Test: Lost Judgment

Von Jeremiah David am 11. Oktober 2021

Fernöstliche Krimikost

Wer an typisch japanische Videospiele denkt, denkt vermutlich an JRPGs oder Visual Novels mit Figuren, die direkt aus einem Anime stammen könnten. Auch abgedrehte Prügel- und Actionspiele wie Street Fighter oder Bayonetta, oder arcade-lastige Geschicklichkeitsspiele könnten einem in den Sinn kommen. Ernstere Games mit einer realistischen Inszenierung findet man im Land der aufgehenden Sonne abseits des Horror-Genres eher selten. Das Ende 2018 veröffentlichte Action-Adventure Judgment verzichtete als Spin-Off der Yakuza-Reihe mitnichten auverrückte Nahkämpfe und alberne Nebenbeschäftigungen, schlug aber insgesamt einen ernsteren Ton an und bot Spielern eine relativ realistische Open-World sowie eine ausgereifte Kriminalgeschichte rund um den Privatdetektiv und ehemaligen Anwalt Takayuki Yagami. Anno 2018 konnte Judgment Spieler und Kritiker gleichermaßen überzeugen. Jetzt steht mit Lost Judgment bereits ein Nachfolger bereit. Kann auch Yagamis zweites Abenteuer begeistern?

Bully for my Valentine

Lost Judgment beginnt mit einer Mission, die uns als Spieler mit den Grundmechaniken des Titels vertraut machen soll. Drei Jahre nach den Ereignissen aus dem ersten Teil überredet der schlüpfrige Student Kosuke junge Frauen mit Lügen und vorgetäuschten Sympathien zur Sexarbeit, um mit dem Geld der Damen seine eigene Glücksspielsucht zu finanzierenAls Yagami beschatten wir Kosuke im Auftrag einer Geschädigten, schießen ein paar Beweisfotos und vermöbeln dahergelaufene Gangster, ehe wir den Kerl nach einer Verfolgungsjagd stellen.

Die Tutorial-Mission macht gleich klar, was für Gameplay wir von Lost Judgment erwarten dürfen, allerdings beginnt die Hauptstory erst im Anschluss darauf. Nach dem abschließenden Gespräch mit Kosuke suchen wir die Anwaltskanzlei Genda auf, finden diese jedoch wie leergefegt vor. Herr Genda persönlich erzählt uns von einem Mann namens Akihiro Ehara, der einer Frau in einer U-Bahn unter den Rock gegriffen haben soll. Der perverse Grabscher wurde anschließend von Passanten überwältigt und steht nun vor Gericht. Gendas Anwälte haben sich des Falls angenommen und sind deshalb nicht in der Kanzlei.


Ein Grabscher ist in der Millionenmetropole Yokohama für Anwälte und Privatdetektive natürlich wenig außergewöhnlich, doch während der Verhandlung kommt es zu einem Eklat: Nach seinem Schuldspruch berichtet Ehara mit störrischer Ruhe plötzlich von einem kürzlich gefundenen Leichnam in einem verlassenen Gebäude und bittet den Richter eine Nachricht an die Polizei weiterzuleiten: "Das ist die Leiche von Hiro Mikoshiba. Dem Mann, der vor vier Jahren meinen Sohn in den Selbstmord trieb."

Wie es der Zufall so will, sind Yagami und sein Partner Kaito derweil an der Seiryo High School unterwegs, um für Yuzo Okuda, den Vorsitzenden der angesehenen Privatschule, verschiedenen Berichten über Mobbing nachzugehen. Okuda sucht nicht grundlos nach Unterstützung. Bereits 2017 hatte es an der Seiryo High School einen Mobbing-Skandal gegeben, der ausgerechnet zum Suizid von Akihiro Eharas Sohn Toshiro geführt hatte. Vor zwei Monate war außerdem der Referendar Hiro Mikoshiba spurlos verschwunden. Yagami und Kaito finden bald schon Hinweise auf weitere Mobbing-Fälle, ehe Yagami einen Anruf von der Anwältin Saori Shirosaki bekommt. Sie berichtet ihm von den kuriosen Ereignissen im Gerichtssaal. Hat Akihiro Ehara den Lehrer Mikoshibo umgebracht und sich anschließend absichtlich für ein anderes Vergehen verhaften lassen, um vor Gericht ein Alibi vorweisen zu können?

Fack ju Göhte-san

Um länger an der Seiryo High School verweilen zu können und dort als 38-jähriger nicht übermäßig aufzufallen, schließen wir uns dem Krimi-Club der Schule als Berater an. Fortan bewegen wir uns als Yagami über das Schulgelände oder durchstreifen andere Gebiete der überschaubaren Open-World, immer auf der Suche nach Hinweisen, die bei der Lösung des Falls helfen können. Die Story von Lost Judgment ist durchaus spannend und weiß gut zu unterhalten, setzt allerdings auf reichlich klischeehafte Charaktere und teilweise grenzwertig dämliche Ideen, die neben einigen ähnlich grenzwertigen Dialogen dafür sorgen, dass das Ganze vor allem während der ersten Hälfte des Spiels selten über das Niveau eines billigen Teeny-Films hinauskommt. Spätestens wenn Yagami mit todernster Miene vor dem alten, glatzköpfigen Schuldirektor und der jungen, heißen Lehrerin sitzt und deren Schüler mit Pinguinen vergleicht, die ins Eiswasser springen wollen, ist klar, dass hier zwar kreative Köpfe, aber keine Meisterautoren am Werk waren. Angesichts der ernsten Themen, die das Spiel behandelt, ist das mehr als schade.

Manche Teilmissionen scheinen zudem lediglich integriert worden zu sein, um die Spielzeit künstlich zu strecken, was angesichts des großzügigen Umfangs schlicht nicht nötig gewesen wäre. Yagami muss wiederholt quer durch die Stadt fahren, nur um im Detektivbüro mit den Kollegen oder mit Anwälten zu quatschen. Ein andermal muss er an einer Sektion eines Bahnsteigs Überwachungskameras finden. Hat er diese gefunden, muss er an der nächsten Sektion das exakt selbe tun, um dann das ganze Prozedere noch ein drittes Mal zu wiederholen. Solche und ähnliche Situation können die Geduld strapazieren. Eine Reduktion auf das Wesentliche hätte dem Spiel an so mancher Stelle gutgetan.

Willkommen in Yokohama

Die Straßen des Stadtviertels Isezaki Ijincho in Yokohama bilden neben den bereits aus Judgment bekannten Gebieten Tokyos eine Kulisse für die Hauptstory, stellen aber auch eine Sandbox mit diversen Restaurants, Läden und anderen mal mehr, mal weniger interessanten Gebieten dar. Die sind alle schön detailliert gestaltet, recyceln allerdings viele Elemente aus anderen Spielen des Entwicklerteams und vor allem die weitläufige High School wirkt ziemlich steril.

Allgemein lässt sich die Technik des Spiels als nicht überragend, aber grundsolide bezeichnen. Spielereien wie Ray-Tracing oder raffinierte Nebel-, Licht- und Partikeleffekte suchen wir hier vergeblich, Lost Judgment spielt sich jedoch jederzeit absolut flüssig und bietet neben gelungenen Animation auch noch relativ realistische Charaktermodelle mit feiner Mimik. Eine gesonderte Erwähnung verdienen zudem die Läden und Restaurants, die nur so vor Details strotzen und mit hunderten authentisch wirkenden Produkten aufwarten. Damit diese wirklich scharf dargestellt werden, ist aber ein Anwählen des optionalen 4K-Modus nötig, denn die Next-Gen-Version von Lost Judgment läuft auf der PS5 standardmäßig "nur" mit einer Auflösung von 1440p, um stabile 60 FPS zu halten.

Eine deutsche Sprachausgabe gibt es nicht, wodurch wir während den Dialogen der Hauptstory zwangsläufig mit einer guten japanischen oder einer eher zweckmäßigen englischen Sprachausgabe und deutschen Untertiteln auskommen müssen. Die Dialoge der Nebenaufgaben sind gar nicht vertont, die Hintergrundmusik unspektakulär. 

Um in Yokohama von A nach B zu kommen, können wir entweder Taxis benutzen oder neuerdings auch einfach mit einem Skateboard herumfahren, wobei es unverständlich ist, wieso sowohl dem Board als auch dem Rennen die X-Taste zugewiesen wurde. So kam es während unserem Test einige Male vor, dass wir eigentlich nur schneller laufen wollten, stattdessen jedoch mit dem Skateboard in eine Passantengruppe rauschten oder umgekehrt während dem Skateboardfahren plötzlich nur noch durch die Gegend stolperten.

Hidden Tiger, Crouching Snake

Apropos Passanten: Das virtuelle Yokohama ist zwar bei weitem nicht so lebendig wie das echte, aber auf den Straßen wimmelt es nur so von Typen, die praktisch nur unterwegs sind, um sich mit anderen zu schlagen. In der Anwesenheit solcher Herren, die über den Köpfen ein rotes oder lilafarbenes Symbol tragen, wechselt Lost Judgment in den Kampfmodus und Yagami überlässt seinen Fäusten das Reden. Er beherrscht gleich mehrere fernöstliche Nahkampfstile. Spieler des ersten Teils kennen bereits den Kranich- und den Tiger-Stil. Jetzt kommt noch der Schlangen-Stil hinzu, der sich mit speziellen Konter-Bewegungen vor Allem im Kampf gegen bewaffnete Feinde bewährt. Yagami kann zudem unabhängig vom Kampfstil in der Spielewelt verstreute Gegenstände wie Stühle, Straßenschilder oder sogar Fahrräder sowie kontextsensitive Spezialmanöver benutzen, um seine Feinde zu verprügeln. Das alles macht durchaus Spaß, aber die Kämpfe ähneln sich insgesamt zu sehr. Ob wir nun Kleinganoven, Yakuza-Mitglieder oder Schüler vermöbeln, macht kaum einen Unterschied.

Schüler? Richtig gelesen. Nicht nur auf den Straßen von Yokohama warten zufällig dahergelaufene Gangster darauf, verprügelt zu werden. Auch während den Missionen in der High School müssen wir regelmäßig Leute verhauen, was der Glaubwürdigkeit der Story ähnlich wie die oben erwähnten Dialoge keinen Gefallen tut. Yagami soll die Seiryo High School sicherer machen, indem er sie von Mobbern befreit, wird dabei aber selber zum größten Mobber aller Zeiten und liefert sich mit Teenagern und sogar Lehrern brutale Schlägereien, die außer einer einzigen Lehrerin allerdings niemanden zu stören scheinen.


CSI: Yokohama

Abseits der Kämpfe müssen wir klassische Detektivarbeit verrichten. Dazu zählen das Schleichen durch verbotene Gebiete, das Beschatten von Zielpersonen, Verfolgungsjagden und das Untersuchen von bestimmten Schauplätzen. Sehr schade ist, dass wir als Spieler bei all diesen Aktivitäten an eine ziemlich kurze Leine genommen werden. Die Verfolgungsjagden verkommen einmal mehr zu aneinandergereihten Quick-Time-Events, während wir beim Untersuchen von vorgegebenen Orten im Beobachtungsmodus schlicht so lange die jeweilige Umgebung absuchen müssen, bis wir alle relevanten Objekte entdeckt haben. Neue Parcour-Elemente lassen Yagami als wenig agilen Nathan-Drake-Verschnitt an Abflussrohren und Fenstersimsen entlangklettern. Yagami kann sich zudem von hinten an Gegner anschleichen, sie aber nur dann ausknocken, wenn er sie zuvor mit einer Münze abgelenkt hat. Die Münze kann nicht einfach irgendwo abgelegt, sondern muss an eine ganz bestimmte, markierte Stelle geworfen werden. So wird von uns kaum Eigeninitiative oder gar eigenständiges Denken gefordert. Auch alternative Lösungs- oder Vorgehensweisen gibt es während den Missionen praktisch nicht.

Brot und Spiele

Aus der oben erwähnten kurzen Leine wird allerdings eine ausgesprochen lange, sobald wir uns von der Hauptstory abwenden und uns den vielen absurden Nebenbeschäftigungen widmen. Hier erschlägt uns Lost Judgment im positiven Sinne mit Content.

Wenn wir mit Yagami und seinen Partnern nicht gerade jugendliche Mobber mobben oder Gangster gängeln, können wir uns in Yokohama auch anderweitig nach Lust und Laune austoben und damit die Spielzeit von Lost Judgment problemlos von 20 auf über 50 Stunden strecken. Es gibt 42 Side-Quests mit mehr oder weniger interessanten Nebengeschichten und zusätzlich sogenannte Schulgeschichten, die im Prinzip weitere Side-Quests sind, sich jedoch ausschließlich in der High School abspielen.

Darüber hinaus bietet das Spiel eine Fülle an altbekannten und neuen Aktivitäten, die nichts mit irgendeiner Story zu tun haben, aber kurzweilige Unterhaltung versprechen, wobei der Unterhaltungswert je nach Aktivität ordentlich schwankt. In verschiedenen Arcade-Hallen dürfen wir an Spielautomaten wieder alte SEGA-Klassiker, wie Alex Kidd in Miracle World oder Secret Commando zocken. In diversen Boutiquen erhalten wir alternative Kostüme für Yagami. Sportlichere Typen können derweil unter anderem Tony Hawk auf dem Skateboard imitieren, in den Boxring steigen, golfen oder Dart spielen. Neu ist auch, dass Yagami mit einem Spürhund Gassi gehen kann. Der hilft dann beim Auffinden diverser Items, die wir im Second-Hand-Laden verkaufen können. Yagami kann so ziemlich jeden Müll zu Geld machen - und das ist hier wörtlich gemeint. Von Zigarettenstummeln über "dreckige Lappen" bis hin zu "abgenutzten Gummis" wird im Pfandhaus wirklich alles angekauft.

Fazit:

Es fällt mir schwer, alle Facetten von Lost Judgment mit einer einzigen numerischen Wertung zu versehen. Lost Judgment versucht sich in vielen unterschiedlichen Disziplinen und kann in keiner einzigen voll überzeugen, versagt aber auch nie. Das Spiel ist zudem definitiv mehr als die Summe seiner Teile. Im Englischen gibt es ein Sprichwort, das wunderbar zu Lost Judgment passt: "A jack of all trades is a master of none, but oftentimes better than a master of one." Grob ins Deutsche übersetzt heißt das: Ein Alleskönner ist vielleicht kein Meister, aber oftmals besser als jemand, der nur eine Sache wirklich gut beherrscht.

Als Spieler bekommen wir hier praktisch kein super leckeres Fünf-Sterne-Menü vorgesetzt, dürfen uns jedoch nach Herzenslust durch ein riesiges Buffet futtern. Die Speisen dieses Buffets sind nicht immer perfekt gewürzt und auch nicht gut aufeinander abgestimmt, schmecken aber trotzdem ordentlich und die große Auswahl allein kann schon beeindrucken. Anders formuliert: Obwohl die Story bisweilen auf eine alberne und langatmige Art und Weise erzählt wird, ist sie insgesamt spannend und motiviert stets zum Weiterspielen. Die eigentliche Detektivarbeit erfordert vom Spieler nie Hirnschmalz, lockert aber immerhin das Gameplay auf und sorgt für Abwechslung. Ähnliches gilt auch für die vielen absurden Nebenaktivitäten, die nicht zur ernsten Hauptstory passen, ungeachtet dessen jedoch, genau wie die klassischen Yakuza-Kämpfe, durchaus Spaß machen. Über den großen Umfang des Titels gibt es ohnehin nichts zu meckern. Sollte die Serie weiter fortgesetzt werden, würden wir uns allerdings über weniger Limitierungen beim Lösen der Fälle freuen, um uns wirklich wie ein Privatdetektiv fühlen zu dürfen. 

Von uns getestet: PS5-Version

Wir bedanken uns bei SEGA für die Bereitstellung des Testmusters.

Wertung:

8.0

Jeremiah David meint:

"Konsequente Fortsetzung mit guter, aber langatmiger Story und massig absurdem Bonus-Content."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Herausragend
Technik: Sehr gut

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1 Kommentare:


Terry
vor 1 Monat | 0
Schöner Test!
Wie finden es die anderen, die es gespielt haben?