Test: Chivalry 2

Von Michael Prammer am 18. Juni 2021

Chivalry kam 2012 auf den Markt und entwickelte sich über Nacht zu einem Multiplayer-Phänomen. Kann der Nachfolger da Schritt halten?

Das Erstlingswerk des kanadischen Spieleentwicklers Torn Banner Studios hatte zunächst niemand so richtig auf dem Schirm. Aus der Ego-Perspektive heraus übernahm man die Rolle eines Ritters und begab sich mit vielen anderen Spielern auf ein Schlachtfeld. Chivalry war im Prinzip ein Call of Duty oder Battlefield im Mittelalter. Und genau so spielte sich der Titel auch. Man hatte die Möglichkeit, unterschiedliche Klassen zu wählen, verschiedenste Waffen zu erproben und seinen eigenen Kampfstil zu festigen, um möglichst viele „Kills“ zu erzielen. Dabei war Chivalry: Medievil Warfare - so der vollständige Name - alles andere als Zimperlich. Im Gegenteil – das Spiel zeigte sich ziemlich brutal und war definitiv nichts für schwache Nerven.

Mehrspieler ist Trumpf

Wer damals schon eine Geschichte suchte, der konnte sich bestenfalls etwas zusammenreimen, denn Chivalry war ein reiner Mehrspieler-Titel. Was es an geringer Hintergrundstory gab wurde im Grunde auch auf den Nachfolger übertragen. So werdet ihr auch in Chivalry 2 in die Welt von Agatha geführt, in der zwei Fraktionen erbitterten Krieg um das Königreich führen. Auf der einen Seite stehen die königstreuen „Agathian Knights“ und auf der anderen  die aufständische „Mason Order“. Die Zusammenhänge dieser beiden Parteien lassen sich im Hauptmenü ergründen, während der Schlachten wird dagegen keine Geschichte vorangetrieben. Will heißen: es gibt keinen klassischen Kampagnen-Modus, sondern nur  Schlacht-Modi, die online oder offline ausgewählt werden können.

Zunächst beginnt Chivalry 2 mit einem ausführlichen Tutorial, welches euch genau in die Kampfkünste einführt. Dieses sollte man auch unbedingt gewissenhaft abschließen, da hinter dem Multiplayer-Slasher mehr steckt, als sinnloses Draufkloppen. Zwar kann man in den Kämpfen mit der „Hau-drauf-Methode“ den einen oder anderen Kill landen, jedoch ist das Kampfsystem von Chivalry 2 so ausgeklügelt, dass gute Spieler euch da kaum eine Chance lassen. Deshalb ist es wichtig, die Bewegungsabläufe der einzelnen Charaktere zu verinnerlichen. Es gibt nämlich mehrere Klassen, von denen jede seine Stärken und Schwächen hat und diese sollte man unbedingt ausprobieren, um den optimalen Kämpfer für sich zu finden. Ein Bogenschütze kann Schaden aus der Distanz anrichten und gut getarnt ein lästiger Geselle auf dem Schlachtfeld sein. Gegen einen Nahkampfangriff ist er allerdings kaum gewappnet.

Ritter mit Schwert und Schild blocken Angriffe ab und teilen mit schönen Konterangriffen ordentlich aus. Sie sind allerdings lange nicht so agil wie Einheiten, die weniger gut gepanzert sind und können von Spielern mit guten Skills schnell besiegt werden.

Mit dem Bogenschützen, der Vorhut, dem Fußsoldat und dem Ritter stehen zunächst vier Klassen zur Auswahl und mit ihnen auch unterschiedliche Waffen. Während die Vorhut mit der Kampfaxt ins Schlachtgetümmel zieht, setzt der Fußsoldat lieber auf eine Hellbarde mit mehr Reichweite. Diese muss mit zwei Händen geführt werden und geht auf Kosten der Panzerung. So hat jede Klasse seine Vor- und Nachteile und es gilt diese für sich selbst abzuwägen.

Brutales Mittelalter

Auf dem Schlachtfeld angekommen beginnt man stets mit seinen Mitstreitern und rennt erst einmal wild drauf los. Zuvor hat man sich natürlich schon seinen Charakter zusammengestellt, seine Waffen angepasst und sein Aussehen gestaltet. Hier kann Chivalry 2, wie auch schon der Vorgänger, ganz groß auftrumpfen. Via Level-System steigt euer Account auf und bekommt dadurch mehr Waffen, Gegenstände, Ausrüstungen und andere Gegenstände, die zu Beginn bereits ausgewählt werden dürfen. Für euch ist dann wichtig, ob ihr online oder offline spielen möchtet, wobei der meiste Spaß logischerweise beim Spielen gegen andere Ritter und Konsorten zur Geltung kommt. Online könnt ihr an einem 40-Spieler-Match teilnehmen, gar einen 64-Spieler-Kampf auswählen oder ein klassisches „Death-Match“ bestreiten. Während die ersten beiden Modi teambasiert sind und ihr euch jeweils auf eine Seite der bereits erwähnten Fraktionen schlägt, ist das „Death-Match“ ein klassisches Jeder-gegen-Jeden.

Die Karten, von denen es momentan acht an der Zahl gibt, lassen euch dann ständig auf neue Gegner treffen. So werden auch immer wieder verschiedene Bedingungen an die einzelnen Spielverläufe geknüpft, durch die ein Spiel abgeschlossen wird. Das reicht von „erobere dies und das“ bis hin zu „verteidige das und jenes“. Je nach erfüllter oder nicht erfüllter Forderung ändert sich der Kartenverlauf für das aktuelle Spiel. Wurde zum Beispiel ein Burghof eingenommen, muss das verteidigende Team vom Innenhof an beginnen, während das angreifende Team direkt vor den Burgtoren lauert. Die Karten sind herrlich abwechslungsreich, bieten stets unterschiedliche Optionen und Möglichkeiten und unterscheiden sich grundlegend. Da wäre zum Beispiel das Turnierfeld, das man in ähnlicher Form schon häufig aus Filmen und Fernsehserien gesehen hat und ein traditionelles Ritterturnier darstellt. Oder aber eine halb zerstörte Burganlage, welche viele Unterschlüpfe und Verstecke bietet, von denen man aus dem Hinterhalt angreifen könnte.

Gelungenes Kampfsystem, tolle Technik

Das Kampfsystem in Chivalry 2 wurde teilweise überarbeitet und an vielen Stellen verbessert. So ist es jetzt kaum noch möglich, wild in der Gegend herumzufuchteln und damit genug Schaden anzurichten. Gegner können diese Attacken nämlich jetzt problemlos blocken und im Gegenzug zur Parade ansetzen. Gepaart mit einem Ausdauersystem, das für das Blocken elementar wichtig ist, könnt ihr heranstürmende Spieler jetzt mit Leichtigkeit übertölpeln, ins Leere schlagen lassen oder gekonnt wegblocken, um sie dann mit einem wuchtigen Gegenangriff niederzustrecken. Stehen sich zwei geübte Spieler gegenüber, entsteht so schnell ein epischer Kampf. Leider wird dieser meist unterbunden, indem sich ein anderer Spieler mit ins Geschehen mischt und euch oder eurem Feind von hinten den Gnadenstoß versetzt. Aber so war das Mittelalter eben, und das bringt uns gleich zum nächsten Thema: Das Spiel ist gnadenlos brutal. Hier wird kein Blatt vor den Mund genommen, hier wird nichts zensiert. Rollende Köpfe, literweise Blut, abgetrennte Gliedmaßen – alles keine Seltenheit in Chivalry 2. Atmosphärisch wurde das Kampfspektakel ungeachtet dessen grandios in Szene gesetzt und kann sich, trotz Multiplayer-Fokus, mit so mancher großen Hollywood-Produktion messen lassen. Das liegt nicht nur an der stimmungsvollen Optik und an dem grandiosen Soundtrack, sondern auch an den Charakteren selbst, die zwar kaum Alleinstellungsmerkmale besitzen, aber durch derbe Sprüche und Kampfschreie zum Gesamtbild beitragen.

Technisch gibt es an Chivalry 2 wenig zu meckern. Ein paar kleinere Grafikaussetzer, die im Hauptmenü bei der Charakterauswahl aufgetreten sind, lassen sich glücklicherweise im Spiel nicht wiederfinden. Der Einwahlvorgang in die verschiedenen Spiele klappte auch stets gut. Unsere Spiele-Sessions blieben allesamt ohne große Zwischenfälle oder Verbindungsabbrüche. Die Grafik ist zudem grandios! Der Funkenflug der Flammen wirkt fantastisch, das Wasser sieht umwerfend aus und die Gräser, Wälder und Landschaften wirken sehr stimmig. Das alles muss man immer unter dem Gesichtspunkt sehen, dass es sich „nur“ um einen Multiplayer-Titel handelt. Die Steuerung klappt auch tadellos und die einzelnen Befehle gehen mit etwas Übung ohne Verzögerung bestens von der Hand.

Macht Civalry 2 überhaupt irgendetwas verkehrt? Kaum. Nur selten waren zu wenige Spieler auf dem Schlachtfeld. Die acht Karten hat man nach knapp 10 Stunden zu genüge gespielt und es wäre wünschenswert, wenn die Entwickler noch ein paar zusätzliche Kampfarenen per DLC nachreichen würden. Außerdem schreit ein Ritterabenteuer nach Pferden und diese fehlen aktuell noch. Ansonsten bietet der Titel für den Moment jedoch genug Multiplayer-Action, um stundenlang zu begeistern.

Fazit:

Chivalry 2 gehört zu den besten Multiplayer-Spielen, die ich in den letzten Jahren gespielt habe. Der Vorgänger war schon absolut klasse und hat mich für Monate an die Konsole gefesselt. Auf einen Nachfolger habe ich mich richtig gefreut und dieser macht beinahe alles richtig. Die Grundformel wurde beibehalten und das Kampfsystem noch einmal verbessert. Das Blocken und das Ausdauersystem tragen zu spannenderen Kämpfen bei, und die Atmosphäre wurde durch die gelungene Optik und den tollen Soundtrack noch einmal deutlich aufgewertet. Auch technisch kann die von uns getestete Xbox-Series-S-Version überzeugen. Aus meiner Sicht bietet Chivalry 2 ein sehr brutales, dafür aber unglaublich motivierendes Mehrspielererlebnis, das einen mehr als gelungenen Kontrast zu Shootern wie Call of Duty oder Battlefield bietet.

Von uns getestet: Xbox-Series-Version
Vielen Dank an Deep Silver für die Bereitstellung des Testmusters.

Wertung:

8.5

Michael Prammer meint:

"Gelungener Mittelalter-Ausflug, der Mehrspieler-Fans begeistern dürfte"
Spielerlebnis: Herausragend
Umfang: Gut
Technik: Sehr gut

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