Test: Foreclosed

Von Robert Emrich am 17. August 2021

Ein Mann sieht rosa.

Cyberpunk 2077 ist jetzt seit gut neun Monaten auf dem Markt und der Hype um das Genre hat mittlerweile deutlich nachgelassen. Dass das Genre deswegen aber noch lange nicht tot ist, haben einige jüngst erschienene Titel bewiesen, die nebenbei eine mehr oder weniger erfolgreiche weitere Interpretation des Genres abgeliefert haben. So jetzt auch das von dem kleinen Studio Antab entwickelte Foreclosed, das jüngst zeitgleich auf allen relevanten Plattformen veröffentlicht und von uns auf der Nintendo Switch getestet wurde. Was dabei heraus kam, berichten wir euch hier.

Guten Morgen, liebe Sorgen

Schon als Evan Kapnos morgens seine täglichen Mails überfliegt, wird ihm klar, dass heute einfach nicht sein Tag ist. Sein Arbeitgeber ist über Nacht bankrott gegangen, sein Job dementsprechend weg und damit auch die Möglichkeit, die Identitäts-Schulden beim Staat abzubezahlen, die jeder Bürger von Geburt an hat. Der Staat, ganz der Einhaltung seiner Gesetze verschrieben, hat dementsprechend Kapnos’ Implantate deaktiviert und ihn damit temporär aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Öffentliche Dienste, der Zugriff auf seine Waffe oder grundlegende Fähigkeiten wie die Erkennung von Gesichtern stehen eurem Charakter damit erst einmal nicht mehr zur Verfügung, zumindest bis er sich vor einem Gericht einfindet und seine Situation erklärt, um sein Leben mit einem neuen Job wieder zurückzubekommen. So macht ihr euch in den ersten Minuten des Spiels auf den Weg zu eurem Termin und landet im Abenteuer eures Lebens, denn plötzlich schießen Leute auf der Straße auf euch und eine unbekannte Stimme in eurem Kopf hackt eure Implantate...

Die weitere Handlung entspricht dem Klischee vieler Cyberpunk-Geschichten, in denen ein einzelner Mann dem durch Konzerne kontrollierten System den Kampf ansagt, krankt dabei aber an diversen nicht zu Ende gedachten Ideen: Zuerst einmal werden euch die wichtigsten Begriffe und Konzepte zu Beginn des Spiels nur unzureichend erklärt. Stattdessen erhaltet ihr die wenig sagende Information, dass ihr eure Identitäts-Schulden nicht bezahlen konntet und deswegen aus der Blockchain fliegt. Damit klar wird, worum es genau geht,  müsst ihr das Spiel erst einmal weiterspielen.

Das zweite Problem ist Kapnos unvollständige Synchronisation. Nahezu alle Dialoge des Spiels wurden vertont und von Menschen eingesprochen, die dabei offenbar möglichst hart und männlich klingen wollten. Aber ausgerechnet in den wenigen Situationen, in denen ihr für Kapnos eine Antwort wählen könnt, bleibt der Synchronsprecher stumm, sodass die emotionale Bindung einem als Schnürsenkel genutzten Spaghetto gleicht. Das ist ein wenig ironisch, da die gewählten Antworten letztlich keinen Einfluss auf die weitere Handlung haben und man sie sich dementsprechend auch hätte sparen können. So bleibt am Ende eine recht blasse Geschichte übrig, die das Geschehen zwar immer weitertransportiert, aber kaum Eindruck hinterlässt. Das ist bei den etwa sechs Stunden Spielzeit des Titels nicht schlimm, aber dennoch schade. 

Der Weg zur Erlösung

Den Großteil des Spiels über steuert ihr Kapnos mit dem Blick über dessen Schulter durch die schlauchartig-linearen Level des Spiels und schießt euch entweder durch Gegnerwellen oder sucht nach gut versteckten Schaltern. Viel innovativer wird das Spiel leider selten. Neben eurem Schießeisen stehen euch, dank eurer gehackten Implantate, mit der Zeit immer mehr besondere Fähigkeiten wie Schutzschilde oder Telekinese zur Verfügung. Einige werden euch im Verlauf der Handlung gegeben, die meisten schaltet ihr allerdings mit Skillpunkten nach einem Level-Up frei. Auch eure Waffe kann mit einigen Fähigkeiten separat verbessert werden, wobei beachtet werden muss, dass bei den Implantaten und der Waffe jeweils immer nur drei der freigeschalteten Verbesserungen genutzt werden können, von denen einige im späteren Verlauf, besonders bei der Waffe, beinahe obligatorisch sind. Ohne die Möglichkeit, Energieschilde und Schutzwesten zu durchschlagen oder Gegner per Telekinese durch die Luft zu werfen sind Schusswechsel gerade später im Spiel eine Qual und es stellt sich die Frage, warum man die Fähigkeiten zu jeder Zeit austauschen kann, wenn einige gefühlt nutzlos und andere zwingend erforderlich sind. Grundsätzlich sind die Kämpfe aber auch mit den richtigen Talenten nicht einfach, denn die Gegner besitzen trotz mangelnder Intelligenz haufenweise Lebensenergie und ausgezeichnete Augen. Sie treffen euch außerhalb von Deckungen fast immer, während ihr mit der nur in der Nähe gut arbeitenden Zielhilfe zurecht kommen müsst. 

Auch die wenigen Lebenspunkte, die Kapnos hat, machen das ganze nicht unbedingt besser. Das Spiel speichert euren Fortschritt immerhin automatisch und setzt euch bei einem Ableben in der Regel nicht allzu weit zurück. Als Lichtblick kann zudem vermerkt werden, dass die Steuerung, abgesehen vom fehlenden Motion-Aiming, das dem Titel enorm geholfen hätte, sehr gut funktioniert. Die Möglichkeit, Fähigkeiten beliebig auf den A,B,X und Y Tasten zu belegen, kommt dem Spielfluss sehr zugute.

Eine Vision in Pink

Größtes Alleinstellungsmerkmal des Spiels ist ohne Zweifel seine ästhetische Aufmachung, die durch seine Farbgebung und das geschickt genutzte Cel-Shading besticht. So wirkt das Spiel zu fast jeder Zeit wie ein Comic, was noch durch die Lautmalerei, bei der Geräusche zusätzlich in stilisierter Textform dargestellt werden, unterstützt wird. Das funktioniert auf Nintendos Hybridkonsole ausgezeichnet und läuft immer flüssig, da das Spiel so oder so nicht extrem detailliert ist. Die Switch-Version ist aber wie üblich ein wenig gröber aufgelöst, als die Versionen für den PC oder andere Konsolen. 

Hin und wieder geht das Spiel in der Idee ein spielbarer Comic sein zu wollen voll auf und bietet euch Sequenzen, in denen sich der Bildschirm in mehrere Panele aufteilt, die das Geschehen von oben oder der Seite anzeigen. Dann müsst ihr euren Charakter entsprechend angepasst steuern. Besonders am Anfang unterhalten diese Elemente durch ihre Einzigartigkeit, bieten aber auch später noch eine schöne Möglichkeit, um die Handlung voranzutreiben.

Fazit:

Foreclosed ist ein klassisches Beispiel für ein Projekt, bei dem sich ein Studio schlicht zu viel vorgenommen hat. Die Idee des Spiels ist gut und die optische Aufmachung ist zweifelsohne gelungen, aber letztlich tröstet beides nicht über die vielen kleinen Ungereimtheiten und Designfehler in der Handlung und das belanglose Gameplay hinweg. Mit einem größeren Entwicklerteam hätte Foreclosed bestimmt ein tolles Spiel werden können. So bleibt es leider im Mittelklasse-Sumpf stecken und wird im Schatten der erfolgreicheren Vertreter des Genres vermutlich bald in der Versenkung verschwinden.

Wir danken Merge Games für die Bereitstellung des Testmusters..

Von uns getestet: Nintendo-Switch-Version.

Wertung:

5.5

Robert Emrich meint:

"Optisch interessanter Cyberpunk-Shooter, der bei Handlung und Gamedesign zu viel Potential verschenkt."
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Gut

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