Test: Persona 5

Von Andreas Held am 24. April 2017

Das Gaming-Jahr 2017 ist schon jetzt in voller Fahrt: Anfäng März eroberten sowohl Breath of the Wild als auch Horizon: Zero Dawn die Herzen von Kritikern und Fans. Doch es gibt noch ein weiteres Spiel, das in seiner Nische ordentlich Staub aufwirbelt.

Schüler bei Tag, Helden bei Nacht

Die Persona-Serie setzte bereits bei ihrem Debüt auf ein etabliertes Grundkonzept: Die typische Superheldengeschichte, in der ein Auserwählter einen normalen Alltag erlebt und in seinem zweiten Leben mit verdeckter Identität auf Verbrecherjagd geht. In Persona übernehmt ihr die Kontrolle über japanische Schüler, die mit Hilfe der Kreaturen, nach denen die Serie benannt ist, allerlei Dämonen jagen und - wie es im JRPG-Genre generell üblich ist - am Ende meistens die Welt retten. Zu seinem Durchbruch gelangte das Franchise mit dem dritten Teil, der beide Aspekte des Heldendaseins gleich stark gewichtete und eine Art Visual Novel aus dem Slice-of-Life-Genre mit einem klassischen Dungeon Crawler verknüpfte.

An dieser Formel hat sich auch mit dem fünten Teil, der acht Jahre nach seinem direkten Vorgänger erscheint, nichts verändert. Nach einer kurzen Einleitungssequenz beginnt das Spiel mit dem Einzug der stummen Hauptfigur in einem tokyoter Stadtviertel, das dem Protagonisten und dem Spieler gleichermaßen völlig fremd ist. Nachdem euch die Umgebung und einige Charaktere vorgestellt wurden, öffnet sich das Spiel und ihr habt die volle Kontrolle über die Gestaltung eures Alltags. Persona 5 ist (ähnlich wie Harvest Moon) an einem Ingame-Kalender ausgerichtet. An einem normalen Tag habt ihr zwei Zeit-Slots zur Verfügung, an denen ihr eure Freizeit frei gestalten und verschiedenen Aktivitäten nachgehen könnt. Wollt ihr für die nächste Klausur lernen oder lieber eine DVD-Serie anschauen? Wollt ihr im Rahmen kleiner Minispiele ein paar Fische angeln oder euch an einem Retro-Videospiel versuchen? Alle der vielen möglichen Aktivitäten haben einen Sinn und trainieren in der Regel eine der fünf Charaktereigenschaften eures Alter Egos, die euch widerum den Zugang zu bestimmten Spielinhalten ermöglichen.

Im Zentrum dieser Freizeitgestaltung stehen seit jeher die "Social Links", die für Persona 5 in "Confidants" umbenannt wurden. Insgesamt 21 kleine Geschichten mit jeweils 10 Episoden haben die Entwickler im Spiel verwoben. Ein Großteil davon wird euch erzählt, wenn ihr eure Freizeit mit den entsprechenden Charakteren verbringt. Dass die Hauptfigur stumm ist, stimmt übrigens nicht ganz: Tatsächlich wird eurem Avatar die Eigenschaft zugesprochen, dass er meist nur zuhört und wenig sagt. Kommunikation geschieht fast ausschließlich über Multiple-Choice-Antworten, die anders als in vielen anderen JRPGs auch tatsächlich einen echten Einfluss auf die Dialoge haben. NPCs reagieren glaubwürdig auf eure Antworten und legen dem Protagonisten keine Sätze in den Mund. Die Vision, die Nintendo mit der Zelda-Serie verfolgt - dass Link die Repräsentation des Spielers in der virtuellen Welt darstellen soll - denkt Atlus in Persona 5 zu Ende und setzt sie geradezu großmeisterlich um, sodass man für seinen Avatar tatsächlich ein gewisses "Ich-Gefühl" entwickelt und zeitweise glatt vergisst, dass man eigentlich nur eine fiktive Story erlebt.

Ein Hauch von Zelda

Neben dem offenen Alltag erlebt ihr in Persona 5 auch eine lineare Geschichte, die euch des Öfteren in einen großen Dungeon schickt, der bis zu einem gewissen Ingame-Datum absolviert werden muss. Der wichtigste Unterschied im Vergleich zu den beiden Vorgängern ist, dass diese Dungeons nun nicht mehr zufallsgeneriert, sondern komplett handgemacht sind. In Sachen Größe und Umfang können diese Verliese problemlos mit denen aus älteren Zelda-Titeln mithalten, sodass ihr euch darauf freuen dürft, in jedem der Bauten etwa zwei bis drei Stunden lang Schätze suchen, kleinere Rätsel lösen und Gegner bekämpfen zu dürfen. Passend zur Thematik (die spielbaren Figuren werden in ihrem zweiten Leben zu Antihelden in Form einer Diebesbande) setzt Persona 5 sehr stark auf Stealth-Elemente und es ist äußert wichtig, Gegner aus Hinterhalten anzugreifen und dabei unentdeckt zu bleiben. Die Mischung aus Erforschen, Rätselraten, Schleichen und Kämpfen geht voll auf: Es kommt nur selten vor, dass das bloße Durchqueren der Dungeons in einem RPG derart viel Spaß macht wie in Persona 5.
Sobald es zu einem Kampf kommt, werden Franchise-Veteranen ziemlich genau wissen, was sie zu tun haben. Jeder Gegner verfügt über individuelle Stärken und Schwächen gegenüber Nah- und Fernkampfangriffen sowie den acht Elementen. Trefft ihr eine Schwachstelle, geht der verwundete Gegner zu Boden und der Angreifer darf eine weitere Aktion ausführen. Schafft ihr es durch geschicktes Kombinieren und Aneinanderreihen von Offensivaktionen, alle Gegner gleichzeitig zu Boden zu werfen, könnt ihr eine starke Spezialattacke einsetzen, die den Kampf in der Regel zu euren Gunsten entscheidet. Neu ist hingegen das aus der Schwesterserie Shin Megami Tensei bekannte Feature, welches es euch erlaubt, in dieser Situation mit den Dämonen zu verhandeln. Alternativ könnt ihr eure Überlegenheit also auch dazu nutzen, neue Personas, Geld oder Items von den Gegnern zu erpressen und sie im Gegenzug mit dem Leben davonkommen lassen.

Persona 5 stellt euch gleich zu Beginn vier Schwierigkeitsgrade zur Auswahl. Auf der normalen Stufe sind die Kämpfe gegen einfache Gegner recht problemlos zu bewältigen - vor allem aufgrund der Möglichkeit, nach dem Verlassen eines nur zum Teil absolvierten Dungeons (um die HP und SP eurer Charaktere wiederherzustellen) zu einem der zahlreichen Schnellreisepunkte zurückzukehren, was euch jedoch einen Ingame-Tag eurer Freizeit kostet. Knackig schwer wird es erst, wenn ihr versucht, einen Dungeon innerhalb der minimal benötigten Zeit zu absolvieren, weil ihr dann deutlich stärker auf die euch zur Verfügung stehenden Ressourcen achten und Gegner möglichst effizient besiegen müsst. Im Gegensatz dazu können einige der Zwischen- und Endbosse auch erfahrenen JRPG-Füchsen Schweißperlen auf die Stirn treiben. Auf dem hohen Schwierigkeitsgrad ist Persona 5 absolut knallhart, was sich sogar ein bisschen mit dem Spieldesign beißt: Da ihr öfters Pausen einlegen und eure Charaktere aufleveln müsst, geht euch einiges an Freizeit flöten, sodass ihr im Gegenzug auf ein paar der Nebenaktivitäten verzichten müsst. Wer hingegen ausschließlich die Story erleben möchte, kann auf einen der niedrigeren Schwierigkeitsgrade zurückgreifen.

Nicht perfekt, aber ein nahezu beispielloser Meilenstein

Das Mammutprojekt von Atlus' internem P Studio erscheint zu einer Zeit, in der das JRPG-Genre seinen Zenith vermutlich überschritten hat. Viele Entwickler setzen in den letzten Jahren lieber auf einen ultraniedrigen Schwierigkeitsgrad als vernünftiges Balancing und auf aufdringlichen Fanservice anstelle einer fessendeln Story. Persona 5 hingegen besinnt sich wie kaum ein anderes JRPG der letzten 10 Jahre auf die Stärken des Genres zurück, die um die Jahrtausendwende herum hunderttausende Spieler vor ihre PlayStation 2-Konsolen gefesselt haben. Und dann geht es noch einen Schritt weiter und übertrifft diese großen Klassiker in nahezu jeder Hinsicht.

Da wäre zunächst der Umfang: Natürlich wird die zum Durchspielen benötigte Zeit je nach Spielertyp stark variieren, aber die meisten Spieler sollten nach dem Ansehen des Abspanns deutlich über 100 Stunden, vielleicht sogar mehr als 150 Stunden auf ihrer Uhr stehen haben. Die Story ist letztendlich natürlich immer Geschmackssache, kann aber zumindest den immensen Umfang problemlos ausfüllen: Durch regelmäßige Story-Wendungen, das Auftauchen immer neuer Charaktere und natürlich auch aufgrund der unzähligen Confidant-Geschichten ist immer irgendetwas los, kein Abschnitt des überlangen Spiels wirkt wie Füllmaterial. Und meiner persönlichen, natürlich rein subjektiven Meinung nach erzählt Persona 5 tatsächlich die beste Geschichte, die ich jemals in einem fiktiven Werk (egal ob Film, Buch oder Videospiel) erleben durfte.

Auch das ganze Drumherum ist auf allerhöchstem Niveau: In eurer Freizeit bewegt ihr euch durch originalgetreue Nachbildungen von Shibuya, Shinjuku und Akihabara, die zwar nicht ganz so detailliert ausgefallen sind wie in der Yakuza-Serie, dafür aber ohne jegliche Grafikfehler oder Framerate-Einbrüche über den Bildschirm flimmern. Überhaupt habe ich bei meinem Test nicht einmal so etwas ähnliches wie einen Bug gefunden, was angesichts des extremen Umfangs und der hohen Nonlinearität des Spiels wirklich bemerkenswert ist. Noch bemerkenswerter ist die herausragend gute stilistische Ausgestaltung: Selbst in ein einfaches Menü wie den Waffenladen in Shibuya hat das P Studio mehr Arbeit investiert, als so mancher Publisher auf Steam in ein komplettes Spiel. Der exzellente Soundtrack und die erstklassige englische Sprachausgabe bieten ebenfalls keinerlei Angriffsfläche; Puristen können sich darüber hinaus die japanische Tonspur kostenlos aus dem PSN herunterladen. Da jedoch keine weiteren Sprachen unterstützt werden, sind gute Englischkenntnisse zum Spielen von Persona 5 zwingend erforderlich.

Fazit:

Natürlich ist auch Persona 5 nicht das perfekte JRPG, aber selbst in über 100 Stunden Spielzeit ist mir kein Kritikpunkt aufgefallen, bei dem es sich nicht um eine absolute Spitzfindigkeit handeln würde. Trotzdem werden nicht viele der 56 Millionen PS4-Besitzer Persona 5 zu ihrem absoluten Lieblingsspiel erklären; die sehr abgedrehten Fantasy-Elemente, das rundenbasierte Kampfsystem, die ausschließlich englischen Texte oder die Grafik-Engine, die auf fehlerfreie Optik und eine stabile Framerate statt auf möglichst viele Polygone setzt, werden am Massenmarkt nicht unbedingt gut ankommen. Obwohl die Marke mittlerweile eine nicht zu verachtende kommerzielle Zugkraft besitzt, richtet sich Persona 5 also ganz klar an JRPG-Fans, die diese Designentscheidungen nicht als Kritikpunkt empfinden, sondern sogar befürworten werden. Und für diese Liebhaber dürfte der Titel einen absoluten Genre-Meilenstein darstellen: Der gigantische Umfang, die einzigartige und ereignisreiche Story, die exzentrischen und gleichzeitig absolut liebenswerten Charaktere, die riesigen und abwechslungsreichen Dungeons, der moderate und trotzdem anspruchsvolle Schwierigkeitsgrad, die absolut fehlerfreie technische Umsetzung und die herausragend gute audiovisuelle Gestaltung sorgen dafür, dass Persona 5 in allen denkbaren Bereichen ein absolutes Musterbeispiel für das ansonsten strauchelnde JRPG-Genre abgibt. Am besten reicht ihr drei Wochen Urlaub ein, erzählt euren Bekannten dass ihr eine Weltreise machen würdet und verbarrikadiert euch mit Persona 5 in eurer Wohnung; es lohnt sich.

Wertung:

10

Andreas Held meint:

"Persona 5 hat das Potential zu einem ähnlichen Meilenstein des JRPG-Genres zu werden, wie es Final Fantasy VII vor 20 Jahren war."
Spielerlebnis: Herausragend
Umfang: Herausragend
Technik: Herausragend

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6 Kommentare:


Tobsen
vor 3 Jahren | 0
Ich freu mich riesig auf das Spiel. Ich habe in letzter Zeit etwas den Pile of Shame verkleinert, doch allmählich lässt das Gewissen eine Neuakquise zu. Daher wird aller Voraussicht nach Persona 5; mal sehen, ob ich ein Steelbook ergattern kann :'D.

Pogo
vor 3 Jahren | 0
Bei der Erwähnung eines stummen Protagonisten war ich ja sehr stutzig, aber der nachfolgende Paragraph hat mich dann wieder positiver gestimmt. Interessant auch zu erfahren, dass die Vorgänger zufallsgenerierte Dungeons haben und dieser Teil nicht. ich mag keine zufallsgenerierten Dungeons.
Klingt alles in allem nach einem Spiel, was mir sicherlich gefallen dürfte. Irgendwann werde ich es dann spielen.

Denios
vor 3 Jahren | 0
die zufallsgenerierten Dungeons waren auch so ziemlich mein größter Kritikpunkt am Vorgänger, da sie zwar thematisch sehr ausgefallen, strukturell jedoch megaöde waren. vor allem wurden die Ebenen bei jedem Neubetreten erneut zufällig generiert, was sehr nervig war. Freue mich auch extrem auf Teil 5, mal sehen, wann ich dazu komme...

KonoeA.Mercury
vor 3 Jahren | 1
Spiel ist bestellt und bevor ich es nicht gespielt habe, kann ich mich ja nicht wirklich zu der 10/10 äußern. Die Herausragend in der Technik ist aber definitiv zu hoch. Stil mag sehr gut sein, hat in der Technik aber nichts zu suchen und ein PS3 Port nutzt die Technik der PS4 nunmal nicht herausragend wenn das Spiel identisch aussieht.

Sonst aber sehr schön geschriebener Test. Freu mich aufs Spiel nachdem ich Nier (Welches leider in der Liste der Perlen fehlt) jetzt komplett durch habe.

Pogopuschel
vor 3 Jahren | 0
Könnt ihr auch etwas über die PS3-Version sagen? Da ich noch keine PS4 besitze, wäre das für mich sehr interessant.

Hab ja noch keinen Teil gespielt, aber die Reihe schon länger mehr oder weniger auf dem Schirm. Außerdem hab ich auch schon länger mal Lust auf ein Spiel mit dem Setting einer japanischen Großstadt, was mir das Spiel noch interessanter macht.

Vyse
vor 3 Jahren | 0
Die PS3-Version kenne ich leider nicht, sorry.