Test: RiME

Nutzer-Story von Jerry am 27. Mai 2017

Noch zu Xbox-360-Zeiten begann das Entwicklerstudio Tequila Works die Arbeit an einem isometrischen Abenteuerspiel namens Echoes of Siren und bot Microsoft das Ganze als Exklusivtitel an. Der Software-Riese gab dem Projekt zunächst grünes Licht, machte dann jedoch einen Rückzieher.

Angeblich störte die Redmonder, dass der Titel ein reines Single-Player-Spiel im sonst eher Multiplayer-lastigen XBLA-Portfolio werden sollte. Sony sprang daraufhin in die Bresche und kaufte die Exklusivrechte für Echoes of Siren, das inzwischen RiME hieß und außerdem nicht länger auf eine isometrische Perspektive setzte. Auf der Gamescom und der E3 2013 wurde RiME als Exklusivtitel für die PS4 vorgestellt, allerdings hielt auch diese Partnerschaft nicht lange. Gerüchten zufolge versuchte Sony, sich zu sehr in die Entwicklung einzumischen, woraufhin sich Tequila Works zum dritten Mal auf die Suche nach einem Publisher machte. Gefunden wurde Greybox, und seit letztem Freitag ist RiME endlich auf dem Markt, als Multiplattformtitel für PS4, XB1, Switch und PC.

Bereits im Vorfeld wurde RiME immer wieder mit Titeln wie Journey, Ico oder The Legend of Zelda: The Wind Waker verglichen. Tatsächlich erinnert das Design von RiME an Journey und Wind Waker, während viele der Rätsel durch frühere Zeldateile inspiriert scheinen.

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Nach einer Bootsfahrt auf stürmischer See erwacht der bestenfalls jugendliche Hauptcharakter des Spiels am Sandstrand einer geheimnisvollen, unbewohnten Insel. Am Meeresufer tummeln sich Möwen und Seesterne, weiter im Landesinneren gibt es Wildschweine und Eidechsen. Die felsige Umgebung im Cel-Shading-Stil wirkt minimalistisch, glatt und steril, doch zugleich auch eigentümlich lebendig. Sie besitzt einen surrealen, märchenhaften Charme, der nur schwer in Worte zu fassen ist.

Das erste Rätsel ist schnell ausgemacht: Ein stures Wildschwein blockiert den Zugang zu einer leuchtenden Statue, deren offensichtliche Bedeutung für den Spieler mit einem Lichtstrahl gen Himmel hervorgehoben wird. Mit Hilfe oranger Früchte von einem nahen Bäumchen lässt sich das Wildschwein von der Statue weglocken, woraufhin unser Charakter mit der Skulptur interagieren kann. Das geschieht überraschender Weise durch Rufen. Auch im späteren Verlauf des Spiels singt oder ruft unser ansonsten stummer Freund, um mit verschiedenen Objekten zu interagieren. Daneben gibt es zahlreiche Schalter- und Schieberätsel, wie sie aus früheren Zelda-Teilen bekannt sind. Mit Hilfe goldener Schlüssel und leuchtender Energiekugeln können neue Wege geöffnet werden. Unser Charakter kann darüber hinaus in bester Tomb-Raider-Manier klettern und zwischen weiß gekennzeichneten Felsvorsprüngen hin- und herspringen, im Gegensatz zu Lara Croft oder Link ist er jedoch ein Pazifist.

Die Insel stellt das erste von vier Gebieten im Spiel dar. Jede Umgebung bietet eine eigene Thematik und eine Spielzeit von je ein bis zwei Stunden, wodurch die gesamte Spielzeit samt zusätzlichem Epilog bei sieben bis acht Stunden liegt. Ein paar Sammelobjekte – darunter Spielsachen und verschiedenfarbige Kleidungsstücke – können diese Zeit noch strecken. 

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Eine logische Story, die alles zusammenhält gibt es (fast) nicht - im Gegenteil. Je weiter man kommt, desto mehr hat man das Gefühl, sich durch einen Traum zu bewegen, der anfangs farbenfroh und wunderschön und später trostlos düster daherkommt. Immer wieder folgen wir einem magischen Fuchs durch labyrinthartige Gänge. Mit einer goldenen Kugel lässt sich an einigen Stellen der Stand der Sonne ändern. Anderswo laufen wir einen wortwörtlich endlosen Korridor hinab, bis wir uns frustriert umdrehen, nur um plötzlich ganz woanders zu sein. Wieder anderswo müssen wir an schwarzen, gesichtslosen Gestalten vorbei, die wie Dementoren aus Askaban scheinbar nach unserer Seele lechzen. Erst ganz am Ende des Spiels gibt es eine emotionale, aber halbgare Erklärung für alles. Hier hätte man das vorhandene Potenzial besser ausschöpfen können. Die fantasievoll gestalteten Gebiete laden aber zum Glück auch ohne eine große Story effektiv zum Staunen und Erkunden ein.

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Die Rätsel sind trotz ihrer Simplizität kurzweilig und abwechslungsreich. Ein genaues Erforschen der Umgebung ist häufig der Schlüssel zum Erfolg. Die Steuerung ist ebenso simpel und präzise. Die Grafik zeigt sich stilistisch einzigartig und minimalistisch, kommt jedoch gelegentlich ins Ruckeln (getestet wurde die PS4-Version). Zum Thema Grafik und Präsentation ist zudem erwähnenswert, dass RiME komplett ohne HUD auskommt und den Spieler somit noch stärker in die Spielwelt zieht als sonst üblich.

Die ruhige Hintergrundmusik gehört zum Besten, was die Spieleindustrie zu bieten hat. Käufer der Switch-Version sollten sich zu Recht über den deutlich höheren Preis im Vergleich zur PS4/XB1-Version ärgern (45€ statt 30€), bekommen aber immerhin einen Download-Code für den mehr als gelungenen, orchestralen Soundtrack als Trostpflaster.

Was bleibt als Fazit zu sagen? Wie Journey ist RiME ein kleines Kunstwerk, aber RiME kann auch spielerisch Akzente setzen. Es ist ein gelungenes, ruhiges Rätselspiel mit lediglich kleineren Schwächen. Man merkt, dass Tequila Works nicht nur viel Arbeit, sondern auch Herzblut in das Projekt gesteckt hat. Mehr davon, bitte.

Wertung:

8.0

Jerry meint:

"Kreative Rätselkost mit kleineren Schwächen"
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Gut
Technik: Durchschnittlich

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10 Kommentare:


sCryeR
vor 6 Monaten | 0
Playtime ca?

Farbi11
vor 6 Monaten | 0
8 Stunden hat er gesagt.
Jerry
vor 6 Monaten | 0
7 bis 8 Stunden, wenn man nicht durchhetzt. Perfektionisten, die jedes Sammelobjekt suchen wollen, sind noch etwas länger beschäftigt.


NXPro
vor 6 Monaten | 0
Finde das Spiel super interessant, aber auf Grund der geringen Spielzeit wird das Spiel in 1-2 Jahren günstig nachgeholt. Wahrscheinlich dann für ein 5er auf dem PC.

Enysialo
vor 6 Monaten | 0
Hmmm... Umfang gut, wenn das Spiel bei gemächlichem Daddeln in acht Stunden durch ist? Das würde ich eher als mangelhaften Umfang einstufen.

Ansonsten warte ich, bis das Ding günstiger wird, der Preis ist mir für die kurze Spielzeit schlicht zu ambitioniert, Download-Code für den Soundtrack hin oder her.

Ansonsten spricht mich das Ding sehr an.

Jerry
vor 6 Monaten | 0
Für 45€ sind 8 Stunden sicher zu wenig, aber die Switch ist hier die Ausnahme. Für 30€ ist die Spielzeit imho völlig in Ordnung. Ich hab im übrigen bei Thalia.de nur 25€ bezahlt. :) Rechnet man das auf einen Vollpreis-Titel für 70€ hoch landet man bei 18-20 Stunden Spielzeit.
NXPro
vor 6 Monaten | 0
Für ein gutes Adventure ala Monkey Island oder the Book of Unwritten Tales bezahle ich auch gerne 20-30€ für 10 Stunden. Aber irgendwie spricht mich dafür Rime nicht genug an und solche Spieler verlieren nach Release auch unheimlich an Wert.

Mit einer Zelda-Spielzeit sollte man es auch lieber nicht vergleichen.


Turrican
vor 6 Monaten | 0
Schönes Spiel.
Gefällt mir gut.

Farbi11
vor 6 Monaten | 0
Wieso beschweren sich hier alle wegen 8 Stunden Spielzeit für 45 €? Es ist unfair, das Spiel mit Zelda zu vergleichen. Man müsste es mit ähnlichen Spielen vergleichen, die einen künstlerischen Anspruch haben, wie zum Beispiel the last Guardian. Und dann sieht es schon ganz anders aus.

Ganz abgesehen davon ist Spielzeit ja nicht alles. Lieber 8 Stunden Spaß als 40 Stunden Grinden und langweilige Schafferei.

KilledGamer
vor 6 Monaten | 0
Wird sicher irgendwann geholt.