Test: Pokémon Sonne/Mond

Von Nico Zurheide am 28. November 2016

2016 war ein großes Jahr für Pokémon. Nach dem 20. Jubiläum der Serie und dem Massenphänomen Pokémon GO sollen nun die neuen Haupteditionen Sonne und Mond das Jahr erfolgreich abschließen.

Der Nintendo 3DS bekommt damit, wie schon der Nintendo DS auch, direkt zwei neue Generationen an Pokémonspielen. Nach Pokémon X und Y sowie den Remakes von Rubin und Saphir schrauben die neuen Editionen die Anzahl der Taschenmonster auf knapp über 800. Doch die rund 70 neuen Pokémon sind bei weitem nicht die einzige Neuerung der siebten Generation. In der auf Hawaii basierenden Alola-Region läuft vieles anders, als man es bisher von der Serie und aus den anderen Spielwelten kennt.

Sich selbst neu erfunden?

Über Sonne und Mond liest man derzeit oft, dass sie die Serie zwar nicht neu erfinden, aber endlich wieder frischen Wind in das althergebrachte Konzept bringen. Obwohl bei dieser Betrachtungsweise die großen Änderungen, die X und Y mit sich brachten, komplett vernachlässigt werden, stimmt es tatsächlich, dass die siebte Generation sozusagen in einer anderen Liga spielt. Direkt beim Spielstart fällt auf, dass die Präsentation der Spiele enorm verbessert wurde. Alola ist lebensfroh und abwechslungsreich gestaltet, dazu viel organischer und lebhafter als alle bisherigen Regionen. Auf der Oberwelt laufen mehr Pokémon herum, überall in der freien Natur lassen sich die Rufe der wilden Viecher vernehmen und generell wirkt der Aufbau der Gebiete und Routen viel natürlicher, als es bisher der Fall war. Es wird ziemlich offensichtlich, dass Game Freak die in Japan relativ starke Konkurrenz durch Level-5 und Yo-kai Watch ernst nimmt und durch grundlegende Maßnahmen einen Untergang der eigenen Marke verhindert. Bei der Präsentation kann Pokémon nun locker mit dem neuen Konkurrenten mithalten, das war in den letzten Spielen noch ganz anders.

So passen auch die lockere Atmosphäre und die für Pokémon ungewöhnliche Situationskomik zum sonnigen Klima Alolas. Regionsspezifische Anspielungen wirken nicht mehr so gewollt, wie in X und Y, und passend zum Urlaubsfeeling geht die neue Generation vieles entspannter an. So ist es nicht das Ziel, der stärkste Trainer aller Zeiten zu werden, sondern der junge Protagonist soll durch die Reise über die Inseln ganz einfach an sich selbst wachsen und reifer werden. Das obligatorische Gegnerteam namens Team Skull ist eine Bande Halbstarker, die eher lästig als bedrohlich apokalyptisch wirken. (Ich persönlich halte Team Skull für die gelungensten Antagonisten nach Team Plasma, aber sie fallen eher in die „Lieben-oder-Hassen“-Kategorie.) Es existiert noch nicht einmal eine Pokémon Liga. Diese wird im Verlauf der Story gerade aufgebaut, ist aber passend zum Ende fertiggestellt und will bezwungen werden. Netterweise wird man danach auch in der Spielwelt als Champ der Region erkannt und muss sich immer wieder den Liga-Herausforderern erwehren.

Generell wirken die neuen Editionen weniger aufgeblasen als ihre Vorgänger. Es gibt nur drei Charaktere, die einen auf der Reise dauerhaft begleiten und mit diesen wird in zahlreichen Szenen interagiert. Zusammen mit der deutlich besseren Präsentation bewirken die interessanteren Charaktere, dass man sich sogar Gedanken um die Story macht, die bei Pokémon traditionell doch eher im Hintergrund steht. Leider verschenkt die Geschichte trotz guter Voraussetzungen und der in Alola ansässigen Aether-Foundation einiges an Potenzial. Die Aether-Foundation ist eine Organisation, die sich um das Wohl der Pokémon sorgt.

Sonne und Mond weisen jedoch auch in anderen Bereichen Neuerungen auf. So wurde das „Experiment Mega-Entwicklung“ vorerst beendet - sie sind zwar noch möglich, es gibt jedoch keine neuen Formen. Die Mega-Entwicklungen wurden durch die neuen Z-Attacken ersetzt. Ähnlich wie die Mega-Entwicklung lassen sich diese enorm starken Attacken ein Mal pro Kampf aktivieren. Jeder Typ besitzt eine eigene Attacke, darüber hinaus gibt es noch einzelne Pokémon mit individuellen Spezialattacken, wie Pikachu, Relaxo oder die Starterpokémon der Region. Diese Attacken sind visuell zwar eindrucksvoll, ansonsten jedoch keine Bereicherung für das immer komplexer werdende Kampfsystem.

Für die Z-Attacken benötigt man die sogenannten Z-Kristalle, die man im Verlauf der Story nach und nach erhält. Viele Kristalle gibt es anstelle eines Ordens - die klassische Arena gibt es nämlich nicht mehr. Auf den vier Inseln Alolas legen junge Trainer auf ihrer Inselwanderschaft eine Reihe von Prüfungen ab, die hier in ihrer Funktion die Arenen ersetzen. Diese Prüfungen fallen sehr unterschiedlich aus, für ihr Bestehen muss jedoch immer ein „Herrscher-Pokémon“ besiegt werden. Diese starken Vertreter ihrer Art haben verbesserte Statuswerte und rufen während des Kampfes andere Pokémon herbei, die dann an ihrer Seite kämpfen. Hat man alle Prüfungen einer Insel absolviert, wartet noch ein Kampf mit dem jeweiligen Inselkönig - das klingt allerdings schwieriger, als es tatsächlich ist.

Schritte in die richtige Richtung

Die Pokémon-Serie wurde zurecht für ihren zuletzt mangelnden Schwierigkeitsgrad kritisiert und auch die neuen Spiele verlangen sicher kein stundenlanges Grinden. Aber im Vergleich zu den anderen 3DS-Ablegern wurden hier spürbar ein paar Gänge hochgeschaltet: Die Herrscher-Pokémon sind nicht zu unterschätzen, wilde Pokémon besitzen höhere Level und das eigene Team ist nicht mehr so hoffnungslos überlevelt wie zuletzt. Dafür werden während der Kämpfe auf dem Touchscreen nun die Effektivität der Attacken und aktive Statusveränderungen der Pokémon angezeigt. Während dieser Schwierigkeitsgrad für Neueinsteiger sicher fordernd ist, werden erfahrene Spieler trotzdem kaum ernsthafte Probleme bekommen (ich selbst war immerhin ein Mal KO, das ist in XY und ORAS nicht geschehen). Es bleibt also weiter unverständlich, warum Game Freak nicht zumindest den Challenge Mode aus Schwarz 2 von Beginn an anbietet.

Die nun wieder gegebene Herausforderung lädt dazu ein, eine weitere neue Funktion ausgiebig zu nutzen. In der „PokéPause“ kann man seine Partner streicheln und mit Pokébohnen füttern, außerdem direkt nach Kämpfen wieder aufpäppeln und Statusveränderungen heilen. Schenkt man seinen Pokémon genügend Aufmerksamkeit, steigt deren Zuneigung stufenweise. Auf der höchsten Stufe erhalten die Pokémon während der Kämpfe regelrecht ein eigenes Gehirn: Sie weichen Attacken aus, überleben KO-Attacken, heilen sich ab und zu selbst und landen häufiger Volltreffer - alles aus Liebe zum Trainer. Natürlich werden die Kämpfe dadurch leichter, wer also gefordert werden möchte, sollte auf diese Funktion verzichten. Diese Interaktion mit den eigenen Taschenmonstern passt insgesamt zu dem symbiotischen Zusammenleben der Menschen und Pokémon in Alola. Durch diese enge Verbundenheit konnte Game Freak die lästigen VMs komplett abschaffen. Das „PokéMobil“ ersetzt alle klassischen Oberweltattacken wie Surfer oder Fliegen, außerdem werden das Fahrrad und das Itemradar dadurch obsolet.

Daneben gibt es noch weitere neue Features wie den Rotom-Pokédex mit Kamera-Funktion, den Festival-Plaza mit EV-Training, einen QR-Code-Scanner für den Pokédex und das Pokémon-Resort. Hier lassen sich auf bis zu fünf kleinen Inseln unter anderem Pokébohnen ernten und Beeren anpflanzen. Das Resort lässt sich umfangreich ausbauen und forciert dabei das Fangen möglichst vieler Pokémon. Für den Ausbau der einzelnen Inseln sind Pokébohnen sowie eine bestimmte Anzahl an Pokémon in den PC-Boxen erforderlich. Die neue Einrichtung des „Battle Royale“ bietet darüber hinaus eine neue Art der Kämpfe. Hier treten vier Trainer gleichzeitig gegeneinander an, und zwar jeder gegen jeden.

Eine Mischung aus Alt und Neu stellen die Regionalformen einiger Pokémon der ersten Generation da. So wurden unter anderem Rattfratz, Raichu, Mauzi und Kokowei neu designt und mit verschiedenen Typen versehen. Diese Arten haben sich in der abgeschiedenen Alola-Region anders als ihre Verwandten in der restlichen Pokémonwelt entwickelt. Neben den typischen editionsspezifischen Pokémon gibt es dieses Mal auch einen zeitlichen Unterschied: Sonne übernimmt im Spiel die reale Zeit, Mond hingegen spielt sich 12 Stunden zeitversetzt ab.

Während einige Detailverbesserungen in Sonne und Mond gelungen sind, gibt es leider auch einige Verschlimmbesserungen. So muss für das Öffnen von Türen beispielsweise ein Button betätigt werden und ein Druck auf B führt den Cursor in Kämpfen nicht mehr direkt zur Flucht. Dennoch überwiegen die positiven Neuerungen und insgesamt wird der Spielkomfort deutlich erhöht - nicht zuletzt dadurch, dass frisch gefangene Pokémon nun auch direkt ins Team aufgenommen werden können, ohne den Umweg über die PC-Boxen.

Obwohl es nach einem sehr langsamen Einstieg etwas schneller voran geht, kommt man beim normal schnellen Durchspielen von Sonne und Mond auf gut 30 Stunden. Durch die vielen zusätzlichen Features und ein ausgeprägtes Postgame kann man aber auch schnell über 100 Stunden in das Rollenspiel stecken. In den Geschehnissen nach dem Abschließen der Hauptstory beschäftigt man sich außerdem intensiv mit den neuen Ultrabestien. Das sind enorm starke Pokémon aus einer anderen Dimension, die zwar vorher schon auftauchen, aber erst später gefangen werden können. Der Kampfbaum hält darüber hinaus eine ordentliche Herausforderung und für Veteranen der Serie noch einige nette Überraschungen bereit - wenn man sich nicht durch Nintendos Marketing hat spoilern lassen.

Fazit:

Mit Pokémon Sonne und Mond schafft Game Freak den Sprung in eine neue Generation, trotz gleich gebliebener Hardware. Die Präsentation, das Design der Pokémon und der Spielwelt und das allgemeine Spielgefühl haben sich enorm verbessert, gleichzeitig gibt es wieder einen ganzen Haufen sinnvoller Neuerungen. Eines der Hauptfeatures, die Z-Attacken, bleiben jedoch eine lästige Randerscheinung und hoffentlich exklusiv der Alola-Region vorbehalten. Die Entwickler reizen die Hardware übrigens komplett aus: Auf dem New 3DS gibt es starke Einbrüche der Bildrate in Doppelkämpfen, der alte 3DS kämpft während der Übergänge bis zu sieben Sekunden lang mit schwarzen Bildschirmen. Trotz guter Voraussetzungen kann die Story außerdem kaum glänzen, das wird aber durch die Situationskomik der liebevoll gestalteten Charaktere wettgemacht. Musikalisch hat man das Südsee-Thema gut eingefangen, ein wirklicher Ohrwurm befindet sich aber nicht im Soundtrack. Das 20. Jubiläum der Serie wird also würdig mit Sonne und Mond gefeiert, die Rollenspiele bieten gleichermaßen Nostalgie und frischen Wind für alte Fans und sind der perfekte Einstieg für neue Spieler.

Wertung:

9.0

Nico Zurheide meint:

"Nach X/Y der nächste große Schritt - Pokémon steht zum 20. Jubiläum besser denn je da."
Spielerlebnis: Herausragend
Umfang: Sehr gut
Technik: Gut

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5 Kommentare:


prog4m3r
vor 1 Jahr | 1
Ich werde das Gefühl nicht los, dass hier eine ganz andere Endnote stehen würde, hätte bspw. Vyse es getestet :)

Nunja, ich meckere mal ernsthaft wenn ich die Editionen erworben und gespielt habe, nachdem GameFreak aber sogar OR/AS in den Sand gesetzt hat erwarte ich erst mal nichts.

blither
vor 1 Jahr | 3
Der Wertungsdurchschnitt liegt bei 86 Punkten auf Metacritic. Das vereinzelt eine schlechtere Wertung dabei ist, sollte nicht verwundern. Ebenso gibt's die 10/10 Wertungen zum Spiel. Aber warum sollte hier eine ganz andere Endnote stehen? Das Spiel ist super, und besonders die Atmosphäre ist extrem gut!

ORAS fand ich auch nicht überragend, aber "in den Sand gesetzt" ist doch arg übertrieben.

Enigma22
vor 1 Jahr | 2
Ich fand OR/AS ganz eindeutig besser als X/Y. Allein schon wegen der zum Fremdschämen schlechten Story bei X/Y.
Ich warte aber mal noch, was es in Sachen Sterne für Switch gibt. Sollte es so kommen, ziehe ich das definitiv vor.

Pogopuschel
vor 1 Jahr | 1
OR/AS in den Sand gesetzt.. Das höre ich zum ersten Mal. Ich persönlich hatte sonst eigentlich nur von guten Reaktionen darauf gehört. Die Spiele haben außerdem bei gamerankings.com immerhin eine ca. 83er- Wertung und ich hab mit den Spielen 250 Stunden verbracht und es sehr genossen. Für mich die bisher besten Pokémon-Teile, abgesehen von Sonne/Mond - kann ich noch nicht vergleichen.
Eine "9" für diese Spiele habe ich hier erwartet, hatte mir sozusagen mein Gefühl schon gesagt.
Ich weiß nicht warum - eigentlich spiele ich nichts lieber als Pokémon - , aber irgendwie hatte ich bisher noch keine Lust auf die neuen Teile. Spiele aber auch allgemein zur Zeit recht wenig. Die Spiele werden aber sicher in den nächsten paar Wochen noch "nachgeholt".
Auch wenn mir dieses "Hawaii"-Setting einfach überhaupt nicht gefällt.......... ^^ Aber es sind halt "leider" trotzdem Pokémon-Spiele und deshalb brauche ich sie . "Leider"..... xD

Denios
vor 1 Jahr | 0
Also ich bin jetzt bei 20h und muss dem Test soweit größtenteils zustimmen. Bisher finde ich Mond super und würde wertungstechnisch auch irgendwo in der Gegend landen