Test: Dice Legacy

Von Michael Prammer am 08. September 2021

Von Strategie und Würfelglück.

Aufbaustrategiespiele gibt es einige auf dem Markt. Was jedoch, wenn hierzu die Komponente „Glück“ mit ins Spiel gebracht wird? Dice Legacy wagt genau dieses Experiment und wir verraten euch, ob das Prinzip aufgeht.

Das Spielprinzip, wie eingangs erwähnt, unterscheidet sich so ziemlich von allem, was wir bisher zum Thema Strategiespiele erleben durften. Es geht beim Titel des italienischen Entwicklers Destinybit nicht einfach darum, möglichst viele Ressourcen zu horten, imposante Bauwerke zu errichten und eine stattliche Streitmacht auf die Beine zu stellen, um die Macht über die Karte zu erlangen. Sicher, im Endeffekt sind diese Punkte elementar wichtig für ein Strategiespiel, allerdings würzen die Entwickler das Gesamtpaket mit einem völlig neuen Spielprinzip. So kommen nämlich bei den einzelnen Aktionen Würfel zum Einsatz, die nicht nur geschickt eingesetzt werden müssen, sondern auch über Sieg oder Niederlage entscheiden können. Aber der Reihe nach.

Auf zu neuen Ufern

Dice Legacy verfolgt natürlich auch eine Hintergrundgeschichte, welche das Spielprinzip in Szene setzt. Euer Protagonist ist ein erfahrener Kapitän, welcher mit seinem Schiff auf einer interessanten Kartenstruktur umherreist. Diese ist nämlich wie ein Ring aufgebaut und begleitet uns von der Aufmachung her durch das gesamte Spiel. Auf der Innenseite dieser „Ringwelt“ umher schippernd erleidet unser erfahrener Seebär Schiffbruch und befindet sich an einem völlig unbekannten Strand wieder. Außer ein schnell errichteter Hafen und ein paar Trümmerteile ist nicht viel in der Gegend zu finden und so gilt es mit dem Wenigen, was dem Kapitän übrig geblieben ist, das Beste aus der Situation zu machen. Ihr habt fortan die Aufgabe, das Land zu besiedeln, eine befestigte Siedlung zu errichten und ganz wichtig: Den harten Winter zu überleben.

Zunächst ist guter Rat teuer, denn als allererstes müsst ihr euch mit dem Spielprinzip auseinandersetzen. Das Gute an der Sache: Ein ausführliches Tutorial nimmt euch an die Hand und begleitet euch Schritt für Schritt durch die ersten Spielminuten. Denn die Spielidee hinter Dice Legacy ist komplex, ausgeklügelt und schlichtweg brillant. Möchtet ihr beispielsweise ein Haus errichten, so reicht es nicht, dieses einfach aus einem Menü auszuwählen, ihr benötigt den passenden Würfel dazu. Richtig gelesen, das gesamte Spiel setzt auf den Zufallsfaktor Würfelglück. Habt ihr in diesem genannten Beispiel den richtigen Würfel auf der Hand, zieht ihr diesen auf die Baustelle und das Bauwerk wird binnen einiger Minuten errichtet. Ist der Würfel nicht zur Stelle wird neu gewürfelt.

Alea iacta est – der Würfel ist gefallen

Und jetzt kommt der geniale Aspekt des Spiels, welcher die strategische Komponente in ein völlig neues Licht rückt. Die Würfel, die gewürfelt wurden, verlieren an „Lebenskraft“. Ist diese zu Ende, stirbt der Würfel, was ihn unbrauchbar macht. Jetzt ist es so, dass ihr nicht unendlich viele Würfel auf der Hand habt, weshalb ihr mit seinen Spielgeräten haushalten müsst. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder ihr erstellt neue Würfel, zwölf dürfen insgesamt im Inventar aufbewahrt werden, oder ihr repariert eure vorhandenen Würfel, welche Nahrung benötigen. Diese Nahrung bekommt ihr von Weizenfeldern oder von der Jagd, was natürlich auch über Würfel abzudecken ist. Das Interessante an der Sache ist, dass ihr bei jedem Zug gut überlegen solltet, was ihr mit den Würfeln macht, um nicht unnötig die Lebenskraft eines Würfels zu verschwenden.

Es gibt unterschiedliche Würfel, wie zum Beispiel Bauarbeiter, Jäger, Steinmetz oder Kundschafter. So solltet ihr euch gut überlegen, was ihr denn jetzt gerade vor habt oder nicht unbedingt benötigt. Ein Beispiel: Benötigt ihr unbedingt ein neues Bauwerk, habt aber keinen Arbeiter auf der Hand, dafür aber einen Steinmetz, ist es ratsam, erstmal einen Steinbruch zu bearbeiten und beim nächsten Versuch auf den richtigen Würfel zu hoffen, anstatt einfach neu zu würfeln. Denn sind erst einmal zu viele Würfel verschwunden, ist es nahezu unmöglich, im Spiel noch Erfolg zu haben, auch weil der Winter eine große Rolle spielt. Dann nämlich können keine Getreidefelder mehr angebaut werden und schlimmer noch, einige Würfel frieren sogar ein. All das muss sorgfältig bedacht werden und bedarf im Sommer bereits der weitsichtigen Planung.

Der Winter naht

Aber der Winter hat noch andere Tücken, die ihr im Sommer unbedingt beachten müsst. Jagdquellen, die ihr mit euren Jagdwürfeln abgrast, sind irgendwann erschöpft. Ausreichend Nahrung abseits von Getreide ist allerdings elementar wichtig. Außerdem wird dem Volk kalt im Winter, weshalb ihr als Präventionsmaßnahmen Öfen bauen und Holz sammeln solltet. Ein netter Nebeneffekt der Öfen: Die Würfel frieren nicht mehr ein, wenn genügend von ihnen vorhanden sind. Ihr könnt euch also nicht einfach den ganzen Sommer gemütlich die Sonne auf den Pelz scheinen lassen, sondern müsst gut für den Winter vorsorgen. Die Entwickler haben den Winter als wichtiges Element ins Spiel eingebaut und dieser entscheidet oft über Sieg oder Niederlage.

Bei einem Strategiespiel kommt der Kampfaspekt natürlich auch zum Tragen und der lässt sich vielfältig einsetzen – und natürlich über Würfel entscheiden. Die friedlichste Methode, sich eine gegnerische Siedlung gefügig zu machen, ist der Händlerwürfel. Mit diesem könnt ihr einen Handelspartner an Land ziehen, der im Spielverlauf von Vorteil sein kann. Ein guter Wechselkurs von Gold, Nahrung oder hin und wieder auch mal ein Soldat können bei so einer erfolgreichen Partnerschaft rausspringen, was im Kampf gegen andere Siedlungen einen großen Vorteil darstellen kann. Die nächste Methode wäre, die feindliche Siedlung in Schutt und Asche zu legen. Das funktioniert mit den Soldatenwürfeln, aber auch nur dann, wenn keine feindlichen Einheiten mehr vor Ort sind. Die Kämpfe funktionieren im Übrigen genauso und werden ebenfalls über die Würfel geregelt. Die Schwierigkeit ist hier, wie im gesamten Spiel, dass der passende Soldatenwürfel auf der Hand liegen muss.

Hier kommen wir zu einem kleinen Problem des Titels, welches schon fast in „Stress“ ausarten kann. Das Beschaffen von Ressourcen, das Haushalten der Würfel und im späteren Verlauf das Kampfgeschehen stellen den Spieler vor eine Menge an Aufgaben. Dazu kommt, dass die Feinde auch hin und wieder über eure Siedlung herfallen (je nach Schwierigkeitsgrad) und demnach eine Verteidigung gut organisiert werden muss. Hier kann dann auch schon mal Hektik aufkommen, wenn nicht der passende Würfel vor Ort ist, ein wichtiger Würfel gerade „geschrottet“ wurde oder die Nahrung knapp ist. Deshalb können wir an dieser Stelle nur empfehlen, das Spiel auf einem der leichteren Schwierigkeitsgrade zu spielen, bis das Prinzip verinnerlicht wurde, da sonst schnell Frust aufkommen könnte.

Technisch zeigt sich Dice Legacy solide. Das Spielprinzip über die „Ringoptik“ funktioniert ganz gut, wenngleich die Ränder etwas eingeschränkt wirken und die Übersicht hier etwas flöten geht. Dafür läuft das Spiel absolut flüssig und lässt auf technischer Seite kaum Wünsche offen. Was dem Spiel insgesamt fehlt, sind Details in der Grafik. Diese wirkt doch etwas zurückhaltend, die Hintergründe und Charaktere könnten etwas besser herausgearbeitet sein. Insgesamt kommt die Grafik sehr zweckmäßig daher und könnte für unseren Geschmack etwas hübscher sein. Die Steuerung via Gamepad funktioniert allerdings tadellos, was man bei einem Strategiespiel durchaus lobend ansprechen sollte. Auch der Sound und die musikalische Untermalung machen einfach Spaß und sind absolut stimmig.

Fazit:

Dice Legacy ist eines der interessantesten Spiele, welches ich in all den Jahren als Spieleredakteur testen durfte. Ein Aufbaustrategiespiel mit einer Glückskomponente mag sich zunächst etwas befremdlich anhören, funktioniert aber bestens und macht nach etwas Einarbeitung fast schon süchtig. Die Entwickler haben sich eine Menge einfallen lassen, um den Spieler bei der Stange zu halten und die Zeit vergeht wie im Flug. Die bereits erwähnte Einarbeitung ist allerdings zwingend notwendig, da das Spielprinzip euch als Spieler auch einiges abverlangt. Die Mischung aus Ressourcen sammeln, Siedlung aufbauen und Kämpfen kann in Stress ausarten und der Winter steht ständig vor der Tür. Auch auf technischer Seite wurde nicht das ganz große Feuerwerk abgebrannt und ein wenig Potential liegen gelassen. Das alles trübt den guten Eindruck allerdings nur marginal, denn wer sich auf Dice Legacy einlässt, erlebt ein außergewöhnliches Strategiespiel.

Von uns getestet: Nintendo-Switch-Version
Vielen Dank an Koch Media für die Bereitstellung des Testmusters

Wertung:

8.5

Michael Prammer meint:

"Außergewöhnliches Strategiespiel, das mit frischen Ideen zu begeistern weiß."
Spielerlebnis: Herausragend
Umfang: Sehr gut
Technik: Durchschnittlich

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