Wii U – Ein Drama in fünf Akten: Chronologie einer Konsolengeneration. Akt III und Akt IV.

Von Tim Herrmann am 01. Dezember 2016

Die Geschichte der Wii-U-Konsole ist ein Drama in fünf Akten. NplusX beleuchtet, wie der Nachfolger von Nintendos erfolgreichster Heimkonsole zu einem kommerziellen Flop wurde.

Hier gelangt ihr zu Akt I und Akt II der Wii U-Chronik

Akt 3: Die Dürre. „Please understand“

Noch immer bewegen wir uns im ersten halben Jahr von Nintendos neuer Heimkonsole Wii U. Und doch läuft bereits der dritte Akt der Wii U-Geschichte. Es ist der wohl entscheidende. In den ersten sieben Monaten ihres ersten Jahres wird die Wii U-Konsole kaputtgeredet, verbal zerstört.

Internationale Medien und Foren kommentieren die Situation der Konsole nach ihrem Launch zunehmend kritisch, oft auch mit harten Wörtern, mit Provokation. Das liegt vor allem darin begründet, dass Nintendo seine markigen Versprechen nicht halten kann. Kaum eines der versprochenen Launch-Spiele erscheint rechtzeitig, stattdessen verschieben sich sowohl der Hoffnungsträger Pikmin 3 als auch fast alle anderen angekündigten Spiele um mindestens drei Monate. Erst im März 2013 kommen mit einer Monster Hunter-Portierung und LEGO City Undercover wieder ernstzunehmende Spiele für die neue Konsole auf den Markt.

Nintendo Direct-Ausgaben, in denen sich das Unternehmen für die Verspätungen und Pannen entschuldigt, lassen den Unmut der ersten Käufer nur wachsen; sie ärgern sich, Nintendo durch einen frühen Konsolenkauf einen Vertrauensvorschuss gewährt zu haben. Schnell wird die Wii U-Konsole in internettypischem Schwarmverhalten zur Flop-Konsole zerredet. 

Nintendos System ist von diesem Moment, von diesen ersten paar Monaten an, mit einem Loser-Image gebrandmarkt, das sie nie wieder loswerden wird. In den Verkaufszahlen spiegelt sich das überdeutlich wider. Wii U verkauft sich im ersten Jahr fast gar nicht mehr, schnell senkt Nintendo die Preise und nimmt das erfolglose weiße Basic-Bundle vom Markt. Ihren Gipfel findet die Negativstimmung in der überraschenden Nachricht, dass auch der exklusive Hoffnungsträger Rayman Legends nicht nur um ein halbes Jahr verschoben, sondern auch auf andere Konsolen portiert wird.

Nintendos Auftritt auf der E3 2013 bringt kaum Verbesserung. Wo Spieler sich einen Befreiungsschlag erhoffen, sehen sie ein kaum überwältigendes 3D-Mario-Spiel und einen weiteren 2D-Hüpfer mit Donkey Kong als vermeintlich große Überraschung der renommierten Retro Studios für Weihnachten. Dass augenscheinlich so wenig für Wii U in Planung zu sein scheint, erschreckt viele, desillusioniert sie, zermürbt die ohnehin getrübte Stimmung in der Fanszene weiter. Wii U scheint schon wenige Monate nach dem Konsolenstart am Ende. Doch Nintendo hat noch Karten im Ärmel, die noch nicht gespielt sind. Und geht damit in den vierten Akt des Wii U-Dramas.

Akt 4: Solide Konsolenarbeit. „Viel Pflicht, wenig Kür“

Die Stimmung ist nach dem ersten knappen Jahr der Konsole am Tiefpunkt angelangt, was angesichts lohnenswerter Releases wie Pikmin 3 nicht immer purer Rationalität folgt. Nintendos mangelhafte Kommunikation und das schwache Marketing haben das System in der breiten Öffentlichkeit irrelevant gemacht. Weder gibt es Spiele, die zum Massenphänomen taugen, noch Beispiele für eine besonders clevere Nutzung der GamePad-Funktionen. Kaum einer spricht deshalb über Wii U, als im Herbst des Jahres 2013 die PlayStation 4 und die Xbox One auf den Markt kommen; zwei Konsolen, die Nintendos System technisch überlegen sind.

Spätestens jetzt ist auch klar: Mit dem näher rückenden Ende der PS3- und Xbox 360-Generation wird es für Nintendo immer schwieriger, Dritthersteller davon zu überzeugen, Wii U-Software zu entwickeln. Schließlich ist die Konsole technisch anders aufgebaut und nach wie vor nicht in vielen Haushalten vertreten. So dauert es nicht lange, bis selbst die treuesten Nintendo-Partner wie Ubisoft ihre Unterstützung einstellen. Umsetzungen großer Third-Party-Titel wie Watch_Dogs werden entweder auf den Sanktnimmerleinstag verschoben oder ganz gestrichen. Und wenn sie doch erscheinen, sind sie ihren Vorbildern technisch derart unterlegen, dass man sie eigentlich gar nicht auf der Nintendo-Konsole spielen möchte. Eines der wichtigsten Wii U-Versprechen ist damit endgültig begraben.

Nintendo beschäftigt sich nicht allzu viel mit den kleinen Shit-Brisen, die in Sozialen Medien immer wieder um seine Konsole wehen. Man hat noch alle Hände voll zu tun mit Launch-Nachbereitungen. Im Herbst 2013 sind noch immer nicht alle Spiele erschienen, die zum Start versprochen waren. Noch immer ist das Betriebssystem der Konsole nicht schnell genug und muss in zwei großen Wellen verbessert und ausgebaut werden. Nach und nach werden die gröbsten Mängel kleiner; und die Weihnachtssaison 2013 rückt heran. Sie soll den Knoten platzen lassen. Für das erste vollständige Weihnachtsgeschäft hat man sich eine bunte Mischung aus Software einfallen lassen. Dafür belebt Nintendo auch die stärksten Marken der Wii-Generation wieder: Mit Wii Fit U, Wii Party U, einem neuen Mario & Sonic und Wii Sports Club erscheinen einige Systemseller von vor ein paar Jahren einfach in mitunter kaum veränderter Form noch einmal. Sie floppen.

Parallel rückt auch das zunächst verschriene Super Mario 3D World näher, das immer besser aussieht, je näher es kommt. Letztlich wird es zu einem der bestbewerteten Wii U-Spiele, auch wenn es lebhafte Diskussionen darum gibt, ob die Richtung eines „dreidimensionalen New Super Mario Bros.“ für die 3D-Mario-Reihe die richtige ist. Ähnlich wird Donkey Kong Country – Tropical Freeze diskutiert. Nintendos großer Weihnachtskracher wird zunächst auf das Frühjahr 2014 verschoben und entpuppt sich dann als gutes Spiel – aber eben nicht als das Spiel, das viele Fans von den Machern der Metroid Prime-Reihe, den Retro Studios, erwartet hatten. Auch das so wichtige Weihnachtsgeschäft bringt für Nintendo keine Wende. Im Gegenteil. Anfang Januar 2014 verschärft sich das Wii U-Loserimage, nachdem Nintendo eine dramatische Gewinnwarnung herausgibt und die Absatzprognose seiner erfolglosen Konsole von neun auf 2,8 Millionen heruntersetzt. Wii U kommt bei den Verkaufszahlen einfach nicht vom Fleck.

An der Software-Dürre ändert sich auch im Jahr 2014 kaum etwas. Monatelang erscheint für Wii U kein lohnenswertes neues First-Party-Spiel. Erst Mario Kart 8 (im Mai) und Super Smash Bros. für Wii U (im November) begeistern. Es sind die ersten Spiele, die auch über den engen Zirkel der Nintendo-Fans hinausstrahlen. Zusammen mit Bayonetta 2, dem spektakulären Action-Spiel von Platinum Games, bewegen sie mehr Spieler zum Kauf einer Wii U-Konsole, jetzt scheint sie Fahrt aufzunehmen. Doch ihr drittes Jahr ist bereits angebrochen, eigentlich sollte sie schon in voller Blüte stehen, um sich für Nintendo zu lohnen. Doch für Beobachter und Fans kristallisiert sich immer deutlicher heraus: Nintendo schafft es ohne Unterstützung relevanter Dritthersteller einfach nicht, selbst ausreichend Software herzustellen, um die qualitativen und quantitativen Lücken in seinem Spieleangebot zu schließen. 

Das liegt vor allem daran, dass der Publisher den Aufwand der Spieleentwicklung für HD-Konsolen unterschätzt hat und das auch so einräumt. Zudem zerreißt sich das Unternehmen geradezu zwischen seinen Plattformen. Nintendo sieht sich vor einer Richtungsentscheidung: Entweder stärkt man den verhältnismäßig erfolgreicheren Nintendo 3DS oder man versucht, die verhältnismäßig schwache Wii U-Konsole mit Software langfristig aufzubauen. 

Der Nintendo 3DS gewinnt den Wettkampf. Doch Nintendo zieht Konsequenzen aus dem Dilemma. Das Unternehmen strukturiert sich um und fusioniert seine Hardware-Entwicklungsabteilungen, schafft damit die Zwei-Plattformen-Welt 2013 / 2014 faktisch ab. Dieser Schritt wird Jahre später Nintendo Switch hervorbringen.

Abseits des Konsolenalltags beackert Nintendo auch neue Geschäftsfelder: Für seine hauseigene Download-Plattform, den Nintendo eShop, gewinnt man erstmalig eine relevante Zahl renommierter Indie-Entwickler. Schnell gibt es mehr Download-Software zu kaufen als neue Vollpreistitel; darunter sind sowohl spannende Exklusiventwicklungen als auch Portierungen bekannter Indie-Titel von anderen Konsolen. Was im Vollpreissegment nicht gelingt, floriert im eShop. Nintendos Beziehungen zu Indies sind bestens, viele Spiele verkaufen sich gut, der eShop lebt, wächst und gedeiht – auch wenn ihm das Alleinstellungsmerkmal zu den Plattformen anderer Hersteller fehlt und die Virtual Console eine teure Kopie des Wii-Originals wird.

Eine weitere Goldader verfolgt Nintendo, als im Jahr 2014 die ersten amiibo-Figuren erscheinen. Dem großen Toys-to-Life-Trend folgend, veröffentlicht nun auch Nintendo seine wichtigsten Marken in Spielzeugform. Während sich ihr spielerischer Nutzen in Grenzen hält, zieht die Strahlkraft der Marken gewaltig. Viele Figuren, die zunächst nur mit Super Smash Bros. für Wii U funktionieren, sind schnell ausverkauft, vor allem Sammler greifen zu. In mehreren Wellen veröffentlicht Nintendo zu den Releases größerer Spiele weitere Figuren und legt den meisten seiner neuen Titel amiibos bei. Das Modell funktioniert für Nintendo und bestärkt den Publisher in seiner Strategie: Nintendo vermarktet seine eigenen Marken in immer mehr Feldern, kündigt Spielzeuge, Kurzfilme und sogar Themenparks an.

Der vierte Akt der Wii U-Geschichte ist lang, im Theater würde man sagen: Er weist Längen auf. Nintendo spult in diesen zwei, drei Jahren zur Mitte des Konsolenzyklus das Pflichtprogramm ab, das jede Konsole zum Abheben braucht. Ausgezeichnete neue Ableger bekannter Nintendo-Spielemarken sollen den Wii U-Motor anwerfen. Doch der Konsole fehlt die Kür, das Besondere. Es entsteht ein Teufelskreis: Weil sich die Konsole nicht verkauft, entwickelt Nintendo kaum mutige Software-Projekte. Und weil Nintendo keine mutigen Software-Projekte entwickelt, verkauft sich die Konsole nicht gut. Und so laufen alle Ereignisse auf das Unvermeidliche hinaus: die ruhmlose Abschreibung der gescheiterten Konsole Wii U. Akt 5, „die Katastrophe“. Morgen bei NplusX.

Hier gelangt ihr zu Akt V der Wii U-Chronik

Schreibe einen Kommentar:

3 Kommentare:


JoWe
vor 5 Monaten | 0
Vielleicht hätte man Splatoon noch erwähnen können als neue IP. Ansonsten schön geschriebener Artikel!

Terry
vor 5 Monaten | 1
Nicht so ungeduldig. Es gibt doch noch einen 5. Akt ;-)

JoWe
vor 5 Monaten | 0
thx - wollte das schon editieren, aber ging nicht und konnte keinen zweiten Kommentar verfassen, als ich gemerkt habe, dass der vierte Akt wohl 2014 endet ...