Kommentar: Wie Steam Deck zum Switch-Killer werden kann

Von Nico Zurheide am 17. Juli 2021

Aufgepasst, Nintendo!

Zuerst einmal gibt es eine Entschuldigung für die reißerische Überschrift. Kein Hersteller dieser Welt ist momentan dazu in der Lage, die Nintendo Switch zu "killen". Noch nicht einmal Nintendo. Dafür flutscht die Konsole einfach zu selbstständig über die Ladentheke beziehungsweise in den Online-Warenkorb. 85 Millionen verkaufte Einheiten nach gut vier Jahren auf dem Markt sind eine starke Ansage und das kommende OLED-Modell wird alles andere als floppen, glaubt man aktuellen Verkaufscharts. Auch Valve wird wissen, dass solche Zahlen für das im Dezember 2021 erscheinende Steam Deck wohl unerreichbar sein werden. Und doch kommt hier ein Handheld auf uns zu, der durch seine Kompromisslosigkeit mächtig Staub aufwirbeln wird.

Leistungsstark, komfortabel, vielseitig - mit diesen Brummwörtern bewirbt Valve die neue Konsole (hier geht es zu NplusX-News). Dass es sich dabei nicht einfach nur um hohle Phrasen handelt, wird bei einem Blick auf die Fähigkeiten des Geräts schnell klar: Die Zen-2-CPU mit einer Taktfrequenz von bis zu 3,5 GHz (Switch: 1,02 GHz), die 8-Kern-GPU mit einer Gesamtleistung von über 2 TFLOPS (Switch: 1 TFLOPS) und der 16GB-RAM (Switch: 4GB) sorgen dafür, dass das Steam Deck leistungstechnisch sogar etwas stärker als PlayStation 4 oder Xbox One ist. Dazu ist der LCD-Touchscreen mit einer Größe von sieben Zoll und einer Auflösung von 1280 x 800 Pixeln genauso groß wie der Display der neuen OLED-Switch, kann insgesamt aber sogar etwas heller strahlen. Steam Deck kann also problemlos die neusten AAA-Titel abspielen.

Und diese sowie viele weitere Spiele befinden sich im besten Fall bereits in der Ludothek von den etwa 120 Millionen monatlich aktiven Steam-Usern (im Jahr 2020). Damit wäre auch der Punkt der Komfortabilität geklärt, denn jeder, der bereits einen Steam-Account besitzt, muss sich einfach nur auf dem Handheld anmelden und hat dann direkt Zugriff auf all seine Spiele*. Einen derartigen Luxus zum Neustart einer Konsole gab es höchstens in abgewandelter Form schon einmal, als Abonnenten des Xbox Game Pass direkt zum Launch der Xbox Series über 100 Spiele zur Verfügung hatten. Der durchschnittliche Steam-Account hat zwar durchschnittlich nur etwa elf Spiele registriert, in dieser Statistik von SteamSpy sind allerdings auch alle inaktiven User enthalten, die oft nur ein Spiel besitzen. Die Zielgruppe von Steam Deck dürfte also auf einen deutlich höheren Durchschnitt kommen.

*All seine Spiele? Ja! Und Nein. Steam Deck nutzt eine neu entwickelte Version des Steam OS als Betriebssystem und dieses basiert auf Linux. Wie wohl jeder PC-Gamer weiß, laufen bei weitem nicht alle der weit über 50.000 Spiele, die es im Steam Store zu kaufen gibt, auf dem Linux-Betriebssystem. Dieses Problem ist freilich auch Valve bekannt und eine Lösung schon parat: Das Proton-Tool, das ein unkompliziertes Abspielen von Spielen auf Linux ermöglicht, wird zur Zeit massiv gepusht. Stand heute funktionieren laut protondb bereits weit über 15.000 Titel problemlos auch unter Linux, Tendenz steigend. Eine hundertprozentige Abdeckung wird es zwar nie geben, angesichts der jetzt schon beeindruckenden Zahlen ist das aber nicht weiter bedauerlich.

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Der Umzug auf den Handheld dürfte für Steam-User also extrem leicht fallen, vor allem wenn man den im Vergleich zu richtigen Gaming-PCs enorm niedrigen Einstiegspreis bedenkt. Selbst das teuerste der drei Deck-Modelle ist da mit seinen 679 Euro noch vergleichsweise günstig. Und auch wer zum Mittelklasse-Modell greift, da er auf jeden Fall einen schnellen SSD-Speicher haben möchte, wird weniger Geld ausgeben als für eine Xbox Series X oder PlayStation 5 samt Spiel. 

Aber warum sollten Konsolenspieler nun den Kauf von Steam Deck in Erwägung ziehen? Der Vorteil der schon prall gefüllten Steam-Ludothek fällt hier schließlich nicht ins Gewicht.

Valve hat dafür noch ein paar Asse im Ärmel, die sich vor allem um die große Vielseitigkeit des neuen Geräts drehen. Als Handheld kann man Steam Deck überall mit hinnehmen, wer also vor allem darauf Wert legt, der ist mit Valve deutlich besser für die Zukunft gewappnet als mit Nintendo. Wer seinen Handheld ab und zu auch an den großen Bildschirm klemmen möchte, also das "Switch" in der Nintendo Switch als wichtigstes Verkaufsargument betrachtet, der kann das mit Steam Deck auch tun - und zwar ganz ohne Dockingstation, ein einfaches USB-C-Kabel reicht hier völlig aus (außerdem wird ein Dock mit HDMI- und LAN-Anschluss zu einem späteren Zeitpunkt separat veröffentlicht). Und wer schlicht und ergreifend Steam nicht mag, das Gerät an sich aber schon interessant findet, der kann sich auch beliebige andere Programme und Launcher auf seinem Deck installieren.

Steam Deck ist nämlich kein geschlossenes System, Valve hebt ausdrücklich hervor, dass die Konsole im Grunde ein ganz normaler PC ist. Man könnte also so weit gehen und kurzerhand Windows auf dem Handheld installieren, um der ganzen Geschichte mit der Linux-Kompatibilität zu entgehen. Auch andere Launcher lassen sich auf der Konsole nutzen, wer also DRM-frei zocken möchte oder unbedingt Fortnite oder Rocket League braucht, der kann auch GOG und Epic verwenden - und natürlich sein Abo des Xbox Game Pass weiter nutzen.

Dabei sollte immer im Hinterkopf behalten werden, dass der Handheld logischerweise eine feste Symbiose mit Steam eingeht. Die Plattform wurde eigens für Deck überarbeitet und wird somit sämtliche Features, die es in der normalen Desktop-Version des Launchers gibt, auch "to go" anbieten. Am komfortabelsten ist es also, auf dem Steam Deck Steam zu nutzen. Keine Überraschung.

Dass es die volle Funktionspalette auf das mobile Gerät schafft, heißt auch, dass es nun endlich einen Handheld mit Mod-Unterstützung geben wird. Kurioserweise sind Modifikationen für viele Konsolenspieler noch immer ein rotes Tuch und lassen Bilder von 90er-Jahre-Foren und langen Code-Tabellen aufploppen. Dieser Eindruck wurde wohl dank der Xbox, die seit einigen Jahren auch Mods für bestimmte Spiele erlaubt, schon etwas verbessert. Dennoch sollte ich an dieser Stelle noch einmal betonen: Mods zu installieren ist auf Steam so einfach wie ein Spiel zu kaufen - ein Klick und fertig. Nur dass Mods noch den Vorteil besitzen absolut kostenlos zu sein. Und die von Usern erstellten Inhalte können wirklich jedes Spiel besser machen und bereichern (bitte stellt euch nun dieses Bild vor, vielen Dank).

Aufgrund der hohen Anzahl an schon bestehenden Features wird Steam Deck direkt vom Launch an zu der Konsole mit dem facettenreichsten UI und der umfänglichsten Unterstützung für Peripherie von Drittherstellern. Dank des Konfigurationsassistenten und der Bluetooth-Fähigkeit des Geräts werden sich wohl die meisten Controller ganz simpel mit dem Handheld verwenden lassen.

Und dann wäre da noch der Punkt mit den Spielepreisen. Ältere wie aktuelle Titel kosten auf dem PC schon seit Jahren oft nur einen Bruchteil ihrer Pendants auf den Konsolen. Selbst wer also noch keinen Steam-Account sein Eigen nennt, kann sich auf Steam Deck schneller und deutlich günstiger eine ansehnliche Sammlung an Spielen aufbauen.

Hier könnt ihr euch eines der drei Modelle von Steam Deck reservieren.

Fazit:

Klar, Steam Deck wird weder zum "Nintendo-Switch-Killer", noch werden wohl die Verkaufszahlen des neuen Handhelds auch nur annähernd in die Regionen von Nintendos Hybridkonsole vordringen. Dennoch sollte sicher jeder Gamer über diese Ankündigung von Valve freuen. Selbst wenn der große Erfolg des Steam Deck nämlich ausbleiben sollte, so wurden die Japaner nun wenigstens in Zugzwang gebracht, was eine mögliche Nintendo Switch Pro oder, und das scheint wahrscheinlicher, eine Nintendo Switch 2 angeht. Dazu wird das Monopol im Bereich Handheld-Gaming angegriffen wie schon seit der PlayStation Portable nicht mehr. Und für uns Gamer ist es immer gut, wenn sich ein Publisher mehr anstrengen muss als bisher.

Davon ab bietet Steam Deck einen vergleichsweise kostengünstigen Einstieg in die Welt des PC-Gamings, die dann um eine völlig neue Erfahrung erweitert wird. Das dürfte für alle Konsolenspieler interessant sein, die nicht mehr 60 bis 70 Euro für ein einziges Spiel ausgeben wollen. So oder so handelt es sich hier wohl um die größte Ankündigung des Jahres.

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11 Kommentare:


Jerry
vor 2 Monaten | 2
Schöner Kommentar! Für mich ist das Gerät uninteressant, weil ich kaum mobil spiele und mir dafür die Switch völlig ausreicht, aber ich wünsche Valve Erfolg, allein um Nintendo ein klein wenig unter Druck zu setzen.
PS: Für die 1TFLOPS Leistung der Switch hast du aber großzügig aufgerundet :D

Tobsen
vor 2 Monaten | 1
Leider keine Retail-Spiele dafür verfügbar. Ich bin somit raus.

Matthew1990
vor 2 Monaten | 0
Kein Interesse. Hardware interessiert mich eh nie, nur die Games.

Vyse
vor 2 Monaten | 2
Mich packt die Idee nicht wirklich.

"Etwas leistungsfähiger als PS4 und Xbox One" heißt doch schon, dass die meisten aktuellen Spiele auf keinen Fall in 4K60 laufen und vermutlich 1080p und 60 FPS schon schwierig werden. Auf dem kleinen Bildschirm ist es vielleicht okay, aber am großen Fernseher im Wohnzimmer dürfte man mit PS5/XSX eine deutlich bessere Erfahrung bekommen. Und vor allem - wie zukunftssicher ist das Teil?

Als "Switch-Killer" sehe ich das Teil auch nicht, der Grund warum man sich die Switch-Leistung auch heute noch antut sind ja die vielen Exklusivtitel aus Genres, die es in dieser Form woanders nicht gibt.

Als Alternative zu einer modernen Konsole oder einem Gaming-PC sehe ich das Teil also nicht wirklich. Somit bleiben als Hauptzielgruppe Leute, die vor allem den Portable-Aspekt nutzen wollen und kein Interesse am Exklusiv-Lineup der Switch haben. Wie groß diese Zielgruppe ist, wird Valve dann Ende des Jahres herausfinden.

michi1894
vor 2 Monaten | 1
Das Teil mag nett sein, jedoch wischt Nintendos Hybrid-Konsole mit dem Ding den Boden auf. Sorry, aber in einem Jahr spricht kein Mensch mehr davon, während Nintendo Switch die 150 Mio. verkaufte Einheiten anpeilen dürfte. Für Steam-User, die Unterwegs zocken möchten, wird das Teil ein absoluter Knaller sein. Den Rest der Zockergemeinschaft wird das Deck kalt lassen.

Asinned
vor 2 Monaten | 3
Ich hoffe dass das Teil zumindest so erfolgreich ist, dass damit die Tür für die neue Hardware Kategorie Portable PC aufgeschlagen wird. Habe viel über das Gerät nachgedacht und mittlerweile sehe ich 2 große Nachteile:
1. Das Teil ist noch größer als eine Switch und da muss sich erst zeigen, ob das worklich noch komfortabel für mobiles Gaming ist
2. Die Leistung. Klar hat das Ding auf dem Papier eine bessere Leistung als die Switch aber kann es die auch auf die Straße bringen? Digital Foundry bringt es auf den Punkt. Das Ding hat nen Custom Prozessor und andere Hardware Komponente die unterhalb einer Series S liegen und hat den Anspruch Triple A Spiele laufen zu lassen, die nicht darauf optimiert sind. Die Series S wird ja leistungstechnisch bei manchen Games links liegen gelassen und da ist der Anreiz deutlich größer. Also sehe da keine Chance dass das Teil mittelfristig Triple A Games zufriedenstellend hinbekommt. Und der Unterschied zwischen Shield und Switch zeigt ja wie viel der PC mit Leistung die fehlende Optimierung kompensieren muss. Also Steam Deck ist eher ein Gerät für Indi und ältere Games.

Hoffnung habe ich aber in dem Konzept des Geräts. Ich sehe da ne Menge Potential die eine 2. Iteration oder ein Konkurrenzprodukt aufgreifen kann. Dafür braucht es aber mindestens einen Achtungserfolg, dem ich dem Gerät wünsche.

Tobsen
vor 2 Monaten | 1
Abseits aller bereits erwähnten Minuspunkte sollte man auch nicht vergessen, dass das Teil völlig beknackt aussieht. Soll das ein Game Gear Cosplay sein oder was?

TraxDave
vor 2 Monaten | 0
DANKE! Ich dachte schon, ich sei der einzige, dem das N-Gage Max Plus optisch ein bissl peinlich vorkommt.
Abgesehen davon wurde ja alles gesagt. :D

prog4m3r
vor 2 Monaten | 2
Dass das Steam Deck gegen die Switch kein Land sehen wird, braucht man wohl nicht extra erwähnen, aber ich denke anders als mit anderer Steam-Hardware wird man hier mehr oder weniger Erfolg haben. Wieso? Weil Handheld-PCs seit dem Launch der Switch stark im kommen sind und diverse Crowdfunding Projekte schon deutlich teurere Hardware in nicht all zu schäbigen Mengen abgesetzt haben. "GPD Win 3", "Aya Neo", "ONEXPLAYER" nur um mal die bekannteren Modelle zu nennen und selbst Alienware hat mit "UFO" zumindest einen Prototypen entwickelt. Das diese Handheld PCs nicht unbedingt für die neusten AAA-Titel ausgerüstet sind, kein 4k120fps und dergleichen liefern ist bei dem Formfaktor kaum verwunderlich, aber dem ganzen einen gewissen Markt absprechen zu wollen halte ich von einigen Nutzern hier doch für recht gewagt. Steam Deck ist (stand jetzt) der größte Player in Segment der Handheld-PCs und ich denke das Potential 30+Millionen Einheiten abzusetzen hat man hier durchaus.

Denios
vor 2 Monaten | 0
"nur um mal die bekannteren Modelle zu nennen". Vom Gdp hab ich Mal gehört, die anderen beiden sagen mir absolut nix. Also so krass im Kommen kann es ja dann doch nicht sein :D solche Crowdfunding Geräte werden doch idr eigentlich auch nur von den Backern gekauft, oder?
Also ich mag handhelds und in nem starken Sale würde ich mir vll sogar das Steam Deck holen, um zB die ganzen alten Ys Games, die ich auf Steam gekauft habe, darauf zu zocken, aber ka ob sich das wirklich lohnt lol
Gyrion
vor 1 Monat | 0
Ja, die Crowdfunding Erfolge zeigen das Potential eines solchen Handheld-PCs. GPD Win 3: 5800 Unterstützer, Aya Neo: 2500 und ONEXPLAYER: 2400. Die Zahlen sind noch vergleichsweise stark, weil die meisten Unterstützer damit das Gerät kaufen. Der reguläre Preis nach dem Crowdfunding ist deutlich teurer. Daher kann man davon ausgehen, dass die Unterstützer einen signifanten Teil der Käufer ausmachen. Das mag für einen Nischenproduzenten von China-Hardware vielleicht ausreichend sein, ist aber für große westliche Player ist es viel zu gering. Daher hat sich Nvidia nach dem Shield Portable ja ebenfalls wieder aus dem Markt verabschiedet. Ich finde die Geräte auch sehr toll, sehe dafür aber kein Potential am Massenmarkt.

Meines Erachtens interessiert Nintendo das Steam Deck nicht. Denn selbst, wenn es erfolgreich werden würde, ist es eine andere Zielgruppe. Mehr als 50% der Switch Software-Verkäufe sind Nintendo-Eigenproduktionen. Das kann die Konkurrenz nicht bieten. Handheld gehört Nintendo.

Wenn man eine riesige Steam-Bibliothek hat oder zukünftig viele auf Steam erhältliche Spiele mobil spielen will, ist das Preis-Leistungsverhältnis mit dem Steam Deck besser. Auch kann man andere Launcher, Betriebssysteme und Emulatoren drauf machen und hat so mehr Möglichkeiten. Aber da stellt sich die Frage wer es nutzt. Würde es einen Bedarf von PC-Gamern geben unterwegs spielen zu wollen, dann würden die erhältlichen Geräte besser verkauft werden. Tun sie aber nicht, weil die Zielgruppe, die das große Potential des Steam Decks ausnutzt halt sehr gering ist.

Auch sehe ich das Gerät nicht als einen günstigen Einstieg ins PC Gaming. Wenn man die Funktion eines Handhelds nicht wirklich viel nutzt, hat man gar keine Vorteile durchs Stream Deck. Der Preis ist durchaus okay, aber selbt mit dem minimalsten extra Setup muss man im Vergleich zu einem Gaming Laptop noch mindestens zusätzlich eine Tastatur, einen Monitor kaufen und da bekommt man jetzt schon für den gleichen Preis ähnliche bis leicht bessere Hardware. Bis zum Auslieferungsdatum des Decks in Q1 2022 wird es nochmal bessere Noteooks für das Geld geben.

Demnächst kaufe ich mir seit langem einen neuen PC. Als Linux-User Windows im Dualboot widerwillig fürs Gaming. Von daher bin ich froh für alles, was Gaming und Linux voran bringt. Leider gehe ich davon aus, dass Steam Deck es nur kleine Schritte voranbringen wird.