Test: Tormented Souls

Von Jeremiah David am 01. Oktober 2021

Old-school Horrorkost oder billiger Grusel-Trash? 

Auf der Verpackung des kürzlich erschienenen Tormented Souls verspricht Publisher PQube großspurig die Rückkehr "klassischen Survival-Horrors". Auch während der vorhergehenden PR-Kampagne scheuten sich die Herren von PQube und Entwicklerstudios Dual Effect und Abstract Digital nicht, Parallelen zu bekannten Horror-Serien wie Resident Evil oder Silent Hill zu ziehen. Ob Tormented Souls mit den großen Vorbildern mithalten kann, wollen wir in diesem Test klären.

Willkommen im Wildberger Hospital

Das Horror-Adventure erzählt die Geschichte der jungen Frau Caroline Walker, der eines Tages ein mysteriöser Brief zugestellt wird. Der Umschlag ist nur mit einem Fake-Absender versehen und beinhaltet ein leicht angekokeltes Foto von Zwillings-Mädchen, die offenbar im Wildberger Hospital im kanadischen Ort Winterlake verschwunden sind. Auf der Rückseite des Bildes steht: „Glaubst du wirklich, dass du uns einfach hier sitzen lassen kannst?“

Caroline kennt die Mädchen nicht, das Foto und die Nachricht lösen jedoch nicht nur ein seltsames Gefühl, sondern tatsächlich körperliche Schmerzen in ihr aus. Albträume plagen sie fortan, weshalb sich Caroline schließlich aufmacht, um herauszufinden, was mit den Mädchen passiert ist.

Weil alte Gemäuer im hellen Tageslicht nicht wirklich gruselig sind, kommt Caroline selbstredend erst nach Einbruch der Dunkelheit am Krankenhaus an und findet das Anwesen zunächst vollkommen verlassen vor. Die Eingangstüre ist nicht abgesperrt und so betritt sie nach nur kurzem Zögern das alte Herrenhaus. Im nächsten Moment überschlagen sich die Ereignisse: Eine unbekannte Person schlägt Caroline bewusstlos und schleppt sie in ein privates Badezimmer. Als sie wieder aufwacht, liegt sie nackt in einer großen Wanne. In ihrem Hals steckt ein seltsamer Schlauch und wo einst ihr rechtes Auge war, klafft nun eine offene Wunde – viel schlimmer kann ein Wochenende wohl nicht anfangen. Caroline zeigt sich jedoch hart im Nehmen. Statt in Panik zu geraten, schlüpft sie wieder in ihre Kleider und stapft tapfer durch die zunehmend bizarren Räume des Hospitals, um sich selbst und die verschollenen Zwillinge zu retten.

Resident Souls...

Nach dem eben beschriebenen Intro entpuppt sich Tormented Souls als relativ dreister, aber keinesfalls schlechter Resident-Evil-Klon. Das Hospital gleicht in seiner Ästhetik ungemein dem Herrenhaus aus dem ersten Resident-Evil-Teil und kommt entsprechend auch mit einer großen Eingangshalle mit Treppe, unterirdischen Kerkern, Operationssälen, einer Bibliothek und anderen mehr oder weniger gruseligen Räumen daher. Anders als in den frühen Teilen der Resident-Evil-Serie ist die Kamera dabei zwar nicht immer fix verankert, lässt sich allerdings auch nicht frei bewegen, sondern folgt fest vorgegebenen Bahnen, die das Spiel stellenweise um ein angenehm cineastisches Flair bereichern, dem Spieler dadurch aber natürlich auch ein Stück Kontrolle entziehen. Die düsteren Umgebungen sind dabei in der von uns getesteten PS5-Version des Spiels wunderbar gruselig gestaltet und glänzen mit ausgesprochen vielen Details und schönen Lichteffekten. Die Atmosphäre ist also stets zum Schneiden dick. Umso verwunderlicher ist es angesichts dieser insgesamt sehr guten Optik, dass ausgerechnet das allgegenwärtige Charaktermodell von Caroline ziemlich altbacken und klobig wirkt. Auch andere NPCs sehen wie Überbleibsel der PS3- oder Xbox360-Ära aus, leisten Caroline aber nur sehr selten Gesellschaft und fallen daher kaum ins Gewicht.

Ein Déjà-Vu-Feeling kommt auch beim Speichern und beim Kämpfen auf. Während in Resident Evil Tintenbänder zum Speichern an Schreibmaschinen gefunden werden müssen, sind es in Tormented Souls Tonbänder und Tonbandgeräte. Nach bestimmten Ereignissen nimmt sich Caroline dann die Zeit, das Geschehene Revue passieren zu lassen, die Tonbänder sind aber rar gesät und können so bisweilen längere Spielesessions nötig machen. Ähnliches gilt übrigens auch für Heilmittel und Munition, wodurch ein sorgsames Ressourcen-Management vonnöten wird.

... oder Tormented Hill?

In der Gegenwart der meist eher langsamen Feinde zielt Caroline ganz wie die Herren und Damen des S.T.A.R.S.-Teams aus Resident Evil automatisch mit einer Nagelpistole, einer provisorischen Schrotflinte oder anderen Waffen in die Richtung des jeweiligen Gegners. Glücklicherweise lässt sich Caroline jedoch deutlich schneller steuern als Chris Redfield und Co. Die Gegner sind auch keine klassischen Zombies, sondern orientieren sich in ihrem Design an den Monstern aus Silent Hill oder The Evil Within. So trachten beispielsweise verstümmelte Männer mit überlangen Klingen statt Armen nach Carolines Leben. Manche Gegner sitzen in einem Rollstuhl, andere ziehen sich aufgrund eines fehlenden Unterkörpers am Boden entlang oder hängen von eisernen Haken an einem Infusionsständer. Ganz so übermäßig brutal wie andere Horrorspiele wird Tormented Souls allerdings nie, wodurch sich auch erklären lässt, wieso das Spiel noch mit einer USK-16-Wertung davonkommen konnte.

Gerade am Anfang des Spiels kommen Kämpfe tatsächlich eher selten vor und das Spiel setzt zunächst auf subtileren Grusel. Das liegt daran, dass Caroline in einigen Gebieten statt einer Waffe häufig ein Feuerzeug tragen muss. Die kleine Flamme schenkt ihr an dunklen Orten Licht, macht Kämpfe gegen Feinde aber zugleich unmöglich. Erst später kann eine Taschenlampe an der Kleidung befestigt werden.

Ein Hauch Eigenständigkeit

Immer wieder wollen Gegner Caroline aufhalten, das Spiel legt allerdings einen viel größeren Fokus auf das Erkunden des alten Krankenhauses und das damit verbundene Lösen von Rätseln als auf das Bekämpfen der widerlichen Widersacher. Erst im letzten Drittel von Tormented Souls nimmt die Anzahl der Gegner zu und das Spiel führt zudem einen unbesiegbaren Feind quasi als Nemesis-Ersatz ein. Während der Muskelprotz aus Resident Evil mit seiner störrischen Ruhe und seiner brachialen Vorgehensweise jedoch durchaus angsteinflößend sein kann, ist das eher schwabbelige, langhaarige Pendant hier in erster Linie nur nervig. So oder so dürften die irren Gegner geübte Spieler, wenn überhaupt, nur bei Munitionsknappheit vor Probleme stellen. Anders sieht es da schon mit den Denksportaufgaben aus. Diese erfordern einiges an Knobelei, können aber mit wenigen Ausnahmen erstaunlich gut unterhalten und sind definitiv besser als im großen Vorbild aus dem Hause Capcom. Tormented Souls fordert vom Spieler wiederholt kreative Lösungsansätze und selbstständiges Denken. Diverse Tagebucheinträge, Akten und andere Aufzeichnungen sowie eine äußerst nützliche Karte des Herrenhauses helfen dabei.

Besonders interessant werden die Rätsel, wenn Caroline hin und wieder große Spiegel oder VHS-Kassetten findet. Mit Hilfe der Spiegel kann sie eine Art albtraumhafte Parallelwelt betreten, mit den Videokassetten gar in die Vergangenheit reisen. Aktionen dort haben dann einen direkten Einfluss auf die Gegenwart. So gibt es an einer Stelle im Spiel beispielsweise eine verschlossene Gefängniszelle. In Carolines Besitz befindet sich zwar kein passender Schlüssel, allerdings eine ätzende Chemikalie, die über einen längeren Zeitraum hinweg sogar in der Lage sein soll, Metall zu zersetzen. Schüttet Caroline also bei einem Ausflug in die Vergangenheit etwas Säure über das Schloss, kann sie zurück in der Gegenwart einfach in die Zelle spazieren. Mit dieser Zeitreisemechanik setzt sich Tormented Souls zumindest ein wenig von Resident Evil ab, allerdings kommen Ausflüge in die Vergangenheit oder die Anderswelt vor allem während der ersten Hälfte des Spiels leider nur selten vor.

Fazit:

Die ersten Resident-Evil-Teile haben inzwischen einige Jahre auf dem Buckel und manche Elemente der Spiele sind nicht gut gealtert. Diese Schwächen zeigen sich nun auch in Tormented Souls. Durch das automatische Anvisieren der Gegner laufen die Kämpfe wenig dynamisch ab. Caroline kann zudem nicht gleichzeitig laufen und schießen. Auch die vorprogrammierten Kamerafahrten und das Fehlen automatischer Speicherpunkte werden so manchen Gamer womöglich nerven. Dem gegenüber stehen aber zahlreiche positive Aspekte. Die Stärken, die Resident Evil einst zu einem absoluten Klassiker machten, sind alle auch hier vorhanden. Tormented Souls ist absolut kurzweilig und bietet Fans des Genres rund acht Stunden einwandfrei spielbare, gruselige Unterhaltung im fantastisch ausgearbeiteten Wildberger Hospital. Es macht schlicht und einfach Spaß mit Caroline durch das Herrenhaus zu wandern, die Räume zu erkunden, die abgefahrene Story voranzutreiben und vor allen Dingen die vielen kleinen und großen Rätsel im Haus zu lösen. Fans von Resident Evil und ähnlichen Spielen kommen trotz kleinerer Schwächen definitiv auf ihre Kosten!

Von uns getestet: PlayStation-5-Version

Wertung:

8.0

Jeremiah David meint:

"Tormented Souls bietet gelungenen old-school Horror mit einem Fokus auf Rätseln statt Action."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Gut
Technik: Sehr gut

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