Test: Guardians of the Galaxy - Cloud Version

Von Robert Emrich am 04. November 2021

Spaß auf voller Bandbreite? Das auf der Nintendo Switch gestreamte Abenteuer der Gärtner der Galaxis ist da.

Cloud Gaming, bei dem externe Server die Rechenarbeit übernehmen und euch das Ergebnis über das Internet auf den Fernseher übertragen, ist spätestens seit Googles Einführung von Stadia nichts neues mehr. Dennoch wird die Technik, mit der theoretisch auch schwächere Hardware aktuelle Spiele gut darstellen kann, auf Konsolen wie der Nintendo Switch eher stiefmütterlich behandelt. Nur eine Handvoll Titel haben es bisher auf die Hybridkonsole geschafft, wobei Assassins Creed Odyssey bei Nintendo sogar nur im japanischen eShop erworben werden kann. Jetzt allerdings bringt Square Enix sein nächstes großes Marvel-Lizenzspiel “Guardians of the Galaxy” auf der Switch als Cloud-Version heraus. Zeit für uns, das Spiel im Allgemeinen und die Technologie dahinter im Besonderen einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Team Rocket ist wieder unterwegs

Wer in den letzten zehn Jahren gerne Superhelden-Filme sehen wollte, kam an den Blockbustern des Disney/Marvel-Universums eigentlich kaum vorbei und dürfte auch das namensgebende Team bereits kennen. Für alle anderen gibt es hier eine kurze Zusammenfassung:

Die Guardians of the Galaxy sind eine Gruppe intergalaktischer Individuen, die sich als Söldner und gelegentliche Halunken regelmäßig am Rande der Legalität bewegen, in ihren Abenteuern dann aber doch immer wieder zu Helden werden. Die Zusammensetzung des Teams hat sich in den Comics im Laufe der Jahrzehnte immer wieder geändert. Hier im Spiel bekommt ihr es aber mit den ersten fünf Helden des Stamm-Teams zu tun, die ihr vielleicht schon aus dem ersten Film kennt: Dem von der Erde stammenden Peter Quill alias Star-Lord, der außerirdischen Ex-Attentäterin Gamora, Rocket-Racoon, einem durch Kybernetik-Experimente vermenschlichten Waschbären, Drax dem Zerstörer sowie dem Baumriesen Groot, der alle Gedanken in Lauten ausdrückt, die für Laien nach dem Satz “Ich bin Groot.” klingen.

Ohne euch zu viel von der schnell einsetzenden Handlung verraten zu wollen, können wir euch versichern, dass das Team unter der Führung von Star-Lord auch in diesem Spiel auf der Suche nach etwas leicht verdientem Geld in ein haarsträubendes Abenteuer gerät, bei dem nicht weniger als das Wohl des Universums auf dem Spiel steht. Unterhaltsames Chaos ist also vorprogrammiert, wobei eine kleine Warnung für alle Fans der Filme doch sein muss: Wie schon im genannten Avengers Spiel, sind die Figuren optisch eher an die Comic-Vorbilder, als an die Schauspieler der Realverfilmungen angelehnt. Wer also auf ein Wiedersehen mit den Visagen von Chris Pratt, Zoe Zaldana oder Dave Bautista hofft, wird auch bei diesem Titel wieder enttäuscht werden.

Nur ein Hauch von großer Freiheit

Nachdem Crystal Dynamics euch im vorherigen Lizenztitel Marvel’s Avengers noch allerlei Freiheiten geboten hat, besinnt man sich bei Eidos-Montréal auf die Stärken einer klassischen linearen Geschichte. Dementsprechend steuert ihr in diesem Titel einzig und allein Star-Lord in der Verfolgerperspektive, während euch seine Teammitglieder in den meisten Teilen der Geschichte begleiten. Die nahezu schlauchförmigen Level führen euch relativ geradlinig vom Anfang zum Ende des Kapitels. Nur gelegentlich laden kurze Sprung- und Kletterpassagen zu einer kleinen Exkursion ein, um versteckte Extras finden zu können. Dabei wechseln sich in den Leveln Rätsel- und Kampf-Passagen ab und in beiden Bereichen seid ihr regelmäßig auf die Hilfe eures Teams angewiesen, das ihr zwar nicht steuern, dafür aber gezielt besondere Attacken oder Aktionen ausführen lassen könnt. So kann zum Beispiel Rocket Racoon außerhalb des Kampfes technische Geräte kurzschließen und in enge Schächte klettern, während Drax für euch extrem schwere Dinge durch die Gegend trägt. Die Rätsel bleiben durchgehend einfach, was ein wenig schade ist, dafür aber für einen konstanten Spielfluss sorgt, der euch in etwa 15 Stunden vom Intro bis zum Abspann bringt.

Geratet ihr in einen Kampf, verwandelt sich das Kampfgebiet in eine Arena, die ihr bis zum Ende des Gefechts nicht mehr verlassen könnt. Im Verlauf des Kampfes stehen euren Teammitgliedern andere zur Situation passende Fähigkeiten zur Verfügung. Die sehr gut durchdachte Belegung der Controller-Tasten sorgt dabei dafür, dass ihr trotz der Mehrfachbelegung nie den Überblick verliert und die Steuerung der anderen Figuren locker von der Hand geht, während ihr Star-Lord schießend, laufend und schwebend über das Schlachtfeld steuert. Am Ende des Kampfes erhaltet ihr abhängig von euren Leistungen Erfahrungspunkte mit denen ihr nach einem Level Up weitere Fähigkeiten bei allen Charakteren freischalten könnt. Außerdem findet ihr in den Rätsel-Passagen immer wieder Materialien, um die Guardians als Team zu verbessern. Wer also grundsätzlich Lust auf ein wenig taktischen Tiefgang hat, kann spätestens in der zweiten Hälfte des Spiels, wenn die meisten Fähigkeiten der Teammitglieder freigeschaltet sind, geschickt Fähigkeiten einzelner Guardians kombinieren. Zwingend erforderlich ist es aber nicht.

Unabhängig von dem was ihr gerade tut, sind eure Begleiter aber immer in Ruf- oder Funkweite. Eine Tatsache, die besonders durch die vielen Dialoge, die die anderen Guardians untereinander und mit euch halten schnell klar wird. Dabei gehen die einzelnen Charaktere, ähnlich wie auch schon in den Filmen, trotz allem Zusammenhalt in Notsituationen meist eher ruppig miteinander um und sind auch bei ihrer Wortwahl nicht gerade zimperlich. Hier verschenkt das Spiel leider einiges an Potential, denn immer wieder habt ihr während der Dialoge eurer Kameraden die Möglichkeit für eine der beiden sich unterhaltenden Seiten Partei zu ergreifen. Eine Entscheidung, die letztlich nahezu keinen spürbaren Einfluss auf die Handlung hat, unabhängig davon, ob euch ein einzelner Teamkollege mehr oder weniger vertraut. Das senkt den Wiederspielwert des Titels trotz der schieren Menge an Gesprächen, die die Charaktere untereinander führen deutlich und ist schade, macht das Spiel für sich aber nicht schlechter. 

Einzig der in den Filmen sehr sympathisch wirkende Groot kann im Spiel nach einer Weile leicht ermüden, da sein Gesprächsanteil hier deutlich höher ist und es nach dem fünfzigsten “Ich bin Groot” ein wenig an Reiz verliert, sich seine Meinung von Rocket übersetzen zu lassen. 

Unabhängig von den genannten kleinen Mängeln spielt sich Guardians of the Galaxy insgesamt aber sehr gut und der entspannt seichte Tiefgang des Gameplays macht es zu einer perfekten Ergänzung der bereits bestehenden Spielfilme. Dass die Autoren des Spiels sich direkt oder indirekt an den Vorgaben der Filme orientiert haben, scheint sehr wahrscheinlich. Trotzdem wurde darauf geachtet, den Titel losgelöst vom Film-Universum als eigenständiges Abenteuer zu veröffentlichen, sodass Film-Kenntnisse hilfreich, aber keine Pflicht für den Spaß an dem Titel sind. Nur bei fünf der insgesamt mehr als drei Dutzend freischaltbaren Charakter-Skins nimmt das Spiel in erklärenden Texten sehr flüchtigen Bezug zu den Filmen.

Beschützer der Galaxis, Opfer der Cloud

Der Titel kündigt es bereits an und wir sagen es hier schon einmal im Vorfeld: Die Cloud-Version von Guardians of the Galaxy wird der sonstigen Qualität des Spiels nicht nur nicht gerecht, sondern schafft es auch mit Leichtigkeit, jeglichen Spaß an dem Spiel im Keim zu ersticken. Aber bevor wir uns mit den dafür verantwortlichen Tücken der Technik befassen, fangen wir mit den positiven Aspekten des Spiels an:

Ganz vorne auf der Liste stehen in jedem Fall die unzähligen toll synchronisierten Dialoge aller Charaktere, sowie der typische Soundtrack, der wieder einmal diverse Hits der 80er und 90er beinhaltet und zusammen mit den Gesprächen des Teams einen beachtlichen Teil der Atmosphäre ausmacht. Billy Idol, Blondie, Iron Maiden, Mötley Crüe und New Kids on the Block sind nur einige der Interpreten, deren Musik ihr in den Gängen eures Raumschiffs hören könnt, während bei den Außen-Missionen meist ein eigens komponierter Soundtrack für die akustische Untermalung sorgt. Für Twitch-Streamer hält das Spiel übrigens zusätzlich einen sogenannten “Stream-Modus” bereit durch den jegliche lizensierte Musik stumm geschaltet wird. Das beraubt das Spiel zwar in diversen Situationen seiner Stimmung, schützt die betroffenen Streamer aber vor einer Klage oder Sperre ihres Accounts.

Auch die Grafik kann sich grundsätzlich sehen lassen. Die Qualität der Bilder liegt zwar deutlich unter der Leistung einer PlayStation 4 und damit irgendwo im Bereich der Low-Settings der PC Version, gehört dank Full HD Auflösung und 30 Bildern pro Sekunde aber immer noch mit zu den hübscheren Spielen, die bisher auf der Switch erschienen sind. Wobei man hier anmerken muss, dass die Grafik, da die Switch selber ja nichts berechnen muss, mit besseren Cloud-Rechnern noch deutlich besser aussehen könnte. Titel wie Control haben es auf der Switch bereits vorgemacht und Googles Stadia konnte schon bei Cyberpunk 2077 beweisen, dass Cloud-Gaming die Konsolen der letzten Generation in Sachen Leitung lässig abhängen kann.

Ungeachtet der vergleichbar schwachen Rechner mit denen Square Enix seine Switch-Spieler versorgt, hat die Technik noch andere mehr oder weniger offensichtliche Probleme. Da wäre zuallererst der Umstand, dass das gesamte technische Konzept der Nintendo Switch ihre Mobilität, einen Kernaspekt des Systems, nimmt. Eine starke und stabile Internetanbindung wird zum Spielen des Spiels zwingend benötigt und so bleibt den meisten Spielern nur das heimische Netzwerk, um den Titel zum laufen zu bringen. Andere Möglichkeiten existieren, sind in der Regel aber zu teuer und störanfällig, um hier als realistische Optionen aufgelistet zu werden.

Doch auch im heimischen Netzwerk ist der Spaß nicht garantiert, da das Spiel besonders auf älteren Switch-Konsolen, die im heimischen WLAN hängen grauenhaft langsam läuft. Alle paar Sekunden stottert das Spiel vor sich hin und muss Bilder nachladen, selbst wenn sich der Router kaum vier Meter entfernt im selben Raum befindet und das Spielen wird so zu einer Qual, die man selbst mit noch so viel gutem Willen nicht über sich ergehen lassen will. Bei Besitzern einer OLED Switch oder eines LAN-Adapters mit dem man die Switch per Kabel ins heimische Netzwerk bringen kann, fallen diese Probleme weniger schwer aus. Hier kam es während unseres Tests in diesem Modus deutlich seltener zu Laderucklern, die dann auch nach wenigen Sekunden vorbei waren. Die mit dem Kauf verbundenen Mehrkosten sind bei einem Titel für den ihr selbst in der Cloud-Version 70 Euro bezahlen müsst aber einfach nicht vertretbar.

Anmerkung: Im Rahmen unseres Tests kam kurz die Diskussion auf, ob es nicht eigentlich Nintendos Fehler wäre, dass die alte Switch mit einem vergleichsweise schwachen WLAN Chip ausgestattet worden ist, wodurch die technische Bewertung des Spiels entsprechend positiver ausfallen müsste. Und ja: Wäre Guardians of the Galaxy 2017 erschienen, hätte man argumentieren können, dass Square Enix und Eidos-Montréal es nicht besser wissen konnten. Letztlich waren wir uns aber mehrheitlich einig, dass es nach Jahren der Berichterstattung über die Fähigkeiten der Hardware irgendwann in der Verantwortung des Entwicklers liegt, die Fähigkeiten der Zielplattform einschätzen zu können. 

Die Steuerung ist grundsätzlich sehr gut, hängt aber natürlich stark von der Anbindung an das Netzwerk ab. Mit einer stabilen Verbindung reagiert Star-Lord schnell und ohne merkliche Verzögerung auf alle Eingaben. Auch die Ladezeiten des Spiels gehen okay, könnten mit stärkerer Hardware in den Rechenzentren aber noch besser sein. Ein klarer Vorteil der Cloud-Version ist die Größe der Installation auf der Switch. Während das Spiel auf anderen Plattformen knappe 42 Gigabyte groß ist, benötigt ihr auf der Switch nur 50 Megabyte, um den Client für die Spieldarstellung installieren zu können.

Fazit:

Guardians of the Galaxy ist ein unterhaltsames Action-Adventure, das besonders Fans der Filme gut unterhalten wird, wenn ihr die auf den Comics basierenden anders aussehenden Gesichter der Charaktere akzeptieren könnt. Die Geschichte ist gut, die Gespräche der Charaktere untereinander immer wieder witzig und der Soundtrack ist wie gewohnt ein Fest. Die Grafik überzeugt und übertrumpft die meisten verfügbaren Switch-Spiele, könnte aber aufgrund der technischen Gegebenheiten noch besser sein. Selbiges gilt auch für die Ladezeiten.

Leider machen die technischen Probleme, die die Cloud-Version des Spiels ausgerechnet bei der Netzwerkanbindung hat, die bis dahin durchweg gute Leistung des Spiels aber komplett zunichte. Die wenigen Glücklichen unter euch, die zufällig einen LAN-Adapter an ihrer Switch nutzen, oder sich im letzten Monat eine neue OLED Switch mit eingebautem LAN-Anschluss im Dock gegönnt haben, können an dieser Stelle zumindest etwas aufatmen, da das Spiel bei euch, sofern ihr über eine gute Internetanbindung verfügt, besser laufen dürfte. Um das testen zu können, bietet Nintendo im eShop eine kostenlose Demo an, mit der ihr den Titel für eine kurze Weile Probe spielen könnt, ehe ihr den fragwürdig hohen Preis von 70 Euro in ein Spiel investiert, das nur solange nutzbar ist, wie Square Enix die Server laufen lässt.

Grundsätzlich solltet ihr aber auf Nintendos Konsole zum aktuellen Zeitpunkt Abstand von Cloud-basierten Titeln nehmen, bis die zum Einsatz kommende Hardware den Stand der Konkurrenz erreicht. Dementsprechend könnt ihr bei Guardians of the Galaxy gerne zugreifen, wenn ihr Lust darauf habt. Nur bitte nicht auf der Nintendo Switch.

Von uns getestet: Nintendo-Switch-Version. Unsere Wertung bezieht sich somit explizit nur auf die Cloud Version des Spiels.

Wir danken Square Enix für die Bereitstellung des Testmusters.

Wertung:

5.5

Robert Emrich meint:

"In der Cloudversion ist Guardians of the Galaxy tatsächlich wie ein Sommertag mit grauem Himmel. Eigentlich strahlend schön, aber für uns nicht zu genießen."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Gut
Technik: Mangelhaft

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4 Kommentare:


Jerry
vor 1 Monat | 4
Danke für den Test!

Ozymandias
vor 1 Monat | 0
Hab ich in der Demo gemerkt, dass es einfach nicht rund läuft. Ich hoffe, dass die Grafik beim Nachfolger offline so dargestellt werden kann und keine Cloud benötigt wird. Werde es mir für meine Xbox Series X holen.

Tobsen
vor 1 Monat | 0
Ich denke, ich skippe es.

Asinned
vor 4 Wochen | 0
Werde es mir irgendwann für PS5 holen, es sei denn es kommt davor in den Game Pass