Test: Eastward

Von Robert Emrich am 03. Oktober 2021

Tuff. Tuff. Tuff. Mit der Eisenbahn Richtung Sonnenaufgang ins Abenteuer.

Spätestens seit den Hollywood-Blockbustern der 90er Jahre sollte bekannt sein, dass Originelles nicht immer unterhaltsam und Unterhaltsames nicht immer originell sein muss. Bei Spielen ist es oft nicht anders, wobei viele bekannte Ausnahme-Titel eben genau diesen Spagat bewältigen. Doch auch hier gibt es immer wieder Titel, die das Rad nicht neu erfinden, dafür aber bekannte Spielideen clever neu interpretieren und genau damit erfolgreich werden. Das in Shanghai ansässige Studio Pixpil hat letzteres offenbar mit seinem Rollenspiel Eastward versucht, das Elemente diverser Spiele zu einem großen Abenteuer vereint. Ob ihnen das gelungen ist, zeigt unser Test.

Zuvor noch eine kleine Anmerkung: Das Spiel ist nicht in Deutscher Sprache erhältlich und die Dialoge machen einen beachtlichen Teil der Handlung und des Spiels aus.

Jedes Ende ist ein Anfang

Am Anfang unserer Geschichte ist die Menschheit wieder einmal ziemlich am Ende. Ein großes Unglück hat die wenigen Überlebenden schon vor Jahrhunderten zu einem Leben unter der Erde gezwungen, wo sie seitdem eher schlecht als recht ihren Alltag bestreiten. So auch John, ein durchschnittlicher Arbeiter in der örtlichen Mine, der ursprünglich nur für seine kulinarischen und kämpferischen Fähigkeiten mit der Bratpfanne bekannt war, bis er vor einer Weile einen lebenden Menschen ausgegraben hat. Sam, das Mädchen das John aus einer mysteriös leuchtenden Kapsel gezogen hat, hat leider keine Erinnerung an ihre Vorgeschichte, weswegen John sie kurzerhand als Mündel unter seine Fittiche nimmt.

Damit hätte die Geschichte der beiden eigentlich schon fast zu Ende sein können, wenn Ereignisse, die wir hier nicht verraten wollen, sie nicht dazu gebracht hätten, kurz nach Sams erstem Schultag die oberste Regel der Siedlung zu brechen. Die Strafe für den Regelbruch ist die Verbannung an die Oberwelt und auf ihrer folgenden Reise geraten die beiden in ein Abenteuer, das letztlich über das Schicksal der gesamten Menschheit entscheidet. 

Die Geschichte packend zusammenzufassen fällt besonders deswegen schwer, weil es in den ersten Kapiteln noch keine übergeordnete Handlung gibt. Statt euch gleich von Anfang an sprichwörtlich “mit dem einen Ring nach Mordor zu schicken”, treiben ganz reguläre Ereignisse im Alltag der beiden die Geschichte erst an und schaffen den kausalen Nährboden für alles was danach passiert. Auch in den folgenden Kapiteln baut sich der Plot immer weiter auf und wird dabei zum Teil ein gutes Stück verworrener, bis sich die meisten offenen Fragen dann, wie bei einem Krimi, in den letzten Kapiteln des Spiels klären. Dass sich nicht alle Fragen klären und man das gut 30 Stunden lange Spiel offenbar mehrfach durchspielen muss, um alle Antworten zu finden, ist tatsächlich der größte Makel des Spiels, das (soviel sei schonmal gesagt) in allen anderen Aspekten absolut überzeugt. Was nicht bedeutet, dass die Geschichte schlecht ist oder keinen Spaß macht. Sie ist nur derart umfassend, dass man sich stellenweise einfach eine gute Zusammenfassung aller Ereignisse oder ein paar Lesezeichen an entscheidenden Stellen wünschen würde. In jedem Fall solltet ihr euch bewusst machen, dass die Dialoge in diesem Spiel ein zentraler Bestandteil der Handlung sind und gut die Hälfte der Spielzeit ausmachen. In der anderen Hälfte wird dann aber ordentlich mit der Pfanne ausgeteilt.

Brat ihnen eins über!

Außerhalb der friedlichen Gebiete in denen ihr fast immer nur John steuert und mit anderen Charakteren redet oder kurze Aufgaben erledigt, wird es dann für die Freunde von etwas mehr Action interessant. Eure Lebensleiste färbt sich von grau zu rot und John hält seine Waffen wieder griffbereit, die allesamt sehr weltlich wirken. Mit der Bratpfanne, eurer Hauptwaffe, könnt ihr Gegner im Nahkampf verhauen oder Projektile zurückschlagen. Diverse im Spiel sammelbare Schusswaffen erledigen Monster aus der Entfernung, teilen sich aber die stark begrenzte Munition, sodass ihr sie nicht unüberlegt einsetzen solltet. Und unterschiedliche Bomben räumen Hindernisse, marode Wände und gelegentlich auch Gegner aus dem Weg, wobei auch sie nicht unbegrenzt verfügbar sind.

Sam entwickelt im Gegenzug nach und nach übersinnliche Fähigkeiten mit denen sie zwar kaum etwas töten, John aber sehr hilfreich zur Seite stehen kann. Mit einem einfachen Tastendruck könnt ihr zwischen den beiden schnell hin und her schalten und mit einer weiteren Taste bestimmen, ob der von euch gerade nicht gespielte Charakter euch folgen oder an einer bestimmten Stelle stehen bleiben soll. Das funktioniert sehr gut und die Rätsel, die auf eben diesen Mechaniken aufbauen, lassen sich allesamt problemlos lösen, selbst wenn es bei den schwereren unter ihnen mitunter einmal einen Versuch mehr braucht. Dass der inaktive Charakter euch im Kampf artig folgt, aber selber nie mitkämpft, ist ein wenig bedauerlich. Letztlich würde es die Kämpfe aber vermutlich zu einfach machen. So behalten sie ihren Biss und schicken euch auch mal in die ewigen Jagdgründe, wenn ihr zu unvorsichtig ins Getümmel rennt.

Sterben ist in Eastward allerdings nicht allzu tragisch. Neben den Kühlschränken, an denen ihr manuell speichern könnt, speichert das Spiel euren Fortschritt regelmäßig automatisch, sodass ihr mit einem Bildschirmtod höchstens ein paar Minuten Zeit verliert. Die in allen Bereichen wirklich schnellen Ladezeiten helfen ebenfalls dabei, keinen Frust aufkommen zu lassen. Wer es aber grundsätzlich gar nicht so weit kommen lassen möchte, kann sich an kleinen Herden, die oft neben den Speicher-Kühlschränken stehen, Essen aus allerlei unterwegs gefundenen Zutaten kochen und es im Rucksack für den späteren Verzehr mitnehmen. Je nach Qualität heilt das Essen dabei nicht nur, sondern kann euch mit verschiedenen Buffs das Leben deutlich erleichtern.

So spielt ihr euch nach und nach durch die acht Kapitel des Spiels, für die ihr 25 bis 30 Stunden einplanen solltet. Schneller schafft man es nur, wenn man die Dialoge ungelesen durchrauschen lässt (und damit die Handlung verpasst), aber selbst dann wird es wohl immer noch 20 Stunden Zeit brauchen, bis ihr den Abspann seht. Mehr Zeit in das Spiel zu investieren ist umgekehrt kein Problem. Neben all den Charakteren, mit denen ihr sprechen und den zum Teil gut versteckten Items die ihr finden könnt, stehen auch noch in jedem zivilisierten Gebiet Spielautomaten, an denen ihr das rundenbasierte Rollenspiel “Earth Born” spielen könnt. Das Spiel im Spiel ist allerdings komplett freiwillig und trägt nichts zur eigentlichen Handlung bei. 

Kenne ich das nicht aus …

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, borgt Eastward sich mehr oder weniger absichtlich Elemente aus anderen Spielen, die euch beim Spielen vielleicht ebenfalls auffallen werden. Johns Schläge mit der Pfanne, der Einsatz von Bomben an brüchigen Mauern und der aus Herzen bestehende Lebensbalken (der auch noch mit Herzcontainern und nach Bosskämpfen vergrößert werden kann) erinnern ganz klar an The Legend of Zelda: A Link to the Past. Die Zubereitung von Speisen kennen wir beispielsweise aus Zelda: Breath of the Wild und das gesamte Setting des Spiels erinnert an Titel wie Horizon: Zero Dawn mit vereinzelten Final-Fantasy-Einflüssen.

Ganz besonders auffällig ist aber die Beziehung zwischen John und Sam, bei der man das Gefühl hat, den etwas besser gelaunten Ebenbildern von Joel und Ellie aus The Last of Us begegnet zu sein. 

All diese Parallelen fallen euch mit relativer Sicherheit ins Auge (sofern ihr die erwähnten Spiele gespielt habt), machen den Titel aber nicht schlecht oder zu einem bloßen Abklatsch. Denn Pixpil hat darauf geachtet, die geborgten Elemente mit eigenen Inhalten zu mischen, sodass sich das Spiel letztlich trotzdem wie ein eigenständiges Werk anfühlt.

Haben Sie meinen Thesaurus gesehen?

Technisch läuft Eastward ausgezeichnet. Durch die 16-Bit-Pixel-Optik kann das Spiel im Dock und mobil mit einer 720p-Auflösung laufen und dabei immer super aussehen, während es mit verschwenderischen 60 Bildern pro Sekunde um sich wirft. Nur bei einem Boss geriet die Bildrate am Ende des Kampfes ins Stocken, lief im Anschluss aber wieder so sauber wie gehabt. Der Soundtrack unterlegt das Ganze natürlich immer stilsicher und auch die Steuerung lässt keine Wünsche offen. 

Also könnte eigentlich alles in Butter sein, wenn da nicht das Thema mit der Übersetzung wäre. Denn für Spieler außerhalb von Asien wurde das Spiel nur ins Englische und Französische übersetzt. Deutsch als Sprache wird euch im Spiel leider nicht angeboten. Zusätzlich wurden die Texte nicht nur mit großer Sorgfalt geschrieben, sondern zum Teil auch noch mit verschiedenen Dialekten versehen. Und manche Figur bemüht sich in ihren Formulierungen um einen übertrieben eloquenten Wortschatz, sodass man erahnen kann, wo sie ihren Thesaurus lagert. Dementsprechend liest sich mancher Dialog auch mit guten Sprachkenntnissen leider nicht ganz so einfach. Immerhin beschränken sich derartige Texte aber auf Gespräche mit Nebenfiguren, während sich die Hauptcharaktere in sauberem Oxford-Englisch verständigen. Die Sprachbarriere existiert also, ist aber nicht unüberwindbar.

Fazit:

Eastward ist ein Werk, das polarisiert. Wer keine Lust auf lange Passagen mit englischen Dialogen in den unterschiedlichsten sehr gut geschriebenen Mundarten hat, sollte den Titel lieber liegen lassen, denn ohne die Geschichte, durch die sich Sam und John bewegen, bleibt auch der Spielspaß langfristig auf der Strecke.

Ungeachtet dieser Tatsache kann man dem Spiel seine Qualitäten aber keineswegs absprechen. Grafik und Akustik sind durchgehend toll und erinnern an die besten Zeiten der 16-Bit-Ära, die Kämpfe unterhaltsam und fordernd, aber immer fair und die Geschichte ist, trotz ihrer Längen und einiger Unklarheiten, gut durchdacht und schön zu verfolgen. Dazu gibt es jede Menge Inhalt, dessen Umfang den Preis in jedem Fall rechtfertigt und viele deutlich teurere und von größeren Studios produzierte Spiele in den Schatten stellt. Wer darauf Lust hat, dem sei Eastward an dieser Stelle wärmstens empfohlen.

Von uns getestet: Nintendo-Switch-Version
Vielen Dank an Chucklefish für die Bereitstellung des Testmusters.

Wertung:

8.0

Robert Emrich meint:

"Schönes an die klassischen JRPGs der 16-Bit-Ära angelehntes Rollenspiel, dessen Handlung im letzten Drittel etwas überschaubarer sein könnte. "
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Sehr gut
Technik: Sehr gut

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