Mouse: P.I. for Hire
Müsste man die Entwicklung von Medien wie Videospielen oder Filmen beschreiben, wäre der Satz “Alles ist im Wandel, nur um sich neu erfunden zu wiederholen” vielleicht gar nicht so falsch. Piraten, Zombies, 8-Bit Videospiele und die Vorlagen unzähliger Remakes bestätigen es: Fast alles war schon einmal da und hatte seine Hochphase und vieles was wirklich gut war, verging nicht endgültig, sondern hielt Winterschlaf im kollektiven Kulturgedächtnis der Menschheit, nur um dann ein paar Jahre oder Jahrzehnte später wieder auf den Plan zu treten. So oder so ähnlich erging es auch den Kriminalgeschichten, die im Hollywood der 40er Jahre technisch bedingt in schwarz/weiß gedreht wurden und die mit ihrem gezielten Einsatz von Licht und Schatten den Grundstein für den “Film Noir”-Stil legten. Humphrey Bogarts Satz “Schau mir in die Augen, Kleines!” aus dem Film “Casablanca” ging um die ganze Welt und ist den meisten von uns bekannt, selbst wenn wir den Film nicht gesehen haben. Und auch das übliche Schema der alten Filme, das sich immer um einen abgehalfterten, aber im Grunde knallharten Detektiv, eine Famme Fatal, korrupte oder unfähige Polizisten und jede Menge dumpfer Gauner, die sich um einen fiesen Oberboss scharen dreht, ist allgemein bekannt und auch heute noch regelmäßig Vorlage für aktuelle Produktionen. Das jüngst erschienene und uns vorliegende Spiel “Mouse: P.I. for Hire” aus dem Hause Fumi Games setzt ebenfalls auf diese Story-Elemente und möchte Kriminalgeschichte, Ego-Shooter und den “Rubber Hose"-Cartoon-Stil der 30er Jahre unter einen Hut bekommen. Und, halten wir uns nicht mit großen Umständen auf, das auch absolut erfolgreich. Warum das so ist, verrate ich euch in den folgenden Abschnitten.

Ich glaube, dies ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.
Mouse: P.I. for Hire versetzt euch in das fiktionale Mouseburg im Jahr 1934, das stilistisch an die Städte New York oder Chicago der damaligen Zeit erinnert, im Spiel aber von anthropomorphen Tieren bewohnt wird. Mäuse, Ratten und die als niedere Nagetierform verrufenen und oft unterdrückten Spitzmäuse stellen den mit Abstand größten Teil der Bevölkerung dar und gehen in den verschiedenen Bereichen der Stadt, teils gemeinsam, teils voneinander getrennt, ihrem Tagewerk nach. Die Kriminalität ist in der Welt, die ein paar Jahre zuvor von einem großen Krieg erschüttert worden ist, allgegenwärtig und dreht sich oft um den Vertrieb und Konsum von Käse, der in fester Form Nahrung, in flüssiger Form Alkohol und als Pulver innerhalb des Spiels wie Drogen behandelt wird. In dieser Welt übernehmt ihr die Rolle des ehemaligen Soldaten und Polizisten Jack Pepper, der sich als Privatdetektiv mit kleinen Gelegenheitsaufträgen über Wasser hält, bis ihm der Auftrag zuteil wird, das Verschwinden eines ehemaligen Kriegskameraden zu untersuchen. Die weitere Handlung soll euch hier natürlich nicht verraten werden, doch wie in Geschichten dieser Art üblich, stolpert Jack (und damit auch ihr) bei seinen Untersuchungen über diverse Kriminalfälle, die alle miteinander verwoben zu einer viel größeren Verschwörung gehören. Die Geschichte, die von Sprechern wie Troy Baker im Englischen exzellent vertont wurde, wird in Dialogen, Zwischensequenzen und gefundenen Schriftstücken schlau erzählt und entfaltet sich in den ca. 15 Stunden Spielzeit bis zu ihrer Auflösung immer weiter. Die Charaktere wurden gut geschrieben und versprühen trotz oder gerade wegen ihrer Ecken und Kanten ihren jeweils ganz eigenen Charme. Wie bei komplexen Kriminalfällen üblich, kann es hin und wieder kniffelig sein, alle Aspekte und Hinweise parallel im Blick zu behalten, aber das Spiel bietet hier auf Wunsch übersichtliche Hilfe an und fasst am Ende sowieso alles nachvollziehbar zusammen. Bemerkenswert ist auch, wie die Handlung den Balanceakt zwischen Gewalt und Jugendschutz hinbekommt: Da sich viele Verbrechen und die damit verbundenen Dialoge um Käse drehen und auch entsprechend benannt werden, wirkt die Handlung von außen betrachtet, ähnlich wie die Grafik zu der ich gleich noch komme, deutlich jugendfreier, als sie es eigentlich ist. Das macht den Titel, der ab 16 freigegeben ist und zeitweise in seiner Handlung Erinnerungen an das NS-Regime der 40er Jahre weckt, zu keinem Kinderspiel, verschafft ihm aber einen leichteren Unterton, der sehr gut zum eigentlichen Spiel passt.

Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen!
Spielerisch ist Mouse: P.I. for Hire die meiste Zeit über ein klassischer Ego-Shooter und erinnert stark an Spiele wie das Doom Reboot aus dem Jahr 2016. Mit einem immer größer werdenden Waffenarsenal ausgestattet, ballert, boxt und sprengt ihr euch durch die unterschiedlichen schlauchförmigen Level und hinterlasst Berge von Leichen, während ihr Indizien und verschiedene Collectibles sammelt. Ist ein Level abgeschlossen, reist ihr in der Regel zurück in das Viertel eures Büros, um mit unterschiedlichen Charakteren zu sprechen, Waffen aufzuwerten und die gesammelten Indizien an eure Ermittlungstafel zu heften. Diese stellt mit den passenden Informationen automatisch Verbindungen und Rückschlüsse an und schaltet auf diese Weise weitere Gebiete frei, die ihr dann auf der Suche nach weiteren Anhaltspunkten ebenfalls wieder durchforstet. Da die Deduktionen vom Spiel automatisch vorgenommen werden, erfordert der Aufenthalt in eurem Büro, anders als in klassischen Kriminalspielen keine Denkarbeit von euch und dient vornehmlich dazu, die Handlung des Spiel in den Dialogen und durch die an der Tafel gewonnenen Erkenntnisse voran zu treiben.

Auch in den einzelnen Leveln, die ihr jeweils nur einmal besucht, wird die Handlung immer wieder in kleinen Schritten vorangetrieben, sodass selbst in den Ruhepausen zwischen den Kämpfen keine Langeweile aufkommt. Ähnlich wie schon im erwähnten “Doom” geratet ihr regelmäßig in Abschnitte, die wie Arenen funktionieren und in denen ihr erst eine definierte Zahl Gegner oder sogar einen Boss besiegen müsst, ehe es dann weitergeht. Die Schusswechsel fühlen sich gut an und so unterschiedlich wie sich die meisten Waffen spielen, haben sie doch fast alle ihre Momente, in denen sie sinnvoll zum Einsatz kommen. Mit der Zahl eurer Waffen und Fertigkeiten werden auch die Kämpfe immer komplexer. Das Spiel bleibt dabei aber immer fair und nur wenige Gebiete und Bosse brauchten auf der mittleren der drei verfügbaren Schwierigkeitsstufen mehr als einen oder zwei Anläufe, ehe der Sieg Jack Pepper und mir sicher war. Schreibmaschinen, an denen ihr das Spiel speichern könnt, bietet euch das Spiel außerdem alle paar Minuten an, sodass eine Niederlage keine echten Verluste oder Nachteile mit sich bringt.

Die Entscheidung der Designer, das Spiel in Graustufen zu halten, funktioniert in den Kämpfen ausgezeichnet, da relevante Elemente wie Ausrüstung oder Gegner durch ihre klassischen Außenlinien immer gut erkennbar sind, sodass ihr in der Regel immer den Überblick behaltet. Spannenderweise sorgt derselbe Grafikstil, der euch Gegner und Action besser erkennen lässt, parallel dafür, dass die dargestellte Gewalt vergleichsweise harmlos wirkt. Egal ob die Gegner nun in Flammen aufgehen, verbrennen oder ihre Köpfe verlieren: Durch den Cartoon-Stil und die fehlende Farbe wirken selbst härteste Gräueltaten, als wären sie einem Tom&Jerry Trickfilm entsprungen. Erst mit erwachsenen Augen erkennt man in den Leveln die Härte der Handlung hinter der Cartoon-Gewalt, die die FSK16 Freigabe rechtfertigt. Das Spiel bietet aber auch hier immer wieder humorvollen Ausgleich, indem es Referenzen zu allen möglichen anderen Spielen oder Trickfilmen bietet, um euch wissend zum Lächeln zu bringen. Indiana Jones, Alice im Wunderland, Doom, Popeye und Cuphead sind nur erste Beispiele für die Verweise zu anderen Werken, die Fumi Games in dem Titel mit viel Liebe platziert hat. Dutzende weitere finden sich mehr oder weniger offensichtlich im Vorder- und Hintergrund des Geschehens.

Spiel’s noch einmal, Sam!
Um das Geschehen auf dem Bildschirm richtig zur Geltung zu bringen, haben sich Fumi Games Entwickler nicht lumpen lassen. 54.000 Bilder wurden für das Spiel handgezeichnet und in der größtenteils grauen 3D Welt platziert, um den gewünschten Effekt zu schaffen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und sieht auch auf der Switch2 sehr gut aus, wenn es, je nach gewähltem Grafikmodus, in Full HD mit 60 FPS oder in WQHD mit 40 FPS dargestellt wird. In beiden Modi läuft das Spiel in Kämpfen sauber und flüssig, nur im heimischen Büro des Mäusedetektivs brach die Framerate in seltenen Momenten kurz ein. Wer das Spiel gerne im noch weiter gealterten Look erleben möchte, findet im Menü zusätzliche Filter, mit denen sich Ton und Bild künstlich noch ein paar Stufen auf der Leiter der technischen Evolution herunterschrauben lassen. Ob ihr euch damit einen Gefallen tut, ist bei der Grafik und dem tollen Soundtrack diskutabel, aber witzig ist es in jedem Fall. Die rein englische Synchronisation ist hochwertig und Troy Baker, der euch vielleicht aus den The Last of Us Spielen oder dem jüngsten Indiana Jones Abenteuer ein Begriff sein dürfte, schafft es auch in diesem Spiel wieder, dem grantigen alten Mann, den ihr spielt, eine passend markante und raue Stimme zu geben. Wer mit den Käse-Wortspielen und dem Slang, der in solchen Geschichten zum Einsatz kam, wenig anfangen kann, kann auf Untertitel zurückgreifen, die wie üblich in unterschiedlichen Sprachen angeboten werden. An der Steuerung und der Speicherfunktion gibt es nichts zu meckern. Nur das Laden eines Spielstandes kann hin und wieder einmal 30 Sekunden dauern, wobei innerhalb der Level nichts mehr nachgeladen werden muss und alles flüssig über die Bühne geht.

Fazit:
Mouse: P.I. for Hire schafft es ausgezeichnet, Noir-Kriminalgeschichten und die alten Rubber-Hose-Cartoons zu vereinen und hätte alleine dafür schon einen Platz in der Liste meiner diesjährigen Spiele des Jahres verdient. Aber der Titel ruht sich nicht auf seinem Grafikstil aus, sondern bietet euch auch noch einen tollen Ego-Shooter und eine unterhaltsame Geschichte, die euch toll synchronisiert im Verlauf der ca. 15 Stunden Spielzeit präsentiert wird. Das ganze spielt sich dabei auf der Switch2 ohne nennenswerte Probleme und wird mit einem stimmigen und umfangreichen Soundtrack abgerundet. Wer auf knifflige Detektivspiele steht, in denen Indizien und Spuren selber ergrübelt werden müssen, könnte vielleicht ein wenig enttäuscht werden, da euch der Titel diesen Teil der Arbeit ungefragt abnimmt. Freunde von humorvollen Shootern sollten aber voll auf ihre Kosten kommen und können bedenkenlos zugreifen.