Test: Horizon: Zero Dawn

Von Lars Peterke am 10. März 2017

Zur Seite, Link! Sony und Guerrilla Games präsentieren: Bogenschießen für Fortgeschrittene! Wer Guerrilla Games kennt, der kennt auch Killzone. Seit der PS2-Ära entwickelt das niederländische Studio Ableger des Shooters, der als Sonys Gegenargument zu Xbox-Titeln wie Gears of War gedacht war. Nach langen Jahren des Shooter-Daseins bekam Guerrilla Games dann die Carte Blanche für eine neue IP, die nicht weniger als das nächste große Zugpferd für die PS4 werden sollte. Fünf Jahre und 45 Millionen Euro Entwicklungsbudget später heißt das Ergebnis “Horizon: Zero Dawn” - ein opulentes Abenteuer und die teuerste niederländische Medienproduktion aller Zeiten steht in den Regalen. Ob sich das Investment gelohnt hat, erfahrt ihr in unserem Test.

Rebellion der Maschinen

Es riecht zunächst nach einem Abklatsch von Far Cry Primal. Rost, ein Ausgestoßener vom Stamme der Nora lässt im Rahmen einer traditionellen Zeremonie sein Mündel mit dem Namen Aloy segnen. Danach klappt dem Spieler zum ersten Mal gehörig die Kinnlade herunter. Riesige mechanische Kreaturen in tierähnlicher Form tauchen auf dem Bildschirm auf, durchstreifen in Herden die Wälder und wollen zunächst so gar nicht ins Bild passen. Während der Spieler die mechanisch-tierischen Brunftlaute vernimmt merkt er nicht, wie er schon angespannt auf der Sesselkante hockt. Horizon: Zero Dawn braucht nur Minuten, um den Spieler in seinen Bann zu ziehen.

Die Erklärung für die Digitalvariante von Hirsch, Giraffe und Co. folgt auf dem Fuße, als der Spieler in der Rolle der sechsjährigen Aloy in der Spielwelt erste Hinweise auf ihre Entstehung aufdeckt. Demnach hatte die Menschheit mit der Perfektionierung von Roboter-Technologie ihren Zenit erreicht und ging daran zu Grunde. Maschinen sind nun die dominierende Spezies, die Natur hat die Welt zurückerobert und die letzten Überbleibsel der Menschheit sind technologisch und gesellschaftlich auf dem Niveau von Indianerstämmen. Sie versuchen im Rahmen ihrer Möglichkeiten, in Koexistenz mit den Maschinen ihr Leben zu bestreiten, und wissen nur noch wenig von ihren Vorfahren, die sie einfach “die Alten” nennen.

Aus unerfindlichen Gründen werden die Maschinen jedoch immer aggressiver. Unterdessen ist Aloy zu einer jungen Frau herangewachsen und ist nach Jahren des Trainings bereit für “die Bewährung”. Eine alte Stammestradition und Prüfung, dessen Sieger das Recht erhält, mit einem beliebigen Wunsch vor den Ältestenrat zu treten. So will Aloy endlich mehr über ihre Herkunft erfahren. Natürlich ist die komplette Handlung aber wesentlich größer als diese anfänglichen Grundzüge. 

Kampflastiges Abenteuer mit fabelhaften Kampfsystem

Horizon: Zero Dawn macht keine Gefangenen. Schon sehr früh im Spiel könnt ihr auf eine breite Palette an Utensilien zurückgreifen, um euch in den Kämpfen zu behaupten, wobei die korrekte und kluge Anwendung eures Arsenals aber direkt vorausgesetzt wird. Das kann den Spieler zunächst überfordern, belohnt ihn aber nach der anfänglichen Einarbeitungszeit auch direkt. 

Die Basis für das Kampfsystem bilden Aloys Speer für leichte und starke Nahkampf-Attacken sowie Pfeil und Bogen für Angriffe aus der Distanz. Während die Protagonistin ihren Speer nutzt, um schnelle Hiebe auszuteilen, ist der Bogen eine filigrane Waffe und der Dreh- und Angelpunkt des Kampf-Gameplays. Sobald der Spieler beginnt, mit dem Bogen präziser zu zielen, läuft das Spiel für wenige Sekunden in Slow-Motion. Das ist bei den bestialisch flinken Kreaturen auch bitter nötig. Ein gut gemeintes Augenmaß duldet das Spiel dabei nicht, knapp daneben ist schließlich auch vorbei. Alle Gegnertypen haben sehr präzise Schwachstellen, die sich oft aber nur mit dem Bogen treffen lassen. Darüber hinaus sind diese Angriffspunkte bei den fetteren Biestern unter ihrer Metallverkleidung versteckt. Ein auch für die Story sehr relevantes Scan-Gerät hilft beim Aufdecken solcher Schwachstellen.

Zusätzlich gibt es viele weitere Hilfsmittel, um den Kämpfen eine taktische Note zu verleihen. Für den Bogen könnt ihr verschiedene Pfeilarten herstellen. Dabei sind etwa die Feuerpfeile ein sehr probates Mittel gegen die Gegner, wenn man mit ihnen einen ihrer Kraftstofftanks trifft. Darüber hinaus könnt ihr diverse Fallen produzieren, Gegner mit Steinen oder Pfeifen anlocken oder aus einem Versteck im hohen Gras heraus kritische Überraschungsangriffe starten. Noch mehr Raffinessen kommen mit zusätzlichen Waffen in den Gameplay-Mix. Dann lässt sich etwa mit dem Scanner die Marschroute eines Gegners analysieren, um ihm dann an einer günstigen Position ein Stromseil als Falle zu spannen.

Ein Garant für einen Sieg sind diese vielen Möglichkeiten aber noch lange nicht. Wird die rothaarige Amazone etwa vom technischen Äquivalent des Säbelzahntigers frontal erwischt, kann sie sich direkt von einem Großteil ihrer Lebensenergie verabschieden. Ausweichrollen sollte sie also perfekt beherrschen, nur so besteht eine Chance gegen ausdauernde Gegner. Zudem ist auch nicht jedes menschliche Wesen der Hauptfigur wohlgesonnen. Hier bedarf es wieder anderer Taktiken, um siegreich zu sein.

Mehr ist mehr

Fast alles in Horizon: Zero Dawn, insbesondere aber das Kampfsystem, fühlt sich unglaublich gut an. Und das hat einen sehr spezifischen Grund. Guerrilla Games ist es gelungen, die technischen Möglichkeiten der PS4 bis auf den letzten Tropfen auszureizen und ihre Resultate perfekt mit dem Gameplay zu verzahnen. So sind beispielsweise die mechanischen Gegner so lebhaft animiert, dass es einem den Atem raubt. Das führt aber nicht bloß zu der Konsequenz, dass Horizon grafisch eine absolute Augenweide ist, sondern hilft dem Spieler auch im Kampf. Erst die detaillierten Animationen machen es möglich Bewegungen der Gegner zu antizipieren und mit der richtigen Aktion zu kontern. Wenn die Augen des Säbelzahntigers aufblitzen, er sich bereit für den Sprint macht und die rettende Ausweichrolle gerade noch rechtzeitig ausgeführt wird, während einem das Adrenalin durch den Körper schießt, dann ist Horizon: Zero Dawn in seiner Bestform. 

Das Spielgefühl wird noch weiter dadurch verstärkt, dass alles Hand in Hand mit der offenen Spielwelt geht. Während ihr sie durchstreift, sammelt ihr Kräuter, Stöcke oder Steine und durchsucht jeden besiegten Gegner, um Bauteile für das Crafting zu erhalten. Mit ihnen müsst ihr nicht nur Fallen oder Tränke, sondern auch jeden einzelnen Pfeil vorab selbst herstellen. So beschäftigt etwa das Kampfsystem den Spieler bereits lange, bevor der eigentliche Kampf überhaupt beginnt. Umso motivierender ist es später, wenn der sorgfältig ausgetüftelte Plan aufgeht und die Geduld belohnt wird. Wem es übrigens nicht reicht, aus eigener Kraft Kämpfe zu gewinnen, der kann sich auch anschleichen und Maschinen mit einem Hack übernehmen. Im Anschluss unterstützen sie euch oder lassen sich mitunter auch reiten.

Da Kämpfe einen sehr großen Teil des Spiels ausmachen, gibt es abseits leider nicht so viel Variation. Dies ist aber der einzige etwas größere Kritikpunkt. Auch wenn die Spielwelt ungemein glaubwürdig und abwechslungsreich daherkommt, wird ihr Potential storytechnisch nicht voll ausgeschöpft. Stattdessen nimmt man hin und wieder feindliche Lager ein, erkundet Brutstätten der Maschinen oder absolviert Herausforderungen an verschiedenen Jagdstätten. Diese Aufgaben sind zwar allesamt unterhaltsam und insbesondere die Erkundung einer Brutstätte ist ein beeindruckendes Unterfangen für den Spieler. Charaktere, die in ihrer Komplexität und Tiefe Aloy das Wasser reichen können, vermisst man jedoch. Eher kommt das Gefühl auf, die Welt ordne sich dem Spielprinzip unter. In ihr verliert man sich in erster Linie dank der großartigen und glaubwürdigen audiovisuellen Präsentation, nicht aber wegen ihrer Figuren und Geschichten.

Fazit:

Mit Horizon: Zero Dawn melden die Niederländer von Guerrilla Games Ansprüche auf den Videospiel-Olymp an und haben vielleicht schon jetzt eines der besten Spiele des Jahres veröffentlicht. Der Titel steht audiovisuell vielleicht sogar noch ein Stück über Uncharted 4 und katapultiert sich auch dank des lupenreinen Gameplays ganz nach oben auf die Liste der Must-Haves für die PS4. Abseits des Lobes muss man den Titel aber auch plattformübergreifend einordnen. Hier bieten Titel wie The Witcher 3 gerade im Bereich der Nebenaufgaben und -Charaktere Spannenderes. Im Gegensatz zum sehr guten und sehr integrierten Kampfsystem waren die Entwickler beim Design der offenen Spielwelt an einigen Stellen wohl eher konservativ und orientieren sich an etablierten Standards. Die tolle Hauptstory von Horizon: Zero Dawn hält die Spannung aber durchgehend, nur am Ende muss der Spieler mit ein paar losen Enden zu viel leben. Wer Horizon komplett durchspielen will, wird weit über 50 Spielstunden beschäftigt sein, ist dabei aber immer bestens unterhalten. Fortsetzung, bitte!

Wertung:

9.0

Lars Peterke meint:

"Horizon: Zero Dawn ist ein fantastischer Action-Titel und setzt eine sehr hohe Messlatte für das PS4-Spiel des Jahres."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Herausragend
Technik: Herausragend

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10 Kommentare:


Terry
vor 3 Jahren | 1
Wenn Hyrule abgegrast ist, folgt das als nächstes. Toller Monat für Gamer!

Hakuo
vor 3 Jahren | 0
Okay, ich habe keinen Grund jemandem hier böse zu werden :D
Toller Test, absolut gerechtfertigte wertung!
Jeder der ne PS4 hat, muss dieses Spiel gespielt haben :)

the_Metroid_one
vor 3 Jahren | 0
Wirkt imposant. Ein sehr interessanter Titel für die PS4.

Vader
vor 3 Jahren | 0
Ich hätte gerne nen ps4 emulator ^^ Horizon würde ich auch gerne zocken. So bleibt mir nix anderes als Letsplays zu gucken ^^ Vom zugucken her echt grandios.

KonoeA.Mercury
vor 3 Jahren | 1
Gibt es einen Grund warum Horizon eine bessere Technikwertung als Zelda bekommen hat? Klar, grafisch sieht es besser aus, aber technisch ist Zelda Horizon doch meilenweit überlegen...

McClane
vor 3 Jahren | 0
Zelda läuft technisch nicht zu 100% sauber. Ruckler und aufploppende Texturen kann ich ohne größere Anstrengung ausfindig machen. Ständig.

Zleda: Breath of the Wild - 15 FPS-Edition
Tatze
vor 3 Jahren | 0
Technik: Die Technik-Wertung mag auf den ersten Blick wie eine simple Zusammenfassung von "Grafik" und "Sound" erscheinen. Es geht uns aber auch darum zu bewerten, wie gut die jeweilige Hardware genutzt wird. Unsauberkeiten wie Grafikfehler, lange Ladezeiten, Aussetzer in der Steuerung, Spielabstürze oder sonstige Bugs haben einen negativen Einfluss.

kraid
vor 3 Jahren | 0
Nachdem was ich so über Horizon höre (habe keine PS4) und was ich bei Zelda selbst mitbekomme an Rucklern und leichten Framerate-Einbrüchen, ist die Technikwertung schon nachvollziehbar.
Würde Zelda in fast allen Lebenslagen mit konstant hoher Framerate laufen, dann wäre da auch ne höhere Technik-Wertung drin.


Tatze
vor 3 Jahren | 0
@Konoe Meh.. Hat er den Rest verschluckt. Keine Lust nochmal zu schreiben. Einfach ignorieren xD

NaIzE
vor 3 Jahren | 0
Im Moment habe ich noch andere Titel nachzuholen. HZD ist aber auf der Liste!