Test

Rogue Legacy 2

Von Andreas Held am 12.05.2022

Ihr mögt das Gameplay von Spielen wie Dead Cells oder Enter the Gungeon, aber aufgrund der Permadeath-Mechanik werden sie euch schnell zu frustrierend? Mit dieser Meinung seid ihr definitiv nicht allein, was der Indie-Entwickler Cellar Door Games schon vor fast 10 Jahren verstanden hat. Das Studio veröffentlichte damals den Roguelite-Platformer Rogue Legacy, der wie kein anderes Spiel aus seinem Genre auf permanenten Fortschritt setzte. Jeder einzelne Run, sofern er denn nicht völlig verkorkst war, verschaffte euch permanente Status-Boni, die euch dem Abspann ein kleines Stück näher brachten. Auch war es nicht nötig, nach dem Ableben einer Figur das komplette Spiel von vorne zu beginnen: Tote Bosse blieben für immer besiegt, sodass die Startgebiete später übersprungen werden durften. Nun hat Cellar Door Games den Nachfolger seines Roguelites aus der Early-Access-Phase entlassen, und siehe da: Alle Elemente des Erstlings wurden beibehalten und massiv erweitert.

Sir Bob, der Baumeister

Auf eine Story wird in Rogue Legacy 2 weitgehend verzichtet. Stattdessen werdet ihr in Gestalt eines stummen Ritters in ein Schloss geschmissen und durchquert in bester Action-Platformer-Manier ein paar Räume, besiegt Gegner und findet vielleicht sogar das ein oder andere Upgrade, bis euer erster Charakter unweigerlich ins Gras beißt. Anschließend wählt ihr einen von drei Nachkommen des Ritters aus und vererbt ihm bzw. ihr sämtliches Gold, das ihr bei eurem ersten Run gesammelt habt. Damit könnt ihr den Grundstein für euer eigenes Anwesen legen, vielleicht sogar noch eine Rüstung oder einen Helm kaufen und anschließend leicht gestärkt den nächsten Run starten - der ebenfalls mit dem Tod der Spielfigur endet. Dieser Kreislauf wiederholt sich dann noch mehrere dutzend und wahrscheinlich sogar mehrere hundert Male, bis ihr irgendwann den Abspann zu Gesicht bekommt. Selbst dann ist das Spiel aber noch lange nicht zu Ende, denn ihr könnt euer Bauwerk in einen New-Game-Plus-Modus mitnehmen und dort noch weiter verstärken, um gegen die mit jedem Reset immer stärker werdenden Gegner zu bestehen.

Jede Erweiterung, die ihr eurem Anwesen hinzufügt, verschafft euch Zugang zu irgendeinem permanenten Upgrade. Diese gehen weit über simple Status-Boosts hinaus: Manche schalten neue Charakterklassen frei oder geben euch für weitere Spieldurchgänge einen Gold-Bonus. Alternativ könnt ihr auch bei den in der Nähe wohnenden NPCs neue Ausrüstungsgegenstände kaufen, sofern ihr nicht nur etwas Gold, sondern auch die dafür nötigen Materialien im Dungeon gefunden habt. Darüber hinaus lassen sich im späteren Spielverlauf Teleporter freischalten, sodass ihr frühere Gebiete auf Wunsch überspringen könnt. Jedes besiegte Monster gibt euch ein paar Erfahrungspunkte für die Charakterklasse, mit der ihr gerade spielt - die durch das Aufleveln freigespielten Upgrades wirken sich danach jedoch auf sämtliche Charaktere aus, selbst wenn sie einer anderen Klasse angehören. Anders ausgedrückt: Rogue Legacy 2 bietet euch eine ganze Sammlung von RPG-Systemen, mit denen eure Charaktere nach jedem Durchlauf ein kleines bisschen stärker werden. Wer wirklich jedes Upgrade freischalten will, dürfte locker auf eine Spielzeit von über 100 Stunden kommen.

Lady Lisa III, die vegane Piratin mit Ninja-Fähigkeiten

Damit das Spiel in dieser Zeit nicht langweilig wird, werden die zufallsgenerierten Charaktere, aus denen ihr nach dem Ableben einer Spielfigur euren nächsten Avatar wählen dürft, mit allen möglichen individuellen Eigenheiten ausgestattet. Je nach Klasse verfügen sie über eine individuelle Waffe - hier können neben Schwertern und Äxten auch Magie- oder Distanzwaffen dabei sein. Dazu erhaltet ihr eine klassenspezifische Spezialfähigkeit und einen zufälligen Zauberspruch, sodass ihr z.B. Ausweichrollen durchführen und obendrein Feuerbälle verschießen könnt. Der wirkliche Clou sind jedoch die zufälligen Attribute, von denen die meisten Charaktere ein bis zwei Stück erhalten. Manche sind hilfreich, einige einfach nur ein Scherz der Entwickler und wieder andere können euren nächsten Durchlauf massiv erschweren, werden dafür aber auch mit einem Gold-Bonus belohnt. Ein paar Beispiele: Veganer nehmen Schaden, wenn sie ein fleischhaltiges Heilungsitem aufsammeln wollen. Pazifisten tragen anstatt einer Waffe ein Schild mit einem Peace-Zeichen - und können grundsätzlich keinen Schaden anrichten. Leidet eure Spielfigur hingegen am Reizdarmsyndrom, muss sie ständig furzen.

Doch egal mit welcher Klasse: Rogue Legacy spielt sich immer absolut flott und flüssig, da ihr ein beachtliches Moveset habt, das ihr mit der hervorragend guten Steuerung immer präzise umsetzen könnt. Ähnlich wie in The Messenger können sich eure Figuren an bestimmten Objekten oder sogar an Gegnern und deren Projektilen abstoßen und dadurch längere Zeit in der Luft bleiben. Ihr wollt euch mit einem Bogenschützen über eine Laterne zum ersten Stock eines Hauses katapultieren, die Tür eintreten, hindurchfliegen, und dann in der Luft schwebend einen Pfeil auf den Gegner im Erdgeschoss abschießen, ohne zwischendurch den Boden zu berühren? Solche Manöver sind in Rogue Legacy 2 keine Ausnahme, sondern gehören irgendwann zu eurem Standard-Repertoire. Im Lauf des Spiels lernt ihr immer neue Manöver, die zum Weiterkommen in den späteren Gebieten absolut notwendig sind, was dem Roguelite einen leichten Metroidvania-Einschlag verleiht. Natürlich bleiben auch diese Upgrades dauerhaft in eurem Inventar, wenn sie einmal freigeschaltet sind.

Sir Joe, der Gelegenheitsspieler

Wie eingangs erwähnt setzt Rogue Legacy deutlich mehr auf Zugänglichkeit und Inklusion als andere Roguelikes. Da unsere Charaktere mit fast jedem Run etwas stärker werden, ist es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis sich auch der stärkste Endgegner geschlagen geben muss. Zumindest im ersten Spieldurchlauf wird jeder Aspekt, der auch erfahrene Videospiele-Fans vor eine echte Herausforderung stellen könnte, mit irgendeiner Hintertür versehen, durch die sich der Schwierigkeitsgrad aushebeln lässt, sofern ihr denn genug Zeit investiert. Auch die Einstellungen unter dem Menüpunkt "Hausregeln" bestätigen diesen Ansatz: Hier findet ihr viele zuschaltbare Assistenzfeatures, mit denen sich der Schwierigkeitsgrad fast auf Null senken lässt - aber nur rudimentäre Möglichkeiten, das Spiel etwas schwieriger zu gestalten.

Ob sich mit diesem Ansatz wirklich eine breite Masse an Gelegenheitsspielern ködern lässt, ist allerdings sehr fraglich, denn Rogue Legacy 2 ist definitiv nicht auf schnelle Erfolgserlebnisse ausgelegt. Upgrades werden sehr schnell sehr teuer, sodass ihr auch nach längeren und eigentlich sehr guten Runs nur marginal stärker werdet. Der größte Bremsklotz auf dem Weg zum Abspann sind die Endgegner, die in der Regel noch einige Helfer beschwören und somit für gehöriges Chaos sorgen, das selbst die begabtesten Gamer kaum überstehen werden, ohne ständig Schaden zu nehmen. Somit solltet ihr für den ersten Durchlauf mindestens 30 Stunden einplanen - und ein Großteil dieser Spielzeit geht dafür drauf, jede Menge Gold und Upgrade-Materialien zu ergrinden, um gegen die überdrehten Endgegner überhaupt eine Chance zu haben. Wer danach noch im New-Game-Plus-Modus weitermacht und das Spiel zu 100% beenden will, hat vermutlich bis Ende des Jahres zu tun.

Die lange Early-Access-Phase haben Cellar Door Games hervorragend genutzt, um sämtliche Ecken und Kanten vor dem offiziellen Release auszumerzen. Trotz der unzähligen Kombinationsmöglichkeiten, die durch die Zufallsgenerierung der Spielwelt entstehen, ist mir bei meinem Test noch nicht einmal so etwas ähnliches wie ein Bug begegnet. Darüber hinaus läuft die Steam-Version selbst auf meiner fast vier Jahre alten Gaming-Hardware absolut flüssig in 4K und 60 FPS über den Bildschirm, was auch für Titel mit einer vermeintlich einfachen 2D-Optik keine Selbstverständlichkeit ist. Neben der Steuerung ist der Soundtrack sehr positiv aufgefallen, der stellenweise ein wenig an Dead Cells erinnert.

FAZIT:

Nachdem sich der erste Teil trotz seines guten Gameplays noch wie ein Experiment eines kleinen Indie-Entwicklers anfühlte (Cellar Door Games waren zu diesem Zeitpunkt für Flash-Games wie "Don't Shit Your Pants" oder "My First Quantum Translocator" bekannt), hat das Studio die Erfahrungen und die Gewinne aus dem ersten Teil hervorragend genutzt und mit Rogue Legacy 2 einen Titel abgeliefert, der zu den besten Spielen seiner Klasse gezählt werden darf. Durch den oft klamaukhaften Humor und das Fehlen einer echten Story wird zwar nicht die Immersion von CrossCode oder Hollow Knight erreicht, aber das Gameplay und vor allem der Umfang von Rogue Legacy 2 müssen sich definitiv nicht hinter diesen Genregrößen verstecken. Die genretypische, aber oft demotivierende Permadeath-Mechanik weicht einem gigantischen Upgrade-System, das euch zwar stetiger, aber nicht unbedingt schneller zum Sieg über den nächsten Endgegner führt. Absolute Herausforderungs-Junkies könnten vielleicht monieren, dass ihnen Rogue Legacy 2 zu viele Hintertüren offen lässt, durch die sich viele der größten Hindernisse nach einiger Zeit umgehen lassen. Trotzdem dürfte fast jeder, der Spaß an Action-Platformern hat und in RPGs gerne seine Charaktere ins Unermessliche auflevelt, jede Menge Freude mit dem Roguelite haben. Rogue Legacy 2 kostet nicht mal ein Drittel von dem, was aktuelle Vollpreis-Spiele kosten, und bietet euch trotzdem ein Vielfaches an Umfang.

Unsere Wertung:
9.0
Andreas Held meint: "Rogue Legacy 2 ist in seiner Preisklasse absolut herausragend."
Rogue Legacy 2 von Cellar Door Games erscheint am 28.04.2022 für PC und XBox One und XBox Series. Wir haben die Version für PC getestet. Für diesen Test wurde uns ein Rezensionsexemplar von Cellar Door Games zur Verfügung gestellt.
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1 Kommentar:
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2null3
Am 13.05. um 11:03
Danke für den Test. Kommt auf die Liste. :)