Test: KeyWe (Nintendo Switch)

Von Nico Zurheide am 30. September 2021

Ist es eine Frucht? Ist es ein Flugzeug? Oder der ZDF-Fernsehgarten? 

Nein, es sind zwei neuseeländische Vögel! Es gibt zwar heutzutage nur noch etwa 3.000 Exemplare dieser kleinen Laufvögel, doch zwei von ihnen machen sich im Koop-Spiel KeyWe auf, ehrbare Postbeamte zu werden. Das Spiel handelt also nicht von der chinesischen Stachelbeere, sondern von zwei pflichtbewussten Schnepfenstraußen. Und damit soll genug halbgares Wikipedia-Wissen hier eingeflossen sein.

Keine Arme, keine Kekse

Die beiden kleinen Kiwi-Vögel Jeff und Debra haben offensichtlich genug von der einsamen Natur und suchen sich prompt im Örtchen Bungalowborn einen neuen Job in der dortigen Telepoststation. Sie werden dort auch mit offenen Armen empfangen, obwohl sie selbige selbst nicht besitzen. Die inklusive Poststation ist auf solche Mitarbeiter aber bestens vorbereitet und so können die flugunfähigen Jeff und Debra selbst mit ihren beschränkten Möglichkeiten und ihrer kleinen Körpergröße jeden Job übernehmen, der gerade ansteht. Und an Arbeit mangelt es hier nicht, werden uns doch etwa 50 verschiedene Level angeboten, die sich thematisch über drei Jahreszeiten erstrecken (Sommer, Herbst und Winter).

Diese sind allerdings nicht alle von Grund auf unterschiedlich, immerhin handelt es sich hier um ein kleines Indieprojekt. Es existiert aber ein solides Fundament an verschiedenen Umgebungen und Spielmechaniken, die im späteren Spielverlauf dann mit zusätzlichen Erschwernissen abgeändert bzw. kombiniert werden. So müssen die beiden Kiwis an einem Tag beispielsweise Telegramm-Nachrichten weiterleiten, an einem anderen Tag Briefe und Pakete sortieren und zum Abschluss der Woche noch Briefe aus Textstücken zusammenstellen und dann den fleißigen Kasuar-Postboten übergeben. Später werden diese Aufgaben etwa dadurch erschwert, dass die Poststation voller bösartiger Käfer ist, die ständig die Textschnipsel klauen wollen, oder ein Sandsturm erschwert den Kiwis das Vorankommen. Im Winter frieren z.B. Fließbänder dann regelmäßig ein. An Abwechslung mangelt es hier also nicht.

Zu den regulären Leveln kommen dann auch noch Überstunden für Jeff und Debra hinzu. Hier muss das dynamische Duo kleinere Aufgaben abseits des täglichen Geschäfts übernehmen. Mal wollen die Kasuar-Postboten gefüttert werden, mal muss die Hymne der Poststation mittels eines Rhythmus-Spiels ins Radio übertragen werden und hin und wieder müssen die Vögel auch am Paketband einspringen und die zahlreichen Päckchen mit den passenden Stickern versehen. Diese schnellen Level sorgen für zusätzliche Spielzeit und machen neben den regulären Leveln auch wirklich Spaß, vor allem da hier so verschiedene Aufgaben angeboten werden. Als Belohnung für die Überstunden könnt ihr je nach eurem Abschneiden eine festgelegte Menge Briefmarken verdienen, die als Ingame-Währung herhalten und mit denen ihr euren Protagonisten individuelle Kleidung sowie neue Gefiederfarben kaufen könnt. Ein kleiner optischer Anreiz, die Überstunden-Spiele einige Male zu wiederholen.

Klein, aber oho!

Aber wie schaffen die beiden Vögel es denn überhaupt, alle ihnen zugeteilten Arbeiten so sorgfältig zu erledigen? Die interaktive Landschaft jedes Levels besteht aus vielen Objekten, die durch die unterschiedlichen Aktionen der Kiwis betätigt werden können. Auf Schalter oder Sticker wird eine Arschbombe ausgeführt, Früchte oder Schnipsel können mit dem langen Schnabel transportiert werden, Abgründe und Höhenunterschiede werden durchs Hüpfen überwunden und sollte einmal nichts davon helfen, können Jeff und Debra immer noch laut Plärren. Dieses Schnattern oder Meckern hilft in einigen besonderen Situationen, etwa wenn die Käfer euch mal wieder stark nerven oder wenn ein Streit zwischen zwei Kasuaren beschwichtigt werden muss.

Generell führen die Vögel ihre Aktionen zwar unabhängig voneinander aus, um ein Level erfolgreich abzuschließen ist aber Teamwork angesagt. Keine Aufgabe lässt sich in diesem Koop-Platformer von nur einem Kiwi alleine lösen. So gibt es dann auch immer wieder Apparate, die sich nur sehr schwer alleine oder eben nur zu zweit und mit gutem Timing verwenden lassen. Wollt ihr ein Level in einer guten Zeit abschließen, ist viel Kommunikation und auch gute Planung gefragt. Hier steht KeyWe anderen Genre-Vertretern wie Overcooked in nichts nach, auch wenn es beim Kochen noch etwas chaotischer zugeht. Außerdem gibt es hier nur Jeff und Debra, mehr als zwei Spieler sind also nicht möglich.

Die Entwickler von Stonewheat & Sons zeigten sich nicht nur bei den Spielmechaniken kreativ, auch thematisch wird hier alles wunderbar aufeinander abgestimmt. Kasuare kommen zwar hauptsächlich auf Neuguinea vor und einen Oktopus würde man wohl nicht direkt als Mitarbeiter in einem Postamt vermuten, obwohl er mit seinen acht Armen natürlich eine wunderbare Brief-Sortiermaschine abgibt. Aber davon ab sind hier viele schöne Ideen eingeflossen und für jede Spielmechanik wurde eine passende Erklärung gefunden. Diese muss nicht immer vollkommen realistisch sein, aber bei einem kindgerechten Spiel wie diesem erwartet das ja auch niemand.

Wenn der Postmann zweimal klingelt...

... dann werdet ihr sicherlich am meisten Spaß mit KeyWe haben. Zumindest wenn ihr das Spiel über Amazon bestellt habt und es online mit einem Freund spielen wollt. Natürlich ist der Koopmodus auch lokal verfügbar. Wir empfehlen euch auf jeden Fall, KeyWe nur zu zweit zu spielen, denn im Einzelspielermodus müsst ihr andauernd per Knopfdruck zwischen Jeff und Debra hin- und herswitchen und werdet so nicht nur schnell durcheinander kommen, sondern auch noch viel länger für die Aufgaben brauchen.

Aber auch im Team stellen sich euch einige Hürden in den Weg, die teils vom Entwickler so vorgesehen, teils aber auch der Technik geschuldet sind. So sind die Zeitlimits zum Erreichen der Bestwertung wirklich knapp bemessen und erfordern generell eine bessere Leistung als das Erlangen von drei Sternen im Genre-Kollegen Overcooked. Dazu kommt die leider ab und zu suboptimal eingestellte Kamera, die dazu führen kann, dass ihr nicht immer ganz genau einschätzen könnt, ob ihr euch gerade beispielsweise über einem Hebel befindet oder eben nicht. Diese kleinen Frustmomente sind aber eher selten und nach der fehlplatzierten Arschbombe auch entsprechend schnell behoben. Davon ab bietet die feste Kamera aber eine gute Übersicht über das ganze Level und die dargebotene Action. Auch ansonsten gibt sich der Titel technisch keine Blöße.

Fazit:

Ganz ehrlich: Niemand wird einen Titel wie KeyWe vermissen, wenn er noch nicht It Takes Two, A Way Out oder die beiden Overcooked-Spiele gezockt hat. Sollte das allerdings der Fall sein und euch gelüstet es nach weiterer Koop-Action, dann ist der Titel rund um die putzigen Postvögel momentan wohl eure nächstbeste Wahl. Das für die Kiwis eigentlich überdimensionierte Postamt wurde liebevoll gestaltet und alle Inhalte thematisch sinnvoll miteinander verknüpft. Allzu viele unterschiedliche reguläre Level existieren hier zwar nicht, die Abwechslung wird aber trotzdem aufgrund der verschiedenen Startbedingungen und vor allem Dank der spaßigen Überstunden (auch wenn das paradox klingt) gewährleistet. Alleine macht dieses Koop-Spiel natürlich deutlich weniger Spaß, aber das ist wohl eine triviale Information. Wer gerade nach einem netten Game für zwei Spieler sucht, kann hier also unbesorgt zugreifen.

Von uns getestet: Nintendo-Switch-Version
Vielen Dank an Sold Out für die Bereitstellung des Testmusters.

Wertung:

6.5

Nico Zurheide meint:

"Süßes Koop-Spiel mit Liebe zum Detail, aber auch einiger Repetition."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Gut
Technik: Gut

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2 Kommentare:


Asinned
vor 2 Monaten | 1
Toller Test. Frage mich ber nach dem lesen, wiedo die Wertung so niedrig ist. Gab es Abzüge weil Singleplayer nicht so viel Spaß macht? Persönlich würde ich gerade das nicht einfließen lassen

nibez
vor 2 Monaten | 3
Dem Singleplayer sollte man bei so einem Spiel nicht zu viel Beachtung schenken, das ist richtig. Abzüge gab es vor allem für die manchmal ungünstige Kamera bzw. die unglückliche Perspektive. Und natürlich die recycleten Level. Ich wollte auch erst eine 7.0 vergeben, im Vergleich mit zB Gelly Break Deluxe hat uns KeyWe auch mehr Spaß gemacht, aber Gelly Break bietet noch mehr Abwechslung. Also bekamen beide Spiele die 6.5
Und das ist ja auch keine schlechte Wertung auf einer Skala von 1-10, auch wenn es sich heutzutage so anhört^^' Die Thematik mit den Zahlenwertungen ist aber nochmal ne ganz andere...