Test: I Am Setsuna.

Von Andreas Held am 25. Februar 2017

Am 3. März erscheint mit I Am Setsuna. das erste von vielen angekündigten Switch-RPGs als Launch-Titel für Nintendos neue Konsole. Wir haben zu diesem Anlass die PS4-Version unter die Lupe genommen.

I Am Elric.

Das von Square-Enix gepublishte Spiel startet mit einer kleinen Prolog-Sequenz, in welcher der Protagonist Elric als angeheuerter Söldner die Tochter seines Auftraggebers aus einem Waldstück retten muss. Kaum ist die Kleine befreit, springt ein "mysteriöser Mann" aus dem Gebüsch und gibt Elric seinen nächsten Auftrag: Er soll auf einer nahegelegenen Insel eine junge Frau ermorden - nämlich die Titelfigur Setsuna. Diese bereitet sich gerade auf eine lange Reise vor, da sie als Menschenopfer für ein Ritual auserkoren wurde, das alle zehn Jahre die überall auf der Welt lebenden Monster befrieden soll. Elrics Mordversuch schlägt fehl, doch statt ihn anzuklagen verfügt Setsuna aus irgendwelchen Gründen, dass der vermeintliche Attentäter sie auf ihrer Pilgerreise als Leibwächter begleiten soll.

Der Protagonist nimmt das alles recht kommentarlos hin - weil er nicht sprechen kann oder das zumindest nicht möchte. Zwar könnt ihr ab und zu aus zwei Dialogoptionen wählen, um Elric einen kurzen Satz in den Mund zu legen - eure Entscheidungen haben jedoch praktisch keinen Einfluss auf den Spielverlauf. Dieser besteht in erster Linie aus der Pilgerreise durch die komplett verschneite Spielwelt, die (ähnlich wie die neueren Dragon Quest-Spiele) in kleinere Etappen gegliedert ist, welche jeweils eine eigene Kurzgeschichte erzählen, die sich in den roten Faden der Haupthandlung einwebt. Auch in I Am Setsuna. dürft ihr dabei keine sonderlich komplexen Erzählungen erwarten - die Geschichte ist bewusst sehr simpel gehalten und soll offenbar auch für Kinder zugänglich sein.

Best of Squaresoft

I Am Setsuna. reitet auf der Retro-Welle mit, die nun schon seit einigen Jahren ungebrochen ist, und vermischt munter Gameplay- und Design-Ideen aus verschiedenen Squaresoft-Klassikern. Die Art und Weise, wie Kämpfe in den Dungeons initiiert werden, wurde exakt aus Chrono Trigger übernommen: Sobald ihr einer Monstergruppe begegnet, wird diese direkt auf der Umgebungskarte bekämpft. Einmal besiegte Feinde tauchen erst dann wieder auf, wenn ihr den Dungeon verlasst und danach erneut betretet. Das aus Final Fantasy bekannte ATB-Kampfsystem, das sich auch Chrono Trigger zu Eigen machte, wird euch in I Am Setsuna. ebenfalls begegnen. Die Art und Weise, wie ihr neue Zaubersprüche erlernt, entspricht hingegen genau dem Materia-System aus Final Fantasy VII: Bestimmte Items, die diesmal Spritnites heißen, können von den spielbaren Charakteren ausgerüstet werden, wodurch diese neue Zaubersprüche und Spezialfertigkeiten erlernen. Der Grafikstil mit seinen polygonarmen, im Chibi-Stil gehaltenen 3D-Figuren erinnert derweil sofort an den neunten Teil der Final-Fantasy-Saga.

Ein Kernaspekt, mit dem sich I Am Setsuna. jedoch ganz klar von vielen älteren RPG-Klassikern distanziert, ist der auffallend niedrige Schwierigkeitsgrad. Einfache Angriffe und gelegentliche Heilzauber sind völlig ausreichend, um fast alle Gegner und die meisten Bosse in ihre Schranken zu weisen. Das ist recht schade, denn das Kampfsystem kann durchaus mit einigen neuen Ideen aufwarten: Beispielsweise könnt ihr nach dem Aufladen der ATB-Leiste bewusst die nächste Kampfaktion zurückhalten, was dem wartenden Charakter die Möglichkeit einräumt, zu einem beliebigen späteren Zeitpunkt einen Angriff bzw. einen Zauber deutlich zu verstärken. Durch den zu niedrigen Schwierigkeitsgrad untergräbt I Am Setsuna. sein eigenes Spieldesign, da man auch dann problemlos den Abspann erreichen kann, wenn man diese eigentlich durchaus interessanten Systeme ignoriert. Diese Anspruchslosigkeit weitet sich auch auf die Dungeons aus: Fast alle der Berge, Wälder und Höhlen, die ihr im Laufe eurer Reise durchquert, präsentieren sich als lineare Korridore, die lediglich durch kleine Sackgassen mit einer Schatzkiste am Ende aufgegabelt werden. Rätsel gibt es nicht. Final Fantasy XIII wurde seinerzeit für ein sehr ähnliches Mapdesign noch heftig kritisiert.

Zugänglichkeit an erster Stelle

Auch sonst merkt man I Am Setsuna. deutlich an, dass die Entwickler der Tokyo RPG Factory ihren bislang einzigen Titel ganz penibel von allen Ecken und Kanten bereinigt haben, damit sich kein Spieler im Alter zwischen acht und achtzig Jahren an irgendeinem Aspekt des Spiels reiben könnte. Das überaus familienfreundliche Script enthält kein einziges derbes Schimpfwort und wird zu keinem Zeitpunkt durch einen sarkastischen Spruch aufgelockert, der irgendjemanden verärgern könnte. Für Genreverhältnisse ist das JRPG außerdem recht zügig durchgespielt - somit wird niemand, der durch Arbeit und Familie nur wenig Freizeit hat, vom Umfang des Spiels überfordert. In dieses Gesamtbild fügt sich auch der Soundtrack ein: Die akustische Untermalung besteht ausschließlich aus Klaviermusik, die nur in Ausnahmefällen mal von einem Schlagzeug oder einem Bass begleitet wird. Das ist anfänglich interessant, doch irgendwann könnte der Wunsch nach etwas mehr Abwechslung aufkommen. Ähnlich verhält es sich mit der Spielwelt: Die komplett verschneiten Kontinente sind wunderschön umgesetzt, allerdings sind die meisten Gebiete aus denselben Assets zusammengesetzt, sodass sich manch einer schnell daran sattgesehen haben könnte.

Natürlich handelt es sich bei all diesen Aspekten um bewusste Design-Entscheidungen. Trotzdem wird der ein oder andere Käufer nach dem Abspann das Preis-Leistungs-Verhältnis hinterfragen: Denn wenngleich I Am Setsuna. deutlich günstiger ist als die Vollpreistitel der aktuellen Heimkonsolen, sind 39,99€ immer noch ein stolzer Preis für ein derart minimalistisches Gesamtwerk. Für dasselbe Geld werden auf dem 3DS so einige RPGs angeboten, die im Vergleich zu ihrem Genrekonkurrenten aus dem Hause Square-Enix mit einer spannenderen Story, anspruchsvollerem Gameplay, einem deutlich größeren Umfang und einer abwechslungsreicheren Spielwelt aufwarten können. Im Vergleich dazu fühlt sich I Am Setsuna. an wie ein Indie-Titel, der für sehr kleines Geld angeboten wurde - warum der gehobene Preis gerechtfertigt ist, konnte uns die Software also leider nicht vermitteln. Zyniker könnten nun sagen, dass sich I Am Setsuna. gerade deshalb wunderbar ins aktuelle Gesamtkonzept der Switch-Konsole einfügt.

Fazit:

Einfache Geschichten, anspruchslose Kämpfe, übersichtlicher Umfang und Klaviermusik: I Am Setsuna. richtet sich in jedem denkbaren Aspekt ganz gezielt an Spielertypen, die nichts in ein Videospiel investieren, sondern sich einfach nur berieseln lassen möchten. Wer mit einem guten Videospiel in erster Linie Begriffe wie "Spannung" oder "Erfolgserlebnis" verbindet, sollte um das Debut der Tokyo RPG Factory also lieber einen Bogen machen und sich stattdessen die RPG-Bibliothek des 3DS noch einmal genauer ansehen. Alle anderen, die die Einfachheit des Retro-RPGs vielleicht sogar zu schätzen wissen, werden mit der interaktiven Pilgerreise durch die verschneite Spielwelt mit Sicherheit auf ihre Kosten kommen und dürfen sich von der märchenhaften Atmosphäre des Titels verzaubern lassen.

Wertung:

7.0

Andreas Held meint:

"Ein Spiel ohne Ecken und Kanten - über I Am Setsuna. werden sich nur diejenigen aufregen, die sich etwas mehr Aufregung erhofft hätten."
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Gut
Technik: Gut

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8 Kommentare:


Tobsen
vor 2 Jahren | 0
Danke für den Test! Das hört sich ja alles nicht übel an! Besonders in die Musik habe ich mich verliebt. Ich bin mal gespannt, wann mein Switch-Exemplar eintrudelt.
Habt ihr irgendwie die Möglichkeit, wenn die Switch-Version draußen ist, auf etwaige Versionsunterschiede einzugehen?

prog4m3r
vor 2 Jahren | 0
Autsch... da lese ich zum ersten mal einen Test zu diesem Spiel, welches einem jetzt schon so oft angepriesen wurde, einfach weil es Chrono Triggers Kampfsystem übernimmt - welches ich genial finde, und dann schaffst du es wirklich mir das Ding Madig zu schreiben :)

Gekauft wird es trotzdem, im Steam Sale für maximal 9,99€...
außer es kommt doch noch eine Retail Version für die Switch in den Westen :P

Nichts desto trotz, wirklich bedauerlich wie viel Potential hier wohl verschenkt wurde. Hard Mode DLC, please?

Tobsen
vor 2 Jahren | 1
Ne, ein Hard Mode ist für dich nichts. Wie ein schwieriges Spiel aussieht, hat dich ja GTA IV gelehrt.

WASTED!

:D

Denios
vor 2 Jahren | 0
ich glaube auch, dass ich mit dem Titel Spaß haben werde :)

Pogo
vor 2 Jahren | 4
Ich hab das Spiel gespielt und kann sagen, dass das Review schon ehrlich ist, aber auch recht hart. Wenn man auf so was steht, dann macht das Spiel viel richtig für dich. Die Musik ist von Anfang bis Ende traumhaft schön, die Landschaft wirklich toll und beides fügt sich sehr harmonisch in das Grundthema des Spiels an.

Die normalen Kämpfe sind etwas einfacher gehalten, es gibt aber gen Ende hin doch auch einige etwas schwerere Gegnertypen und zudem sind fast alle Bossgegner eine Herrausforderung. Man kann eben nicht gegen die Bossgegner mit einfach normalen Angriff spammen gewinnen.

Ein großer Vorteils es Spieles ist, dass man sich seine Kämpfer SEHR frei selbst zusammen bauen kann. Man kann neben Waffen auch Amulette ausrüsten, die Platz für Spezialfertigkeiten haben. Diese teilen sich in zwei Gruppen, aktive und passive. Es gibt SEHR viele verschiedene. Man kann also sehr viele verschiedene Angriffe ausrüsten und auch sehr viele passive Fähigkeiten.

Das basteln und Kombinieren der Fähigkeiten hat mir echt Spaß gemacht, weil es sehr frei geht und man die Sachen sammeln muss, aber nicht so vertrackt und kompliziert wie bei bspw. Tales of Zestiria. Ich hab mir damit dann einen Tank zusammengebaut, der Aufmerksamkeit der Gegner auf sich zieht, der wenn er angegriffen wird SP bekommt und ansonsten noch ganz tolle Sachen hatte. Einen Magier,d er aber beschützt werden muss, der sich selbst seine Magiepunkte der Gegner stiehlt und den Main, der heilen kann, wenn er sich seine Punkte aufspart, ansonsten aber auch gut austeilen kann. Alle Angriffe, Zauber etc. haben Spezielle Effekte, wenn man sie mit den aufgesparten Punkten verwendet, das lässt sich super mit den passiven Fertigkeiten kombinieren, sodass ich zB. gar keinen heiler mehr benötigt habe, da mein Main so heilen konnte.

Die Systeme sind richtig gut in diesem Spiel und machen Spaß, ohne zu kompliziert zu sein. Richtig toll!

Vyse
vor 2 Jahren | 0
"Man kann eben nicht gegen die Bossgegner mit einfach normalen Angriff spammen gewinnen."

Doch, kann man: https://www.youtube.com/watch?v=rmNn26EFO0Y

Das Video springt an zwei Stellen, weil ich kurze Dialoge rausgeschnitten habe, die minimale Spoiler darstellen. Man sieht aber daran, dass sich die HP der Charaktere nicht verändern, dass kein Gameplay fehlt.

Außerdem sieht man auch, dass Setsuna nur die beiden Spezialfertigkeiten "Cure" und "Lightning" beherrscht, was exakt die beiden Skills sind, die sie zu Beginn des Spiels hat. Ich habe mir noch nicht einmal angesehen, welche Spezialfertigkeiten es sonst so gibt, und trotzdem sind die Bosskämpfe so extrem einfach, wie es in dem Video eben zu sehen ist.
Pogo
vor 2 Jahren | 0
Nur weil das bei einem Bossgegner geht, heißt das nicht, dass das generell bei allen Bossen so ist. es gibt schwerere und leichtere, du suchst dir für dein Beispiel natürlich den einfachsten aus.

the_Metroid_one
vor 2 Jahren | 0
Also, ich kann mir bei dem Video kaum vorstellen, dass es unfassbar schwer ist. Das Video zeigt einen Gegner, der zum Erfolg einen extrem dummen und unfähigen Spieler benötigt.
Wird zwar ziemlich einfach, stört mich in dem Fall aber nicht besonders. Irgendwann würde ich, falls eine Retail Version kommt, billig zuschlagen.