Test

TUNIC

Von Andreas Held am 13.07.2022

Abseits seiner großen Titel wie Forza oder Halo legt Microsoft in seinen zahlreichen Präsentationen immer wieder einen Fokus auf Indie-Titel, die nicht selten gleich zu ihrem Launch im Game Pass verfügbar sind. Das an Zelda und insbesondere an das Link's-Awakening-Remake von 2019 erinnernde TUNIC gehörte zu den absoluten Highlights dieser Segmente.

Ein Spiel (fast) ohne Text

Zu Beginn der Handlung erwacht die namen- und geschlechtslose Spielfigur, ein kleines Fuchswesen, an einem Strand. Auf ein Tutorial oder irgendeinen anderen Hinweis warten wir vergeblich, also machen wir uns eigenmächtig auf den Weg und kommen nach wenigen Metern an einer auffälligen, gelben Bodenplatte vorbei. Mit dieser könnten wir zu diesem Zeitpunkt theoretisch bereits interagieren - allerdings wissen wir noch nicht, wie, sodass wir nach einer kurzen Untersuchung des seltsamen Objekts weiterziehen müssen. Ein paar Meter weiter endet der Pfad und mündet in eine offene Spielwelt, wo wir den ersten vermeintlichen Hinweis finden: Ein kleines Schild. Dieses können wir allerdings nicht lesen, da es in einer Fantasiesprache mit frei erfundenen Schriftzeichen beschrieben ist. Immerhin befindet sich gleich neben dem Schild eine kleine Höhle, und weil das Alleinreisen gefährlich ist, gibt uns das Spiel an dieser Stelle einen Ast, mit dem wir die ersten Gegner verprügeln können.

Viel interessanter als der Stock ist ein Collectible, das in der Spielwelt in etwa aussieht wie eine weiß leuchtende, schwebende Spielkarte. Dabei handelt es sich um eine herausgerissene Seite der digitalen Spielanleitung. Die Entwickler - ein winziges Team aus Kanada, das noch nicht mal einen eigenen Namen hat - haben für TUNIC nämlich eine absolut liebevolle Begleitbroschüre gestaltet, wie sie früher einem SNES- oder N64-Titel beigelegen hätte, und diese in Bildform ins Spiel integriert. Mit der Zeit sammeln wir immer mehr Seiten des digitalen Handbuchs, die uns nicht nur die Spielmechaniken erklären, sondern auch Karten für die verschiedenen Gebiete bzw. Dungeons und Hinweise zum Lösen der vielen Rätsel des Spiels beinhalten. Der einzige große Haken: Auch diese Anleitung ist fast ausschließlich in der spieleigenen Fantasieschrift geschrieben, sodass Screenshots, Piktogramme und ein paar einzelne englische Wörter zum Verständnis ausreichen müssen.

Während sich die meisten modernen Videospiele wie Helikoptereltern verhalten, macht TUNIC also das genaue Gegenteil. Es gibt keine NPCs die uns sagen, wo wir als nächstes hingehen sollen, und erst recht keine Quest-Marker. Auch der digitale Spieleberater ist nicht immer hilfreich, sodass wir manchmal auf eigene Faust die Spielwelt erforschen und experimentieren müssen, um das nächste wichtige Item oder das nächste Gebiet zu finden. Dass dies niemals in frustrierende Suchaktionen ausartet, ist dem kompakten Design der Spielwelt zu verdanken: Alle Gebiete sind in sich abgeschlossen und grenzen an die zentrale Hub-World, in der wir nach dem ersten Spielstart erwachen. Somit ist TUNIC zwar durchaus knifflig, bleibt im Gegensatz zu so manchem JRPG aus der 8-Bit-Ära aber immer absolut fair.

A Link to the Souls

Dass TUNIC von vielen Quellen als "Zelda-Like" bezeichnet wird, liegt wohl vor allem an der visuellen Gestaltung des Spiels, die mit ihrer isometrischen Perspektive an die bekannte Nintendo-Serie erinnert. Einen ähnlichen Einfluss, den man angesichts der Knuddel-Optik nun wirklich nicht vermuten würde, hat ausgerechnet die Souls-Serie auf die Entwickler ausgeübt. Das bekannte Regelwerk wurde fast unverändert übernommen: Eine Rast an Checkpoints stellt eure Lebensenergie wieder her und füllt eure Heiltränke wieder auf, allerdings werden durch diese Aktion sämtliche Gegner wiederbelebt. Gleiches gilt beim Ableben der Spielfigur, das euch allerdings nicht wie gewohnt eure gesamte Ingame-Währung kostet, sondern nur einen eher symbolischen Betrag.

Während ihr zu Beginn nur den bereits erwähnten Stock und eine Ausweichrolle zur Verfügung habt, wird das Inventar schnell erweitert. Sehr früh erhaltet ihr ein Schwert und einen Schild; danach könnt ihr noch weitere versteckte Items finden, deren Einsatz Magiepunkte kostet, zum Beispiel eine Art Enterhaken oder einen Zauberstab, der Energiestrahlen verschießt. Damit seid ihr bereits gut gerüstet, und wer es sich noch etwas einfacher machen will, kann seine Gegner mit Bomben bewerfen oder weitere Heilungsitems benutzen, wenn die Tränke aufgebraucht sind. Trotz all dieser Möglichkeiten ist TUNIC eine Ecke schwieriger, als man es von den meisten modernen Videospielen gewohnt ist, allerdings ohne dabei auch nur annähernd so fordernd zu werden wie die Dark-Souls-Serie. Kleinere Gegner können euch in der Regel eher wenig anhaben, und die seltenen Bosse sind zwar ein ernstzunehmendes Hindernis, aber niemals eine Wand. Wer absolut keine Lust auf Game-Over-Bildschirme hat, darf auf einen eingebauten Unverwundbarkeits-Modus zurückgreifen.

Irreführende Knuddel-Optik

TUNIC hat einen wunderschönen Grafikstil, der an den Look des 2019 erschienenen Remakes von Link's Awakening erinnert. Die spielbare Hauptfigur und das Gegnerdesign unterstreichen die Knuddel-Optik, die TUNIC überhaupt nicht wie einen Vertreter des Soulslike-Genres aussehen lässt. Untermalt wird das Ganze von einem ruhigen und atmosphärischen, manchmal etwas verträumten Soundtrack, der euch gleich in den ersten Spielminuten in seinen Bann zieht. Dass die Optik aus rein technischer Sicht eher einfach gehalten sind, kann man verzeihen - umso ärgerlicher sind jedoch die technischen Probleme: Die Framerate ist zwar eigentlich stabil, aber selbst auf der Xbox Series X hat das Spiel vereinzelte Aussetzer, durch die es etwa eine halbe Sekunde lang einfriert. Während meines knapp 20 Stunden langen Spieldurchlaufs passierte das zwar insgesamt nur etwa fünf bis zehn Mal - einmal jedoch mitten während eines brenzligen Kampfs, als ich kaum mehr Lebensenergie hatte und kurz vor dem nächsten Checkpoint stand.

Trotz der niedlichen Optik und des eher moderaten Kampf-Schwierigkeitsgrad ist TUNIC in keinster Weise ein Spiel, das sich an eine jüngere Zielgruppe richtet. Das wird vor allem deutlich, wenn ihr am Ende des Spiels nicht einfach zum letzten Boss geht, sondern stattdessen versucht, der Spielwelt einige ihrer Geheimnisse zu entlocken. Und hier sitze ich als Tester nun etwas in der Zwickmühle. Das Spiel entfaltet erst in dieser Phase auf absolut geniale Art und Weise sein volles Potential, und ich würde euch liebend gerne mehr darüber verraten, möchte aber gleichzeitig eure eigene Spielerfahrung nicht beeinträchtigen. Daher nur soviel: Auf der Suche nach Collectibles war ich mehrere Nächte lang vor der Konsole gefesselt, habe mehrere Notizzettel vollgeschrieben und wurde am Ende mit dem größten Erfolgserlebnis belohnt, das ich jemals durch ein Videospiel erfahren habe. Doch selbst zu diesem Zeitpunkt kratzte ich bestenfalls an der Spitze des Eisbergs: Offenbar ist es möglich, die Fantasiesprache des Spiels ins Englische zu übersetzen und auf diese Weise noch viele weitere Geheimnisse zu lüften. Dazu muss man jedoch wesentlich intelligenter sein als ich.

Fazit:

Videospiele sind heutzutage zu riesigen Projekten geworden, die von gigantischen Teams in jahrelanger Arbeit aufgezogen werden. Doch selbst mit ihren millionenschweren Entwicklungsbudgets haben diese AAA-Releases in den letzten Jahren nicht annähernd das fertiggebracht, was ein winziges Team aus Kanada nun geschafft hat: Mir dieselbe Spielfreude zu bereiten, die ich als Kind und Jugendlicher durch Titel auf dem SNES oder dem Gamecube empfunden habe. TUNIC entspricht ziemlich genau meiner Vorstellung des perfekten Videospiels: Es zeigt, dass ein Soulslike auch ohne eine düstere Atmosphäre auskommen kann und den Schwierigkeitsgrad nicht unbedingt bis zum Maximum aufdrehen muss. Durch Assistenzfeatures wie den Unverwundbarkeitsmodus ist es für alle Spielertypen zugänglich, ohne dabei irgendjemanden auszugrenzen, der sich eine Herausforderung wünscht. Die abschließende Suche nach den vielen versteckten Secrets, die mich fast so lange beschäftigte wie der komplette Rest des Spiels, brachte das ohnehin schon herausragend gute Spiel dann zu einem wirklich einzigartigen und unvergesslichen Abschluss. Wer ein Game-Pass-Abo hat, sollte sich TUNIC unbedingt herunterladen. Und alle anderen sollten dem Spiel auf jeden Fall eine Chance geben, sofern sie keine völlige Abneigung gegen Puzzles und das Lösen von Rätseln haben.

Unsere Wertung:
9.5
Andreas Held meint: "TUNIC ist - für mich persönlich - das beste Spiel der letzten fünf Jahre. Mindestens."
TUNIC von TUNIC Team erscheint am 16.03.2022 für PC und XBox One und XBox Series. Wir haben die Version für XBox Series getestet. Für diesen Test wurde uns ein Rezensionsexemplar von Finji zur Verfügung gestellt.
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2 Kommentare:
Terry)
Terry
Am 17.07. um 20:05
Sehr schöner Test, danke dafür. Weiß zwar nicht, ob ich dieselbe Faszination für den Titel ausstrahlen werde, aber bin zumindest seeeehr neugierig geworden und will es mal spielen.
Tobsen)
Tobsen
Am 18.07. um 07:07
Ich habe mir das Spiel auch schon auf meine PS5-Wishlist getan. Mal sehen, wann ich dazu komme, es anzugehen.