Test: The Great Ace Attorney Chronicles

Von Andreas Held am 14. August 2021

Die Phoenix-Wright-Serie reist ins späte 19. Jahrhundert.

Im Zweifel gegen den Angeklagten

Die japanische Gesellschaft ist im Umbruch: Das Land möchte sich international öffnen und geht eine Allianz mit dem britischen Imperium ein, um in der Weltordnung aufzusteigen. Unter anderem soll das Justizsystem an moderne Standards angepasst werden, um mehr Rechtsstaatlichkeit zu gewährleisten. Gleichzeitig steigt vor dem obersten japanischen Gericht ein Verfahren, das diesem Anspruch auf den ersten Blick so gar nicht gerecht wird: Eine Gruppe von Augenzeugen will einen Mord beobachtet haben, der aufgrund der Identität des Opfers eine hohe politische Brisanz besitzt. Mehrere Autoritätspersonen, darunter der Präsident persönlich, haben eine schnelle Verurteilung des mutmaßlichen Täters gefordert. Das Urteil scheint schon festzustehen, bevor der Prozess überhaupt beginnt.

Auf der Anklagebank sitzt Ryunosuke Naruhodo, ein nicht näher definierter Vorfahre von Ryuuichi Naruhodo, der westlichen Fans eher unter dem Namen Phoenix Wright bekannt sein dürfte. Er ist die Hauptfigur von The Great Ace Attorney Chronicles, sodass er das Gerichtsverfahren selbstverständlich gewinnt und am Ende freigesprochen wird. Anschließend tritt der Student mit seinen beiden Kommilitonen Kazuma und Susato eine Schiffsreise nach London an, nur um kurz nach Beginn der zweimonatigen Überfahrt erneut der Hauptverdächtige in einem Mordfall zu sein. Diesmal bekommt er Unterstützung von einem britischen Superstar, der aus rechtlichen Gründen auf den sehr gewöhnungsbedürftigen Namen Herlock Sholmes hört. Der Bootleg-Detektiv wird in The Great Ace Attorney Chronicles ziemlich dumm und arrogant dargestellt, sodass der Protagonist des Öfteren seine völlig wirren Schlussfolgerungen richtigstellen muss. Nur auf eine Frage können selbst die vereinten Superhirne von Naruhodo und Sholmes in ihrem ersten gemeinsamen Fall keine Antwort finden: Wie kommt die druckfrische Ausgabe einer russischen Tageszeitung an Bord eines Schiffes, das bei Singapur unterwegs ist und in der Nacht an keinem Hafen angelegt hat?

Nebel, Tee und Hüte

Vor den britischen Gerichten werden sich Phoenix-Wrights-Fans mit einer großen Neuerung konfrontiert sehen, denn neben dem Richter müssen sie diesmal auch eine sechsköpfige Jury von der Unschuld des Angeklagten überzeugen. Im Prinzip ändert diese Tatsache nur wenig am eigentlichen Gameplay der Ace-Attorney-Serie, in dessen Rahmen ihr logische Widersprüche zwischen der Gerichtsakte und speziellen Zeugenaussagen finden und bloßstellen müsst. Schnell wird allerdings klar, dass ihr die Laienrichter eher auf einer emotionalen Ebene statt mit Fakten erreicht. Deshalb kann es manchmal schon ausreichen, die Juroren einfach nur dazu zu bringen, miteinander zu streiten - und in der Folge aus Prinzip gegen das zu sein, was die Anderen sagen. Ein einstimmiges Urteil, wie es für den Abschluss des Verfahrens notwendig ist, rückt somit in weite Ferne.

Viele der ausländerfeindlichen Beschimpfungen, denen die japanischen Figuren im britischen Imperium ausgesetzt sind, mussten für den Konsum durch westliche Gemüter entfernt oder zumindest stark entschärft werden. Einigen US-Journalisten ging diese Selbstzensur noch immer nicht weit genug - allerdings ist es wohl ziemlich vermessen, wenn westliche Einflussnehmer japanischen Künstlern vorschreiben wollen, wie sie Rassismus gegen ihr eigenes Volk in ihren eigenen Werken zu verarbeiten und darzustellen haben. Darüber hinaus haben die Anfeindungen gegen Naruhodo und seine Begleiter eine klare erzählerische Funktion, weil sie die schwierige Situation verdeutlichen, der sie aufgrund ihrer Außenseiterrolle in einem fremden Land ausgesetzt sind.

Umfangreiche Compilation mit wenigen Extras

Weil man diese Diskussion wohl erahnte, hatte sich Capcom ursprünglich dagegen entschieden, die Reise in das viktorianische Zeitalter überhaupt im Westen zu veröffentlichen. Dai Gyakuten Saiban: Naruhodo Ryunosuke no Bouken und sein Nachfolger erschienen ursprünglich schon 2015 bzw. 2017 für den Nintendo 3DS - The Great Ace Attorney Chronicles fasst die beiden Lokalisierungen nun zu einem einzelnen Spiel zusammen, das zudem noch deutlich günstiger ist als andere aktuelle Releases. Leider sind die Abenteuer von Ryunosuke nur etwa halb so umfangreich wie Phoenix Wrights Auftritte in Dual Destinies und Spirit of Justice, sodass ihr beide Titel nach jeweils etwa 30 Stunden durchgespielt haben solltet. Fans der Ace-Attorney-Serie werden mit diesem Release natürlich trotzdem voll auf ihre Kosten kommen; alle anderen können mit dem Bundle-Angebot liebäugeln, das die Ace Attorney Chronicles mit der Ace Attorney Trilogy kombiniert.

Abseits der beiden Hauptspiele hat Capcom noch ein paar Extras eingebaut, die jedoch kaum nennenswert sind: Neben alternativen Outfits für die Hauptfiguren des Spiels finden sich hier noch ein paar kleine Videos und Kurzgeschichten, die in Japan teilweise zu Marketing-Zwecken eingesetzt wurden. Eine weitere Neuerung ist der sogenannte Story-Modus, mit dem ihr den Titel durchspielen könnt, ohne einen einzigen Knopf zu drücken - es werden nämlich nicht nur die Dialoge automatisch weitergespult, sondern auch alle Rätsel automatisch für euch gelöst. Sofern ihr ihn nicht im Optionsmenü komplett ausschaltet, lässt sich der Story-Modus jederzeit auf Knopfdruck aktivieren oder deaktivieren. Zuletzt sollte erwähnt sein, dass Capcom aufgrund der ohnehin schon aufwendigen Lokalisierung nur eine englische Übersetzung erstellt und auf andere europäische Sprachen verzichtet hat. Außerdem erhalten wir in Europa lediglich eine Download-Version des Spiels, während in den USA auch ein physisches Modul erhältlich ist.

FAZIT:

Fans von Phoenix Wright erhalten mit The Great Ace Attorney Chronicles ein sehr gutes Spin-Off, das - wenn überhaupt - nur auf hohem Niveau zu kritisieren ist. Durch die Teils recht kurzen Kapitel sind die Spiele deutlich weniger umfangreich, als man es von der Ace-Attorney-Serie zuletzt gewohnt war. Die Anwesenheit einer Jury verpasst den Gerichtsverhandlungen einen neuen Anstrich, ändert aber - im Gegensatz zu den Séancen aus Spirit of Justice - eher wenig am eigentlichen Gameplay. Dies sind jedoch nur unbedeutende Kritikpunkte, die den wenigstens Serienfans wirklich sauer aufstoßen sollten. Stattdessen dürfen wir uns darüber freuen, dass zwei sehr spezielle Kapitel aus der Ace-Attorney-Saga trotz der wirklich schwierigen Lokalisierung nun doch noch im Westen erscheinen - und zwar in Form eines sehr fair bepreisten Bundle-Angebots. Wer nach dem Durchspielen der Ace Attorney Trilogy noch Lust auf Mehr hat, kann hier auf jeden Fall zuschlagen.

Wir bedanken uns bei Capcom für die Bereitstellung des Testmusters.

Von uns getestet: Nintendo-Switch-Version

Wertung:

8.5

Andreas Held meint:

"Interaktive Kriminalromane im London des späten 19. Jahrhunderts, die eine würdige Bereicherung des Phoenix-Wright-Franchises darstellen."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Sehr gut
Technik: Gut

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