Test

F1 23 im Test

Von Niko Schopinski am 15.07.2023

Für einige Zeitgenossen mag die Formel 1 stinklangweilig sein: 20 Fahren düsen im Kreis herum und am Ende gewinnt der fliegende Holländer. Und sollte Max Verstappen einmal Pech haben, gewinnt eben sein Teamkollege im zweiten Red Bull - falls dieser nicht wieder das Qualifying versemmelt hat.

Wer aber Benzin im Blut hat, sitzt nervös und fingernägelkauend beim Rennstart und verfolgt spannende Positionskämpfe zwischen den Plätzen 2 und 20. Wer schafft es, die Reifen im richtigen Moment auf Temperatur zu bringen, wer nutzt die DRS-Zone und zieht sauber am Kontrahenten vorbei? Welcher Fahrer ist am abgebrühtesten und welche Teams passen die Strategie clever an das Renngeschehen an?

Ist euch all dies im aktuellen Geschehen der Königsklasse des Motorsports zu einseitig, dann zeigt dem Weltmeister im neuesten Ableger der Rennspielserie doch einfach selbst, wer der Schnellste ist.

Update?

In der echten Formel 1 bauen die Entwickler für jeden Saisonstart ein neues Auto. Gibt es ein neues Reglement für die technischen Spezifikationen, wie im letzten Jahr mit den Ground-Effekt-Autos geschehen, so kann es durchaus zu gravierenden Veränderungen der Fahrdynamik kommen. Für 2023 wurden die Autos, die einen relevanten Anteil des Abtriebs über die Konstruktion der Unterböden generieren, eher optimiert. Stellt sich nun die Frage, ob F1 23 nur ein Season-Update zum letztjährigen Serienteil ist oder ob es doch gravierende Neuerungen mit sich bringt. Und sollten Besitzer von F1 22 erneut zuschlagen oder besser auf größere Entwicklungsschritte warten?

Wie auch bei anderen Sportversoftungen lässt sich ganz klar festhalten: Wollt ihr ohne Kompromisse die aktuelle Saison spielen und beispielsweise mit Nico Hülkenberg im Haas eure Runden drehen, dann ist F1 23 euer Spiel. Müsst ihr unbedingt über den neuen Kurs in Las Vegas düsen, dann haut rein. Über die aktuellen Saisondaten hinaus könnt ihr die Rennen nun auch - zusätzlich zu den schon länger bekannten Einstellungen - in 35% der originalen Rundenanzahl bestreiten. Außerdem gibt euch das Spiel jetzt die Möglichkeit, den Einsatz der roten Flagge - die das Rennen unterbricht und die Fahrer in die Boxengasse schickt - zu erlauben. Neben den eher kosmetischen Anpassungen und kleineren Neuerungen liefert F1 23 aber auch drei größere Updates: Die Fahrphysik wurde spürbar angepasst, der Punkt „F1 World“ ersetzt „F1 Life“ im Hauptmenü des Spiels und der Storymodus „Braking Point“ geht in die zweite Staffel.

MAXimale Kontrolle?

Widmen wir uns zunächst der Fahrphysik, weil sie maßgeblich das Spielgefühl und den Spielspaß beeinflusst. Beim Vorgänger F1 22 gab es bei vielen Testern, Youtubern und in Foren deutlich wahrnehmbare Kritik am Fahrmodell der Boliden. Zu schnell brach das Heck aus, die Autos ließen sich zu häufig nicht mehr einfangen und drehten sich von der Strecke.

Nun soll also alles besser sein, EA Sports schreibt dazu selbst, dass die „Spieler:innen ein ausgewogeneres Verhältnis zwischen dem mechanischen Grip der Reifen und dem aerodynamischen Grip der Autos feststellen“ werden. Und tatsächlich: Die Boliden wirken im neuen Ableger weniger nervös und neigen im direkten Vergleich zum Vorgänger eher zum Untersteuern. Dabei muss aber unterschieden werden, ob ihr mit voller Traktionskontrolle fahrt oder diese komplett deaktiviert. Habt ihr die Fahrhilfe eingeschaltet, fühlen sich die Boliden in scharfen Kurven nun etwas schwerer und träger an als in F1 22. Das mag vielleicht nicht jedem Zocker gefallen. Der ein oder andere PS-Junkie empfindet das Fahrgefühl vom Vorgängerteil trotz der bestehenden Schwächen vielleicht als etwas dynamischer und mitreißender. Deaktiviert ihr das elektronische Helferlein, dann spürt ihr den Fortschritt im Fahrmodell und habt mehr Kontrolle über das Geschehen, als noch im letzten Jahr. Brechen euch die Fahrzeuge beim Herausbeschleunigen aus Kurven in F1 22 zu häufig dermaßen plötzlich und heftig aus, als wäret ihr in Mario Kart über eine Bananenschale gedüst, so spürt ihr in F1 23 den Traktionsverlust und könnt das Auto viel häufiger noch einfangen und wieder auf Kurs bringen. Generell gilt: Nehmt ihr die neue Fahrphysik an und investiert ein paar Runden in die Eingewöhnung, dürften die Meisten von euch in einen befriedigenden Fahrfluss geraten und von dem besser nachvollziehbaren Verhalten der Rennsemmeln profitieren.

Wer die Möglichkeit hat, das Spiel anzutesten, sollte unbedingt mal ein Stündchen über die Kurse brettern und für sich feststellen, ob die Fahrdynamik gefällt. Dabei am besten auch mit den Fahrhilfen wie Traktionskontrolle, ABS usw. experimentieren, um das persönlich passende Setup zu finden. Insgesamt hinterlässt F1 23 hinsichtlich Fahrphysik und Spielgefühl einen sehr erwachsenen Eindruck.

Drive to survive

F1 21 führte den Story-Modus „Braking Point“ ein, bei dem ihr als Nachwuchsfahrer Aiden Jackson in den Formel-1-Zirkus einsteigt. In Braking Point 2 begleitet ihr jenen Aiden als Mitglied des neu gegründeten Formel-1-Teams Konnersport und erlebt wieder viele mehr oder weniger dramatische Situationen und Wendungen. Dabei behauptet ihr euch vor allem gegen euren schon aus F1 21 bekannten und eher semi-sympathischen Kontrahenten Devon Butler, der nun euer Teamkollege beim „Konnersport Butler Racing Team“ ist. Um das Drama auf die Spitze zu treiben, ist Papi Butler der große Mäzen und Geldgeber des Teams und hat ein gewaltiges Wörtchen bei wichtigen Entscheidungen mitzureden. Stellt euch also vor, Fernando Alonso wäre ein junger Fahrer und Lance Stroll ein unsympathischer Flegel, der aufgrund von Papi Strolls Einfluss (zu) viel Narrenfreiheit besitzt.

Es ist sicher Geschmackssache, ob die Story gut unterhält oder eher langweilt. Die Zwischensequenzen, die die Geschichte vorantreiben, sind wertig inszeniert und die Charaktermodelle der Fahrer sowie deren Mimik wirken authentisch und weniger hölzern, als vor 2 Jahren. Im Lauf der Geschichte nehmt ihr mehrere Perspektiven ein, telefoniert beispielsweise als Teamchef von Konnersport mit Papa Butler, entscheidet über das Merchandising-Budget und ob ein Fahrer an Filmaufnahmen über eine Teamdoku teilnehmen darf oder doch besser Testfahrten absolvieren sollte. Darüber hinaus bietet euch Braking Point 2 noch einen Story-Zweig, in dem ihr die junge Karriere einer Nachwuchs-Pilotin in der Formel 2 begleitet. Zwischen den aktiven Rennen kann es bisweilen aber etwas fad werden. Wenn euch eure Assistentin in der Perspektive des Teamchefs schreibt, dass sie ein Flugticket für euren 90-jährigen Daddy zum Japan-Grand-Prix bucht, ist nicht grad Hochspannung angesagt. Mag sein, dass Günther Steiner & Co auch solche Dinge zu bedenken haben, für die meisten Zocker dürfte das aber eher weniger elektrisierend anmuten. Trotzdem: Wem die normale Fahrerkarriere, in der ihr alle Rennen im Formel-1-Kalender nacheinander abspult, zu öde ist, der bekommt mit Braking Point 2 eine angenehme Alternative, in der ihr in festgelegte Szenarien mit vorgegebenen Zielen hineingeworfen werdet und ganz nebenbei ein bisschen „Drive to Survive“-Emotionen erlebt. Und beim Drumherum könnt ihr euch auch aktiv dafür entscheiden, euch nicht alle Newsfeeds und Social-Media-Postings durchzulesen.

F1 World

Bot euch F1 22 noch den Menüpunkt „F1 Life“, der ein eher ungelenker Versuch war, mehr Atmosphäre und Individualisierung in das Spiel zu bringen, findet ihr in F1 23 nun „F1 World“. Dieser stellt jetzt einen deutlich reichhaltigeren Anlaufpunkt für verschiedene Tätigkeiten dar. Zum einen findet ihr hier etwas verschachtelt den Zugang zu selbst gewählten einzelnen Grands Prix und zum Zeitfahren, aber auch einen Hub für Community-Herausforderungen und Mehrspieler-Partien.

Außerdem könnt ihr euer eigenes Team gründen, Fahrzeuglackierungen anbringen und euch nach Gusto Helme und Rennoveralls für den virtuellen Auftritt aussuchen. F1 World ist deutlich umfangreicher und fühlt sich spannender und relevanter an, als noch F1 Life im letzten Jahr.

Das MAXimale F1-Spiel?

Ist F1 23 nun die eierlegende Wollmilchsau der Formel-1-Spiele? In erster Linie steht und fällt das Urteil damit, wie sehr euch die Fahrphysik zusagt. Habt ihr großen Spaß beim Düsen über die Kurse, "traut" euch mit dem neuen Handling sogar, euch endlich an das Fahren ohne Traktionskontrolle heranzutasten, dann bietet F1 23 neben den Daten und Skins der aktuellen Saison sowie den Strecken von Las Vegas und Katar (auch China und Imola sind dabei, die in dieser Saison abgesagt wurden) eine Vielzahl an Spielmodi und die bekannte Flut an Individualisierungsoptionen hinsichtlich Fahrhilfen, Kameraperspektiven etc.. Hinzu kommen die neue Skalierung auf 35% der Renndistanz und der optionale Einsatz der roten Flagge, sowie natürlich die zweite Staffel des Story-Modus´ Braking Point, der teils mitreißend inszeniert ist, story-technisch aber nicht jedem gefallen muss und zwischen den Rennen manchmal etwas dröge sein kann.

Technisch läuft F1 23 in der von uns getesteten PS5-Version sehr rund. Zudem wurden die Charaktermodelle der Fahrer sichtbar verbessert, was dem Spiel atmosphärisch gut tut. Revolutionäre optische Verbesserungen auf der Strecke muss man aber mit der Lupe suchen. Wer F1 22 kennt, der wird hier keinen ungeahnten Wow-Effekt erleben.

Diesen hätte es vielleicht gegeben, wenn die Entwickler den VR-Modus auch für Besitzer von PSVR2 implementiert hätten. Leider wurde diese Extrameile für die Playstation-5-Version nicht investiert. Wo wir schon beim Thema Extrameile sind: Früher bot die Serie die Möglichkeit, in klassischen Rennsemmeln Platz zu nehmen. Das fehlt hier leider. Außerdem wäre es toll, noch eine Handvoll ikonische Strecken aus der reichhaltigen Geschichte der Formel 1 zu bekommen: Buenos Aires, der alte Hockenheimring oder Magny-Cours wären doch nette Kandidaten. Ein bisschen mehr klassischer Content, vielleicht sogar in Verbindung mit vorgefertigten Challenges, wäre ein willkommenes Schmankerl, das einem schon sehr guten Spiel noch mehr Abwechslung und Charme verleihen würde.

Dennoch bleibt festzuhalten, dass F1 23 einige kleinere und größere Updates erhalten hat, die dem Spiel sehr gut tun. Darüber hinaus könnt ihr natürlich auch den schon aus den Vorjahren bekannten „klassischen“ Karrieremodus zocken, euch online auf die Pisten begeben und eurem Sitznachbarn im Splitscreen zeigen, wo euer Auspuff ist. Zudem habt ihr wieder die Wahl, im Cockpit eines Fahrzeugs aus der F2-Serie Platz zu nehmen - diese fühlen sich aber etwas behäbiger und weniger spritzig an, als die Boliden aus der Elite-Klasse.

Vergleicht man das Spiel mit den früheren Serienablegern seit F1 2015 (Start auf der PS4-/Xbox-One-Generation), dann fällt auf, dass die Bildrate während der Rennen zunehmend stabiler wurde und auch die Rempeleien der KI-Piloten über die Jahre ein erträglicheres Maß angenommen haben.

FAZIT:

F1 23 ist wieder ein sehr gutes Rennspiel, das euch mit einem großen Umfang, toller Spielbarkeit, guter Technik und einer neuen Story abholt. Viele der positiven Punkte treffen aber auch - mal mehr, mal weniger - auf F1 2020, F1 21 und F1 22 zu. Dabei stellt der neue Ableger aber - vor allem hinsichtlich der Fahrphysik - den ausgereiftesten und rundesten Teil dar und gibt natürlich all denen ihr Futter, die die neuesten Fahrerkonstellationen und Fahrzeuglackierungen brauchen und auch möglichst nah am Gefühl der TV-Übertragungen der aktuellen Saison sein wollen. F1 23 wurde an passenden Stellen sinnvoll weiterentwickelt, eine komplette Revolution stellt aber auch der diesjährige Serienteil nicht dar. Liegt euch die neue Fahrphysik, dann macht es wirklich Spaß, die Geschichte von Aiden Jackson zu erleben oder aber Max Verstappen in der klassischen Fahrerkarriere und auch einzelnen Grands Prix vom Platz an der Sonne zu verdrängen.

Unsere Wertung:
8.5
Niko Schopinski meint: "Keine Revolution, aber sinnvolle und kompetent arrangierte Evolution. Ein richtig gutes Update."
F1 23 von Codemasters erscheint am 16.06.2023 für PC und PlayStation 4 und PlayStation 5 und XBox One und XBox Series. Wir haben die Version für PlayStation 5 getestet. Für diesen Test wurde uns ein Rezensionsexemplar von EA Sports zur Verfügung gestellt.
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2 Kommentare:
Ramy)
Ramy
Am 21.07.2023 um 10:47
Ich hätte wirklich, wirklich gerne zugeschlagen. Aber ohne den VR Modus für PS5 (den es auf PC ja gibt) muss ich leider passen. Gran Turismo 7 hat mich quasi versaut. Ich will Rennsimualtionen echt nicht mehr anders spielen, als in VR. Zu geil ist da die Spielerfahrung für dieses Gerne.
Starker Test übrigens :)
Nintendofan)
Nintendofan
Am 21.07.2023 um 16:28
Gibt es hier eigentlich auch regelmäßige Updates? Z.B. optische, wenn die Teams im laufe der Zeit Upgrades an den Fahrzeugen vornehmen, oder bei den Fahrern, wie nun Ricciardo der de Vries ersetzt?
Schniko)
Schniko
Am 24.07.2023 um 07:34
Ich hab gestern mal nachgeschaut. Im Spiel sieht mir der Mercedes noch sehr wie die A-Variante ohne Seitenkästen aus. Auch der Ferrari hat noch die "Badewanne" auf dem Seitenkasten, wie zu Saisonstart. Nyck den Vries fährt noch für Alpha Tauri. Ich hab die aktullste Version vom Spiel. Ich hoffe, dass es da bald ein Update geben wird, in dem die Fahrerkonstellation und die Autos angepasst werden.