Test

Kirby und das Vergessene Land

Von Nico Zurheide am 13.04.2022

Am 27. April 1992 erschien Kirby's Dream Land für den Game Boy in Japan. Auf der Packung des schwarz-weißen Jump'n'Runs war die berühmte Knutschkugel noch weiß, das änderte sich aber schon im nächsten Jahr mit dem Release von Kirby's Adventure auf dem NES. Seitdem sind knapp 30 Jahre vergangen und viele Spiele mit Kirby in der Hauptrolle erschienen - Kirby und das Vergessene Land ist bereits das siebzehnte Spiel der Hauptreihe. Gleichzeitig ist es aber auch das erste 3D-Spiel besagter Reihe und erst das dritte Kirbyspiel in 3D überhaupt. Dieser Wechsel stellte die Entwickler von HAL Laboratory vor einige Herausforderungen, hat sich letztendlich aber definitiv gelohnt.

Planet Erde statt Planet Pop

Die zusätzliche Dimension im Spiel ist für die Kirby-Reihe sicherlich ein größerer Schritt als für andere Spielreihen. Immerhin war es schon immer das erklärte Ziel der Entwickler, Kirby für unerfahrene Spieler zugänglich zu machen, dabei aber auch erfahrenen Zockern eine optionale Herausforderung zu bieten. Diese Zugänglichkeit ist freilich in einem 3D-Spiel etwas schwieriger zu erreichen, weil die Bewegung in einer dreidimensionalen Umgebung deutlich komplexer ist als jene in einem 2D-Platformer. Dieses Problem konnte HAL aber souverän lösen - Kirby und das Vergessene Land ist zwar kein besonders schwieriges Spiel, langweilte uns durch einen durchaus vorhandenen Schwierigkeitsgrad aber auch nicht zu Tode. 

Dabei können wir uns das Spiel als eine Mischung aus Super Mario Odyssey und 3D World vorstellen, die von HAL als Kirbyspiel interpretiert wurde. Die jeweils fünf bis sechs Level der sechs Welten sind über eine recht klassische Overworld anzusteuern. Anders als in 3D World passen die Level und die Welten aber thematisch zueinander, so sind in der Eiswelt beispielsweise auch nur zugefrorene Level zu finden. Der Aufbau der Level an sich orientiert sich dann aber wieder stark an 3D World: Jede Stage ist ein fünf bis 15 Minuten langer Parkours, der euch sehr schlauchartig durch verschiedene und immer komplexere Challenges führt. Anders als beim bärtigen Vorbild werden die Gameplay-Mechaniken hier aber auch über die Levelgrenzen hinaus des Öfteren wiederholt und in verschiedenen Umgebungen ausprobiert. Abseits des offensichtlichen Pfades sind die Level aber mit liebevollen Details und vielen versteckten Items vollgestopft, sodass sich die Erkundung durchaus lohnt. Neben den Sternmünzen, die die Ingame-Währung darstellen, lassen sich Kapseln mit Sammelfiguren, Blaupausen, Heilitems und natürlich Waddle Dees finden, sodass das Spiel ein Stück weit als Collectathon angesehen werden kann.

Von Super Mario 3D World leiht sich das neue Kirbyspiel also die Overworld, die schlauchigen Level, die kreativen Bosse und das generelle Spieldesign. Doch wo bleibt Odyssey in dieser Rechnung? Offensichtlich haben die Entwickler beider Spiele eine ähnliche Anweisung bekommen, nämlich mit alten Konventionen zu brechen und erst einmal keine Idee zu verwerfen, sei sie auch noch so abwegig. Kirby und das Vergessene Land spielt nicht auf dem altbekannten Planet Pop, durch einen Riss sind Kirby und die Waddle Dees nämlich auf die Erde gesogen worden. Diese präsentiert sich typisch abwechslungsreich, aber auch mit eindeutig postapokalyptischen Umgebungen. Überwucherte Städte, heruntergekommene Ruinen und verlassene Gebäude und Parks bilden das Grundgerüst jedes Levels. Stellt euch vor, New Donk City wäre von allen Menschen verlassen und völlig von Pflanzen überwuchert. Die Spuren menschlichen Lebens sind dabei natürlich noch überall zu sehen und damit wären wir auch schon beim großen neuen Feature dieses Kirbyspiels.

Man spricht nicht mit vollem Mund

Die rosa Kugel macht hier nämlich das Maul ganz weit auf und kann verschiedene große Objekte in den Mund nehmen, um deren Funktionen zu übernehmen. Mit einem Auto im Mund fahren wir Rennen, ein Pylon lässt uns Stampfattacken ausführen, mit dem Getränkeautomat verschießen wir reihenweise Dosen, der Ring kann Luftstöße verschießen, mit der Treppe plätten wir Gegner und gelangen auf höhere Plattformen... Die vielen verschiedenen Objekte werden hier immer wieder kreativ eingesetzt, um entweder Gegner zu bekämpfen, Platforming-Challenges zu absolvieren oder kleine Rätsel zu lösen. Die bereits genannten Gegenstände sind dabei etwas komplexer und werden dementsprechend auch öfter eingesetzt, als zum Beispiel ein Torbogen, eine Röhre, ein Aktenschrank, ein Wassertank oder eine Glühbirne. Prinzipiell ist also nichts mehr vor Kirby sicher, wodurch sich bis zum Schluss eine gewisse Neugier hält, was die kleine Kugel denn noch alles umstülpen kann.

Ganz bewusst habe ich übrigens darauf geachtet, dass ich in Bezug auf diese Objekte nicht "verschlucken" schreibe, weil Kirby die Gegenstände im Vollstopf-Modus wirklich nur in den Mund nimmt. Sein Signature Move ist immer noch den kleineren Gegnern vorbehalten, die Kirby reihenweise verschluckt, um deren Fähigkeiten zu erlangen. Von diesen normalen Fähigkeiten gibt es in diesem Spiel zwölf, was erstmal wie ein Rückschritt zu den Vorgängerspielen wirken könnte. Tatsächlich aber lässt sich jede Fähigkeit durch das Finden der gut versteckten Blaupausen mehrmals aufwerten, sodass sie nicht nur stärker und schneller wird, sondern auch noch zusätzliche Effekte verpasst bekommt. Nehmen wir den Vollstopf-Modus noch dazu, gibt es hier mehr als genug Abwechslung an verschiedenen Fähigkeiten für Kirby. Diese Fähigkeiten, die teilweise bereits aus älteren Titeln bekannt sind, funktionieren auch in 3D hervorragend und sind im Grunde selbsterklärend. Dabei hilft es natürlich, dass das Einsaugen und das Einsetzen der Fähigkeiten stets mit dem B-Knopf ausgeführt wird. So können wir mit jeder neuen Eigenschaft direkt losspielen - das Spiel verzichtet ganz generell auf Tutorials, von einigen kurzen Einblendungen abgesehen.

Das konnte HAL aber auch dadurch bewerkstelligen, dass es in jeder Welt kleine Abschnitte gibt, die sich jeweils auf eine einzelne Fähigkeit konzentrieren. In den kurzen Challenges lernen wir einerseits die Grundzüge der Fähigkeiten oder Objekte des Vollstopf-Modus, andererseits werden uns hier auch immer wieder versteckte Attacken und Fertigkeiten nähergebracht. Dazu gibt es in diesen Leveln ein Zeitlimit, wobei wir für ein besonders schnelles Abschließen mit zusätzlichen Sternmünzen belohnt werden. Der Schwierigkeitsgrad dieser Sublevel nimmt im fortlaufenden Spiel immer weiter zu und schlägt damit die Richtung ein, die das gesamte Spiel vorgibt. Davon ab sind die Welten an sich auch so designt, dass sie eine natürliche Lernkurve fördern. Die ersten beiden Welten sind eindeutig als Einführung des Settings, des Gameplays und der Fähigkeiten gedacht. Die dritte Welt führt mehr Kreativität ein, die Welten 4 und 5 werden dann größer und komplexer und machen Lust auf mehr, bevor in der sechsten Welt alles zusammengeführt wird. Im Postgame steigt der Schwierigkeitsgrad dann spürbar und Fans der Serie werden mit Easter Eggs und Gastauftritten belohnt. 

Es ist nicht alles rund, was rosa ist

Zu Beginn der Story werden übrigens die auf der Erde gelandeten Waddle Dees in Käfige gesperrt und verschleppt. Zusammen mit der kleinen Elfilin macht sich Kirby daraufhin auf, seine Freunde zu retten. Dabei dient die frisch gegründete Waddle-Dee-Stadt als Basis für Kirby; die Stadt wird mit jedem geretteten Waddle Dee etwas lebhafter und nach und nach um neue Gebäude erweitert. So werden neben einer Werkstatt zur Verbesserung der Fähigkeiten auch ein Kolosseum für das Wiederholen von Bosskämpfen, ein Itemshop und drei Minispiele freigeschaltet, die zwischen den Leveln für Abwechslung sorgen und uns bei erfolgreichem Abschluss mit Sternmünzen belohnen. Auch Kirby bekommt ein eigenes Häuschen gebaut, in dem er sein Leben bei einem Nickerchen regenerieren kann. Hier ist auch ein Buch zu finden, das vergangene Titel der Kirby-Reihe kurz vorstellt. Diese Chronik reicht aber nur bis zum 3DS zurück, was angesichts des 30. Jubiläums der Serie etwas unverständlich ist. Hier hat HAL eine Gelegenheit verpasst, die rosa Kugel ausgiebig zu feiern. Sega beispielsweise hätte an dieser Stelle sicherlich einige ältere Titel als Vollversion mit in das neue Spiel gepackt.

Eine weitere Neuerung gibt es beim Kampfsystem, wobei hier sicherlich Super Smash Bros. als Vorbild gedient hat. Kirby kann nämlich mit einem Druck auf die Schultertasten blocken, halten wir den Block gedrückt können wir außerdem in jede beliebige Richtung ausweichen. Diese beiden Moves bereichern das komplette Kampfsystem auf eine unvorhergesehene Art und Weise, denn gut platzierte Ausweichrollen belohnen uns für einen kurzen Augenblick mit einer Slow-Motion-Sequenz, in der wir unserem Gegner gut zusetzen können. Diese Technik ist vor allem in den späteren optionalen Challenges unverzichtbar und zeigt, dass Kirby mehr kann als einfach nur alles einzusaugen. 

Leider ist die Qualität des Gameplays, des Kampfsystems und der Waddle-Dee-Stadt nicht in allen Aspekten des Spiels zu spüren. Da wäre zum einen der von Nintendo prominent angeworbene Koopmodus, in dem ein zweiter Spieler in die Rolle von Bandana Waddle Dee schlüpft. Dieser besitzt einen Speer, der analog zum Level von Kirbys aktueller Fähigkeit stärker wird. Der Koopmodus macht allerdings nicht wirklich Spaß, da der zweite Spieler eben immer nur eine Waffe besitzt und sich auch nicht aus dem Bildschirm heraus bewegen kann - die Kamera ist immer auf Kirby fokussiert. Eine einfache Lösung wäre ein dynamischer Splitscreen oder wenigstens eine etwas freiere Kamera gewesen. Dazu spricht im Grunde nichts dagegen, dass auch der zweite Spieler einen Kirby kontrolliert, es gibt schließlich noch andere Farben als rosa.

Die zahlreich vorhandenen Minibosse wiederholen sich immer wieder, später im Spiel müssen wir dann auch mal zwei von ihnen gleichzeitig besiegen. Auch die normalen Gegner wiederholen sich leider sehr oft, dazu werden sie im Verlauf des Spiels auch nicht wirklich gefährlicher, eher im Gegenteil. Hier hätten wir uns etwas mehr Herausforderung und deutlich mehr Varianz gewünscht. Letzteres gilt zu Beginn des Spiels auch für den Soundtrack, der vor allem in der ersten Welt nicht besonders abwechslungsreich daherkommt. Die Musik wird aber tatsächlich immer stärker, sodass der Soundtrack letztendlich von nerviger Dudelei in Dauerschleife bis hin zu wunderbar abenteuerlichen Melodien reicht, die direkt aus Super Mario Galaxy stammen könnten. Immer wieder fängt die Musik das Geschehen auch thematisch passend ein, oft wirkt das Gedudel aber auch befremdlich losgelöst vom Gesehenen. Zu dieser Entkopplung passt auch, dass die Entwickler es offensichtlich vergessen haben, Soundeffekte in die Zwischensequenzen einzubauen - dementsprechend langweilig sind die Cutscenes des Spiels. Auch technisch wäre mehr drin gewesen, denn Objekte im Hintergrund bewegen sich mit deutlich geringeren fps als das Spiel, das aber immerhin flüssig mit 30 Bildern pro Sekunde läuft. 

Fazit

Das erste echte Abenteuer von Kirby in 3D bietet uns schöne und thematisch aufeinander abgestimmte Welten, ein erstaunlich komplexes Kampfsystem und wunderbar konsistentes Gamedesign. Wenn ein Spiel eine gut gelungene Mischung aus Super Mario Odyssey und Super Mario 3D World ist, dann ist das sicherlich schon Lob genug und sollte für viele Switch-Besitzer ein Grund sein, sich den 3D-Platformer schleunigst zuzulegen. Dazu gibt es hier ein Postgame voller Easter Eggs und mit einem erstaunlich hohen Schwierigkeitsgrad, den das Hauptspiel allerdings nicht liefern kann. Das macht aber nichts, denn die Liebe zum Detail können wir jeder Ecke dieses Spiels ansehen. Demgegenüber steht allerdings ein nur halbherzig umgesetzter Koopmodus, eine geringe Abwechslung bei den Gegnern und einige technische Limitationen. Als große Feierlichkeit zum 30. Geburtstag von Kirby hätte HAL sicherlich noch mehr liefern können, doch als fröhlicher und spaßiger Platformer kann Kirby und das Vergessene Land allemal überzeugen.

Unsere Wertung:
8.5
Nico Zurheide meint: "Kirbys Debut in 3D ist ein Feel-Good-Abenteuer mit hervorragendem Gameplay."
Kirby und das Vergessene Land von HAL Laboratory erscheint am 25.03.2022 für Nintendo Switch. Wir haben die Version für Nintendo Switch getestet. Für diesen Test wurde uns ein Rezensionsexemplar von Nintendo zur Verfügung gestellt.
Nur registrierte Benutzer können Kommentare verfassen. Jetzt registrieren
3 Kommentare:
Terry)
Terry
Am 13.04. um 12:34
Schöner Test! wird auf jedenfall auch noch geholt und gespielt :)
Denios)
Denios
Am 13.04. um 17:01
Wenn ich die Zeit hätte, wäre das wohl ein day one für mich gewesen, war vor 20 Jahren ein recht großer Kirby Fan und finde es cool, dass es endlich ein 3D Abenteuer gibt :D aber aus dem JRPG Sumpf komme ich nicht mehr raus
Tobsen)
Tobsen
Am 14.04. um 21:12
Sehr schöner Test! Meine persönliche Kirby-Zeit ist wie bei Denios leider auch vorüber. Aber es ist schön zu sehen, dass Nintendo Kirby noch mit Qualität versorgt.