Test: Shantae - Half-Genie Hero

Von Tim Herrmann am 04. Januar 2017

Orientalischer Piraten-Pop im Manga-Action-Dress mit Bauchtanz, Magie und Cartoon-Humor – das ist Shantae: Half-Genie Hero. Wir haben nicht nur einen halben, sondern den ganzen Test für euch.

Ein femininer Flaschengeist mit magischen Peitschenhaaren, der in einem orientalischen Piratensetting gegen irre Anime-Antagonisten ankämpft? Shantae – Half-Genie Hero ist auf den ersten Blick ziemlich viel. Von allem. Und auf den zweiten Blick auch. 

Wahrscheinlich hat die magische Bauchtänzerin genau deshalb mit einer eigentlich sehr kurzen Serienhistorie von nur vier Spielen eine beachtliche Fangemeinde um sich geschart. Eine Fangemeinde, die auf Kickstarter mehr als 700.000 US-Dollar dafür hergab, dass WayForward ein echtes Heimkonsolenspiel mit Shantae entwickelt. Bis dato war sie auf Handhelds heimisch, allenfalls Portierungen fanden ihren Weg auf Wii U und andere Konsolen.

Nun ist Half-Genie Hero nach dreijähriger Wartezeit da – und genau das geworden, was Fans sich von ihrem Lieblingshalbdschinn gewünscht haben. 

Jump & Run-Levels als offene Spielwelten

Die Shantae-Spiele sind in ihrem Kern Jump & Runs, weisen aber auch gewisse Einschläge von Action-Rollenspielen auf. Die zweidimensionalen Levels, die Shantae durchquert, fungieren nicht als einzelne Stolpersteine auf dem Weg zum großen Ziel wie etwa in den Mario-Spielen. Sie sind eher Welten, in denen es neben dem eigentlichen Ausgang noch viel mehr zu entdecken gibt. So erklärt sich auch, warum es „nur“ sechs von ihnen gibt, unterteilt in je drei Abschnitte.

Ein erster Run ist sozusagen immer nur ein Eindruck, der etwa fünfzehn Minuten dauert. Danach fordert euch das Spiel immer wieder dazu auf, Welten mit neuen Fähigkeiten erneut zu besuchen und ihre Geheimnisse zu entdecken – zum Beispiel Items und neue Fähigkeiten. Die Levels verändern sich zwischen den Durchläufen allerdings nur minimal, sodass ihr viele Wege doppelt und dreifach gehen müsst, um die richtigen Items zu finden. Das zieht das Spiel etwas in die Länge. Insgesamt werdet ihr etwa sechs bis sieben Stunden brauchen, um Shantae Half-Genie Hero durchzuspielen. Für ein Download-Spiel ist das okay, mit zwanzig Euro liegt der Preis dafür aber recht hoch.

Dreh- und Angelpunkt ist die zentrale Welt namens Scuttle Town. Dort versammeln sich die vielen schrägen Charaktere mit ihren eigenen kleinen oder großen Problemen. Person A schickt Shantae dann zum Beispiel auf die Jagd nach einem bestimmten Item in eine der sechs Welten und belohnt sie mit einem Gegenstand, den sie für Person B braucht, die dann letztlich die Geschichte vorantreibt. Weil das manchmal recht verworren werden kann, gibt es einen Charakter, der euch quasi vorsagt, wo es als nächstes zu suchen gilt. Das macht es zwar einfacher, erspart aber auch viel zielloses Herumsuchen. Trotzdem treten immer wieder Phasen auf, in denen man nicht so recht weiterweiß und eher durch Zufall auf die Lösung stößt.

Haar-, Tanz, und Magie-Upgrades

Die Rollenspiel-Charakterzüge in ½ Genie Hero liegen nicht nur im Spielaufbau, der in seinem Kern an ein Open-World-Rollenspiel erinnert, sondern auch im Spielcharakter selbst. Shantae kann ihre Kernfähigkeiten nach und nach erweitern, wird damit stärker, schneller, besser.

Mit den Juwelen, die überall in den Welten verstreut liegen, kann sie sich im Shop in der Hauptstadt Upgrades kaufen und beispielsweise stärker oder schneller zuschlagen. Es gibt auch magische Angriffe, die von Shantaes Magieanzeige zehren. Da die Juwelen sehr großzügig überall herumliegen, werdet ihr sehr schnell Fortschritte bei den Upgrades erzielen.

Wichtiger als die optionalen Erweiterungen sind aber die Bauchtänze, mit denen sich die lilabehaarte Flaschengeist-Lady in niedliche Tierwesen verwandeln kann – alle natürlich mit eigenen Spezialfähigkeiten. Teilweise sind diese Verwandlungen erforderlich, um im Spiel überhaupt voranzukommen, mitunter erleichtern sie euch auch nur einige Standardaufgaben. Viele von ihnen könnt ihr mit weiteren Fähigkeiten ergänzen, die bei zusätzlichen Level-Durchläufen zu finden und für weitere Durchläufe erforderlich sind. Ihr werdet jede Welt etwa fünf-, sechsmal bereisen müssen, um alles zu finden, was darin versteckt liegt.

So süß und doch so schwer

Shantae ist kein Anfänger-Jump & Run für die Kleinen. Der Titel kann mitunter recht hart werden. Nicht nur, wenn es herauszufinden gilt, wo das nächste Ziel liegt, sondern vor allem in den Jump & Run-Passagen selbst. 

Shantaes Gesundheit ist zunächst knapp bemessen und zahllose Gegner feuern aus allen Kanonenrohren und aus allen Richtungen auf sie. Das wird durch die optionalen Upgrades recht schnell einfacher. Dazu kommen aber natürlich die Jump & Run-typischen Fallen, die Shantae mit einem Mal das Leben kosten können. Die Checkpoints sind eher sparsam gesetzt. Wenn es einmal schiefgeht, kann es also sein, dass ihr einige Minuten Gameplay wiederholen müsst. Alte Jump & Run-Schule. Die neue Jump & Run-Schule scheint darin durch, dass man durch spätere Verwandlungen bestimmte Jump & Run-Schikanen einfach überspringen kann – ein Umstand, der zweifellos dem vielen Backtracking geschuldet ist. Außerdem werden die bereits geplätteten Gegner bei den zusätzlichen Runs nicht wiederbelebt – nur nach einem Game Over.

Von den wunderschönen, bunten Grafiken sollten sich Spieler also nicht einlullen lassen. Shantae: Half-Genie Hero ist nicht so simpel, wie sein kinderfreundlicher Sonntagmorgen-Cartoon-Style es vermuten lässt. WayForward hat wieder tausende von handgezeichneten Bildern animiert und stellt Shantae und ihre Orientpiratenwelt erstmals in HD-Grafiken dar. Die Vorgänger kamen alle im Pixel-Artstyle daher, der auf Konsolen hochskaliert wurde. Im Gegensatz dazu erinnert Half-Genie Hero eher an WayForward-Produktionen wie Mighty Switch Force oder DuckTales Remastered. Zum niedlichen Artstyle passen auch die humorigen Dialoge zwischen den schrägen Charakteren, die teilweise richtig gut gelungen sind.

Die Musik ist ebenso überladen wie das Setting und der Artstyle – übertreibt es aber nur selten. Harter, wilder Techno mischt sich mit Elektrobeats, orientalischen Klängen und Jump & Run-typischem Gedudel. Eine sehr gewöhnungsbedürftige Mischung, die es aber so sonst nirgendwo zu hören gibt. In jedem Fall ein Erlebnis.

FAZIT:

Shantae: ½ Genie-Hero ist genau das Spiel geworden, das sich tausende Kickstarter-Unterstützer gewünscht haben. Der knackig-handgezeichnete HD-Artstyle steht Shantae ausgezeichnet. Das Spielprinzip folgt bekannten Serienmustern und vermischt klassische Jump & Run- mit Rollenspielelementen. Mitunter nervt es, dass man bekannte Welten immer und immer wieder nach Neuem durchkämmen muss; trotzdem schaffen die Entwickler es, den Spielfluss dauerhaft hoch und motivierend zu halten. Der Schwierigkeitsgrad ist vor allem zu Beginn des Spiels überraschend knackig und für junge Spieler daher nicht so geeignet, wie es die niedliche Aufmachung vermuten lässt. Dennoch: Im Zusammenspiel von Grafik, Musik, Spielprinzip und Anspruch bleibt Shantaes neues Abenteuer dank seiner bewusst völlig überladenen Aufmachung und großen Abwechslung immer äußerst unterhaltsam.

Wertung:

8.5

Tim Herrmann meint:

"Ein forderndes, stilistisch rundum außergewöhnliches Jump & Run-Rollenspiel, das vor allem Serienfans lieben werden."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Gut
Technik: Sehr gut

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2 Kommentare:


Denios
vor 3 Jahren | 0
cool, muss ich mir mal holen. Hoffentlich kommt es für Switch, weil ich hätte es schon gern für unterwegs, aber meine Vita ist leider schon vollgestopft und für 3DS kommts ja leider nicht

the_Metroid_one
vor 3 Jahren | 0
Würde es für die Switch kommen, sollte es auch als Retail Version in Europa erscheinen.