Test: Far Cry 6

Von Nico Zurheide am 04. Dezember 2021

Bienvienidos a Libertad!

Nach Ausflügen in den Himalaya, die Steinzeit und das ländliche Montana (zum Far-Cry-5-Test) kommt der Globetrotter Far Cry zurück in die Karibik, wo 2012 mit dem drittem Teil und dem verrückten Antagonisten Vaas der Grundstein für die moderne Architektur der Reihe gelegt wurde. Der sechste Teil der Reihe erzählt aber nicht die Geschichte eines Urlaubers, der sich auf Rook Island den einheimischen Piraten erwehren muss, sondern die des Widerstandskämpfers Dani Rojas. Also: Viva la Revolucion.

Immer Ärger mit Yara

Far Cry 6 schickt euch auf den karibischen Inselstaat Yara, der eindeutig von Kuba inspiriert wurde. Das tropische Paradies bietet zwar verschiedene Biome wie Dschungel, Strand oder Hügel, an die abwechslungsreiche Umwelt der beiden Vorgänger kann Far Cry 6 aber ob des Inselsettings kaum heranreichen. Das ist umso tragischer, als dass der sechste Teil das größte Far Cry bislang darstellt und somit noch dringender Abwechslung in seiner riesigen Spielwelt braucht. Diese ist aber nur stellenweise gegeben - von einigen Highlights abgesehen kann Yara an sich nicht besonders beeindrucken.

Dafür haben sich die Entwickler aber immerhin Mühe gegeben, die Spielwelt authentisch aufzubauen und ihr eine gehörige Portion Geschichte und Kultur mitgegeben. Yara war über die vergangenen Jahrhunderte immer wieder Schauplatz großer Revolutionen, die letzte dieser Rebellionen fand 1967 statt und ist im Spiel immer noch spürbar. Durch die damalige Revolution wurde eine Handelsblockade rund um die Insel errichtet, was natürlich zum rasanten Anstieg von Armut führte. Nach dem Tod des Revolutionsführers Santos Espinosa, der die Insel seit der gewonnenen Revolution führte, verlangte das gebeutelte Volk nach freien Wahlen und einer neuen Führung. Mit dem Versprechen, die Insel zu früherer Stärke zurückzuführen, gewann Antón Castillo die Wahl, dessen Vater bereits 50 Jahre zuvor an der Macht war und von Espinosa abgesetzt wurde. Nach seiner Wahl stieg der Nationalismus unter den Einwohnern Yaras stark an und es dauerte nicht lange, bis sich ein erneuter Widerstand gegen Castillo und seine radikalen Methoden regte.

Diesem neuen Widerstand, der sich Libertad ("Freiheit") nennt, tritt unser Protagonist Dani Rojas nach dem Tutorial bei. Dani kann übrigens als Mann oder Frau gespielt werden, auf das Spiel oder die Story hat diese Wahl keinen Einfluss. Anders als in Assassin's Creed Valhalla kann diese Wahl allerdings nach dem Spielstart nicht mehr geändert werden. Mit Dani und einer ganzen Menge Waffenpower liegt es nun an uns, die Insel von Castillos Truppen zu befreien und die Insel von seiner Unterdrückung zu erlösen.

Neue Therapie: Tabak gegen Krebs

Yara ist in vier Regionen aufgeteilt, von denen eine die Hauptstadt Esperanza ist, in der Castillo seinen Sitz hat. Nach der Tutorialinsel (dieses Prinzip wurde aus Assassin's Creed Odyssey übernommen) haben wir zwar eigentlich die freie Wahl, in welche Richtung wir Yara erkunden wollen, die Story führt uns allerdings zielsicher in den Norden nach Madrugada. Hier wird unter der Führung der Familie Montero Tabak angebaut, den Castillo für seinen Plan braucht, die Wirtschaft Yaras wieder starkzumachen. Mit der Tabakpflanze, einigen genetischen Tricks und jeder Menge Gift wird neuerdings nämlich eine Droge hergestellt, die Krebs heilen kann. Der Anbau und die Ernte sind allerdings so giftig, dass die Insel davon einen dauerhaften Schaden davonträgt und die versklavten Erntehelfer reihenweise sterben. Libertad will dem mit Hilfe der Monteros ein Ende setzen.

Die anderen beiden Regionen, Valle de Oro und El Este, sind von Sümpfen und bergigem Gelände geprägt und beheimaten zwei weitere Fraktionen, die Castillo feindlich gegenüberstehen. Die Rap-Crew Maximas Matanzas und die Legenden von 67, also der letzten erfolgreichen Revolution, müssen von Dani überzeugt werden, mit Libertad gemeinsame Sache zu machen, denn nur so kann Castillos Armee aufgehalten werden. Dafür erledigen wir eine ganze Reihe an Aufträgen für die verschiedenen Gruppierungen, die letztendlich immer gleich ablaufen: Gegner töten und eine feindliche Basis einnehmen oder zerstören. Auch im Missionsdesign zeigt sich Far Cry 6 erstaunlich ideenlos.

Das repetitive Gameplay sorgt letztlich auch dafür, dass die übergreifende Story rund um Antón Castillo und seinen Sohn Diego immer weniger interessant ist. Die Geschichte einer neuen Guerilla gegen einen tyrannischen Diktator ist nun wirklich keine Weltneuheit mehr und Far Cry 6 kann der Story auch keine neuen oder unerwarteten Elemente hinzufügen. Da ist es schon ziemlich schade, dass das schauspielerische Talent von Giancarlo Esposito (Breaking Bad) oder Anthony Gonzalez (Coco) für eine derart schwache Story verbraten wurde. Als Antagonist funktioniert Castillo freilich gut, zeigt er doch nur negative Charakterzüge.

El Presidenteeee

Castillos Macht beruht auf verschiedenen Säulen, die wir im Verlauf des Spiels der Reihe nach einreißen. Dazu greifen wir hauptsächlich auf selbstgebaute Waffen zurück. So wird das schließlich in einer Guerilla gemacht! Was eine Guerilla ausmacht und wie sich Kämpfer in ihr zu verhalten haben werdet ihr übrigens so oft von anderen Guerillas zu hören bekommen, dass es durchaus eine Überlegung wert sein könnte, gegen die Revolution zu rebellieren, nur um mit den ständigen Hinweisen in Ruhe gelassen zu werden. Aber Dani ist natürlich eine loyale Seele und so sammeln wir weiter fleißig wortwörtlich jeden Schrott, um ihn entweder zu Geld zu machen oder um unser Waffenarsenal zu verfeinern.

Ubisoft hat dem Crafting tatsächlich einen hohen Stellenwert zukommen lassen und im Zuge dessen auch den Skill Tree komplett abgeschafft. Dani definiert sich eher über seine Waffen, seine Munition und seine Ausrüstung, die konsequenterweise immer besser werden, je weiter wir im Spiel voranschreiten. Bei all der theoretischen Abwechslung leidet jedoch auch Far Cry 6 an dem Problem, dass wir schnell unsere Lieblingswaffen gefunden haben und nur noch auf diese zurückgreifen. Mit einem Verschleißsystem hätte man diesem einseitigen Gameplay entgegenwirken können, zumal ein schneller Verschleiß bei diesen mit Schrott verfeinerten Waffen durchaus realistisch erscheint.

Realistisch wirkt übrigens auch Castillos Netzwerk verschiedener Stützpunkte, die fast immer individuell gestaltet wurden und einen eigenen Sinn innerhalb der Spielwelt besitzen. Hier macht Far Cry 6 im Vergleich zu früheren Teilen also einen großen Schritt nach vorne. In einigen Stützpunkten stehen außerdem Computer, an denen wir viele Informationen über weitere Einrichtungen oder Truppenbewegungen von Castillos Armee bekommen können. Infos über Lieferungen oder eine feindliche Basis gibt es übrigens auch zufällig von umherlaufenden Revolutionären. Dadurch wirkt das Leben in der Guerilla einigermaßen lebendig und nicht so künstlich erzeugt wie in den Gruppierungen vorheriger Titel.

Bei dem Lob über die Stützpunkte muss allerdings auch gesagt werden, dass sich das Gameplay seit Far Cry 3 quasi kaum verändert hat. Dani fungiert den Großteil des Spiels als Ein-Mann-Armee und verfügt über beinahe endlose Ressourcen. Das heißt allerdings nicht, dass Far Cry 6 im Halbschlaf durchgespielt werden kann. Tatsächlich erscheint der Schwierigkeitsgrad so hoch wie schon seit dem zweiten Teil nicht mehr und vor allem in Missionen wird Dani oft sterben, wenn wir nicht vorsichtig vorgehen. Auch die Fauna ist wieder etwas gefährlicher geworden, auch wenn die Krokodile, Wölfe und Haie Yaras kein Vergleich zu den Gefahren aus Far Cry 2 sind.

Sollte Dani aber während einer Mission einmal zu Boden gehen, gibt es immer noch einen kurzen Zeitraum, in dem ein verbündeter NPC ihn wieder aufheben kann. Das ist ein nettes System, vor allem da die gesamte Kampagne im Koopmodus gespielt werden kann. Hier haben die Entwickler also mitgedacht. Es gibt übrigens auch verschiedene tierische Begleiter (unter anderem das Krokodil Guapo, den Hund Chorizo und den Hahn Chicharron), die unterschiedliche Fähigkeiten besitzen und euch auch außerhalb von Missionen überall hin folgen. Apropos Hahn: Im Guerilla-Camp in Madrugada steht euch eine Hahnenkampfarena zur Verfügung, in der im Tekken-Style Hahn gegen Hahn antritt. Es kann sicherlich als Armutszeugnis für Far Cry 6 gesehen werden, dass dieses Minispiel mehr Spaß macht als das eigentliche Hauptspiel.

Fazit:

Obwohl Ubisoft mit Far Cry 6 kleine (kleine!) Schritte in die richtige Richtung gemacht hat, muss wohl eindeutig festgehalten werden, dass die Reihe eine Überarbeitung benötigt, so wie Assassin's Creed sie mit Origins bekam. Das Gameplay ist spätestens seit dem vierten Teil nicht mehr besonders aufregend, was immer mehr dazu führt, dass die Geschichten der Shooter in die Irrelevanz abdriften. Fügt man diesem gefährlichen Mix nun noch eine Spielwelt hinzu, die riesengroß und wenig abwechslungsreich ist, dann erhält man ein höllisch langweiliges Spiel, auch wenn es noch so viele Explosionen hagelt. Solltet ihr euch also inzwischen Far Cry 6 gekauft haben, dann gebt euch am besten dem Hahnenkampf hin. Falls nicht, dann könnt ihr euch ein 50-Stunden-Spiel sparen, das euch beim und nach dem Spielen unheimlich egal sein dürfte.

Vielen Dank an Ubisoft für die Bereitstellung des Testmusters.
Von uns getestet: Xbox-One-Version

Wertung:

5.0

Nico Zurheide meint:

"Wer Far Cry 6 durchspielt, wird es direkt im Anschluss wieder vergessen."
Spielerlebnis: Schlecht
Umfang: Gut
Technik: Sehr gut

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2 Kommentare:


Tobsen
vor 1 Monat | 0
Uh, krass. Aber nach der Lektüre deines Reviews gut nachvollziehbar. Ich denke, ich skippe es.

michi1894
vor 1 Monat | 2
Schade. Alleine die Darsteller hätten mich neugierig gemacht. Danke für den Test.