Test: BioShock: The Collection

Von Lars Peterke am 28. September 2016

Um die Jahrtausendwende war PC-Gaming auf einem Hoch und Spieler mit Anspruch konnten sich reihenweise in komplexe Welten stürzen, die es noch heute mit jedem AAA-Titel spielend aufnehmen. Titel wie Deus Ex, Thief 1 + 2 oder Half-Life kombinierten narrative Elemente mit ausgetüftelten Mechaniken und erschufen so ihre massiv immersiven Umgebungen, die selbst großen Konsolentiteln wie The Legend of Zelda: Ocarina of Time und Final Fantasy VIII einen Schritt voraus waren. Inmitten dieser Zeit veröffentlichte Chefentwickler Kevin Levine mit seinem neuen Studio Irrational Games den Genre-Klassiker SystemShock 2, der von den Kritikern zwar viel Beachtung fand, finanziell aber unterging. In Folge dessen musste sich das Studio zunächst mit anderen Entwicklungen über Wasser halten und fand nur schwer einen Publisher, der die gewagteren Ideen des Studios befürwortete. 2004 ermöglichte schließlich 2K die Entwicklung eines spirituellen Nachfolgers mit maximaler kreativer Freiheit für die Entwickler. Das Resultat mit dem Titel BioShock kam am 21. August 2007 auf den Markt und gilt heute als eines der besten Videospiele aller Zeiten. Es folgten zwei qualitativ hochwertige Fortsetzungen und mehrere sehr gelungene Story-DLCs. Knapp zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung adelt Publisher 2K die Meilenstein-Trilogie mit “BioShock: The Collection” nun erstmals mit einem Komplettpaket. Wir haben uns die Neuveröffentlichung angesehen und beleuchten abseits der spielerischen Erhabenheit, ob das Paket die notwendige Frischzellenkur erfahren hat.

1000 Meilen unter dem Meer

"Ich bin Andrew Ryan und ich möchte Sie eines fragen: Steht einem Menschen nicht das zu, was er sich im Schweiße seines Angesichts erarbeitet? Nein, sagt der Mann in Washington - es gehört den Armen. Nein, sagt der Mann im Vatikan - es gehört Gott dem Allmächtigen. Nein, sagt der Mann in Moskau - es gehört allen. Ich konnte keine dieser Antworten akzeptieren. Stattdessen entschied ich mich für etwas anderes. Für etwas Unmögliches. Ich entschied mich für... Rapture. Eine Stadt in der der Künstler keine Zensur fürchten, der Wissenschaftler sich keiner engstirnigen Moral beugen muss, in der diejenigen, die zu Großem bestimmt sind, nicht durch die kleinen Lichter gebremst werden. Wenn auch Sie im Schweiße Ihres Angesichts für dies kämpfen, kann Rapture auch Ihre Stadt werden."

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Zugegeben: als 1960 sein Flugzeug mitten im Atlantik abstürzt, wollte der Protagonist Jack wohl kaum ein neues Leben im Utopia des Industriegiganten Andrew Ryan beginnen. Doch landet Jack genau dort, nachdem er sich in einen verlassenen Leuchtturm auf einer kleinen Insel retten kann. Eine Tauchglocke bringt ihn viele Meilen unterhalb des Meeresspiegels, wo sich die Unterwasserstadt Rapture vor ihm offenbart. Schnell muss er jedoch feststellen: hier ist aufgrund des ungebremsten technologischen Fortschritts alles vor die Hunde gegangen und Raptures Einwohner sind dank der Droge ADAM zu geisteskranken Kreaturen verkommen.

Die besser gestellten Einwohner spritzten sich hingegen Plasmide, eine Weiterentwicklung des ADAM, die genetische Manipulationen hervorruft. Auch Jack wird diese Plasmide im Spielverlauf zu Hauf konsumieren, um neben einem immer größeren Waffenarsenal die unterschiedlichsten Spezialfähigkeiten zu erlangen. Diese sind für das Überleben auch bitter nötig, da Rapture inzwischen ein gefährliches Eigenleben entwickelt hat. Die verrückten Einwohner geistern als sogenannte Splicer durch die immer noch von Andrew Ryan kontrollierte Unterwasserstadt. Endet man hier als Leiche, wird man zur Beute für die Little Sisters, kleine genetisch manipulierte Mädchen, die ihren Opfern das Blut aussaugen und daraus ADAM produzieren. Sie kommen immer in Begleitung ihres Beschützers, den sie liebevoll Mr. Bubbles nennen. Der Spieler wird sich wohl eher ihren Zweitnamen Big Daddy merken. Denn es handelt sich hier um unter Drogen gesetzte Menschen, die in massiven Taucher-Rüstungen auftreten und mit einem riesigen Armbohrer bewaffnet sind.

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Neben dem sehr guten Shooter-Gameplay sind es besonders Setting, Atmosphäre und die Narrative, durch die BioShock von der ersten Minute an zu fesseln weiß und seinerzeit reihenweise neue Maßstäbe setzte. Während Audio-Logs beim Spielen Hintergrundwissen vermitteln, führt eine Person namens Atlas den Spieler über Funk durch Rapture. Er verspricht ein Entkommen, sofern man ihm hilft seine Familie aus Raptures Klauen zu retten. Während sich die mit einigen Wendungen gespickte Handlung ausspielt, erkundet der Spieler die verschiedenen Bereiche Raptures. Dabei ist man immer der absurden Propaganda Andrew Ryans ausgeliefert und taucht im wahrsten Sinne des Wortes immer tiefer in die Unterwasserwelt ab, die im fortschreitenden Spielverlauf immer mehr philosophische Fragen aufwirft.

In BioShock 2 werden die Ereignisse rund um Rapture weiter beleuchtet. Acht Jahre später wird das gescheiterte Utopia nun von der verrückten Idiologistin Sofia Lamb gesteuert und der Spieler darf diesmal selbst in die Rolle eines Big Daddys schlüpfen. Es handelt sich dabei um Delta, den ersten Big Daddy überhaupt, der neben dem Beschützen seiner Little Sister sich insbesondere die Rettung von Sofias Tochter Eleanor zur Aufgabe gemacht hat. BioShock 2 führt einige neue Gegnertypen ein und bietet die Möglichkeit, Waffen und Plasmide miteinander zu kombinieren. Zusätzlich dazu bereichern eine Reihe an DLC-Inhalten das Spiel um einige Zusatzaufgaben. Besonders hervorzuheben ist der wirklich gelungene Story-DLC “Minerva’s Den”. Weggelassen wurde hingegen der Multiplayer-Modus. Er ist damit das einzige Element der BioShock-Reihe, dass in der neuen Gesamtausgabe fehlt. Wirklich vermisst haben wir ihn beim Testen übrigens nicht. Zwar funktioniert das Grundkonzept einer Variation von „Capture the flag“ sehr gut, allerdings werden insbesondere im Vergleich zu heutigen Multiplayer-Titeln nach hinten heraus nicht genug Varianzen geboten um langfristig zu fesseln. 

Über den Wolken...

Mit BioShock Infinite liefern Irrational Games den Abschluss ihrer Trilogie in Form eines Prequels zum ersten Teil. Im Jahre 1901 eröffnet die von Zachary Hale Comstock erbaute Stadt Columbia, die sich dank großer Fortschritte in der Quantenphysik hoch im Himmel über den Wolken befindet und auf riesigen Ballonkissen schwebt und von Luftschiffen umgeben ist. Ein diplomatischer Eklat führte jedoch zur Abspaltung Columbias von der Amerikanischen Regierung und schließlich zum Bürgerkrieg. Das Spielgeschehen setzt im Jahr 1912 ein. Nur noch zwei rivalisierende Bewegungen sind übrig: die von Comstock angeführten Gründer und die von Daisy Fitzroy angeführte Widerstandsbewegung Vox Populi. Als Privatdetektiv Booker DeWitt gelangt der Spieler schließlich nach Columbia um dort ein Mädchen Namens Elizabeth zu befreien.

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BioShock Infinite führt erneut einige spielerische Änderungen bei der Handhabe von Waffen und Spezialfähigkeiten ein. Darüber hinaus finden sich in einigen Arealen Schienenkonstrukte, an denen sich Booker festhalten und mit hoher Geschwindigkeit seine Position ändern kann. Leider schafft es BioShock Infinite nur sehr selten diesen neuen Ansatz voll auszureizen und das sonst sehr lineare Gameplay mit offenen Arealen und hektischen Kämpfen aufzulockern. Darüber hinaus überschlagen sich philosophische Ansätze, Metaphern und Handlung insbesondere gegen Endes des Spiels ein paar Mal zu oft und hängen so auch hartgesottene Spieler ab. Die Auflösung des Hauptspiels ist letztendlich eher unbefriedigend, wird aber im Nachgang aufpoliert. Mit dem umfangreichen und sehr gelungenen zweiteiligen Story-DLC “Burial at the Sea” wird dann aber schließlich die inhaltliche Brücke von den Themen und Charakteren aus BioShock Infinite zu den Ereignissen aus BioShock geschlagen.

Solider Port mit Mäkeln à la George Lucas

Blind Squirrel Games ist das Studio hinter der Umsetzung der neuen BioShock-Collection. Dabei wurden allerdings nur die ersten beiden Ableger von den Amerikanern überarbeitet. BioShock Infinite wurde hingegen lediglich portiert. Die Resultate der einzelnen Neuauflagen sind keinesfalls schlecht, werfen jedoch einige Fragen auf. Besonders viel Fleiß haben die Entwickler in die ersten beiden Titel gesteckt. Viele Texturen und Objekte wurden überarbeitet und auch die Levelgeometrie und 3D-Modelle von Gegnern und Charakteren wurden verbessert.

Dabei sind die Resultate allerdings nicht immer sehr treu gegenüber dem Original. Wer genau hinsieht, der findet einige Stellen an denen die angepasste Beleuchtung und die Textureffekte einen Einfluss auf die Spielatmosphäre haben. Das fühlt sich ein bisschen an wie George Lucas, der einfach nicht die Finger von seiner Star Wars Trilogie lassen kann. Denn nicht jede Änderung der Entwickler hat einen klaren Mehrwert, zumal es an wenigen Stellen sogar zu kleinen Glitches kommen kann. Das Spiel läuft dabei in Full-HD und bietet konstante 60 Frames pro Sekunde. Nur in heftigen Gefechten könnte es mal ein paar wenige Frames nach unten gehen, die jedoch nur selten auffallen.

Bei BioShock Infinite sind die Probleme ein wenig auffälliger, da der Titel bereits auf der Unreal 3 Engine läuft. Hier gibt es in den Kämpfen häufigere Frame-Drops. Ferner müssen PS4-Besitzer bei BioShock Infinite auf Antisoptropisches Filtering verzichten. Ansonsten sind die Versionen der BioShock-Collection auf beiden Systemen aber weitestgehend gleichauf. Unter dem Strich gilt dies auch für den gesamten Port. Übrigens: PC-Spieler, die eines der ersten beiden BioShock-Spiele in ihrer Steam-Bibliothek haben, erhalten die Remasters von ihnen kostenfrei. 

Fazit:

Das Gesamtwerk “BioShock: The Collection” ist inhaltlich und spielerisch über jeden Zweifel erhaben. Zwar hat insbesondere BioShock Infinite mit Schwächen zu kämpfen, allumfassend ist die Qualität der gebotenen Inhalte aber auf einem konstant hohen Niveau. Technisch wurde ein solider Port für die aktuelle Konsolengeneration abgeliefert, der in 1080p bei meist konstanten 60 Frames pro Sekunde läuft. Dabei sind die grafischen Verbesserungen im Gesamteindruck jedoch eher gering und nicht immer hundertprozentig treu gegenüber dem Original. PC-Spieler können hier mit Mods aus der Community bessere Resultate erzielen, als mit den neuen Remastered-Editionen. Für Konsolenspieler ist “BioShock: The Collection” aber das Paket der Wahl. Neulinge haben trotz kleinerer Technik-Makel hiermit einen sehr guten Grund um eine der besten Shooter-Reihen überhaupt zu spielen und auch für Kenner könnte das Paket dank der vielen enthaltenen DLC-Inhalte interessant sein.

Von uns getestet: PlayStation-4-Version

Wertung:

9.0

Lars Peterke meint:

"Selbst trotz verschenkten Potentials ein überzeugendes Paket zu einer der besten Shooter-Reihen aller Zeiten."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Herausragend
Technik: Gut

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6 Kommentare:


NaIzE
vor 4 Jahren | 0
Im November will ich mir nun auch endlich mal ein PS4 zulegen und da wird diese Spielreihe auf jeden Fall auch noch gekauft. Der erste Teil war damals der Wahnsinn. Infinite werde ich dann tatsächlich zum ersten mal spielen.

KonoeA.Mercury
vor 4 Jahren | 0
"die selbst großen Konsolentiteln wie The Legend of Zelda: Ocarina of Time und Final Fantasy VIII einen Schritt voraus waren."

Halte ich für ein Gerücht...

Samus_Aran
vor 4 Jahren | 0
Wo war OoT gameplaytechnisch denn bitte komplex? Also ich meine so richtig? Und insbesondere in eng verflochtener Kombination mit Story und Narrative? Aber auch davon ab ist das natürlich eine Behauptung von mir die nicht jeder Gamer teilen muss :)
KonoeA.Mercury
vor 4 Jahren | 0
Also gerade in Bezug auf immersive Umgebungen macht OoT kaum jemand was vor, schon garnicht zu der Zeit. Ich meine, dass man die Schilder zerschlagen konnte okay, dass die je nach Schlagtechnik unterschiedlich zerteilt werden mag es vielleicht auch noch bei einigen gegeben haben. Das die Holzstücken dann auf Wasser treiben gibt es heute sogar selten und wenn man bedenkt, dass diese Holzstücken dann auch noch dem Flussverlauf gefolgt sind (bei einem N64 Spiel) sieht man eigentlich glaubhaft die Welt damals schon war. Das Soundsystem ist auch heute noch grandios, weshalb es Leute gibt, die von Geburt an Blind sind und sich alleine durch die Geräusche der Wand durch das Spiel schlagen können.

Wenn man CoD als Beispiel nimmt war Mario 64 der Zeit mit den Intelligenten Fischen auch Jahrzehnte voraus.


blither
vor 4 Jahren | 0
Das ist echt eine traurige Konsolengeneration. Nach drei bzw. vier Jahren erscheinen immer noch regelmäßig Remaster von der Spielen der vorherigen Generation. So macht Videogames richtig Spaß!

Samus_Aran
vor 4 Jahren | 0
Hab dein Spiel auf so vielen Platformen wie möglich. Thats business.