Test: Lost in Random

Von Jeremiah David am 13. September 2021

Die Würfel sind gefallen.

In der Indie-Szene haben sich die Jungs und Mädels von Zoink! längst einen Namen gemacht. Titel wie das fantastisch bizarre Point-and-Click-Adventure Stick it to the Man oder der nicht weniger fantasievolle Platformer Fe konnten zuletzt gute Wertungen einheimsen und viele Spieler begeistern. Das neuste Werk des Studios setzt sich stilistisch zweifelsohne von den anderen Titeln ab. Lost in Random ist ein schräges Gothic-Märchen mit einzigartigem Kampfsystem. Kann es qualitativ trotzdem mit den vorhergehenden Spielen mithalten?

Die Tribute von Random

Die Schwestern Even und Odd wohnen im Örtchen Einsfelden, einem kleinen Dorf, in dem ausschließliche Leute leben, die noch nie Glück im Leben hatten. Tatsächlich geht es den beiden aber gar nicht so schlecht. Sie leben zwar in bescheidenen Verhältnissen, haben aber liebe Eltern und ein Dach über dem Kopf. Odd bekommt außerdem anlässlich ihres zwölften Geburtstags von Even einen kleinen Kuchen und ein Stofftier überreicht.

Ein Geburtstag sollte eigentlich ein Anlass zum Feiern sein, im Land Random herrschen allerdings seltsame Bräuche und Sitten. Einer davon besagt, dass jedem Kind, das das Alter von 12 Jahren erreicht, die zweifelhafte Ehre zukommt, den einen wahren Würfel zu werfen. Entsprechend der gewürfelten Zahl darf oder vielmehr muss das Kind dann seinen Platz in einer der sechs sozialen Klassen in Random einnehmen. Die bemitleidenswerten Einser hausen in heruntergekommenen Baracken, während die Sechser gar im Palast der diktatorischen Königin leben dürfen. Dort – so sagt man sich – werden alle Träume wahr.

Odd würfelt zunächst eine Eins, aber wie von Geisterhand dreht sich der eigentlich bereits still daliegende Würfel noch ein weiteres Mal. Aus der Eins wird so auf einmal eine Sechs und dem Mädchen bleibt nicht mal mehr Zeit, sich von ihrer Familie zu verabschieden, ehe sie von der Königin und deren Mitarbeiterin Nanny Fortuna entführt wird.


Ihrer Schwester Even kommt die Sache von Anfang an spanisch vor, sie verbringt das darauffolgende Jahr jedoch ohne großes Murren bei ihren behütenden Eltern, bis eines Abends eine leuchtende Gestalt bei ihr im Zimmer erscheint. Das stumme Wesen führt Even nach draußen, wo das Plüschtier liegt, das sie Odd einst zum Geschenk gemacht hatte. Even beschließt spontan dem Geist zu folgen, um ihre Schwester wieder zu finden und herauszufinden, was mit den Kindern passiert, die von der Königin in den Palast gebracht werden. Als Spieler schlüpfen wir also in die Rolle von Even und reisen durch die sechs unterschiedlichen Gebiete von Random.

Die Reise beginnt natürlich in Einsfelden, führt dann jedoch durch Zwei-Stadt, Dreiheit, Vierburg, Fünftropolis und Sechstopia. Dabei begegnet Even Unmengen verrückten Figuren, die ihr gelegentlich helfen, ihrer Reise jedoch viel häufiger noch ein frühes Ende bereiten wollen. Begleitet wird Even nach dem ersten Kapitel von dem lebendigen Würfel Dicey, der ihr nicht nur treu Gesellschaft leistet, sondern ihr im Kampf auch als mächtige Waffe dient.

Gleichzeitig Würfel-, Karten- und Brettspiel

Lost in Random besticht durch eine einmalige Story mit gleichermaßen bizarren und charmanten Charakteren und unzähligen Wortwitzen. Obwohl die Gebiete stilistisch alle ähnlich aussehen und meist von blauen, braunen und roten Farbtönen dominiert werden, unterscheiden sie sich stets durch die im jeweiligen Namen steckende Nummer, die jedem Ort eine Art übergeordnete Thematik verleiht. In Zwei-Stadt beispielsweise hängt eine zweite Stadt verkehrt herum am Himmel, während in Dreiheit drei Geschwister gegeneinander Krieg führen. Aber auch abseits der Story versucht das Spiel beim Gameplay einen ganz eigenen, kreativen Weg zu gehen.

Even trifft auf ihrer Reise auf eine Vielzahl von Gegnern, ist aber standardmäßig leider nur mit einer harmlosen Schleuder ausgestattet. Mit Letzterer kann sie immerhin Kristalle, die sich an den Gegnern festgesetzt haben, zerschießen. Die Kristalle zerfallen zu kleinen, blau leuchtenden Würfeln. Hat Even genug davon aufgesammelt, darf sie ihren Würfel-Kameraden Dicey werfen. Dann bleibt kurz die Zeit stehen und sie erhält sogenannte Karten-Token, die der gewürfelten Augenzahl entsprechen. Damit können vorhandene Sammelkarten aktiviert und im Kampf eingesetzt werden.

Die Karten kann Even im Laufe des Spiels bei einem Händler erwerben oder als Belohnung für abgeschlossene Quests bekommen. Es gibt insgesamt 35 Karten, die wiederum in fünf Kategorien eingeteilt sind: Waffe, Schaden, Abwehr, Risiko und Joker. Eine Waffen-Karte rüstet Even beispielsweise mit einem Schwert aus, eine andere mit einem Bogen, einer Lanze oder einem Hammer. Eine Abwehr-Karte schenkt ihr einen magischen Schild, eine andere füllt einen Teil ihrer Lebensenergie, und so weiter. Jede Karte besitzt dabei einen bestimmten Wert. Mit einer gewürfelten Zwei kann Even also beispielsweise zwei Einser-Karten oder eine Zweier-Karte verwenden.

Vor oder nach jedem Kampf kann der Spieler die Sammelkarten vom Inventar in den sogenannten "Stapel" legen. Nur Karten im Stapel sind während Kämpfen einsetzbar. Hat Even also viele Waffen-Karten im Stapel, ist die Chance später eine Waffe zu bekommen höher.


Manche Kämpfe finden in speziellen Arenen statt, die wie große Brettspiele aufgebaut sind. Die Kämpfe dort laufen wie üblich ab, aber mit jedem Wurf des Dicey-Würfels rückt eine überdimensionale Spielfigur ein Feld vor und beeinflusst an bestimmten Ereignisfeldern das Kampfgeschehen. Die Schlacht ist erst zu Ende, wenn die Spielfigur das letzte Feld erreicht hat. Ähnliches gilt für vereinzelte Bosskämpfe.

Das alles klingt komplex, ist es aber nicht wirklich und in der Praxis läuft fast jeder Kampf gleich ab: Even zerschießt Kristalle, um Mini-Würfel zu erhalten. Mit genug aufgesammelten Mini-Würfeln darf sie Dicey Werfen und dann bis zu fünf Karten einsetzen. Das war's.   

Zu Beginn des Spiels fehlen Dicey einige Punkte, sodass Even zunächst nicht mehr als eine Zwei würfeln kann. Erst nach einigen Upgrades gleicht Dicey einem quaderförmigen Dalmatiner und lässt Even bisweilen auch eine Sechs würfeln, um mehr und mächtigere Karten einsetzen zu können.

Das Kampfsystem bringt zweifelsohne einen frischen Wind mit sich, aber nach zwei oder drei Stunden Spielzeit verliert es rasch diesen Bonus und kann bisweilen auch etwas nerven. Manche Kämpfe spielen sich durch den ständig vorhandenen Zufallsfaktor und das immer gleiche Prozedere sehr mühsam und können sich relativ lange hinziehen. Dann hat man das Gefühl, dass die sich mehrfach wiederholende Gegnerwellen mit viel zu ähnlichen Feinden dem Fortgang der Story nur unnötig im Weg stehen.

Schade ist außerdem, dass sich das Gameplay mit ganz wenigen Ausnahmen wirklich auf die Kämpfe reduzieren lässt. Sowohl Main- als auch Side-Quests führen Even wiederholt in provisorische Kampfarenen. Manche Questbeschreibungen klingen kreativ, aber um gesuchte Items zu erhalten muss Even dann doch nur wieder Gegner vermöbeln. Die Items an sich tauchen in keinem Menü auf und werden, wenn gebraucht, automatisch eingesetzt.

Even kann außerdem nur an vorgegebenen Stellen springen. Geschicklichkeitspassagen gibt es daher so gut wie gar nicht, und die wenigen Rätsel im Spiel sind so leicht, dass sie absolut niemanden vor kognitive Herausforderungen stellen werden.

American McGee's Even

Optisch und akustisch macht Lost in Random dagegen absolut nichts verkehrt. Die detailreichen Umgebungen wirken wie aus einem Guss und bestechen mit knackigen Texturen und Shadern, die dem gesamten Spiel eine Art düsteren Knetmasse- oder Holzpuppen-Look verleihen, die an Stop-Motion-Streifen wie Corpse Bride, Coraline oder Paranorman erinnern. Die Licht-, Glanz- und Nebeleffekte sind überragend. Die vielen Anspielungen auf Gesellschaftsspiele und die in sich verdrehten und verwinkelten Gassen zwischen den Gebäuden, die häufig wie übergroße Teekannen oder Streichholzschachteln daherkommen, erinnern derweil an American McGee's Alice. Angesichts der starken Optik ist es umso schöner, dass diese während unserem Testlauf auf der PlayStation 5 nie durch Bugs oder Ruckler beeinträchtigt wurde.

Die Akustik steht der Optik in nichts nach. Zwar muss auf eine deutsche Sprachausgabe verzichtet werden, doch die englischen Sprecher machen allesamt einen fantastischen Job, allen voran die Synchronsprecher von Even und einem Erzähler, der mehr als souverän durch die Story führt. Die Hintergrundmusik ist auf ähnlich hohem Niveau und könnte direkt aus einem Fantasyfilm stammen.

Fazit:

Das Gothic-Märchen aus dem Hause Zoink! bietet Spielern eine ungemein fantasievolle Geschichte mit schrägen Charakteren und noch schrägeren Dialogen. In dieser Hinsicht kann Lost in Random als lineares Abenteuerspiel voll überzeugen. Auch die Spielzeit von rund zwölf Stunden ist für einen Budget-Titel mehr als ordentlich. Fast das komplette Gameplay ist jedoch um das einzigartige  Kampfsystem aufgebaut, das zwar frischen Wind in das Genre bringt, mit zunehmender Spieldauer jedoch einiges an Spaß einbüßt. Hier hätten eine größere Varianz im Gegnerdesign, mehr neue Spielkarten speziell für das letzte Drittel oder gar komplexere Geschicklichkeitspassagen zur Auflockerung des Gameplays Abhilfe schaffen können.

So oder so ist Lost in Random jedoch ein höchst kreatives und technisch einwandfrei umgesetztes Action-Adventure in einer stimmigen, fantastischen Welt, und wer mit Even den Ausflug nach Random wagt, wird sicher nicht enttäuscht sein. 

Wir bedanken uns bei Electronic Arts für die Bereitstellung des Testmusters.
Von uns getestet: PlayStation-5-Version

Wertung:

8.0

Jeremiah David meint:

"Das würfelbasierte Kampfsystem könnte abwechslungsreicher sein, ansonsten bietet Lost in Random jedoch beste Unterhaltung in einer verrückten Fantasy-Welt."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Sehr gut
Technik: Sehr gut

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