01e7475fbd172a32787fe653b7b7ff65-3580843243
Story

Kommentar: Hunde, die bellen, müssen auch beißen

Von Jeremiah David am 04.07.2026

Ende letzten Jahres habe ich mir eine Nintendo Switch 2 zugelegt. Nicht, weil ich sie zwingend gebraucht hätte, sondern weil ein spezielles Gebrauchtangebot schlicht zu verlockend war, um es auszuschlagen – und weil ich mit weiteren Preissteigerungen in der Zukunft rechnete. Seitdem spiele ich zwar mehr oder weniger regelmäßig mit der Hybridkonsole, habe jedoch bis heute kein einziges Switch-2-Spiel erworben.

Der Grund dafür ist simpel: Ich bin kein Freund von rein digitalen Downloads, und Nintendos aktuelle Preispolitik finde ich – gelinde gesagt – scheiße. Ich weigere mich konsequent, 90 Euro für ein Mario Kart World hinzublättern oder 80 Euro für die leicht angepasste Switch 2 Edition einer alten Kamelle wie The Legend of Zelda: Tears of the Kingdom oder Kirby und das vergessene Land. Meiner Meinung nach sollten Spiele im Laufe der Zeit billiger werden, nicht teurer, und Spiele, die mit einem Premium-Preis daherkommen, sollten auch ein Premium-Spielerlebnis bieten.

Selbst die veranschlagten 70 Euro für Metroid Prime 4: Beyond in der Switch 2 Edition waren mir nach den eher durchwachsenen Testberichten zu viel. Offenbar nicht nur mir. Die Verkaufszahlen blieben hinter den Erwartungen zurück und das Spiel ist auf dem Gebrauchtmarkt inzwischen problemlos für 30 bis 35 Euro zu finden. Trotzdem beharrt Nintendo im eigenen eShop jedoch stur auf dem ursprünglichen Vollpreis von 69,99 Euro. Trotz deutlich günstigeren Konkurrenzangeboten auf eBay, Amazon und Co. hat es das Unternehmen scheinbar nicht nötig, den Preis anzupassen, um uns Konsumenten auch nur einen kleinen Schritt entgegenzukommen.

Dieses Gebaren unterstreicht einmal mehr eine grundlegende Wahrheit: Nintendo, Sony, Microsoft und sämtliche andere Publisher sind nicht unsere Freunde. Sie sind nicht daran interessiert, glückliche Kunden zu hinterlassen; ihr einziges Ziel ist die Maximierung des Profits. Kundenfreundlichkeit wird in dieser Industrie höchstens noch durch massiven Konkurrenzdruck oder den Protest der Verbraucher erzwungen.

Im Fall von Nintendo kann mir das aktuell noch egal sein. Ich werde mir Metroid wohl irgendwann gebraucht kaufen und bei Nichtgefallen wieder weiterverkaufen. Auf den Systemen von Sony (und vermutlich Microsoft) wird es diese Option jedoch bald nicht mehr geben. Dort stehen wir vor einer radikalen Umstellung: Ab 2028 wird es auf PlayStation-Plattformen grundsätzlich nicht mehr möglich sein, Spiele zu kaufen. Klingt verrückt, ist aber so:  Dann dürfen wir PlayStation-Spiele nur noch mieten. Dass in den diversen Online-Stores heute immer noch der Begriff „Kauf“ verwendet wird, grenzt an arglistige Täuschung. In Kalifornien ist seit 2025 ein Gesetz in Kraft, das es solchen Stores verbietet, die Begriffe „kaufen“ oder „erwerben“ zu nutzen, es sei denn, es wird direkt beim Bezahlvorgang unmissverständlich darauf hingewiesen, dass es sich lediglich um eine widerrufbare Lizenz handelt. Das hätte ich in Deutschland gerne ebenso. Oder besser noch: Es sollte Publishern verboten werden, Inhalte, die Nutzer bezahlt und heruntergeladen haben, wieder wegzunehmen.

Ein Problem liegt aber nicht bei den Publishern, sondern bei uns: Wir Konsumenten geben viel zu häufig und viel zu bereitwillig nach. Wir akzeptieren unfaire Praktiken, schlucken jede Preiserhöhung und nehmen klaglos hin, dass uns grundlegende Eigentumsrechte entzogen werden. Wieso? Ist es FOMO (fear of missing out)? Oder weil uns nur das Beste gut genug ist? Spieler werden psychologisch zunehmend darauf konditioniert, dabei sein zu müssen, wodurch der rationale Blick auf den Preis und vor allem die Eigentumsrechte komplett vernebelt wird.

Tatsächlich gibt es kaum einen Grund für dieses Verhalten. Videospiele werden qualitativ kaum noch besser. Die spielerische und technische Innovation stagniert seit Jahren auf hohem Niveau und rechtfertigt die explodierenden Preise vor allem bei der Hardware in keiner Weise. Es gibt PS4-Spiele, die optisch und spielerisch besser sind als 90% aller PS5-Spiele. Die PS5 soll knapp 8-mal stärker sein als die PS4, davon merkt man aber nicht viel, und ich gehe jede Wette ein, dass sich auch die meisten PS6-Spiele nicht viel von PS5-Spielen unterscheiden werden. KI-gestützte Rendering-Technologien wie NVIDIAs DLSS 5 werden höchstens dafür sorgen, dass alle Spiele stilistisch gleich aussehen.

Zudem ist der globale Markt mittlerweile so gigantisch und mit hochkarätigen Titeln übersättigt, dass wir rein theoretisch überhaupt keine neuen Spiele mehr bräuchten. Der Backlog an bereits existierenden Meisterwerken reicht für mehrere Leben. Ich kann gut auf überteuerte Switch-2-Spiele und blöde Game-Key-Cards verzichten, weil in meinem Regal noch ein gutes Dutzend älterer Spiele stehen, die ich noch gar nicht gespielt habe und genug Alternativen noch darauf warten, von mir gekauft zu werden. Ebenso kann ich auf Spiele wie Star Wars Outlaws oder Assassin's Creed Shadows verzichten, die zwar auf einer Disc erschienen sind, aber zwingend einen Download erfordern, und in 2028 werde ich auch gut auf eine PS6 verzichten können – indem ich meine alten Spiele zocke oder mich mehr dem günstigeren Indie-Segment zuwende.

In den Sozialen Medien wird Sony gerade scharf kritisiert. Sogar Firmen wie Domino’s Pizza oder Kentucky Fried Chicken machen sich über Sony lustig, aber wie viele der Spieler, die jetzt laut schreien, werden der PlayStation 6 durch konsequente Kaufverweigerung die rote Karte zeigen? Hunde, die bellen, beißen nicht, heißt es. Zu häufig stimmt das. Auch über die fehlende Disc von GTA 6 haben sich viele Spieler beschwert, aber das Spiel ist dennoch an die Spitze aller Verkaufscharts geschnellt.

Solange wir brav stetig steigende Preise für lauwarme Aufgüsse zahlen und uns mit reinen Mietmodellen abspeisen lassen, wird sich an dieser kundenfeindlichen Spirale nichts ändern. Im Gegenteil: Publisher werden so weitermachen, wie bisher oder alles noch schlimmer machen: Enshittification bis der Markt kollabiert.

Nur registrierte Benutzer können Kommentare verfassen. Jetzt registrieren