Kommentar: Nintendo Switch Online ist und bleibt mies

Von Jeremiah David am 27. September 2021

Nintendos letzte Direct-Präsentation begann mit einer Nachricht, die die meisten Fans längst schon wieder vergessen haben dürften. Noch ehe Trailer zu neuen Spielen, DLCs, Filmen oder Dienstleistungen gezeigt wurden, ließ Nintendo den nachfolgenden Schriftzug einblenden: „Wir möchten allen vom Coronavirus Betroffenen in dieser schwierigen Situation unser Mitgefühl und unsere Unterstützung bekunden.“

Während ich diese Zeilen tippe, stelle ich mir vor, wie Nintendos Chef Shuntarō Furukawa neben Dr. Evil und anderen Lakaien aus den Austin-Powers-Filmen steht und sich über diese offenbar sarkastisch gemeinte Aussage schlapplacht. Nintendo hat wie kaum ein anderer Konzern von der Pandemie profitiert. Wie sieht Nintendos „Unterstützung“ für alle vom Coronavirus Betroffene aus? Wer auf diese Frage eine Antwort hat, darf sie gerne unten in die Kommentare posten. Sony hat mit der Play-at-Home-Initiative zahlreiche Spiele verschenkt. Microsoft bietet derweil mit dem Game Pass das vielleicht beste Preisleistungsverhältnis aller Zeit im Gaming-Bereich an. Und Nintendo? Der Konzern aus Kyoto hat vor kurzem ein teureres, aber nicht leistungsstärkeres Switch-Modell angekündigt und einen minimalistischen Port eines 10 Jahre alten Spiels zum Vollpreis verkauft. Die einzige nennenswerte Verbesserung in Skyward Sword, abgesehen von einer Anpassung der Steuerung, wurde außerdem hinter einem 30 Euro teuren amiibo versteckt. Im offiziellen Nintendo-Store ist der Preis der „alten“ Switch zugegebenermaßen auf 299,99 Euro gesunken, soviel kostet die Konsole in anderen Ländern aber schon seit ihrer Veröffentlichung im Jahr 2017. Nun steigt zu allem Überfluss auch noch der Preis für Nintendo Switch Online – zumindest für diejenigen, die weiterhin „gratis“ Spiele erhalten wollen. Reden wir doch mal über Letzteres.

Auf YouTube gibt es ein Video mit einem Titel, der Erklärungen zum Inhalt desselben unnötig macht: „Nintendo Switch Online is Still Horrible“. Viel interessanter als der Titel oder gar das im vergangenen März hochgeladene Video selbst sind jedoch die Kommentare darunter. Ein User vergleicht die Aussage „Nintendo Switch online is bad” mit „Murder is a crime”. Ein anderer schlägt in die gleiche Kerbe ein und meint salopp: „In other news, water is wet“.

Dass Nintendos Online Service schlecht ist, steht offenbar gar nicht erst zur Debatte. Selbst eingefleischte Fans verteidigen Nintendo diesbezüglich nicht. Zwar gibt es Millionen von Abonnenten, aber ich wage zu behaupten: Wer ein Nintendo-Switch-Online-Abo abgeschlossen hat, hat dies bisher aus einem einzigen Grund getan: Um Switch-Spiele online zu spielen. Oder besser gesagt: Weil er/sie ohne den Service nicht online zocken kann.

Zugegeben, für diese Behauptung muss man nicht übermäßig intelligent sein. Der Service heißt nicht umsonst „Switch Online“, aber wenn man etwas länger darüber nachdenkt, dann stellt man rasch fest, dass dies schlicht und einfach nicht der Fall sein sollte. Nintendo Switch Online sollte bedeutend mehr bieten als nur die Erlaubnis, online zu spielen. Drei Konsolengenerationen lang war das Online-Spielen auf Nintendosystemen kostenlos. Mit der Switch lässt Nintendo Fans erstmalig für diesen einst kostenlosen Service in die Tasche greifen, und das durchaus tief – zumindest in Relation zu dem vorher (nicht) aufgerufenen Preis und in Relation zu den Angeboten der Konkurrenz. Sind 20 Euro im Jahr viel? Nö. Sind 20 Euro im Jahr viel für einen Service, der praktisch keinen adäquaten Gegenwert bietet? Aber hallo! Wer im vergangenen Jahr stattdessen 60 Euro für PS Plus hingelegt hat, hat allein seit Januar unter anderem Call of Duty Black Ops 4, Hitman 2, A Plague Tale: Innocence, Final Fantasy VII Remake, Oddworld: Soulstorm, Battlefield V, Concrete Genie, Star Wars Squardons, Days Gone, Control: Ultimate Edition, Greedfall und Shadow of the Tomb Raider bekommen. Die vielen Titel des Xbox Game Pass aufzuzählen, spare ich mir an dieser Stelle.

Nintendos Online-Service bietet Gamern neben dem Zugriff auf Nintendos mehr oder minder stabiles Netzwerk natürlich noch einige weitere Features, diese dürften von den meisten Spielern jedoch als wenig mehr als kleine Boni betrachtet werden. Ich kenne kaum jemanden, der immer noch regelmäßig Zeit mit der (S)NES-Bibliothek verbringt. Die alten Klassiker sind nett, aber eben nicht mehr als alte Klassiker, die gut und gerne dreißig Jahre auf dem Buckel haben können, zumal die zuletzt veröffentlichten Spiele die Bezeichnung „Klassiker“ kaum verdienen. Mehr als 16.000 Fans haben auf die Ankündigung von Claymates, Jelly Boy und Bombuzal auf YouTube mit "Mag ich nicht" reagiert, nur 3.000 mit einem Daumen nach oben; in den Kommentaren wird die Nutzung diverser Emulatoren empfohlen. Die Liste der 2021 von Nintendo veröffentlichten NES- und SNES-Spiele für Switch Online liest sich wie eine Sammlung aus einer 90er-Jahre Wühlkiste bei TEDI, versteckt zwischen anderer reduzierter Ramschware: Doomsday Warrior, Prehistorik Man, Psycho Dream, Fire 'n Ice, Joe & Mac: Caveman Ninja, Magical Drop II, Spanky's Quest, Super Baseball Simulator 1.000, Ninja JaJaMaru-kun, Claymates, Jelly Boy und Bombuzal.

Die von Nintendo angepriesenen exklusiven Angebote für Switch-Online-Mitglieder (hier kommt mir gleich der neu angekündigte N64- beziehungsweise Mega Drive-Controller für 50 Euro exklusive Versandkosten in den Sinn) sind darüber hinaus lachhaft schlecht und die Smartphone-App verdient meines Erachtens eine Auszeichnung als unnötigste und benutzerunfreundlichste Software, die jemals für eine Spielekonsole entwickelt wurde. Die App existiert nur, weil Nintendo unfähig scheint, vernünftige Freundeslisten und Voice-Chat direkt auf der Switch – einer mobilen Konsole mit Touchscreen wohlgemerkt – zu ermöglichen. Spielstände in der Cloud speichern zu dürfen ist cool, auf Xbox-Konsolen jedoch kostenlos und bei Sony nur eine Alternative zum einfachen Sichern von Speicherständen mit Hilfe eines USB-Sticks oder einer Festplatte. Manche Titel wie Splatoon 2 oder Animal Crossing: New Horizon unterstützen die Speicherdaten-Cloud-Funktion zudem gar nicht oder nur teilweise.

Mit anderen Worten: Nintendo bietet Mitgliedern von Nintendo Switch Online mitnichten einen angemessenen Gegenwert für den aufgerufenen Preis, sondern nötigt Nutzer im Prinzip dazu, ein Abo abzuschließen, um eine ehemals kostenlose Dienstleistung weiterhin in Anspruch nehmen zu dürfen. Dass sich nur wenige Fans über den minderwertigen Service beschweren, ist einzig und allein der Tatsache zu verdanken, dass Nintendo nicht dreist genug war mehr als die ohnehin schon grenzwertigen 20 Euro pro Jahr (beziehungsweise noch grenzwertigere 3,99 Euro pro Monat) für den Service zu verlangen und auch nicht überprüft, ob Familien-Accounts tatsächlich nur von Familien genutzt werden. So fliegt der Service weitestgehend noch unter dem Radar.

Am vergangenen Freitag hatte Nintendo die Chance, den Wert des Services durch ein paar neue „gratis“ Titel auf ein zumindest akzeptables Niveau zu steigern, hat meiner Meinung nach hierbei jedoch auf ganzer Linie versagt. Wer demnächst ausgewählte N64- und SEGA Mega Drive-Klassiker auf der Switch zocken möchte, muss dazu noch tiefer in die Tasche greifen, als ohnehin schon. Wie viel tiefer? Das wollte uns Nintendo nicht verraten, was wohl kein gutes Zeichen ist.

Und: Wer demnächst besagte N64- und Mega Drive-Klassiker auf der Switch zocken möchte, muss wohl oder übel ein Switch-Online-Abo abschließen. Die Inklusion solcher Titel im sogenannten Erweiterungspaket von Switch Online werte ich als Zeichen dafür, dass mit einem Einzelverkauf wie noch zu Wii- und WiiU-Zeiten in der Virtual Console definitiv nicht mehr zu rechnen ist. Damit benötigen jetzt sogar reine Einzelspielererlebnisse wie The Legend of Zelda: Ocarina of Time auf der Switch eine Internetverbindung und kommen mit fortlaufenden Kosten daher. Nintendo weist darauf hin, dass Offline-Spielen nur dann möglich ist, wenn die aktive Switch-Online-Mitgliedschaft regelmäßig bestätigt wird, wofür selbstredend eine Internetverbindung nötig ist, was das Ganze hinsichtlich der Offline-Möglichkeiten offensichtlich ad absurdum führt und auch der Mobilität der Konsole erhebliche Einschränkungen verleiht.

Interessant ist derweil auch die Frage, was mit den Abonnenten passiert, die nicht für diesen zweifelhaften Premiumservice zahlen wollen. Während der Direct-Präsentation wurde betont, dass das noch aktuelle Basispaket beibehalten wird. Das teurere Erweiterungspaket, das die N64- und Mega Drive-Titel beinhaltet, wird nicht jedem Spieler aufgezwungen. Das klingt zunächst positiv, aber wird das Basispaket dann überhaupt noch (sinnvoll) erweitert? Muss ich jetzt mehr zahlen für das „Privileg“ weiterhin Updates in der Form alter Klassiker zu erhalten? Spätestens dann wäre der jetzige Online-Service ausschließlich eine 20 Euro teure Server-Nutzungsgebühr. Auch dazu wollte uns Nintendo leider nicht mehr Informationen liefern. Vermutlich nicht grundlos…

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9 Kommentare:


Matthew1990
vor 3 Wochen | 1
Stimmte ich vollkommen zu!
Ich habe angefangen eine Hand voll SNES/NES Spiele zu spielen, aber auch nur, weil ich es kann.
Wäre das Abo nicht obligatorisch für meine Multiplayer-Spiele, hätte ich es nie abgeschlossen.
Ich bin froh, dass es durch das Familien-Abo (noch) günstiger wird und es sich ab zwei Leuten mehr lohnt als ein Einzel-Abo, aber ey....

Mario-WL
vor 3 Wochen | 1
Habe meine Switch seit dem Release und NSO bis heute noch nie zugelegt - es lag allerdings zwei Spielen mal mit ein paar "Gratis"-Monaten bei. Ich habe hunderte (!) Virtual-Console- und WiiWare-Spiele auf meiner Wii und Wii U. Und online spiele ich dann eben am PC.

Ozymandias
vor 3 Wochen | 1
Wenn man das Stichwort „Miese Masche“ beim Duden nachschlägt, wird als 1. Beispiel NSO als Beispiel aufgeführt.

Denios
vor 3 Wochen | 0
Die aktive Switch Online Mitgliedschaft muss glaub ich nur einmal alle 7 oder 10 Tage gecheckt werden afaik. Also hatte ich in letzter Zeit eher selten, dass ich innerhalb eines so langen Zeitraumes gleichzeitig durchgängig kein Internet und Bock auf Yoshis Island auf meiner Switch hatte :D
Aber ja, stimmt alles, was hier steht. Ich bin kein Hardcore-Multiplayer-Spieler, aber gerade für Monster Hunter brauch ich das schon ab und zu :) für die 4,38€ pro Jahr, die ich dank meiner "Familie" nur zahle, ist das aber imo in Ordnung - nicht geil! Aber auch nix, wo ich groß drüber grüble. Mal schauen, was N64 kostet - auf Paper Mario hab ich tatsächlich Bock, das hab ich noch nie gespielt. Und F-Zero X online zocken klingt auch cool.

Falco
vor 3 Wochen | 1
Mein liebster "Bruder"
Ich kann Dir Paper Mario sehr ans Herz legen und werde die Familie weiterhin finanziell unterstützen, um den Spielewohlstand zu erhalten.
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Keine Ahnung. Finde es irgendwie weird, da noch extra Geld abzuschöpfen.

Aber auf Papier Mario, Banjo und Snap hätte ich schon wieder mal Lust. Gleichzeitig habe ich mir vorgenommen, dir SNES Bibliothek vorher aber wirklich anzuspielen. DK Trilogie endlich mal nachholen.
Denios
vor 3 Wochen | 0
Wenn ich super reich wäre, würde ich Paper Mario ja einfach fürs N64 kaufen :D aber so hab ich immerhin portability und save states:)


cReeD
vor 3 Wochen | 1
So schade es ist; es funktioniert bei Nintendo nur über eine Abstrafung! Solange die Japaner so leicht Geld verdienen, wird sich gar nichts ändern.

Olliko
vor 3 Wochen | 0
Ich stimme dir im Prinzip komplett zu. Aber ein Feature wird meist vergessen zu erwähnen. Die Tickets. Wer seine Spiele digital kauft, hat mit dem Einlösen eines Tickets seinen Jahresbeitrag wieder drin.

GF0P
vor 3 Wochen | 1
Ich habe meinen Online Service nun gekündigt. Den hatte ich ohnehin nur, für Splatoon 2 und Minecraft Realms. Beide Spiele werden aktuell nicht gezockt, also lass ich es auslaufen. Wenn Splatoon 3 kommt hol ich es wohl noch mal, aber das Plus-Abo?! NIEMALS!