Test: Big Brain Academy: Kopf an Kopf

Von Robert Emrich am 11. Dezember 2021

Schickt euer Gehirn in die virtuelle Muckibude! Das Spiel mit Köpfchen erhält auf der Switch einen eigenen Ableger.

Im Jahr 2005 fasste Nintendo mit der “Touch!-Generations”-Initiative den Plan, seine Konsolen auch älteren (Nicht-)Spielern schmackhaft zu machen und veröffentlichte diverse Nintendo-DS-Spiele, die kurzweilig, lehrreich und bewusst einfach zu bedienen sein sollten. Ein rückblickend betrachtet extrem erfolgreiches Konzept, das den DS zum zweitmeist verkauften System aller Zeiten machte. Big Brain Academy war einer der ersten Titel, die im Rahmen der Aktion veröffentlicht wurden und kam mit seinem Ansatz, die kognitiven Leistungen spielerisch zu trainieren bei vielen jungen und alten Spielern sehr gut an. Grund genug für Nintendo, den Titel 2006 auch auf der Wii zu veröffentlichen, ehe man den Fokus auf Sportspiele legte und zumindest die “Big-Brain”-Reihe lange Zeit nicht mehr anfasste. Jetzt, 14 Jahre später, gibt es aber endlich eine neue Version des Titels für die Switch und wir haben unsere Gehirne direkt einmal auf die metaphorische Tretmühle geschnallt und getestet, wie gut der Titel gealtert ist. 

Möge das Hirn mit dir sein

Das grundlegende Konzept des Spiels ist denkbar einfach: Es gibt fünf Disziplinen, in denen ihr euer Gehirn trainieren könnt: In Algebra dreht sich alles um Zahlen und einfache Übungen im Bereich der Mathematik. Analyse erfordert und fördert euren Blick für Logik und Zusammenhänge. Im Bereich Memoria dreht sich alles um die Fähigkeit, sich Dinge schnell einprägen zu können. Pictura befasst sich mit dem korrekten Erkennen und Zuordnen von Formen und Perspektiven. Und Vision fördert das möglichst schnelle Sehen und Erkennen von Gegenständen. In jeder Disziplin gibt es vier Minispiele, die ihr in beliebiger Reihenfolge spielen könnt und in denen ihr die gestellte Aufgabe innerhalb einer Minute so oft wie möglich schaffen müsst. Klingt einfach und ist es auch, selbst wenn euch Mathematik in der Schule vielleicht eher ein Dorn im Auge war. Alle Minispiele beginnen auf dem leichtesten Schwierigkeitsgrad, der sich an Grundschüler richtet und steigern die Schwierigkeit mit euren richtigen Antworten immer weiter, während falsche Antworten ihn wieder absenken. Auf diese Weise halten die Spiele immer eine gute Balance und prüfen euch, ohne euch durch zu schwere Aufgaben dumm dastehen zu lassen. Nach jedem Minispiel gibt es eine kurze Auswertung eurer Leistung und damit verbunden eine von sieben verdienbaren Medaillen, die aufgrund der erreichten Punkte vergeben wird. 

Führ’ mich zum Hirn!

Wenn ihr Big Brain Academy das erste mal startet, dürft ihr zuerst euren Avatar gestalten und müsst ein paar Informationen über euch, wie euer Alter, eure aktuelle Tätigkeit und euer Lebensmotto angeben. All diese Informationen sind für das Spiel selber aber nicht wirklich wichtig, können jederzeit geändert werden und sind rein informativer Natur. Auch der Avatar kann jederzeit angepasst werden. 

Einmal eingerichtet landet ihr nach der Auswahl des Einzelspieler-Modus im Hauptmenü in dem ihr zwischen den Bereichen “Übung”, “Geist-Kampf” und “Test” wählen könnt. Im Übungsbereich könnt ihr euch, wie oben beschrieben, eure Minispiele frei aussuchen und sie nach Belieben trainieren, um höhere Punkte zu erreichen und euer Gehirn ein wenig zu trainieren.

Der Geist-Kampf gibt euch die Möglichkeit, online gegen andere Spieler anzutreten und euch international zu messen. Dabei knobelt ihr aber nie direkt mit einem anderen Spieler um die Wette, sondern mit den vom Spiel aufgezeichneten und übertragenen Geistdaten eines anderen Spielers, die das System euch zufällig als Gegner auswählt. Anhand eurer Siege und Niederlagen steigt ihr in einem globalen Ranking auf und ab und könnt auf diese Weise erfahren, wie gut euer Gehirn im Vergleich zu allen anderen Spielern trainiert ist. Hier kommen auch euer angegebenes Alter und eure Tätigkeit zum Einsatz, die dem Spieler der gegen eure Geistdaten antritt, informieren ob er sich mit einem achtjährigen Schulkind, einer Angestellten oder einem 72-jährigen Hausmann duelliert. Namen und andere Daten überträgt Nintendo natürlich nicht und wahrt den Datenschutz damit vollständig. Dass es keine Möglichkeit gibt, tatsächlich online gegen andere Spieler anzutreten, ist ein wenig schade, vermeidet auf der anderen Seite aber Ärger durch Verbindungsabbrüche und natürlich die Frustration einer Niederlage, da ihr nie erfahrt, ob und wie sich eure Geistdaten gegen einen anderen Spieler im Kampf geschlagen haben. Die für den Modus zwingend erforderliche Nintendo Online Mitgliedschaft ist dagegen weniger nachvollziehbar und wirkt bei den überschaubaren Möglichkeiten des Online-Modus fast ein wenig frech.

Im Test-Bereich geht es dann ans Eingemachte. Das Spiel wählt aus jeder Disziplin ein Minispiel aus und ermittelt aus allen Leistungen euren Gehirnwert und Gehirn-Level. Leider werden die beiden Werte aber nur in der ersten Einführung in einen groben Kontext gesetzt, bei der euch erklärt wird, dass 1500 Punkte Durchschnitt und 3300 Punkte genial sind. Weitere Erklärungen gibt es nicht, sodass ein Erfolgsgefühl nur schwer einsetzen kann, wenn ihr ohne eine Vergleichsmöglichkeit euer einziger Gegner seid. Ein sprichwörtlich zweischneidiges Schwert, das mit niedrigerer Punktzahl nicht demotiviert, die Motivation bei einer hohen Punktzahl aber auch nicht wirklich erhöht. 

Zuletzt könnt ihr im Einzelspielermodus noch den Super-Übungs-Bereich freischalten, indem ihr in allen Übungen eine Goldmedaille erreicht. Dieser unterscheidet sich vom regulären Übungsbereich allerdings nur in der Tatsache, dass die Minispiele direkt in einer gehobenen Schwierigkeit anfangen und ihr euch die unteren einfachen Schwierigkeiten ersparen könnt. 

Neben dem Einzelspieler-Modus könnt ihr natürlich auch den Mehrspielermodus auswählen, in dem bis zu vier Spieler zeitgleich gegeneinander antreten können. Dabei haben zwei gegeneinander antretende Spieler die Wahl, entweder mit Controllern oder (sich gegenüber sitzend) auf dem Touchpad der Konsole zu spielen, während drei und vier Spieler für jeden Spieler einen Controller benötigen. Praktischerweise ist ein einzelner Joy-Con pro Spieler aufgrund der einfachen Steuerung vollkommen ausreichend. Sind alle Spieler ausgestattet, könnt ihr in ein bis fünf bewusst oder zufällig ausgewählten Minispielen um die Wette knobeln und am Ende den Sieger der Partie für sein fantastisches Gehirn bejubeln. 

Wir werden ein größeres Hirn brauchen

Unabhängig vom von euch gewählten Modus, werdet ihr am Anfang mit ziemlicher Sicherheit gar nicht anders können, als euch in der freundlich fröhlichen Atmosphäre des Spiels wohl zu fühlen. Die kinderfreundliche und quietschbunte Aufmachung, die mit einem ebenso lockeren Soundtrack unterlegt wurde ist direkt sympathisch und motiviert dazu, einfach einmal alle Minispiele auszuprobieren, selbst wenn einem bestimmte Disziplinen vielleicht zuerst nicht liegen mögen. Da aber selbst bei schwachen Ergebnissen nie ein böses Wort fällt und Professor Lobo, das moderierende Maskottchen des Spiels, euch immer anfeuert und jeden noch so kleinen Erfolg mit euch feiert, leidet die Motivation nie unter möglichen Versagensängsten.

Anders verhält es sich beim sehr überschaubaren Umfang der Minispiele und Spielmodi, die trotz allem Charme nicht anders können, als nach einigen Runden ein Gefühl der Wiederholung aufkommen zu lassen. Natürlich muss man an dieser Stelle fair anmerken, dass die 20 einminütigen Übungen keine Handlung bilden, die schon nach 20 Minuten durchgespielt ist, sondern dass es sich hier, ähnlich wie seinerzeit bei Wii Fit, um ein reines Trainings-Spiel handelt mit dem ihr eure geistigen Fähigkeiten durch Wiederholungen verbessern könnt. Und doch ist es etwas traurig, dass in den letzten 14 Jahren kaum neue Minispiele dazu kamen und beinahe alle Minispiele aus den Vorgängern übernommen wurden. 

Immerhin belohnt euch das Spiel für gemachte Übungen mit Münzen und schaltet alle zehn verdienten Münzen ein neues kosmetisches Item für euren Avatar frei, sodass ihr euren Charakter mit der Zeit auf alle möglichen Arten einkleiden könnt. Doch auch hier bleibt der Anreiz überschaubar, da alle Gegenständig zufällig verteilt werden und nichts besonderes aufgrund von außergewöhnlichen Leistungen verdient werden kann. Es bleibt also letztlich an eurem eigenen inneren Schweinehund hängen, ob und wie oft ihr das Spiel nach den ersten Stunden wieder starten werdet. 

Hasta la vista, Hirni!

Technisch gibt es wenig zu dem Spiel zu sagen. Grafik und Soundtrack stellen die Hardware vor keinerlei Herausforderung und entsprechend sauber und problemlos läuft der Titel in allen Belangen. Auch die Ladezeiten sind in dem Spiel entweder nicht vorhanden oder so schnell vorbei, dass man sie kaum bemerkt. Länger als fünf Sekunden mussten wir nie auf etwas warten.

Einzig die Steuerung verdient noch eine kurze Erwähnung, da ihr das Spiel mit dem Controller oder direkt auf dem Touchscreen steuern könnt und wir euch dringend raten möchten, es wann immer möglich mit der letztgenannten Methode zu spielen. Besonders im Duell gegen andere Spieler(-Geister) fällt auf, wie unglaublich langsam die Eingaben über den Controller im Vergleich zum direkten Antippen auf dem Bildschirm sind, obwohl die Steuerung in allen Varianten blitzschnell reagiert und keinen Grund zur Beschwerde liefert. Dementsprechend solltet ihr auch auf den TV-Modus der Switch nur im Mehrspielermodus mit drei oder vier Spielern zurückgreifen, während ihr eure besten Ergebnisse in den Übungen und Tests nahezu zwangsläufig im Handheld-Modus erreichen werdet.

Fazit:

Die “Touch!-Generations”-Initiative wurde zwar schon vor Jahren eingestellt, doch mit Big Brain Academy: Kopf an Kopf hat Nintendo eines der erfolgreicheren Spiele der Aktion noch einmal aus der Versenkung geholt, das für die richtige Zielgruppe theoretisch auch heute noch funktioniert. Die Übungen sind kurzweilig und einfach zu bedienen, die Aufmachung durchweg ansprechend und hübsch und der variable Schwierigkeitsgrad ist für Spieler jeder Altersgruppe fordernd, aber nie unfair. Vor allem untrainierte Gelegenheitsspieler wie Grundschüler und Senioren sollten sich durch die freundliche Atmosphäre des Spiels motiviert fühlen und könnten an dem Titel dementsprechend viel Spaß haben. 

Bei der eigentlichen Kerngruppe der Nintendospieler dürfte sich dagegen nach der ersten Begeisterung schnell ein Gefühl der Langeweile breitmachen. Online und Offline bietet das Spiel trotz guter Ansätze schlicht zu wenig Umfang, um dauerhaft motivieren und begeistern zu können und die geforderten 30 Euro sind als Preis nur mit viel gutem Willen akzeptabel.

Letztlich ist es aber der gegenüber dem Nintendo DS deutlich höhere Kaufpreis der Nintendo Switch, der Big Brain Academy: Kopf an Kopf zu einem Anachronismus werden lässt. Denn Spieler, die an dem Titel wirklich ihre Freude haben werden, werden sich für ihn vermutlich nicht extra eine Konsole kaufen. Und Besitzer der Konsole sind in der Regel nicht Teil der Zielgruppe des Spiels. Das ist heute sehr schade, stimmt aber für die Zukunft optimistisch, wenn Nintendo den Titel in 15, 30 oder 45 Jahren noch einmal veröffentlicht und uns dann vielleicht sogar mehr Inhalt bietet, an dem wir unsere Gehirne wieder in Form bringen können. Schön wäre das in jedem Fall. 

Wir danken Nintendo für die Bereitstellung des Testmusters.

Wertung:

6.0

Robert Emrich meint:

"Ein Spiel mit viel Herz aber nicht genug Hirn, um jeden begeistern zu können. "
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Sehr gut

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1 Kommentare:


Tobsen
vor 1 Monat | 1
Sehr schöner, treffender Test!
Ich bin Riesen-Fan der Touch!Generations-Idee gewesen (und bin es immer noch). Aber, wie du richtig anmerkst, das war zu jener Zeit und auf dem DS genau das richtige. Damals stellte so eine Software wirklich eine Alternative dar, da noch nicht jeder ein Smartphone mit der Rechenleistung eines PCs mit sich herumtrug. Seltsam, dass ich als Retail-Verfechter und Handyspiel-Hasser das schreibe, aber: so ein Gehirntraining kann man sich sicher mit mehr Umfang und sehr viel günstiger aufs Smartphone laden. Ein Gerät, das man tatsächlich immer dabei hat und auch mal für fünf Minuten, die man auf den Bus wartet, griffbereit ist. Naja, Big Brain Academy Switch wird sich sicher auch wieder drei Millionen mal verkaufen oder so, da Switch, und Nintendo sieht sich wieder bestätigt, eine Minimalaufwandsgeschichte für 30€ rausgehauen zu haben.