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Test

Blue Prince

Von Robert Emrich am 26.05.2026

Es mag an Spielen wie "Returnal" oder "Have a nice Death" liegen, aber das Genre der Rogue-likes weckt in mir in der Regel Erinnerungen an herausfordernde und oft hektische Kämpfe, die nicht nur meine Geduld, sondern auch meine Controller regelmäßig an die Grenzen ihrer Belastung brachten. Dass es auch ohne Kämpfe und damit deutlich entspannter gehen kann (und ich dem Genre mit meiner Assoziation Unrecht tue), will uns der Titel Blue Prince aus dem Hause Dogubomb zeigen, der Action komplett vermeidet und stattdessen auf eine Mischung aus Rätseln und Rogue-like-Elementen setzt. Wie und ob das funktioniert, habe ich mir in der Switch2-Version des Spiels einmal für euch angesehen.

Willkommen auf Mount Holly

Ohne große Umschweife wirft euch das Spiel ins Geschehen und damit vor die majestätischen Eingangstore der Villa Mount Holly. Das riesige Haus mit seinen 45 Zimmern gehörte bis vor kurzem noch eurem jüngst verstorbenen Großonkel und soll nun Teil der Erbmasse sein, die euch der gute Mann in seinem Testament hinterlassen hat. Der Erhalt des Anwesens ist allerdings an eine Aufgabe geknüpft, die in den kommenden (dutzenden) Stunden euer Ziel im Spiels definieren soll: Findet und betretet den mysteriösen 46. Raum der Villa, der sich hinter dem Vorzimmer auf der anderen Seite des Hauses befindet. Klingt zuerst einmal recht einfach und wäre es wohl auch, wenn das Gebäude nicht über eine besondere Eigenheit verfügen würde, die einen geregelten Tagesablauf auf Mount Holly vermutlich unmöglich macht. Denn mit dem Beginn jedes neuen Tages richten sich alle Zimmer des Hauses komplett neu aus, womit alle Wege zum begehrten Ziel aufs Neue erforscht werden müssen. Die Dauer eines Spieltages wird in Blue Prince nicht in Stunden und Minuten, sondern in Raumwechseln gemessen, von denen euch am Anfang jedes Tages 50 zur Verfügung stehen. Jeder Raumwechsel (auch in bereits besuchte Zimmer) reduziert den Zähler um einen Schritt und bei Null angekommen, endet der Tag automatisch und ihr startet wieder vor den Eingangstoren der Villa, im Bestfall um ein wenig Erfahrung oder ein dauerhaftes Upgrade reicher. In realer Zeit gemessen, dauern die einzelnen Runden 30 bis 60 Minuten und wie für gute Rogue-likes üblich, braucht es jede Menge Anläufe, um irgendwann einmal ans Ziel zu kommen. Je nachdem, ob ihr das Spiel nur durchspielen, oder alle Aspekte der komplexen Geschichte der Spielwelt erfahren wollt, die sich euch Stück für Stück erschließt, solltet ihr dementsprechend 20 bis 90 Stunden mit dem Titel beschäftigt sein.

Rätsel, Räume und noch mehr Rätsel

Um das Spiel langfristig interessant zu halten, kommen in Blue Prince zwei Elemente besonders zum tragen: Der Zufall und jede Menge Rätsel. Jedes mal, wenn ihr eine Tür zu einem neuen unbekannten Raum im neun mal fünf Kästchen großen Raster des Hauses öffnet, bietet euch das Spiel aus einem Pool von Raumkarten drei Optionen an, von denen ihr eine auswählen müsst. In unterschiedliche Farben eingeteilt, haben die Räume positive, neutrale oder auch negative Auswirkungen auf den weiteren Verlauf eures Spiels, da einige euch zum Beispiel Raumwechsel schenken oder aber die Zahl der übrigen Schritte reduzieren. Andere Räume beinhalten Goldmünzen, Türschlüssel oder Juwelen, die Ihr für den aktuellen Tag benötigt und wieder andere sind einfach nur Flure, an deren Ende weitere Türen und damit neue Möglichkeiten warten. Die Wahl des nächsten Raumes ist nicht immer einfach, denn die Zimmer können auf dem Plan nicht gedreht oder beliebig angeordnet werden und einige besondere Zimmer sind nur im Tausch für zuvor gefundene Juwelen auswählbar, sodass es vorkommen kann, dass ihr hin und wieder gar keine wirkliche Wahl habt und einfach nur den Raum nehmen müsst, den ihr euch leisten könnt, selbst wenn dieser euren Weg in einer Sackgasse enden lässt. Ebenfalls zufällig ist, ob sich in Räumen zusätzliche Ressourcen oder Gegenstände finden lassen und ob eine Tür zum weiterkommen einen (zuvor gefundenen) Schlüssel benötigt oder offen ist. Ein offenes Auge und viel Umsicht ist beim Erkunden der Räume dementsprechend sehr wichtig.

Ausgestattet mit dem oben genannten Wissen macht ihr euch an die ersten Erkundungsgänge, die ihr aus der Egoperspektive unternehmt, in der ihr euch frei bewegen und umsehen könnt. Die Steuerung des Spiels beschränkt sich dabei schlicht aufs laufen und umsehen sowie zwei Buttons zum sprinten und interagieren. Sterben könnt ihr bei euren Streifzügen grundsätzlich nicht und auch sonst lässt sich das Spiel, frei von jeglicher Action, sehr entspannt auf der Couch spielen. Ungeachtet dessen wird aber schnell deutlich, dass es sich bei Blue Prince um mehr als ein reines Puzzlespiel mit Zufallselementen handelt. Seltsame Gemälde in fast allen Räumen des Hauses, gesperrte Zugänge und über viele Räume verstreute Informationsschnipsel verlocken zu immer neuen Besuchen der Villa, um auf diesem Weg nach und nach immer neue Geheimnisse und Rätsel zu finden und zu lösen. Dabei belohnt das Spiel nicht nur eure Zeit, sondern auch eure Neugier, wenn ihr zum Beispiel auf den ersten Blick "schlechte" Räume erkundet, euch außerhalb des Hauses umseht oder bereits besuchte Räume nach einer Änderung im Haus noch einmal besucht. Denn trotz des täglichen Resets haben eure Erkundungen an einigen zentralen Stellen nach einer Weile doch dauerhaften Einfluss auf die Architektur des Hauses. Neben der Lösung bei einigen Rätseln bietet die Lektüre der vom Spiel zur Verfügung gestellten Informationen außerdem einen Einblick in die Spielwelt und die Geschichte eures Charakters, die mit großer Sorgfalt gestaltet wurde. Tonda Ros, der das Spiel in acht Jahren größtenteils im Alleingang entwickelte, hat Geschichte und Gameplay-Loop des Spiels über die Jahre ziemlich perfekt ausbalanciert, sodass sich auch erfolglose Erkundungen nie wie verlorene Zeit anfühlen, da sie euch in den meisten Fällen weitere Informationen bringen. Auf diese Weise tastet ihr euch Schritt für Schritt und Tag für Tag immer weiter an die Lösung eurer Aufgabe heran.

Dass das Spiel trotz aller Großartigkeit trotzdem nichts für jeden Spieler ist, macht neben dem Ausbleiben von Action eine Notiz deutlich, die ihr recht früh im Haus findet und die euch rät, während der Spielsitzungen Stift und Papier für Notizen bereit zu legen. Und tatsächlich hat dieser Hinweis seine Berechtigung, denn viele der Rätsel lassen sich nur mit den Informationsfetzen aus unterschiedlichen Räumen lösen, die ihr selten alle innerhalb eines Tages findet. Dabei wird das Spiel mit der Zeit immer komplexer und fordert eure grauen Zellen mit Aufgaben heraus, die eure Fähigkeit zum logischen Denken und eure Kenntnisse der englischen Sprache immer wieder auf die Probe stellen. Letztere ist für das Spiel im Prinzip zwingend erforderlich (viele Rätsel können, ohne es hier etwas zu spoilern nicht, nicht übersetzt werden), sodass der Titel euch nur empfohlen werden kann, wenn ihr Spaß an komplexen Rätseln habt und euch die englische Sprache nicht komplett fremd ist.

Technik

Bei allem Anspruch an eure geistigen Fähigkeiten, läuft Blue Prince auf der Switch2 so ruhig und sauber, wie das Gameplay selbst. Die Cell Shading Grafik, in der euch Mount Holly präsentiert wird, verleiht dem Geschehen auf dem Bildschirm einen gleichermaßen mysteriösen wie comichaften Flair und gibt das Gefühl, ein junger Forscher oder Detektiv aus einem Jugendroman zu sein. Ergänzt wird das ganze minimalistisch durch ruhige Synthesizer Klänge, die die geheimnisvolle Stimmung nur verstärken, ohne sich dabei in den Vordergrund zu stellen - in Spielen wie Blue Prince, die immer wieder neu gestartet werden wollen, definitiv ein Vorteil. Text und Synchronisation sind ausschließlich in englischer Sprache verfügbar. Die Steuerung funktioniert ebenfalls ohne Probleme. Das Spiel speichert euren Fortschritt am Ende jedes absolviertenTages. Anders als PC-Spieler habt ihr mit der Switch aber natürlich die praktische Möglichkeit, eine Sitzung auch spontan zu pausieren.

Fazit:

Auch wenn es in den ersten Runden nicht gleich klar wird, ist durchaus verständlich, warum Blue Prince bei den letzten Game Awards beinahe Indiespiel des Jahres geworden wäre. Intelligente Rätsel, ein ausgezeichneter Spielloop, der zu immer weiteren Besuchen der Villa Mount Holly motiviert und jede Menge sich erst nach und nach offenbarende Geheimnisse werden euch technisch einwandfrei präsentiert und machen den Titel zu einem der interessantesten Spiele, das ich in diesem Jahr erleben durfte. Durch den Mangel an Action und die nötigen Kenntnisse der englischen Sprache ist der Titel zwar nichts für jeden Spieler. Freunde von Rätselspielen, die sich gerne mal in den Tiefen einer Spielwelt verlieren, sollten aber unbedingt zugreifen.

Unsere Wertung:
9.0
Robert Emrich meint: "Auch wenn es vielleicht noch einmal acht Jahre dauert: Sollte es ein weiteres Abenteuer in der Welt des blauen Prinzen geben, bin ich auf jeden Fall wieder mit dabei."
Blue Prince von Dogubomb erscheint am 03.03.2026 für PC und PlayStation 5 und Nintendo Switch 2 und Xbox Series. Wir haben die Version für Nintendo Switch 2 getestet. Für diesen Test wurde uns ein Rezensionsexemplar von Raw Fury zur Verfügung gestellt.
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