Test: SkateBIRD

Von Robert Emrich am 08. Oktober 2021

Tiny Hawk's not-so-Pro Skater

Auch wenn natürlich nicht jeder dieser Meinung ist, gelten Tiere, die Sportgeräte benutzen gemeinhin als witzig. Hunde auf Skateboards und surfende Schweine generieren auf Plattformen wie YouTube gerne mal ein paar Millionen Klicks und auch Vögel auf winzigen Skateboards sind gerne gesehen und stehen ihren tierischen Kollegen in wenig nach. Da ist es doch nur logisch, dass ein Titel, der sich mit genau diesem Thema befasst, eigentlich nur Erfolg haben kann. Das dachte sich offenbar auch das kleine Studio Glass Bottom Games und entwickelte mit diesem Gedanken das Spiel SkateBIRD, das uns hier vorliegt. Ob sie mit dem Gedanken richtig lagen, wird unser Test zeigen.

Alle Vögel sind schon da

Das Spiel beginnt recht schnörkellos und bietet euch allerlei Auswahlmöglichkeiten zum Soundtrack und dem gespielten Level, die ihr allerdings erst in der Kampagne freischalten müsst, um sie danach nutzen oder betreten zu können. Außerdem gibt es ein umfangreiches Optionsmenü in dem ihr Teile der Steuerung, der Kamera und des Gameplays nach Belieben anpassen könnt, ehe ihr euch letztlich ins Abenteuer stürzt. Im laufenden Spiel könnt ihr außerdem noch aus einer breiten Auswahl von Vögeln und Boards auswählen und diese mit Brillen, Hüten, Capes und anderen Dekorationen ausstaffieren, wobei all diese Anpassungen rein optischer Natur sind. Der flugunfähige Kakapo hat dementsprechend keinen Nachteil gegenüber Vögeln wie dem Wellensittich oder der Taube und alle Figuren steuern sich exakt gleich. 

Im ersten Level angekommen erwartet euch ein weiterer gefiederter Kamerad, der euch mit den ersten Quests die Steuerung noch einmal etwas näherbringt, die sich weitestgehend auf den Analogstick und fünf Tasten beschränkt. Andere Tasten sind zwar ebenfalls mit unterschiedlichen Funktionen belegt, haben aber keinen Einfluss auf euren Vogel und dessen Board, sodass die Steuerung erst einmal sehr überschaubar und einfach wirkt. Dass sie es aber (gerade am Anfang) trotzdem nicht ist, liegt zum einen an der fehlenden Möglichkeit, die Tasten frei zu belegen und zum anderen daran, dass sich euer Vogel je nach Situation zu schnell oder zu schwerfällig steuern lässt. So rast ihr selbst mit leichten  Tastendrücken über die Kanten von zu schmalen Kurven oder an Questgebern vorbei, während ihr in der Luft kaum eine doppelte Drehung hinbekommt, ohne vom Brett zu fallen.

Außerdem werden euch die Optionen für die Tricks im laufenden Spiel nur in den kurzen Zeitfenstern während ihr in der Luft seid angezeigt, sodass das gleichzeitige Steuern, Lesen, Entscheiden und Ausführen regelmäßig in einer Landung auf dem Schnabel endet. Fairerweise liegt dieser letzte Punkt in der Natur vieler Extremsport-Simulatoren und bessert sich, nachdem ihr die Funktionen aller Tasten verinnerlicht habt. Freunde des Genres kennen vergleichbare Lernkurven bereits und versuchen in der Regel aus jedem verpatzten Trick das Beste zu machen und mit dem sich daraus bildenden Ehrgeiz die Steuerung und damit das Spiel selber zu perfektionieren. SkateBIRD macht es euch in diesem Punkt aber leider recht schwer, denn die vielen größeren und kleineren Probleme des Spiels sorgen eher für Frustration als für Motivation.

Der Frust fährt mit

Das beginnt bereits direkt mit der Einführung, wenn ihr ungelenk und viel zu schnell an dem Questgeber vor euch vorbei rollt, der als solcher nicht entsprechend markiert ist. In seinem Umfeld wird euch die Aufgabe, die er euch stellen möchte zwar eingeblendet. Annehmen könnt ihr sie aber nur, wenn ihr direkt neben ihm steht. Wer das nicht weiß oder die kleine Einblendung für die Annahme der Quest nicht rechtzeitig sieht, fährt erst einmal planlos in der Gegend umher und versucht, die gestellten Aufgaben abzuschließen, ohne diese angerechnet zu bekommen. Ist diese Hürde überwunden, müsst ihr unweigerlich feststellen, dass euer Questgeber sich für jede seiner Aufgaben an einen anderen Punkt im Zimmer begibt und euch, wie gesagt, nicht markiert wird. Eine brauchbare Karte des Levels werdet ihr, von einer viel zu groben Übersicht einmal abgesehen, vergeblich suchen und so bleibt euch letztlich nichts anderes übrig, als euch auf die langwierige Suche zu machen. Wobei das betreffende Gebiet proportional einer mehrgeschossigen Fabrikhalle entspricht. Mit dem Abschluss der fünften Mission öffnet ihr das Fenster und bevölkert das Zimmer mit allen möglichen Vögeln, wodurch sich die Lage etwas bessert. Die neuen Questgeber sind überall zu finden und geben euch unterschiedliche Aufgaben, von denen ihr nicht alle erledigen müsst, um das nächste Gebiet freizuspielen. Trotz allem vermittelt SkateBIRD gerade in seinen ersten wichtigen Missionen oft den Eindruck, dass den Entwicklern die Präsentation der grundsätzlichen Idee wichtiger als deren spielbare Umsetzung war.

Dazu trägt auch die Kameraführung maßgeblich bei, die in diesem Test eigentlich eine eigene Überschrift verdient hätte, da sie den Gipfel der Frustration darstellt und damit zum ersten, einzigen und ultimativen Endgegner in einem Skateboard-Spiel avanciert. Eine gute Spiel-Kamera vertritt euch als Beobachter, verschafft einen informativen Überblick über das Geschehen und hilft euch bei der Planung und Ausführung von Aktionen und Reaktionen mit denen euer Charakter seine Spielwelt beeinflusst. Die Kamera in SkateBIRD hingegen tut wenig dergleichen. Bei Drehungen in der Luft versucht sie stellenweise immer hinter dem Charakter zu sein und springt dabei in 180° Schritten um den Vogel herum, sodass ihr kaum eine Chance habt irgendetwas vom Geschehen zu erkennen. In Situationen in denen sich euer Vogel in eine Ecke oder schmale Gasse manövriert hat, springt sie im Zehntel-Sekunden-Takt wild durch die Gegend und verwandelt die Darstellung in Etwas, das die Epilepsie-Warnung vor jedem Spiel eindeutig rechtfertigt. Und auch sonst wirkt die Ansicht immer irgendwie “daneben”, sodass wir in unserem Test irgendwann gänzlich auf Tricks verzichtet haben, um einfach nur die Aufgaben der anderen Vögel abarbeiten zu können. Damit hat die Kamera dem Spiel, dessen Kernidee ja eigentlich die Ausführung von waghalsigen Tricks sein sollte, in unserem Fall effektiv seine Grundlage genommen, auch wenn sie technisch gesehen funktioniert. 

Letztlich zieht sich der Titel auf diese Weise durch insgesamt fünf Level für die ihr insgesamt fünf bis acht Stunden Zeit einplanen solltet, ehe ihr den Abspann des Spiels sehen könnt. 

Akustisch gut, Optisch 2003

Auch bei der Grafik macht SkateBIRD alles andere als eine gute Figur und entspricht mit seinen groben Texturen und den sich laufend wiederholenden Modellen der Hindernisse eher einem selbst für damalige Verhältnisse mittelmäßigen PlayStation-2-Titel. Besonders der nicht abwählbare Tiefen-Unschärfefilter durch den Objekte, Questgeber und Questgegenstände in der Entfernung nur unscharf zu erkennen sind schreit geradezu nach mangelndem Feinschliff. Denn bei dem was ihr grafisch geboten bekommt, sollte das Spiel auf wirklich jeder aktuellen Konsole ohne Probleme flüssig und gestochen scharf spielbar sein. Die Vögel als Protagonisten im Spiel haben optisch ein wenig mehr Liebe erhalten und sehen allesamt hübsch und mit ihren Hüten ein wenig putzig aus. Aber auch hier hätten ein wenig mehr Feinschliff und ein paar zusätzliche und hübschere Animationen dem Spiel sehr gut getan. Zur Steuerung und der Kamera wurde im Prinzip schon alles gesagt, doch wollen wir an dieser Stelle noch einmal betonen, dass beide Systeme grundsätzlich nicht kaputt sind und das Spiel auch nicht unspielbar machen. Nur der Spaß bleibt dank des auch hier fehlenden Feinschliffs leider auf der Strecke.

Einziger echter Lichtblick sind die angenehm schnellen Ladezeiten und der Soundtrack. Für letzteren hat sich Glass Bottom Games die Songs einiger unbekannter (aber nicht schlechter) Bands gesichert und auch gänzlich eigene Stücke komponiert, die sehr gut zum Spiel passen. Eine Synchronisation der von den Vögeln gesprochenen Dialoge gibt es nicht. Dafür wurde aber alles in mehrere Sprachen (einschließlich Deutsch) übersetzt.

Fazit:

Für Titel wie SkateBIRD ein Fazit zu schreiben, fühlt sich wie einer dieser missglückten Tricks an, bei denen man mit Schwung aufs Gesicht fällt. Eigentlich möchte und sollte man das Spiel lieben, denn die grundsätzliche Idee ist gut und hinter der ganzen nicht ausgefeilten Technik lässt sich ein anständiges Skateboard-Spiel erahnen, mit dem man viel Spaß haben könnte. Leider sieht die Realität aber anders aus, was tragisch ist, da das Spiel mit nur einem Patch, der Kamera, Steuerung und Darstellungsschärfe verbessert selbst mit seiner veralteten Grafik ziemliche Furore machen könnte.

Im aktuellen Zustand kann das Spiel aber nur beinharten Ornithologen (Vogelkundlern) empfohlen werden, die ihre Lieblinge schon immer mal auf einem Rollbrett sehen wollten. Für alle anderen gibt es zumindest im Augenblick eindeutig bessere Alternativen.

Von uns getestet: Nintendo-Switch-Version

Wir danken Glass Bottom Games für die Bereitstellung des Testmusters.

Wertung:

5.0

Robert Emrich meint:

"Das spielerische Gegenstück zu mir auf dem Skateboard: Zwar lustig anzusehen aber dank technischer Probleme nur überschaubar spaßig."
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Durchschnittlich

Schreibe einen Kommentar:

1 Kommentare:


Tobsen
vor 1 Woche | 1
Richtig unterhaltsam geschriebener Test! Sauber!

Ich bleibe aber wohl bei Hatoful Boyfriend.