Test: 12 Minutes

Von Michael Prammer am 06. September 2021

Stellt euch vor, ihr seid in einer Zeitschleife gefangen und erlebt einen Moment immer und immer wieder. Willkommen bei 12 Minutes.

Es sieht zunächst nach einem gemütlichen Abend aus. Nachdem euer Protagonist zwar seinen Schlüssel verlegt hat, ihr jedoch dank eines Ersatzschlüssels euer Apartment dennoch betreten dürft, erwartet euch bereits sehnsüchtig eure Frau. Es gibt schlimmeres, als nach einem anstrengenden Arbeitstag von seiner Liebsten begrüßt zu werden und diese hat gleich mehrere Überraschungen für euch parat. Es scheint für den Moment eine perfekte Welt für euch zu sein, bis es an der Tür klopft und ein Polizist die romantische Idylle unterbricht. Eure Frau wird des Mordes an ihrem Vater beschuldigt, mit Kabelbinder zu Boden gefesselt und euer Hauptdarsteller muss alles tatenlos mit ansehen. Als wäre die Sache nicht schlimm genug, zieht der Polizist euch mit in die Sache hinein und ehe ihr wisst, wo oben und unten ist, betretet ihr wieder eure eigene Wohnung.

Und täglich grüßt das Murmeltier

Was ist geschehen? Wer war der Polizist und was wollte er von eurer Frau? Warum begrüßt diese euch, als wäre nichts geschehen und wiederholt alles genau so, wie ihr das bereits einige Minuten zuvor erlebt habt? Was hat es mit den Mordvorwürfen auf sich? Und warum lag euer Protagonist vor ein paar Sekunden leblos auf dem Boden und betritt jetzt wieder die Tür des Apartments? Diese und noch mehr Fragen gilt es im Spiel zu klären, dieses investigative Handeln stellt die Hauptaufgabe während der folgenden etwa drei bis vier Stunden Spielzeit dar. Das Spielprinzip basiert nämlich auf einer Zeitschleife, die immer genau gleich beginnt. Würdet ihr alles genauso machen, wie zuvor, wäre der Ausgang der Handlung unverändert: Ihr liegt leblos am Boden und der „Loop“, die Zeitschleife, beginnt von vorne.

12 Minutes ist ein Point-&-Click-Adventure, bei dem es durch kleinere Handlungen und Aktivitäten genau diese Zeitschleifen zu verändern gilt. Dabei seid ihr natürlich an das namensgebende Zeitlimit gefesselt - ungefähr. Nach fünf Minuten wird der Polizist an der Tür klopfen. So lange habt ihr also Zeit mit eurer Frau alleine zu verbringen. Hier gilt es herauszufinden, was eure Frau getan hat oder auch nicht – schließlich wurde sie des Mordes beschuldigt. Dies geschieht über Dialoge und einige Aktivitäten. Könnt ihr der Frau beispielsweise Beweisen, dass ihr diesen Moment schon einmal erlebt habt, wird sie mit ganz anderen Informationen herausrücken. Aber auch unterschiedliche Gegenstände innerhalb der Wohnung helfen, die Zeitschleifen zu verändern. Mit einem Messer könnt ihr Lüftungsschächte öffnen oder dieses sogar als Waffe einsetzen. Schlaftabletten setzen eure Frau außer Gefecht, was im Laufe des Spiels wichtig wird. Und mit eurem Smartphone könnt ihr den Notruf kontaktieren, aber ob dieser noch rechtzeitig bei der Wohnung eintreffen wird?

Gefangen in der Zeitschleife

Nach fünf Minuten kommt stets der Polizist aus dem Aufzug zu eurer Wohnung geschritten und natürlich gibt es auch für diesen verschiedene Möglichkeiten. Versteckt ihr euch beispielsweise zu Beginn der Zeitschleife, wird der ganze Loop einen komplett anderen Ausgang nehmen, ihr erfahrt dabei allerdings wichtige Details über eure Frau. Gelingt es euch, den Polizisten zu betäuben, gelangt ihr an sein Handy und somit an wichtige Informationen, die ihr benötigt, um das komplexe Puzzle des Spiels zu lösen. Wichtig bei all den Handlungen ist: Es bleiben immer zehn Minuten Zeit, dann beginnt die ganze Zeitschleife exakt von vorne, nämlich mit dem Betreten des Apartments. Neue Erkenntnisse und neue Dialogoptionen spielen euch dann in die Karten, um die Story voranzutreiben. Warum das Spiel übrigens 12 Minutes heißt, obwohl ein Loop bereits nach zehn Minuten beendet ist, verraten wir an dieser Stelle nicht.

Die Story ist das absolute Highlight im Spiel und gerade gegen Ende werden ganz viele Aha-Effekte auf den Spieler zukommen. Die Möglichkeit, mit den Ereignissen herumzuexperimentieren und neue Dialogoptionen freizuschalten, motivieren ungemein, stellen aber auch den größten Kritikpunkt im Spiel dar. Oftmals fühlt man sich unter Zeitdruck gesetzt, was das Spiel auch bewusst so haben möchte, allerdings ist der Loop dann schon wieder versaut und muss von vorne begonnen werden, wenn eine falsche Aktion oder ein falscher Dialog gewählt wurde. Was am Anfang noch relativ locker von der Hand geht, entpuppt sich später als teilweise nerviges Trial & Error, was die Spielzeit künstlich in die Länge ziehen kann. Denn im Prinzip kann man 12 Minutes sehr schnell beenden, durch das viele Probieren und Herumexperimentieren ist aber einiges an Ausdauer erforderlich. Da kann man auch schon mal ein kleines Detail übersehen, was dann zu Frust führen kann, wenn dadurch das Weiterkommen gehindert wird. Jedoch sollte man unbedingt am Ball bleiben, die Story ist durchweg spannend und das Ende hält einige Überraschungen parat, wenngleich diese auch nicht jedermanns Geschmack sein werden.

Technisch kann 12 Minutes keine Bäume herausreißen. Das Spiel läuft absolut sauber und ruckelfrei, ist allerdings aufgrund der Topdown-Ansicht sehr minimalistisch gehalten und spart mit optischen Leckerbissen. Die Charaktermodelle und Bewegungen wirken zwar stimmig, ein paar mehr Detail hätten dem Titel allerdings gut getan. Grafisch wirkt das Spiel zweckmäßig, die Entwickler haben eindeutig andere Prioritäten gesetzt. Dafür ist die Soundkulisse absolut top. Die Audioeffekte sind stets passend und ganz besonders loben möchten wir die Synchronisation. Daisy Ridley, James McAvoy und Willem Dafoe machen als Sprecher einen überragenden Job. Deutsche Übersetzungen gibt es zwar keine, dafür allerdings deutsche Bildschirmtexte.

Fazit:

12 Minutes ist ein kurzweiliges und gleichzeitig spannendes Adventure, das viel Experimentierfreude vom Spieler abverlangt. Die sich ständig wiederholenden Zeitschleifen motivieren und sorgen für eine anständige Spielzeit. Dabei hängt es von euch selbst ab, wie viel Zeit ihr mit dem Spiel verbringt, da die verschiedenen Optionen, Dialoge und Aktionen sorgfältig gewählt sein sollten, um nicht nach zehn Minuten wieder von vorne beginnen zu müssen. Der Zeitdruck, der hierbei aufkommen könnte, wird nicht jedem gefallen und führt zu einigen Trial-&-Error-Passagen. Dranbleiben lohnt sich allerdings, auch weil die Synchronisation fantastisch umgesetzt wurde und die Story den Spieler durchgehend bei der Stange hält. Technisch darf man keine Meisterleistung erwarten, dafür erlebt ihr ein spannendes Spiel, das den einen oder anderen Aha-Effekt für euch parat hält.

Von uns getestet: Xbox-Series-S-Version (Gamepass)

Zweite Meinung von Nico Zurheide:

Auch ich habe 12 Minutes dank des Gamepass gespielt, allerdings auf der alten Xbox One. Technisch gab es aber bei den Konsolen keinen Unterschied, wohl aufgrund der zweckmäßigen Grafik des Spiels. Tatsächlich hätte ich mir hier gewünscht, dass wichtige Gegenstände oder interaktive Objekte deutlicher vom Rest der Einrichtung hervorgehoben werden, denn so könnten einem durchaus einige Dinge entgehen. Das ist aber nur ein kleiner Kritikpunkt, denn spielen lässt sich das Adventure auch so wunderbar.

Und das ist auch gut so, denn so können wir uns mehr auf die spannende Story konzentrieren, die durch die drei Synchronsprecher hervorragend wiedergegeben wird. Wie Michi schon schrieb, lohnt es sich auf jeden Fall, bis zum Ende am Ball zu bleiben. Allerdings muss auch ich die Warnung aussprechen, dass es im späteren Verlauf des Spiels zu einigen langweiligen Passagen kommen kann, wenn man die gleichen Tätigkeiten immer wieder in der gleichen Reihenfolge abspult, nur um am Ende der Zeitschleife dann ein einzige neue Information zu bekommen. Mit einer optimalen Herangehensweise kann man 12 Minutes in unter zehn Zeitschleifen beenden, aber selbst dann führt man einige Aktionen zu oft aus, als dass das Gameplay noch Spaß machen würde. Schlimmer wird die Wiederholung dann, wenn ihr verschiedene Dinge ausprobieren wollt, die dann aber entweder nicht zur Lösung des Rätsels beitragen oder die gar nicht möglich sind. Bis ihr das gemerkt habt ist es aber stets schon zu spät und ihr müsst einen neuen Anlauf starten. Die teils durchaus kryptischen Abläufe, die ihr zur Lösung des Mysteriums ausführen müsst, hätten durchaus ein Hinweissystem vertragen können. 12 Minutes ist dementsprechend ein sehr minimalistisches Point & Click, das sich ausschließlich auf seine Story konzentriert und alle modernen Entwicklungen des Genres außer Acht lässt.

Wertung:

7.5

Michael Prammer meint:

"Spannendes Adventure mit toller Synchronisation, jedoch auch einigen Frustmomenten."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Gut

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1 Kommentare:


Ozymandias
vor 2 Monaten | 1
„Stellt euch vor, ihr seid in einer Zeitschleife gefangen und erlebt einen Moment immer und immer wieder.“

Nennt sich Montagmorgen. :D