Test: Human Resource Machine

Von Tim Herrmann am 04. April 2017

Nach Türmchenbauen und Mit-Feuer-Spielen: Tomorrow Corps. aktuellstes Spiel ist nicht weniger irre als seine Vorgänger. Und dabei ebenso sehenswert.

Wenn Tomorrow Corporation ein neues Spiel herausbringt, dann erkennt man das sofort. Denn Titel wie Little Inferno oder das von Tomorrows Vorläufer 2D Boy entwickelte World of Goo sehen einfach besonders aus, tragen einen ganz eigenen Stil, eine Handschrift. Merkwürdig abstrakte Figuren, düster gehaltene Grafik und schwermütiger Sound kontrastierten die wahnwitzige Albernheit des Gameplays. Diese Mischung war immer höchst interessant, auch wenn die Spiele an sich letztlich beileibe nicht jeden Geschmack trafen. Jetzt ist Human Resource Machine erneut für Nintendo Switch erschienen. Und man erkennt natürlich sofort, dass es von Tomorrow Corp. kommt. Doch der erste Eindruck täuscht. Denn es unterscheidet sich von seinen Vorgängern in fast jeder Hinsicht.

Ein Leben im Dienste des Konzerns

Der erste, vielversprechende Eindruck: Human Resource Machine ist eine bissige Sozialsatire, die sich die typische Karriere eines unbedeutenden Angestellten in einem anonymen Großkonzern vornimmt. Ihr schlüpft gleich zu Beginn in die Rolle eines solchen Angestellten und klettert dann Jahr für Jahr die Karriereleiter hoch, indem ihr mit dem Aufzug nach oben fahrt. Ein Stockwerk ist dabei ein Level – und ein Jahr eures kleinen, irrelevanten Arbeiterlebens. Im Laufe der Zeit könnt ihr der kleinen Spielfigur sogar beim Altern zuschauen.

Doch dort endet die Satire leider auch schon. Human Resource Machine ist kein storygetriebenes Spiel, wie es beispielsweise Little Inferno war. Es ist ein Rätselspiel, das die hamsterradähnliche Arbeitswelt als Thema und titelgebenden Rahmen nutzt. Bis auf wenige kurze und eher zusammenhangslose Story-Sequenzen zwischen den Stockwerken und bis auf die schnippischen Einleitungskommentare zu Beginn eines Levels / Jahres ist von der Story nicht viel zu sehen. Das ist schade, denn da wäre deutlich mehr drin gewesen.

Inbox, copyto 0, bump -, jumpifnegative to Inbox, Outbox, jump to Inbox

Nein, Human Resource Machine ist kein Abenteuer im goldenen Käfig. Es ist ein Rätselspiel. Und dabei ziemlich einzigartig. Da ist die Handschrift der Tomorrow Corp. dann wieder gut erkennbar, nicht nur im Stil, sondern auch im Gameplay.

Im Kern geht es in Human Resource Machine ums Programmieren. In jedem Level erwartet euch eine recht simple Aufgabe. Damit die kleine Spielfigur sie lösen kann, müsst ihr dem Männchen Befehle geben. In einer logisch-stimmigen Reihenfolge kombiniert, tut eure Figur, was die Geschäftsführung verlangt. Im Laufe des Spiels erweitert sich das Befehlsportfolio langsam immer weiter.

Es geht im Kern immer darum, Zahlen oder Buchstaben aus einer Inbox zu nehmen, auf eine vorgegebene Weise kreativ zu transformieren und dann in die Outbox zu legen. In der Mitte des Raums legt ihr einzelne Elemente ab, um mit ihnen zu arbeiten.

Das alles funktioniert mit Befehlen aus der Programmiersprache: copyto lässt den Arbeiter eine Tafel auf einer bestimmten Stelle im Boden ablegen. „ADD“ erzeugt eine Addition zweier Zahlen, und dann gibt es da noch Subtraktionen, Optionen zum Hoch- oder Herunterzählen und verschiedene konditionelle Loop-Befehle, die automatisch (oder falls der getragene Wert Null oder negativ ist) wieder zum Beginn des Programms springen. Sobald ihr euren Prozess einmal in Gang gesetzt habt, könnt ihr nur noch zuschauen, wie die kleine Spielfigur Befehle ausführt, aber nicht aktiv eingreifen.

Die Überschrift dieses Absatzes ist beispielsweise ein Programm, das im Spiel eine beliebige Zahl aus der Inbox nimmt und dann in der Outbox bis auf 0 herunterzählt.

Klingt kompliziert? Ist es auch

Das klingt nicht nur nach einem ganz schönen Gehirnverdreher. Tatsächlich ist Human Resource Machine kein Spiel für jeden, sondern eine knallharte Logik-Nuss. Es gilt, die begrenzten Befehle so kreativ zu nutzen, dass man damit unerwartete Ergebnisse erzeugt. Wie bekommt man zum Beispiel zwei Zahlen miteinander multipliziert, wenn es keinen Multiplikationsbefehl gibt, sondern nur Addieren, Kopieren oder Herunterzählen? Das Spiel gibt dafür kaum Tipps und überlässt es dem Spieler, eine Lösung zu finden. Die Lernkurve ist daher extrem steil und stellt selbst Spieler, die eigentlich etwas auf ihren Intellekt halten, ratlos vor scheinbar unlösbare Aufgaben. Das kann frustrieren. Oder unheimlich motivieren.

Mit verschiedenen Vor- oder Rückspulfeatures könnt ihr jeden Schritt eures Männchens nachvollziehen und schauen, wo in eurem Prozess der Wurm steckt, was ihr vielleicht übersehen habt, wo ein Loop fehlt oder wo ihr einen Sonderfall nicht bedacht habt. Was soll zum Beispiel bei einer Null passieren? Oder wenn eine Zahl plötzlich negativ wird? Oder negativ werden soll? Und wie schafft man es, dass der Prozess an genau der richtigen Stelle wieder von vorn beginnt?

Human Resource Machine ist spielerisch daher ein treffender Titel: eine Maschine kann Dinge vollbringen, die ein Mensch kaum bewerkstelligen kann. Eine Maschine ist allein aber auch dumm und tut nur das, was man ihr sagt. Hat man aber einmal Gehirnschmalz in die richtigen Befehle investiert, kann sie viel Arbeit abnehmen. Human Resource Machine trainiert diese bestimmte Art zu denken, die man im Alltag nur selten nutzt. Die Denke der Programmierer. Das Spielprinzip wird deshalb vielen – vielleicht sogar der Mehrheit aller Spieler – recht früh im Spielverlauf erstaunlich schwerfallen.

FAZIT:

Human Resource Machine fordert euch bei der Programmierung eures kleinen Männchens alles ab: Weitsicht und Überblick ebenso wie Kreativität und Scharfsinn. Es ist damit ein pädagogisch wirklich wertvolles Spiel. Aber es erfordert eben eine bestimmte Programmiererdenke. Eine Affinität zur Mathematik schadet auch nicht, um die kniffligen Rätsel zu lösen. Da die nunmal nicht jedem innewohnt, ist es kein kurzweiliges Casual-Spiel wie Little Inferno, sondern eine Kopfnuss für einen elitären Kreis von Spielern, die sich genau solche Kopfnüsse wünschen. Wer mit dem Spielprinzip und den fordernden Brainteasern etwas anfangen kann, bekommt hier ein einzigartiges und Tomorrow-typisch durchgestyltes Spielerlebnis, das den Namen „Indie-Spiel“ wirklich verdient. Denn es ist wirklich ganz und gar unabhängig von allem, was da draußen in den Download-Stores noch so kreucht und fleucht.

Von uns getestet: Nintendo-Switch-Version

Wertung:

7.0

Tim Herrmann meint:

"Ein durchgestyltes Rätselspiel für Programmierer. Bewerbung empfohlen."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Gut
Technik: Gut

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1 Kommentare:


Der R
vor 2 Jahren | 0
Werde ich mir definitiv holen, wenn mir eines Tages die Switch ins Haus kommt!