Test

Tiny Tina's Wonderlands

Von Robert Emrich am 07.04.2022

13 Jahre ist es her, seit Gearbox uns das erste mal in die wahnwitzigen Welten der Borderlands entführte und das Universum des Loot-Shooters mit dem derben Humor und der charakteristischen Comic-Optik ist seitdem stetig gewachsen. Vier Haupttitel und diverse mehr oder weniger erfolgreiche Spin-Offs sind alleine bis 2019 erschienen und sie alle behandelten das Thema der intergalaktischen Jagd nach den legendären Schatzkammern wiederholt und durchaus gründlich. Die Überlegung, dass da ein wenig Abwechslung (freilich ohne dabei die Fans vor den Kopf zu stoßen) sicherlich nicht schaden könnte, ergibt durchaus Sinn. Und so präsentiert uns das Studio jetzt mit Tiny Tina’s Wonderlands ein im besten Sinne leicht widersprüchliches Spiel, das zwar perfekt in die Reihe passt, sich aber trotzdem nur schwer einordnen lässt. Warum das so ist und ob der Titel trotzdem der Qualität der bisherigen Serie gerecht werden kann, erfahrt ihr hier.

Bunkers & Badasses

Es ist nicht das erste mal, dass Tiny Tina, einer der beliebteren Nebencharaktere des Borderlands-Universums, zu einer gepflegten Runde Pen-&-Paper-Rollenspiel einlädt. Bereits 2013 durftet ihr im DLC “Tiny Tinas Sturm auf die Drachenfestung” an der Seite der jugendlichen Sprengmeisterin “Bunkers & Badasses” (das Gegenstück zum realen Rollenspiel “Dungeons & Dragons”) spielen und damit in virtuell-virtuelle Welten abtauchen. Jetzt ist es Zeit für Runde zwei und wieder schlüpft ihr die Rolle eines namenlosen Borderlands-Charakters, beziehungsweise die seines Rollenspiel-Avatars, was zu der philosophischen Frage einlädt, welchen der Charaktere und welches der Spiele ihr gerade tatsächlich spielt. Eure Überlegungen sind als Kommentar immer willkommen, während wir uns weiter mit der Geschichte des Titels befassen.

Als zunächst eher unbedeutender Abenteurer, der sich aber bereits am Anfang des Spiels als der legendäre Schicksalsbringer entpuppt, macht ihr euch in den von Tina erdachten Wunderlanden auf den Weg, um dem bösen Dragon Lord das Handwerk zu legen. Der bedroht nämlich das Königreich der Königin Ar***gaul und überfällt die armen Einwohner regelmäßig mit seiner aus Skeletten, Zombies und anderen Monstern bestehenden Armee. An eurer Seite sind eure Mitspieler Valentine und Frette, deren Charaktere aber die meiste Zeit über durch Abwesenheit glänzen, während Tina als Spielleiterin die Welt gestaltet und diese gerne auch mal mitten im Geschehen komplett umbaut oder an die Gegebenheiten anpasst. So wird zum Beispiel im frühen Verlauf ein jüngst von euch zerstörtes Katapult durch die göttliche Intervention der Spielleitung wieder in die Welt gebracht, weil eure Mitspieler es witzig finden würden, wenn ihr euch damit über einen Graben schießt.

An anderer Stelle wird ein friedlicher Wald in einen Sumpf verwandelt, um bedrohlicher zu wirken und auch sonst ist die Realität der Wunderlande auf Gedeih und Verderb dem Willen ihrer Schöpferin ausgeliefert. All das führt nicht selten zu unterhaltsamen Diskussionen zwischen Tina und euren Begleitern und auch der vollkommen imaginäre Dragon Lord, der genau genommen durch keinen Spieler vertreten wird, kommentiert regelmäßig das aktuelle Geschehen. Dass er euch dabei oft direkt anspricht und damit die vierte Wand zwischen euch, eurem Borderlands-Charakter sowie dessen Rollenspiel-Avatar durchbricht, ist ein Beweis für die überdurchschnittliche Freiheit, die die Autoren des Titels gehabt haben müssen. Viele Ideen und Handlungselemente sind viel zu albern oder unglaubwürdig, um in einem regulären Spiel überzeugen zu können. In der Fantasiewelt von Tina, die als fiktiver Charakter ja selber in einer Fantasiewelt lebt, funktionieren aber auch die abgefahrensten Ideen der Gamedesigner, sodass euch regelmäßig ein ganzes Feuerwerk an Verrücktheiten erwartet, die bei uns nicht selten zu hysterischen Lachanfällen geführt haben.

So unterhält die Story der etwa 15 Stunden langen Haupthandlung sehr gut und die neue Spielwelt in der es zur Abwechslung mal nicht um die Jagd nach Schatzkammern geht, bringt der Reihe einen frischen Wind, der bewusst macht, wie nötig die Spiele ihn tatsächlich hatten. Überzeugte Fans der vorherigen Teile müssen aber nicht traurig sein, denn in Tinas Gedankenwelt haben diverse alte Bekannte Gastrollen bekommen und auch sonst gibt es noch so einige Gemeinsamkeiten mit den Vorgängern, zu denen wir aber erst später kommen.

Alles anders und doch wie immer

Eine der größten Neuerungen der Reihe hält die Charaktererstellung bereit, in der ihr euch, anders als in den anderen Borderlands-Spielen, einen komplett eigenen Charakter erstellen könnt, statt auf eine der vorgefertigten Figuren zurückgreifen zu müssen. Dabei stehen euch von Anfang an sechs unterschiedliche Klassen zur Verfügung, die mit weiteren sechs Lebensläufen, die die Anfangsattribute eures Charakters bestimmen, kombiniert werden können. Als wäre das noch nicht genug, kann euer Charakter im späteren Verlauf noch eine zweite Charakterklasse erlernen, wodurch sich insgesamt 90 unterschiedliche Kombinationen ergeben, bevor ihr auch nur den ersten Skillpunkt verteilt habt.

Auch optisch könnt ihr euren Charakter nach belieben anpassen, wobei der Charaktereditor zwar viele Optionen bietet, aber trotzdem nicht ganz so umfangreich bestückt ist, wie der anderer Rollenspiele. Dafür verzichtet das Spiel aber auf binäre Geschlechterrollen und lässt euch bei Geschlecht, Stimmlage und Geschlechts-Bezeichnung die freie Wahl.

Im Spiel selber angekommen ist dann von einigen kleinen Neuerungen abgesehen aber fast alles wieder beim Alten: Wie in Loot-Shootern üblich, kämpft ihr euch durch Level und Missionen, tötet dabei Armeen von Gegnern und sammelt in jeder Mission bergeweise Beute ein, immer auf der Suche nach besonderen Ausrüstungsgegenständen, die euren Spielstil unterstützen oder verbessern, um dann noch mehr Monster zu töten und noch mehr Beute einzusammeln. Kenner der vorherigen Spiele werden sich in Tiny Tina’s Wonderlands mühelos zurecht finden, was unter anderem daran liegt, dass viele bekannte Elemente, wie Waffen oder Truhen aus den Vorgängern übernommen wurden. Zwar wurden sie von den Entwicklern liebevoll an die mittelalterliche Umgebung angepasst, sodass beispielsweise einige Pistolen jetzt wie kleine Armbrüste aussehen. Davon abgesehen sind es aber immer noch die gleichen Waffen und auch die Namen der Hersteller (in den Borderlands-Spielen ist der Name des Waffenherstellers immer auch gleich ein Hinweis auf die funktionalen Eigenheiten der jeweiligen Waffe) wurden nur leicht abgewandelt.

Bei den Ausrüstungsplätzen eurer Charaktere hat sich indes einiges getan. Statt Granaten bekommen eure Figuren jetzt Zaubersprüche und die Plätze für ein Artefakt und eine Klassenmodifikation mussten den neuen Plätzen für zwei Ringe, ein Amulett und eine Rüstung weichen. Lediglich der gute alte Schutzschild aus den alten Teilen bleibt euch wie immer erhalten und funktioniert auch wie gewohnt. Zuletzt gibt es jetzt neben den üblichen vier Plätzen für Schusswaffen auch noch einen eigenen Platz für Nahkampfwaffen, sodass ihr, falls ihr nicht mitgezählt habt, jetzt elf statt der vorherigen acht Plätze mit Ausrüstung belegen könnt. Das gibt dem Titel nicht nur als Loot-Shooter, sondern auch als Rollenspiel ein gutes Stück mehr Spieltiefe und euch damit noch mehr Möglichkeiten, um den ultimativen Abenteurer für alle denkbaren Herausforderungen zu erschaffen. 

Ebenfalls neu ist die frei begehbare Weltkarte. Während die Level in den vorherigen Spielen entweder alle miteinander verbunden waren oder per Raumschiff angeflogen werden mussten, könnt ihr nach dem Verlassen eines Levels mit der Wackelkopf-Version eures Charakters über eine interaktive Weltkarte laufen und von dieser aus neue Gebiete und Level erkunden. Dabei eröffnen sich einige Wege erst im Laufe der Handlung, etwa nachdem ihr euer Boot habt segnen lassen oder einer Zauberbohne geholfen habt. Doch schon früh im Spiel könnt ihr auf der Karte allerlei sammelbare Verbesserungen und Abkürzungen finden und Tina kommentiert jeden eurer Funde umgehend und mit dem Elan einer engagierten Spielleiterin. Eben dieser regelmäßige und konsequente Verweis auf das Rollenspiel, das ihr in Tiny Tina’s Wonderlands eigentlich gerade spielt, sorgt interessanter Weise auch dafür, dass die Idee der begehbaren Weltkarte funktioniert. In regulären Borderlands-Spielen hätte die Karte womöglich irritiert und unpassend gewirkt. Hier versetzt sie euch aber immer wieder zurück in die Rolle eures Borderlands-Charakters, der seine Figur über die Karte zu neuen Abenteuern schiebt. Die altbekannte Schnellreise-Funktion mit der ihr jeden bereits besuchten Schnellreisepunkt erneut besuchen könnt, ist aber ebenfalls wieder vorhanden. Die Wechsel der Metaebene können dementsprechend im Verlauf der Handlung immer weiter reduziert werden, wenn euch die neue Funktion nicht anspricht.

Zweifellos ist der Versuch, der Serie etwas Abwechslung zu verpassen, gelungen und Freunde der Borderlands-Spiele werden in den Wunderlanden ihre helle Freude haben, während die unter euch, die ein wenig Pen-&-Paper-Rollenspiel-Erfahrung haben, das ohnehin witzige Spiel vielleicht sogar noch ein wenig lustiger finden werden. Nötig ist die Erfahrung aber auf keinen Fall.

Alles läuft rund im Wunderland

Technisch läuft Tinas Exkurs in die Welt der Fantasie auf den aktuellen Konsolen von Microsoft und Sony absolut reibungslos und bietet euch auf der Series X und der PS5 die mittlerweile üblichen zwei Grafikoptionen: Im Performance-Modus könnt ihr das Geschehen in Full HD und mit bis zu 120 Bildern pro Sekunde erleben, während im Resolution-Modus mit variabler Auflösung 4K-Grafik bei 60 Bildern pro Sekunde angestrebt wird. Die etwas schwächere Series S bietet laut dem Test von Digital Foundry nur einen Grafikmodus und versucht in diesem als Kompromiss 2K-Grafik mit 60 Bildern zu erreichen.

Akustisch weiß das Spiel ebenfalls zu gefallen. Für die englische Synchronisation wurden Schauspieler wie Will Arnett, Andy Samberg, Wanda Sykes und Ashley Burch verpflichtet. Doch auch die deutschsprachige Tonspur wurde mit viel Sorgfalt vertont und bietet euch neben den Dialogen der Hauptcharaktere immer wieder witzige Kommentare von Gegnern, die ihr gerade bekämpft oder besiegt habt. Steuerung und Ladezeiten sind ebenfalls sehr gut. Lediglich die Verwaltung der Beute hätte für das Spiel mit dem Gamepad etwas weniger fummelig gestaltet werden können, erfüllt aber grundsätzlich auch immer ihren Zweck.

Wie bei den Borderlands-Spielen üblich bietet auch dieser Teil wieder die Möglichkeit im Couch-Koop per Splitscreen in die Schlacht zu ziehen und wer das Königreich gerne mit bis zu drei Freunden retten möchte, wird auch hier seine helle Freude haben: Tiny Tina’s Wonderlands unterstützt als erster Titel direkt mit dem Release das plattformübergreifende Crossplay zwischen PCs und den Konsolen von Sony und Microsoft.

Fazit:

Egal ob man Tiny Tina’s Wonderlands jetzt als nächsten Teil der Serie oder als Spin-Off betrachtet: Gelungen ist der Abstecher in das fantasievolle Königreich in jedem Fall. Die toll gestaltete Welt, das überarbeitete Spielsystem und nicht zuletzt die sehr gut geschriebene Geschichte bringen viel Abwechslung und beweisen, dass die Borderlands mehr bieten können, als nur die Schatzjagd im Weltraum. Dabei lässt das neue Abenteuer seine Vorgänger aber keinesfalls schlecht aussehen und die im Spiel erscheinenden Gast-Charaktere wecken immer wieder Erinnerungen an unsere Abenteuer in den letzten Teilen. Für gestandene Kammerjäger, Loot-Shooter-Fans und alle, die gerne an der Seite von Freunden gegen Monsterhorden in die Schlacht ziehen, ist der Exkurs in die Wunderlande somit beinahe ein Pflichtkauf. Aber auch Quereinsteiger, die für den streckenweise infantil-schrägen Humor offen sind mit dem die Spiele groß wurden, können an dieser Stelle gerne den Versuch wagen. Königin Ar***gaul wird es euch danken.

Unsere Wertung:
8.5
Robert Emrich meint: "Mit Tiny Tina's Wonderlands hat Gearbox fast eine 20 gewürfelt. Ein Treffer ist es aber auf jeden Fall."
Tiny Tina's Wonderlands von Gearbox Software erscheint am 25.03.2022 für PC und PlayStation 4 und PlayStation 5 und XBox One und XBox Series. Wir haben die Version für XBox Series getestet. Für diesen Test wurde uns ein Rezensionsexemplar von 2K Games zur Verfügung gestellt.
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1 Kommentar:
Asinned)
Asinned
Am 10.04. um 09:03
Hab den Reiz der Borderlands Spiele nie verstanden. Da wird man mit so viel Kisten zugemüllt, dass man nach jeder Schießerei erstmal wieder im Menü für Ordnung sorgen muss. Zumal sich wohl wirklich niemand freut wenn man die millionste Kiste öffnet und ein wenig Kleingeld oder Munition bekommt. Solche übertriebenen Lotspiralen sind für mich ein Relikt aus der Vergangenheit was man heute nicht mehr mit gutem Game Design vereinen kann.
2null3)
2null3
Am 10.04. um 14:01
Da scheiden sich, wie ich vermute, die Geister. Bei artverwandten Spielen, wie der Diablo-Reihe kann ich den Grind nach neuer Beute in den immer gleichen Gebieten auch nur begrenzt nachvollziehen. Aber grundsätzlich haben die Reihen oft ja auch eine ganz nette Handlung und schön gestaltete Spielwelten. Und tatsächlich kenne ich diverse Leute, die sich eben genau auf die Suche nach einem perfekten Ausrüstungsteil für ihren Charakter konzentrieren und sich dann auch freuen, wenn sie da eines Tages bekommen.
Deswegen würde ich da trennen zwischen schlechtem Game Design und Spielen, die mir keinen Spaß machen.