RE 9
Test

Resident Evil Requiem

Von Jeremiah David am 10.03.2026

Resident Evil hatte eine Zeit lang ein Identitätsproblem. Die Entwickler schienen nicht zu wissen, in welche Richtung sie die Serie führen wollten. Die Teile 5 und 6 galten als zu action-lastig, während sich Teil 7 wieder am Survival-Horror der ersten Serienableger orientierte. Seit dem achten Teil „Village“ versucht Capcom brachiale Action und düsteren Horror miteinander zu kombinieren. In „Requiem“ geschieht dies, indem wir uns abwechselnd mit der jungen FBI-Agentin Grace Ashcroft durch gruselige Gemäuer schleichen oder uns mit Actionheld Leon S. Kennedy durch Zombiehorden ballern. Funktioniert das? Wir haben die PlayStation-5-Fassung für euch getestet.

Dr. Gideons lustige Experimente

Resident Evil Requiem spielt Jahrzehnte nach dem ersten Ausbruch des T-Virus in Raccoon City und zieht Spieler – egal ob Serienveteranen oder Neueinsteiger – schnell in seinen Bann. Der Anfang erinnert von der Aufmachung her fast ein wenig an David Finchers Thriller-Meisterwerk „Sieben“ und besticht mit einer regnerisch-schmutzigen, städtischen Kulisse. Im verlassenen Wrenwood Hotel wurde ein Mord begangen und Grace Ashcroft soll sich dort umsehen. Bei der Leiche handelt es sich lediglich um die letzte einer ganzen Mordserie. Kurioserweise waren alle Opfer beim „Vorfall“ in Raccoon City dabei. In Grace weckt außerdem allein der Name des Hotels unschöne Erinnerungen, denn vor acht Jahren wurde genau dort ihre Mutter umgebracht.

Nicht unweit von ihr ist derweil Leon Kennedy auf der Suche nach dem Wissenschaftler Victor Gideon, der einst für die fiese Umbrella Corporation arbeitete und jetzt in seinem Sanatorium zwielichtige Experimente durchführt. Gideon hat außerdem ein mehr als nur wachsames Auge auf Grace geworfen und hält ein eigenartiges, blindes Mädchen gefangen.

Die erste Hälfte des Spiels verbringen wir vorrangig in Gideons Sanatorium mit Grace, die zweite dann mit Leon in den Ruinen von Raccoon City. Beide Handlungsstränge werden unterhaltsam erzählt und überschneiden sich an einigen Stellen. Während Requiem inhaltlich noch immer genug serientypischen B-Movie-Trash mit grenzdebilen Dialogen bietet, ist die Geschichte nicht annähernd so dämlich wie in Teil 8, als Ethan Winters wortwörtlich Vampire und Werwölfe bekämpfen musste, um seine entführte Tochter in mehreren Einmachgläsern zu suchen. Das Ganze wirkt nun etwas – wohlgemerkt nicht viel – erwachsener.

Zwei Charaktere – zwei Spielstile

Ob wir uns in den zierlichen Schuhen von Grace oder stattdessen in den schweren Stiefeln von Leon durch die Level bewegen, wirkt sich sowohl auf die Atmosphäre des Spiels als auch auf das Gameplay aus. Obgleich Grace für das FBI arbeitet, ist sie als junge Agentin noch nicht mit allen Wassern gewaschen. In der Gegenwart von Zombies und ähnlichen Kreaturen verfällt sie rasch in Panik, kommt ins Stolpern, atmet schneller oder kreischt laut auf. Obwohl sie sich mit diversen Schuss- und Stichwaffen zur Wehr setzen kann, ist ihre Furcht deutlich spürbar – selbst dann, wenn wir in der Egoperspektive spielen, die für Grace standardmäßig eingestellt ist.

Für Leon wechselt die Kamera in eine Über-die-Schulter-Perspektive. Er ist seit seinen letzten Abenteuern in Raccoon City bzw. im spanischen Hinterland deutlich gealtert, aber körperlich noch immer fit genug, um als Ein-Mann-Armee in übertriebener Manier Gegner zu plätten. So dauert es etwa nicht lange, bis er im Sanatorium die ersten Zombies mit einer Kettensäge niedermäht. In der zweiten Hälfte des Spiels mutiert Requiem stellenweise fast zu einem reinrassigen Kriegsspiel. Zu diesem Zeitpunkt hat Leon längst ein Armband, das als "taktischer Tracker" Kampfdaten in Echtzeit auswertet. Konkret heißt das, dass wir für jeden erledigten Gegner Credits erhalten, die wir an Versorgungstruhen gegen Waffen oder Munition eintauschen können.

Mit Grace macht es dagegen Sinn, manchen Konfrontationen ganz aus dem Weg zu gehen. Ihre Nahkampfattacken – ein Messer vorausgesetzt – sind nicht so stark wie Leons und bestimmte Gegner erfordern zwangsläufig ein lautloses Vorgehen. Dafür kann sie aber, anders als Leon, Glasflaschen werfen, um beim Schleichen Gegner in die Irre zu führen. Die Szenen mit Grace sind atmosphärischer und nervenaufreibender als die actionlastigen Passagen mit Leon. Letztere setzen phasenweise mehr auf Masse statt Klasse, aber insgesamt sind auch diese hoch unterhaltsam und so sollten letztlich sowohl Grusel- als auch Actionfans mehr als zufrieden sein.

Innovation aus dem Reagenzglas

Trotz dieser unterschiedlichen Herangehensweisen vergisst Requiem nicht seine Wurzeln. Capcom besinnt sich auf die Tugenden, die Resident Evil einst groß gemacht haben und implementiert einige serientypischen Elemente mit einer fast schon nostalgischen Hingabe. Das Sanatorium erinnert stark an die Polizeistation aus Resident Evil 2 und kommt natürlich mit geheimen, unterirdischen Räumen daher. In diesen und anderen Gebieten dürfen allerlei Briefe gelesen, Items untersucht und Rätsel gelöst werden.

Gespeichert wird mit Grace an den ikonischen Schreibmaschinen, wobei Farbbänder - anders als in den früheren Serienablegern oder dem Resident-Evil-Klon Tormented Souls - nicht beziehungsweise nur in höheren Schwierigkeitsgraden nötig sind.

Auch das Ressourcen-Management bleibt fester Bestandteil des Gameplays. Das Auffinden und Kombinieren von grünen Kräutern zum Heilen von Wunden ist essenziell, aber die geringe Größe des Item-Menüs zwingt uns immer wieder, Gegenstände liegen zu lassen oder in einer Aufbewahrungsbox abzulegen. Mit Taschen kann die Größe des Inventars erweitert werden. Mit Dietrichen können zudem verschlossene Schubladen oder Spinde geöffnet werden, um Ressourcen zum Craften zu finden. Letzte dürfen mit Blut kombiniert werden, um allerlei Items herzustellen.

Blut? Richtig. Neu und spielerisch clever eingebunden sind Blutproben, die Grace von besiegten Mutanten oder an Tatorten entnehmen kann. Diese dienen als eine Art organisches Währungssystem. An Analyse-Stationen lassen sich diese Proben auswerten, um neue Crafting-Rezepte zu bekommen, mit denen wir beispielsweise mehr Munition oder Health-Items herstellen können.

Technik mit gewohnt hohem Niveau

Technisch zeigt die RE-Engine einmal mehr, was in ihr steckt, wobei es etwas schade ist, dass Ray-Tracing nur auf der PS5 Pro angeboten wird. In der von uns getesteten „Standard“-PS5-Version stehen keine unterschiedlichen Grafik-Modi zur Auswahl, nur diverse Optionen zum Anpassen der Helligkeit und der Steuerung. Requiem kommt aber so gut wie nie ins Stocken, ist frei von Bugs, und kann auch ohne Ray-Tracing grafisch absolut mit anderen AAA-Titeln mithalten. Reflexionen und Lichteffekte sind besonders gelungen. Das zeigt sich schon sehr früh, wenn Grace im Regen eine Straße hinabmarschiert und der nasse Asphalt überall Neonschilder und beleuchtete Schaufenster widerspiegelt. Auch die verwüsteten, staubigen Ruinen von Raccoon City sind hochatmosphärisch gestaltet und strotzen vor Details. Kleinere Probleme hat die Engine dagegen wie gehabt mit der Darstellung von Haaren, die sehr strähnig aussehen und sich physischen Gesetzmäßigkeiten gerne widersetzen, sowie mit der Darstellung von Bäumen oder Sträuchern, das ist aber Meckern auf hohem Niveau.

Auch die Akustik ist gelungen. Zwar kommt die musikalische Untermalung im Sanatorium eher dezent daher, dies unterstreicht jedoch zweifelsohne die düstere Atmosphäre. Später wird die Musik entsprechend der Action lauter und schneller. Auch die Sprachausgabe und die Umgebungsgeräusche sind erstklassig.

Resident Evil Requiem nutzt in der PS5-Fassung außerdem die diversen Möglichkeiten des DualSense-Controllers, indem es das haptische Feedback und die adaptiven Trigger in das Spielgeschehen einbindet. Wenn man beispielsweise eine Schatulle oder Werkzeugkiste findet, wird das Gefühl der darin klappernden Gegenstände durch Vibrationen und Geräusche des Controllers nachgeahmt. Zudem machen die Entwickler Gebrauch von den Lautsprechern des Controllers, wenn sich Leon über Funk mit seiner Partnerin Sherry in Verbindung setzt.

Für einen kompletten Durchgang solltet ihr etwa 15 bis 18 Stunden einplanen, wobei der erste Teil mit Grace durch das schleichlastige Vorgehen und den größeren Rätselanteil etwas mehr Zeit in Anspruch nimmt. Wer die Gesamtspielzeit noch strecken möchte, darf Waschbärstatuen und Talismane suchen oder optionalen Herausforderungen nachgehen, um Charaktermodelle im Hauptmenü freizuschalten. Ganz Hartgesottene können ihr Glück zudem bei einem zweiten Durchlauf auf dem knackigen Schwierigkeitsgrad „Albtraum“ auf die Probe stellen, in dem Speicher-Farbbänder wieder zur Mangelware werden, ein paar Rätsel abgeändert wurden und mehr Gegner auf Grace und Leon warten.

Fazit

Capcom ist das Kunststück gelungen, die Identitätskrise der vergangenen Jahre nicht nur zu beenden, sondern sie zum Spielprinzip zu erheben. Wer die nackte Angst und das methodische Ressourcen-Management der frühen Tage sucht, findet in Grace Ashcroft eine würdige und sehr sympathische neue Protagonistin. Wer hingegen den Adrenalinrausch der Ära nach dem vierten Teil vermisst hat, darf mit Leon S. Kennedy so befreit aufspielen wie seit Jahren nicht mehr. Außerdem ist es schön, dass die Geschichte zwar gewohnt trashige Züge trägt, aber deutlich fokussierter und atmosphärischer bleibt als die Eskapaden im rumänischen Dorf des Vorgängers. Requiem ist damit das beste Resident Evil seit langem.

Unsere Wertung:
9.0
Jeremiah David meint: "Requiem bietet eine gelungene Mischung aus blutrünstigem Survival-Horror und schneller Action, und ist damit das beste Resident Evil seit langem."
Resident Evil Requiem von Capcom erscheint am 27.02.2026 für PC und PlayStation 5 und Nintendo Switch 2 und Xbox Series. Wir haben die Version für PlayStation 5 getestet. Für diesen Test wurde uns ein Rezensionsexemplar von Capcom zur Verfügung gestellt.
Nur registrierte Benutzer können Kommentare verfassen. Jetzt registrieren