballernde Sonne oder eisige Klimaanlagen. Das Puzzle wird dichter, ohne je unfair zu wirken. Besonders angenehm ist, dass das Spiel komplett auf Zeitdruck verzichtet. Es gibt keine tickende Uhr, kein hartes Scheitern. Stattdessen lädt es dazu ein, in Ruhe zu tüfteln, Figuren umzusetzen, Konstellationen auszuprobieren und sich langsam an die perfekte Lösung heranzutasten.
Dabei bleibt das Spiel stets zugänglich. Selbst wenn nicht alle Figuren glücklich sind, darf man ein Level abschließen. Perfekte Lösungen werden zwar belohnt, sind aber keine Pflicht. Dieser Ansatz nimmt Frust aus der Erfahrung und passt hervorragend zum entspannten Ton des Spiels. Unterstützt wird das Ganze von einer zurückhaltenden, angenehm unaufdringlichen Musik, die irgendwo zwischen Lo-Fi und Fahrstuhlmelancholie pendelt und den meditativen Charakter unterstreicht.

Papierästhetik mit Persönlichkeit
Visuell setzt Is This Seat Taken? auf einen minimalistischen Stil, der an ausgeschnittene Papierfiguren á la Snipperclips erinnert. Klare Farben, einfache Formen und dezente Animationen sorgen dafür, dass die Figuren trotz ihrer geometrischen Natur erstaunlich lebendig wirken. Ein nervöses Zucken, ein erleichtertes Aufatmen oder ein missmutiger Blick reichen aus, um Emotionen zu transportieren. Diese reduzierte Präsentation passt perfekt zum Thema und lenkt den Fokus auf die kleinen zwischenmenschlichen Dramen im Miniaturformat.
Allerdings zeigt sich im Verlauf der etwa fünf bis sechs Stunden Spielzeit auch eine gewisse Vorhersehbarkeit. Hat man das Grundprinzip einmal verstanden, überraschen neue Level weniger, als man es sich wünschen würde. Die Varianten der Vorlieben sind clever kombiniert, aber selten radikal neu. Hier hätte dem Spiel etwas mehr Mut zur Eskalation gutgetan. Hinzu kommt ein Komfortproblem, das immer wieder auffällt. Eine komplette Rückgängig-Funktion für das komplette Level fehlt. Wer sich verstrickt hat und frisch neu starten möchte, muss alle Figuren händisch zurücksetzen. Das ist kein Beinbruch, fühlt sich aber unnötig sperrig an, gerade in einem Spiel, das sonst so viel Wert auf Entspannung legt.
Dennoch trägt die kleine Geschichte rund um Nat viel dazu bei, dass man am Ball bleibt. Die Reise durch verschiedene Städte und Situationen vermittelt ein Gefühl von Bewegung und persönlichem Wachstum. Das Spiel erzählt leise von der Suche nach Zugehörigkeit und davon, dass jeder Mensch seine Eigenheiten hat. Oder eben jede geometrische Form. Diese Botschaft wirkt nie aufgesetzt, sondern ergibt sich organisch aus dem Spielgeschehen.

Cozy Game mit begrenzter Tiefe
In der Gesamtschau ist Is This Seat Taken? ein Spiel, das genau weiß, was es sein will. Es will kein knallhartes Logikmonster sein, kein endloses Rätselkompendium für Hardcore-Fans. Stattdessen setzt es auf Atmosphäre, Identifikation und kleine Aha-Momente. Das funktioniert hervorragend für kurze Sessions und entspannte Abende. Wer allerdings auf der Suche nach langfristiger Herausforderung oder hohem Wiederspielwert ist, wird hier eher nicht fündig.
Die Level lassen sich nach dem Durchspielen zwar erneut angehen, doch echte Anreize dafür gibt es kaum. Auch neue Modi oder besonders anspruchsvolle Zusatzrätsel fehlen. Insgesamt gibt es fünf Städte mit jeweils sechs Leveln. Gleichzeitig ist genau diese Begrenzung natürlich Teil des Cozy-Konzepts. Is This Seat Taken? ist ein Spiel, das man durchspielt, in guter Erinnerung behält und vielleicht Freunden empfiehlt, die sonst wenig mit Puzzle-Games anfangen können. Und genau das möchte ich mit diesem Review auch tun.
Fazit
Is This Seat Taken? verwandelt alltägliche soziale Unsicherheiten in ein warmherziges, intelligentes Puzzle-Erlebnis. Mit seinem charmanten Grafikstil, den treffend beobachteten Eigenheiten seiner Figuren und der entspannten Spielstruktur ist es ein ideales Cozy Game für zwischendurch. Kleine Schwächen bei Komfortfunktionen und Abwechslung verhindern den ganz großen Wurf, doch als meditative Denksportaufgabe mit viel Herz funktioniert das Spiel hervorragend. Wer Freude an ruhigen Puzzles und fein beobachteten Alltagsmomenten hat, findet hier einen sehr angenehmen Platz.