Test: Life is Strange: True Colors

Von Jeremiah David am 29. November 2021

Synästhesie für Fortgeschrittene

Anno 2015 landeten die französischen Entwickler von Dontnod Entertainment mit dem spielerisch seichten, aber emotional aufwühlenden interaktiven Drama Life is Strange einen echten Überraschungshit. Die Geschichte rund um die Teenagerin Maxine „Max“ Caulfield im verschlafenen Nest Arcadia Bay konnte viele Spieler in ihren Bann ziehen. Finanziell zeigte sich der Titel so erfolgreich, dass gleich noch ein zweites Entwicklerstudio ins Boot geholt wurde, um weitere Serienableger zu produzieren. Die Amerikaner von Deck Nine hauchten dem zweiten Teil der Serie, Life is Strange: Before the Storm, Leben ein und erzählten, was vor den Ereignissen des ersten Teils in Arcadia Bay passiert war. Danach durfte sich das Studio an eigene Charaktere und einen neuen Schauplatz wagen. Statt in die Schuhe von Max Caulfield schlüpfen Spieler jetzt in True Colors in die Rolle von Alexandra „Alex“ Chen. Haben die Hauptprotagonistinnen mehr gemein als nur Spitznamen, die auf X enden? Kann auch der neuste Teil der Serie überzeugen? Wir klären auf.

Willkommen in Haven Springs

Die 21-jährige Alex Chen hat eine mehr als schwierige Kindheit hinter sich, aber nach Aufenthalten in diversen Heimen und Pflegefamilien hat es sie nun in die malerische Ortschaft Haven Springs im Gebirge von Colorado verschlagen, wo ihr Bruder Gabe (Gewinner des örtlichen Sami-Khedira-Look-Alike-Contests) auf sie wartet. Obwohl sich Gabe und Alex seit acht Jahren nicht mehr gesehen haben und einander praktisch kaum mehr kennen, fällt das erste Treffen äußerst harmonisch aus. Gabe entpuppt sich als herzensguter Mann, der seine problematische Vergangenheit hinter sich gelassen und in Haven Springs erfolgreich ein neues Leben begonnen hat. Er möchte Alex an diesem Leben teilhaben lassen und bietet ihr sogar seine eigene Wohnung im ersten Stock über einer Kneipe an.

Jeder im Ort scheint Gabe zu kennen und vor allem zu mögen – mit einer Ausnahme: Der Hitzkopf Mac hat Gabe fälschlicherweise im Verdacht eine Affäre mit seiner Freundin Riley zu haben. Er schlägt Gabe vor Alex‘ Augen, was die eigentlich eher schüchterne Alex wie einen Vulkan in die Luft gehen lässt. Alex wirft sich auf Mac und vermöbelt ihn ordentlich, verpasst dabei aber aus Versehen auch ihrem Bruder einen Kinnhaken, der davon selbstverständlich wenig begeistert und völlig überrascht ist. Ihr überschwänglicher Ausbruch lässt sich leicht erklären: Alex kann die Emotionen anderer Menschen wortwörtlich sehen und weniger wörtlich in sich aufsaugen. Emotionen wie Wut, Furcht oder auch Freude erscheinen dabei jeweils als eine unterschiedlich farbige Aura. Wütende Person leuchten so beispielsweise rot, während glückliche Menschen einen goldenen Schimmer besitzen. Diese seltsame Empathie-Fähigkeit ist Fluch und Segen zugleich, denn wenn sich Alex den Emotionen der Anderen hingibt, kann sie zwar einerseits deren Gedanken lesen, ist aber andererseits deren Gefühlen hilflos ausgeliefert und wird dann eben selber wütend, traurig oder glücklich.

Bye, bye Gabe 

Als eine Sprengung im nahen Bergwerk eine Steinlawine auslöst, kommt Gabe gegen Ende des ersten der insgesamt fünf Kapitel des Spiels ums Leben. Normalerweise versuchen wir unsere Tests spoilerfrei zu halten, aber Gabes Tod wurde von Square Enix bereits im allerersten Trailer zum Spiel verraten und auf der Spieleverpackung steht „Lüfte das Rätsel um den Tod deines Bruders“. Wichtiger als sein Ableben an sich sind ohnehin andere Dinge. Die dringendste Frage im Laufe der Hauptstory lautet: Wieso führte die Firma Typhon Sprengungen im Gebirge durch, obwohl sie wusste, dass sich vier Personen im Gefahrengebiet befanden?

Wenn euch die Antwort auf diese Frage nicht wirklich interessiert, haben wir an dieser Stelle eine schlechte Nachricht für euch: Viel interessanter wird die Hauptstory von True Colors nicht. Das Spiel bietet eine bestenfalls mittelmäßige und relativ einfallslose Geschichte, deren Plot-Twists speziell in der zweiten Hälfte des Spiels zu allem Überfluss schlicht und einfach keinen Sinn machen. Alex schwebt mit Ausnahme einer einzigen kurzen Szene nie in Gefahr. Für sie steht auch nichts wirklich auf dem Spiel, denn Gabe ist tot und wird es unabhängig von ihrer Recherche auch bleiben. Der Verlust einer geliebten Person ist nie eine schöne Sache, aber für Alex ist Gabe wie ein Fremder, mit dem sie kaum Kontakt hatte, und die Firma Typhon mit ihren Lakaien ist derweil als seelenloser Antagonist nicht halb so interessant wie der gleichermaßen charismatische wie sadistische High-School-Lehrer Mark Jefferson im ersten Teil der Serie. Analog dazu sind auch Alex' Empathie-Fähigkeiten nicht annähernd so unterhaltsam oder gar praktisch wie Max' Zeitreise-Fähigkeiten, und die Entscheidungen, die wir als Spieler im Laufe der Hauptstory fällen dürfen, haben keinerlei Auswirkungen auf das Ende. Die insgesamt fünf Enden des Spiels beeinflussen wir stattdessen durch Momente in den Nebengeschichten. Das "beste" Ende bekommen wir, nachdem wir vorher allen relevanten NPCs mit ihren jeweils eigenen kleinen Geschichten geholfen haben.

Zum Glück können wir auf diese schlechte Nachricht aber auch eine gute folgen lassen: Life is Strange: True Colors macht trotzdem Spaß.

Life is Strange: True Friends

Einen großen Teil des Spiels verbringen wir glückerweise gar nicht damit, Gabe nachzutrauern oder der Firma Typhon hinterher zu spionieren. Alex lernt in Haven Springs schnell unterschiedlichste Personen kennen und nimmt mit ihnen an einem Live-Rollenspiel teil oder feiert im Park das Frühlingsfest. Da wären neben den bereits erwähnten Mac und Riley beispielsweise noch Gabes Freundin Charlotte und deren 10-jähriger Sohn Ethan, sowie der junge Wildhüter Ryan und die Musikerin Steph, die bereits einen Auftritt in Life is Strange: Before the Storm hatte. Die meisten Personen haben ihre eigene Geschichte zu erzählen und sind genau wie Alex höchst sympathische Zeitgenossen. Es macht einfach Spaß, sich mit ihnen zu unterhalten und ihnen mit ihren unterschiedlichen Problemen zu helfen. Mit Alex' eigenwilliger Fähigkeit können wir dazu jedem Charakter praktisch in den Kopf schauen, um deren emotionale Geheimnisse aufzudecken. Die Themen der Nebengeschichten decken dabei ein breites Spektrum ab - von Klassikern wie Liebe und Eifersucht über eher selten behandelte Themen wie Demenz und Vergangenheitsbewältigung. Mit Ryan oder Steph darf Alex sogar eine romantische Beziehung eingehen. So sind es statt der Hauptstory letztlich die vielen kleinen Nebengeschichten, sympathischen Charaktere und Alex' vielschichtige Persönlichkeit, die das Spiel tragen und uns motivieren weiterzuspielen.

Dabei kommt dem Spiel sehr zugute, dass True Colors im Vergleich mit den technisch eher schwachen Vorgängern eine stark verbesserte Grafikengine verwendet, die trotz comichaftem Stil nicht nur viel detaillierte Umgebungen auf den Bildschirm zaubert, sondern auch sämtliche Figuren mit einer deutlich ausdrucksstärkeren Mimik ausstattet. Wenn die Kamera beispielsweise während der Introsequenz nahe an Alex' ranzoomt und wir sehen dürfen wie ihr Blick nervös umherwandert und ihre Mundwinkel sich flüchtig zu einem schüchternen Lächeln verziehen, können wir ihre Unsicherheit fast so stark nachempfinden wie sie später die Emotionen der anderen Personen im Spiel. Auch die wahlweise englischen oder deutschen Sprecher machen einen hervorragenden Job, zumal die Dialoge diesmal ohne Pseudo-Jugendsprache auskommen. Serientypisch bietet True Colors außerdem einen klasse Soundtrack, der sich aus einem gelungen Mix aus lizenzierten Liedern und Originalmusik zusammensetzt. Bemängeln müssen wir lediglich, dass hin und wieder Gegenstände einen Hauch zu spät laden und manche Animationen etwas hölzern wirken.

Fazit:

Life is Strange: True Colors kann erzählerisch nicht mit dem ersten Teil mithalten, was vor allem an diversen Logikfehlern und unrealistischen Momenten in der Hauptstory liegt. Trotz Empathie-Fähigkeiten erreicht das Spiel auch nie die emotionalen Höhen aus Max' Abenteuer in Arcadia Bay, kommt aber stellenweise immerhin nah ran. Es sollte außerdem nicht unerwähnt bleiben, dass Square Enix den regulären Preis für den neusten Teil der Serie schlicht verdoppelt hat, obwohl True Color mit acht bis zehn Stunden Spielzeit keinesfalls lang ist. Unabhängig davon bleibt der Teil jedoch der bekannten Life is Strange-Formel treu und behandelt auf ruhige, kompetente Art und Weise erwachsenere Themen, die man sonst eher selten in Videospiel findet. Alex ist als Charakter genauso liebenswert wie Max oder Chloe. Ihr zur Seite stehen ein Dutzend interessante Nebenfiguren, die alle ihre eigenen Geschichten zu erzählen haben, und technisch zeigt sich das Spiel auf einem ganz anderen Level als die Vorgänger. Wer die Vorgänger mochte wird auch mit True Colors Spaß haben.

Von uns getestet: PS5-Version

Wertung:

7.5

Jeremiah David meint:

"True Colors bleibt erzählerisch hinter anderen Teilen der Serie zurück, überzeugt jedoch mit sympathischen Charakteren und neuer Technik."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Mangelhaft
Technik: Sehr gut

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1 Kommentare:


Samus_Aran
vor 1 Monat | 1
Unterschreibe ich so. Das Spiel legt audiovisuell und beim World Building zwar überall eine kleine Schippe drauf, aber das rechtfertigt für mich hier noch nicht den Vollpreis. Die Story ist dünn, die Twists (wenn es sie denn gibt) viel zu offensichtlich und es gibt eigentlich nur ein einziges Spielende, welches durch die Entscheidungen höchstens "geschmückt" wird. Würde auch eine 7.5 oder 7 geben.