Test: Shin Megami Tensei III Nocturne HD Remaster

Von Deniz Üresin am 29. Oktober 2021

Himmlisch gutes JRPG oder höllisch schwerer Dungeon-Crawler? Wir haben uns den neu aufgelegten Dämonensammelspaß von Atlus für euch genauer angesehen.

Big in Japan

Tja, bis vor kurzem war ich noch ein ganz normaler Schüler in Tokyo. Doch dann ging die Welt unter. Jetzt bin ich eine der Schlüsselfiguren in einem erbitterten Krieg zwischen Göttern und Dämonen um das Schicksal unseres zertrümmerten Universums. Ja, ich hatte mir mein Wochenende auch ein bisschen anders vorgestellt.

Alles fing an, als ich mit meinen Mitschülern zusammen unsere Lehrerin im Shinjuku Hospital besuchen wollte. Schnell fanden wir heraus, dass das wie ausgestorben wirkende Krankenhaus als Operationsbasis für eine Sekte namens “Der Ring von Gaia” diente, die die Zerstörung unseres Universums plante, um aus den Ruinen ein neues nach ihren Vorstellungen zu bauen. Die sogenannte “Empfängnis” setzte auch direkt daraufhin ein und wir mussten tatenlos mit ansehen, wie die Menschheit fast völlig ausgelöscht und zahlreiche Dämonen beschworen wurden, während Tokyo aus der Erde emporstieg und sich zu einer Hohlkugel zusammenkrümmte, mit einem gespenstischen Lichtwesen in der Mitte. Als wäre das noch nicht genug, steckte mir kurz darauf ein kleiner Junge noch einen Wurm ins Auge, durch den ich mich in ein dämonenartiges Wesen verwandelte - das “Halbscheusal” (“Demi-Fiend” aus der englischen Übersetzung klingt aber zugegebenermaßen etwas cooler). 

Auf der Suche nach meiner Lehrerin und meinen Mitschülern, nach Antworten und nach der Kraft, in einer von Dämonen bevölkerten Welt zu überleben, wandere ich also nun durch die Vortex-Welt. Um sie neu zu formen, bedarf es eines Menschen mit einem starken Willen, eines sogenannten Prinzips. Als Halbdämon ist es mir selbst verboten, eines zu formen, aber ich kann meine Stärke dem Menschen leihen, dessen Prinzip mir am meisten zusagt. Könnte alles so werden wie früher? Oder gibt es vielleicht sogar eine Möglichkeit, den ewigen Kreislauf aus Zerstörung und Neuschöpfung zu durchbrechen? Alles liegt in meiner Hand. 

The Demons we make along the way

Die Wahrscheinlichkeit, dass der durchschnittliche Gamer von der Persona-Reihe gehört hat, ist Dank des relativ großen Erfolgs von Persona 5 (Kollege Andy gab dem Spiel die volle Punktzahl) recht hoch. Dass Persona eigentlich eine Spinoff-Serie von Shin Megami Tensei ist, wissen allerdings fast nur hartgesottene JRPG-Fans. Auch wenn viele Aspekte in beiden Serien vertreten sind, dürft ihr nicht glauben, dass SMT3 ein Social-Sim-JRPG mit großem Fokus auf den Charakteren und ihren Psychen ist. Ganz im Gegenteil, von sozialen Bindungen fehlt fast jegliche Spur. Die einzigen, denen ich trauen kann, sind die Dämonen, die ich auf meinem Weg rekrutiere. Während der Kämpfe, die zufällig beginnen, während wir auf der Oberwelt, in Dungeons oder auch in den Stadtteilen Tokyos unterwegs sind (einzig Heilräume und wenige andere Orte sind frei von Dämonen), kämpfe ich mit drei meiner Kumpane in rundenbasierter Manier. Leben alle vier meiner Partymitglieder, habe ich pro Runde vier Aktionen, wobei die Reihenfolge meiner Kämpfer von deren Geschwindigkeitswerten bestimmt wird. Lande ich einen kritischen Treffer oder hat der Gegner eine Schwäche gegenüber dem Element meiner Angriffsfähigkeit, wird nur eine halbe Aktion verbraucht, haue ich daneben oder greife mit einem Move an, gegen den der Feind resistent ist, werden zwei Aktionen abgezogen. Anders als in Persona 5 werden mir hier allerdings nach Aufdecken der Stärken und Schwächen der Feinde diese nicht künftig angezeigt, die muss ich mir leider merken. Statt mit ihnen zu kämpfen, kann ich aber auch jederzeit mit dem Feind sprechen und versuchen, eine friedliche Lösung zu finden oder den Dämon sogar zu rekrutieren. Alternativ sprechen mich in die Ecke gedrängte Dämonen gelegentlich auch von sich aus an. Sie stellen mir meist zufällig gewählte Fragen um zu testen, ob ich ähnlich denke oder verlangen Geld oder Items von mir. Dabei besteht immer das Risiko, dass sie sich mit all den Goodies einfach aus dem Staub machen. Einige Dämonen kann ich in den Kathedralen der Schatten aber auch durch Fusion zweier Mitstreiter selbst herstellen. Die dabei verbratenen Dämonen bleiben im Kompendium registriert, sodass ich sie gegen einen Obulus wieder in mein Team zurückholen kann. Sind mir die Kämpfe auf Leben und Tod etwas zu hart oder nicht hart genug, kann ich im Menü jederzeit den Schwierigkeitsgrad ändern. Den Loser-Modus “Gnädig” müsst ihr als kostenlosen DLC herunterladen, aber wer den benutzt, ist kein wirklicher Dämon! (Anm. d. Ghostwriters D.Ü.: Ich habe die komplette zweite Hälfte des Spiels auf “Gnädig” gezockt und möchte hier auch kein Easy-Mode-Shaming betreiben! Der Demi-Fiend ist ein toxischer Halbdämon, der vermutlich einfach nur mit der Gesamtsituation etwas unzufrieden ist.)

Nintendo, bist du es?

Ihr wollt sicher wissen, was die Neuauflage von SMT3 neben weiteren Schwierigkeitsgraden noch so zu bieten hat? “HD Remaster”, das kann heutzutage ja schließlich für alles stehen. Im einfachsten Fall nimmt man das Original und skaliert bloß die Auflösung hoch und wenn ich ganz ehrlich bin - so ziemlich genau das ist bei Shin Megami Tensei III - Nocturne HD Remaster passiert. Ja, englische und japanische Sprachausgaben wurden hinzugefügt (im PS2-Original waren wir alle noch stumm), aber so wirklich helfen tun die seltenen vertonten Momente eigentlich nicht. Viel lieber hätte ich es gehabt, wenn neben der Auflösung auch die Soundqualität verbessert worden wäre - auf der PS2 hat der Soundtrack nämlich unter einer unterdurchschnittlichen Programmierung gelitten und klang extrem blechern und hohl. Das hat sich im HD Remaster leider nicht geändert, was echt schade ist, denn auch wenn die Tracks von Shoji Meguro und seinen Kollegen etwas repetitiv sind, umrahmen sie das Geschehen im Spiel oft noch besser als die visuellen Aspekte der Präsentation. In Kämpfen kommen neben rockigen E-Gitarren-Riffs auch noch verstörend klingende, verzerrte Shout-Einlagen mit Parolen wie “One more god rejected!” und “We’ll sacrifice the son of heaven!” zum Einsatz, bei denen ich mir schon ein bisschen dämonisch vorkomme, während in verlassenen Ruinen minimalistische Ambience-Sounds die bedrückende Stimmung, naja, noch ein wenig bedrückender machen. Den Gastauftritt von Dante aus der Devil-May-Cry-Serie müsst ihr als DLC dazu kaufen und ansonsten haben die Entwickler lediglich noch ein Suspend-Feature eingebaut, was ganz hilfreich sein kann, wenn ich mal mitten in einem Dungeon weit entfernt von einem Speicherpunkt bin und eine Pause brauche. Wieso Sega für ein minimal aufgewertetes Spiel aus dem Jahr 2003 eine unverbindliche Preisempfehlung von 50 Euro herausgibt, habe ich allerdings nicht verstanden, ich dachte, es hieß doch immer “Sega does what Nintendon’t”? 

Fazit:

Jetzt habe ich ziemlich viel um den heißen Brei herumgeredet, sorry. Um es kurz zu machen: Meine Reise besteht im Wesentlichen aus nur zwei Aspekten - Erkundung und Kampf. Die ganze Welt ist durch die Empfängnis quasi ein Labyrinth geworden und jeder noch so kleine Winkel ist vollgestopft mit mordlustigen Dämonen. Dass ich mich neben diesen auch noch mit größenwahnsinnigen Menschen auseinandersetzen und entscheiden muss, welchem davon ich bei der Verwirklichung seines Prinzips zur Seite stehen will, macht die Sache nicht leichter - aber simpler. Ich muss keiner superkomplexen Story folgen, mir kein übermäßig verschachteltes Kampfsystem merken, ich ertrinke nicht in einem Meer aus Sidequests und werde auch nicht von irgendwelchen Minispielen abgelenkt (naja, eines gibt es,aber das ist eher anstrengend als spaßig). 

Damit will ich sagen: Shin Megami Tensei III ist ein Hardcore-Dungeon-Crawler, ein  Spiel, das selbst einigen JRPG-Fans zu nischig ist. Ich muss zwar nicht wie in Etrian Odyssey die Maps der Labyrinthe selbst zeichnen und die Inszenierung ist auch etwas weniger minimalistisch als in den meisten anderen Subgenre-Vertretern, aber die beiden häufigsten Annahmen, SMT sei “quasi wie Persona” oder ein “Pokémon für Erwachsene”, stimmen nicht so wirklich. Ja, die Dämonen sehen genauso aus wie in Persona und ja, ich sammle Monster - aber die eigentliche Philosophie des Spiels ist eine ganz andere. Hier geht es um das nackte Überleben und um die Überlegung, in welcher Welt ich weiterleben möchte: in einer Welt, in der nur die Starken überleben, in einer Welt der Einsamkeit, in einer Welt ohne Emotionen - oder habe ich noch eine andere Wahl? Ich höre Luzifer nach mir rufen. Er möchte mit Gott ein für allemal abrechnen. 

Vielen Dank an Koch Media für die Bereitstellung des Testmusters.
Von uns getestet: Nintendo-Switch-Version

Wertung:

7.0

Deniz Üresin meint:

"Shin Megami Tensei III ist ein kompromissloser Dungeon Crawler ohne Schnickschnack und ohne nennenswerte Verbesserungen gegenüber dem PS2-Original."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Gut
Technik: Mangelhaft

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3 Kommentare:


Tobsen
vor 1 Monat | 2
Danke für den Test! Werde vermutlich auch auf gnädig spielen; nach TLOU2 bin ich emotional und stressmäßig, was Videospiele angeht, am Limit. ^^
SMT3 ist aber noch eines der handvoll PS4-Spiele, die ich sicher noch holen werde.

Ozymandias
vor 1 Monat | 1
Danke für die Warnung/Test.

Asinned
vor 4 Wochen | 1
Danke für den Test. Hatte mal ein SmT für die PS2 rumliegen, aber das war mir zu nischig