Test: Pocket Card Jockey

Von Andreas Held am 14. Mai 2016

Game Freak ist vielen Nintendo-Fans ausschließlich als Entwickler der Pokémon-Serie bekannt. Tatsächlich hat der Entwickler aber auch einige Titel im Portfolio, die deutlich innovativer sind als die immer sehr schematisch aufgebauten Pokémon-Spiele, sich dafür aber kaum verkaufen. Drill Dozer und HarmoKnight zum Beispiel. Bereits 2013 veröffentlichte das Studio in Japan den Download-Titel Pocket Card Jockey, der potentiellen Käufern eine Mischung aus Pferderennen und einem Solitaire-Kartenspiel anbietet und sich somit extrem unkonventionell präsentiert. Mit rund drei Jahren Verzögerung erschien das Spiel nun auch im europäischen eShop, und wir haben uns angesehen, ob die skurrile Genremischung überzeugen kann.

Wer zählen kann, kann auch reiten

Jedes Rennen besteht aus drei Phasen, die sich - je nach Rennlänge - mehrmals wiederholen. Die meiste Zeit verbringt ihr mit dem Solitaire-Kartenspiel, welches sich ein extrem simples Regelwerk zu Eigen macht: Die Karten sind auf dem Spielfeld in mehreren Spalten angeordnet, von denen ihr jeweils nur die unterste Karte berühren dürft. Eine Karte darf genau dann zum Ablagestapel bewegt werden, wenn ihr Wert um eins höher oder niedriger ist als der Wert der obersten Karte auf dem Ablagestapel. Gibt es keine passende Karte, zieht ihr euch die nächste Karte vom Reservestapel - so lange, bis entweder das Spielfeld leergeräumt oder keine Spielzüge mehr möglich sind. Mehr müsst und könnt ihr nicht tun, da eure Spielfigur zu Beginn verlauten lässt, dass ihr die komplexeren Regelwerke der auf den meisten Windows-PCs vorinstallierten Kartenspiele zu kompliziert sind.

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Die beiden anderen Phasen eines Rennens richten sich dabei nach Spielelementen, die aus genreverwandten Spielen wie dem von KOEI entwickelten G1 Jockey bekannt sind, aber ebenfalls auf ein Minimum an Interaktionsmöglichkeiten reduziert wurden. Nach jeder Solitaire-Runde malt ihr auf dem Touchscreen eine Linie, die vorgibt, wie sich euer Pferd relativ zum Rest des Feldes bewegen soll. Jedes Ross hat dabei seine eigene sogenannte "Komfort-Zone", und je länger ihr euch darin aufhaltet, desto schneller läuft euer Pferd auf der Zielgeraden. Dort müsst ihr dann durch Spurwechsel langsameren Reitern ausweichen, um diese zu überholen, und könnt übrige Ausdauer gegen kurze Tempo-Schübe eintauschen.

Mein Gestüt 2D

Außerhalb der Rennen kann Pocket Card Jockey mit ein paar sehr simplen RPG-Elementen aufwarten. Jedes Fohlen wird euch im Alter von zwei Jahren übergeben. Im Growth-Modus spielt ihr die ersten beiden Jahre der Karriere eures Rennpferdes durch und müsst hier nicht nur Rennen gewinnen, sondern auch Erfahrungspunkte sammeln, um euer Pferd aufzuleveln. Am vierten Geburtstag eures Huftiers wird der Mature-Modus freigeschaltet, in dem es keine Erfahrungspunkte mehr zu sammeln gibt. Dieser ist eine Art Survival-Modus: Sobald ihr drei Rennen nicht gewonnen habt, wird euer Ross ausrangiert. Dann endet es aber nicht etwa als Teil einer Fertiglasagne im nächsten Supermarkt, sondern auf einer Farm, wo es nicht mehr altert und neue Pferde "produzieren" kann.

Das ist alles ganz nett, rettet Pocket Card Jockey aber nicht vor dem Urteil, dass der spielerische Anspruch gegen Null geht. Zwar gibt es immer Möglichkeiten zum Taktieren, mit denen ihr eure Gewinnchancen verbessern könnt, aber generell sind alle Aspekte des Spiels fast ausschließlich Glückssache. Wenn ihr im Solitaire unpassende Karten bekommt oder von gegnerischen Pferden aus eurer Komfort-Zone gerammt werdet, gibt es im Prinzip nichts, was ihr dagegen tun könntet. Und wenn das Erringen von Trophäen und Preisgeldern nicht so recht klappen will, liegt das nicht etwa daran, dass ihr noch weitere Spielmechaniken erlernen und eure Strategie verbessern könnt. Stattdessen müsst ihr einfach darauf warten, bis ihr irgendwann von eurer Farm bessere Pferde mit besseren Statuswerten bekommt.

Doch bis es soweit ist, wird überraschend viel Zeit vergehen. Mit elf verschiedenen Pferderassen, 21 Trophäen und 72 Puzzleteilen gibt es einige Sammelobjekte, die euch durchaus 20 Stunden oder länger beschäftigen können. Immerhin bietet euch Pocket Card Jockey auch eine kleine Story und hält ein paar versteckte Extras überraschend lange zurück, sodass ihr auch nach längerer Zeit noch neue Dinge zu sehen bekommt. Abzüge in der B-Note gibt es für die zum Teil massiven Framerate-Einbrüche, die angesichts des Grafikstils des Spiels eigentlich nicht vorkommen dürften. 

Fazit

Pocket Card Jockey gibt sich sehr viel Mühe, euch mit seiner skurrilen Präsentation, seichten RPG-Elementen und einer kleinen Story langfristig zu fesseln. Diese Dinge täuschen jedoch nicht darüber hinweg, dass eure spielerischen Möglichkeiten enorm eingeschränkt sind. Einzelne Rennen werden in der Regel durch Glück oder Pech entschieden, und die Karriere eures Rennpferdes hängt in erster Linie von seinen Statuswerten ab. Mit der Zeit züchtet ihr immer schnellere und stärkere Rösser, die dann automatisch mehr Rennen gewinnen, ohne dass ihr euch als Spieler verbessert hättet. Somit funktioniert Pocket Card Jockey als absolutes Gelegenheitsspiel für unterwegs - doch wer sich seinen 3DS für Titel wie Monster Hunter Generations oder Legend of Legacy gekauft hat, den wird Game Freaks' Genre-Experiment hoffnungslos unterfordern und somit langweilen.

Wertung:

6.5

Andreas Held meint:

"Pocket Card Jockey verarbeitet viele nette Ideen, bietet dabei aber keinerlei spielerischen Anspruch."
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Sehr gut
Technik: Durchschnittlich

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