Test: Monster Hunter Stories 2: Wings of Ruin

Von Andreas Held am 28. Juli 2021

Monster Hunter trifft Pokémon.

Capcom, das ist inzwischen klar, möchte Monster Hunter neben Resident Evil als eines seiner stärksten Franchises platzieren und ein immer breiteres Publikum mit seiner Monsterjagd erreichen. Dazu gehören neben der immer stärkeren Zugänglichkeit der Monster-Hunter-Videospiele auch Ausflüge in andere Genres und Medien: Mit Monster Hunter Stories hat uns Capcom ein von Pokémon inspiriertes JRPG-Spin-Off präsentiert und seine Hausmarke mit einem Kinofilm sogar auf die große Leinwand gebracht. Ersteres bekam nun einen Nachfolger auf Nintendo Switch.

Reiten statt jagen

Monster Hunter Stories 2 beginnt, so wird es uns zumindest vermittelt, in einem kleinen Dorf, dessen Bewohner in Einklang mit den Monstern leben. Der aus dem ersten Teil bekannte Flugwyvern Rathalos wird nicht gefürchtet, sondern verehrt, und wacht als Schutzengel über die kleine Gemeinde. Ein mysteriöses Ereignis in Form eines seltsamen Leuchtens sorgt jedoch dafür, dass alle Drachen urplötzlich die Insel verlassen und die dort lebenden Monster aggressiv werden, sodass wir nun gegen sie kämpfen müssen. Unsere stumme Spielfigur, die wir zu Beginn selbst erstellen, nimmt eine Schlüsselrolle bei der Ergründung dieser Ereignisse ein - denn ihr Großvater soll ein legendärer und sehr begabter Monster-Reiter gewesen sein. Und dann gibt es da noch die Legende von Razewing Rathalos, der mit einem einzigen Flügelschlag ganze Dörfer auslöschen kann...

In der Praxis folgt Monster Hunter Stories 2 derselben Struktur, die wir auch von den actionlastigeren Serientiteln kennen. Im Dorf wird uns mit ein paar kurzen Cutscenes erklärt, dass ein bestimmtes Monster gerade Probleme macht. Also schwingen wir uns auf den Sattel und begeben uns zum Ort des Geschehens, wo besagtes Monster unschädlich gemacht werden muss. Zurück im Dorf werden wir kurz für unseren Erfolg gelobt, bevor dann schon das nächste Problem auftritt und das Muster von vorne beginnt. Ab und zu wird die Hauptstory vorangetrieben, oder wir ziehen in die nächste Stadt weiter und treffen neue Charaktere, aber insgesamt weicht die Struktur von Monster Hunter Stories 2 nur sehr selten von dieser Blaupause ab. Der wichtigste Unterschied zur Hauptserie ist, dass wir die in den Gebieten herumlaufenden Monster nicht direkt bekämpfen, sondern nach einer Kollision mit ihnen ein rundenbasierter Kampf beginnt.

In den Fußstapfen von Alex Kidd

In diesen Auseinandersetzungen kämpft ihr an der Seite eines gezähmten Monsters (im Spiel als "Monstie" bezeichnet; vermutlich in Anlehnung an den englischen Begriff "Bestie", also eine Kurzform von "best friend") gegen bis zu drei wilde Monster. In der Regel steht euch auch noch ein KI-Begleiter mit seinem eigenen Monstie zur Seite. Generell wählt ihr in jeder Runde nur für eure Hauptfigur ein Kommando aus; die anderen drei Parteien werden von der KI kontrolliert, wobei ihr die Entscheidungen eures eigenen Monsties bei Bedarf übersteuern könnt. Jedes Angriffsmanöver ist wiederum in eine der drei Kategorien "Power", "Speed" und "Technical" eingegliedert, die sich im Stein-Schere-Papier-Prinzip gegenseitig ausstechen. Greift ihr einen Gegner an und werdet in derselben Runde gleichzeitig von diesem anvisiert, werden die beiden Angriffe gegeneinander ausgespielt und der Gewinner erhält sowohl auf seine Angriffs- als auch auf seine Verteidigungskraft einen starken Bonus. Falls ein Reiter und ein Monstie denselben Angriffstyp ausgewählt haben und einer von beiden ein solches "Face Off" gewinnt, können sie sogar einen gemeinsamen Doppel-Angriff ausführen, der die Kampfaktion des Gegners komplett blockiert.

Abseits dieses Stein-Schere-Papier-Systems haben die Entwickler ihr Kampfsystem durchaus mit etwas Spieltiefe garniert. Das Anvisieren von Körperteilen ist auch im Spin-Off wichtig, und hart gepanzerte Körperstellen solltet ihr eher mit einem großen Hammer als mit Pfeil und Bogen angreifen. Dazu könnt ihr bis zu drei verschiedene Waffen gleichzeitig ausrüsten und diese im Kampf jederzeit wechseln. Auch die verschiedenen Items, wie Bomben oder Tränke, dürfen natürlich nicht fehlen - mit einigen speziellen Heilungsitems dürft ihr sogar eure HP wiederherstellen, ohne euren Zug zu verlieren. In der Praxis haben all diese Nuancen jedoch nur wenig Einfluss auf den Kampfverlauf, da der von getroffenen Schwachstellen und speziellen Kampftechniken angerichtete Schaden eher vernachlässigbar ist. Viel wichtiger ist, dass ihr möglichst viele Face-Offs gewinnt, was nicht besonders schwierig ist, da die Verhaltensmuster gegnerischer Monster zu 100% vorhersehbar und sehr einfach zu erlernen sind. Dadurch ladet ihr eine absolut übermächtige Spezialattacke auf, die jeden Kampf nach zwei bis drei Benutzungen zu euren Gunsten entscheiden sollte.

Neue Monsties erhaltet ihr in Monster Hunter Stories 2, indem ihr zufallsgenerierte und meist sehr kurze Dungeons betretet, bis zum Nest im Inneren der Höhle vordringt und von dort ein Ei stehlt. Anhand der Färbung des Eis könnt ihr dabei erkennen, welches Monstie daraus schlüpfen wird. Nachdem das Baby-Monster das Licht der Welt erblickt, erhält es einige zufällige Status-Boni, die stark an die IVs von Pokémon erinnern. Vermutlich  haben sich die Entwickler aus Shin Megami Tensei oder Persona die Möglichkeit abgeguckt, zwei Monsties miteinander zu verschmelzen, um verschiedene Skills (sogenannte "Gene") von einem auf ein anderes Monster zu übertragen. Dabei könnt ihr Gene auf einem 3x3-Raster anordnen und erhaltet sogar massive Boni auf die Angriffskraft bestimmter Skills, wenn ihr drei gleichartige Gene in einer Reihe oder Diagonalen anordnet. Ambitionierte Monster-Züchter können ihre stärksten Kreationen anschließend in Online-PvP-Kämpfen gegen andere Spieler antreten lassen.

Einfaches Kampfsystem, einfaches Drumherum

Nicht zuletzt, weil die Aktionen eurer Party zu 75% von der KI vorentschieden werden und ihr euch mit euren eigenen Aktionen eigentlich nur am Verhalten eurer Mitstreiter und des gegnerischen Monsters orientiert, müsst ihr während der Kämpfe in Monster Hunter Stories 2 in der Regel keine komplexen Entscheidungen treffen. Ab der zweiten Hälfte des Spiels können die Bosse zwar ganz schön austeilen und insbesondere verlorene Face-Offs recht böse enden - aber all das sind keine Probleme, die ein prall mit Mega Potions gefülltes Inventar nicht lösen könnte. Auch das Ausrüstungssystem wurde stark entschlackt: Rüstungssets bestehen nicht mehr aus fünf Einzelteilen, sondern sind eine feste Einheit, sodass ihr keine Helme, Oberteile oder Stiefel miteinander kombinieren könnt. Demzufolge wurde natürlich auch das Skill-System deutlich vereinfacht.

Somit ist es nur konsequent, dass auch alle anderen spielerischen Aspekte von Monster Hunter Stories 2 eher simpel gehalten sind. Zwar wird euch zu jedem Monster, das ihr jagen müsst, eine kleine Geschichte erzählt, aber diese ist meist nicht viel komplexer als die kurzen Quest-Texte, die euch in anderen Monster-Hunter-Spielen auf den Ladebildschirmen angezeigt werden. Auch die Persönlichkeiten der im Spiel auftretenden Figuren sind nicht besonders facettenreich, und auf eine Charakterentwicklung wurde weitgehend verzichtet. Dieses Muster setzt sich bei den Dungeons fort: Logikrätsel gibt es nicht und die Struktur der Verliese ist grundsätzlich eher linear aufgebaut. Ab und zu kann euer Monstie immerhin ein Hindernis überwinden oder einen Stein aus dem Weg räumen, damit ihr an eine versteckte Schatztruhe gelangen könnt.

All diese Beobachtungen legen die Schlussfolgerung nahe, dass Monster Hunter Stories 2 nicht für hartgesottene Monster-Hunter-Veteranen konzipiert wurde, sondern in erster Linie für jüngere Spieler im Alter von 6 bis 12 Jahren, denen die actionlastigen Titel der Hauptserie noch zu komplex sind. Auch Gelegenheitsspieler, die sich gerne einmal mit dem Monster-Hunter-Universum auseinandersetzen möchten, aber selbst mit neueren Ablegern wie Monster Hunter World oder Monster Hunter Rise noch überfordert sind, könnten im JRPG-Spin-off auf ihre Kosten kommen. Und es ist auch nicht so, dass Capcom bei der Entwicklung von Stories überhaupt nicht an seine Fans gedacht hätte: Einige vergessen geglaubte Fan-Lieblinge, wie das seit Monster Hunter 3 Ultimate als ausgestorben geltende Duramboros, haben hier endlich wieder einen Auftritt. Insgesamt haben es 81 sammelbare Monster ins Basisspiel geschafft - allerdings sind hier auch ein paar Farbvariationen wie das "blaue Yian Kut-Ku" mitgezählt. Außerdem könnt ihr einen Teil der Monster nur bekommen, wenn ihr online mit anderen Spielern auf Eiersuche geht.

Beeindruckende Technik mit ärgerlichem Bug

Ähnlich wie schon Monster Hunter Rise hat Capcom einiges aus der Switch-Konsole herausholen können. Besonders die in einer bunten Anime-Optik originalgetreu nachgebauten Monster können überzeugen. Auch das Charakterdesign hat viele Fans gefunden, und Ena konnte schon so manchem Spieler den Kopf verdrehen - ihr Amiibo, der nur für kurze Zeit exklusiv im My-Nintendo-Store bestellbar war, erzielt auf eBay entsprechend hohe Preise. Etwas weniger beeindruckend sind die weitläufigen Außenareale und Höhlen, vor allem, weil euch innerhalb der großen Gebiete des Spiels nur sehr wenig visuelle Abwechslung geboten wird. Bei der Framerate müsst ihr euch mit 30 Bildern pro Sekunde begnügen, was jedoch bei einem JRPG kaum ins Gewicht fällt.

Leider müssen wir an dieser Stelle allerdings einen schweren Bug erwähnen, der eine Reihe von Spielern seit Wochen von allen Online-Modi ausschließt, weil ihr Spielstand korrupt sei. Einigen Quellen zufolge soll der Fehler genau dann auftreten, wenn ihr bei der Erstellung eures Charakters keine der vordefinierten Hautfarben verwendet, sondern eure eigene erstellt. Capcom hat die Existenz dieses Bugs zunächst verleugnet und behauptet, die betroffenen Spieler hätten ihren Spielstand mit einer Third-Party-Software modifiziert. Mittlerweile heißt es immerhin, man werde die Fehlerursache suchen. Einige Fans waren schneller und haben bereits eine Lösung entwickelt, mit der zumindest Käufer der PC-Version das Problem aus der Welt schaffen können - ironischerweise, indem sie ihren Spielstand mit einer Third-Party-Software modifizieren. Switch-Nutzer müssen hingegen entweder warten, oder ein drei Euro teures DLC-Item kaufen, mit dem sich das Aussehen ihrer Spielfigur nachträglich bearbeiten lässt.

Fazit:

Für sich genommen kann keines der Elemente von Monster Hunter Stories 2 mit aktuellen Größen aus dem JRPG-Genre mithalten. Story und Charaktere bieten in anderen Switch-Titeln wie Xenoblade Chronicles 2 oder Octopath Traveler deutlich mehr Tiefe, Dungeons waren teilweise auf dem Super Nintendo schon anspruchsvoller und abwechslungsreicher gestaltet, und Monster-gegen-Monster-Kämpfe hat der Indie-Titel Monster Sanctuary im Winter 2020 schon mit deutlich mehr strategischem und taktischem Tiefgang umgesetzt. Bei aller Kritik müssen wir jedoch auch anerkennen, dass Monster Hunter Stories 2 handwerklich sehr gut gemacht ist und alle Spielsysteme zwar sehr simpel, dafür aber auch absolut ausgereift wirken. Somit ist das Spin-Off ideal für jüngere Spieler und all diejenigen, die einen sanften Einstieg ins Monster-Hunter-Universum suchen oder einfach mal eine Auszeit vom actionlastigen Gameplay der Hauptserie nehmen wollen. Potentielle Käufer müssen sich lediglich darüber im Klaren sein, dass sie mit Monster Hunter Stories 2 eher ein Vanilleeis als eine ausgefallene Geschmackskreation bekommen.

Wertung:

7.0

Andreas Held meint:

"Monster Hunter Stories 2 ist ein Spiel, das keinerlei Risiken eingeht, dafür aber auch alles richtig macht."
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Gut
Technik: Gut

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3 Kommentare:


Denios
vor 1 Monat | 0
Also ich freu mich extrem drauf, es bald anzugehen :D

Tobsen
vor 1 Monat | 1
Dein Test deckt sich ziemlich genau mit meinen Eindrücken, die ich so zusammengeklaubt habe. Also sicherlich nett und irgendwo habe ich es auf meinem Zettel, aber, ehrlich gesagt auch nur, weil Monster Hunter draufsteht und eben liebgewonnene Monster drin auftauchen. Abseits dessen ist es eigentlich ein Spiel, was ich nicht in Betracht zöge.

Ozymandias
vor 1 Monat | 1
Ich konnte mit Monster Hunter nie etwas anfangen, alle Demos konnten mich bislang nicht überzeugen. Aber dieses Spiel trifft genau meinen Nerv, auch die Optik gefällt mir deutlich besser als in den anderen Spielen. Ich bin gerade im letzten Drittel und würde persönlich eine 9/10 geben.