Test: Stonefly

Von Robert Emrich am 07. Juni 2021

Einfach mal entspannt in den Mech steigen und ein paar Käfer vom Blatt schubsen

Als Insekt hat man es nicht leicht. Nicht nur, dass man als Käfer, wie schon von der Band “Die Ärzte” besungen, keinen Kuss bekommt und zertreten werden kann - auch so hat man in einer Welt, in der Spinnen und Wespen vielfach größer als man selbst sind, wenig zu lachen. Die Idee, in so einer Welt als Mensch noch kleiner als ein Käfer zu sein, klingt erst einmal wenig verlockend. Die Entwickler von Flight School Studio haben sich aber trotzdem daran versucht und mit Stonefly ein Action-Adventure zum Entspannen herausgebracht, das wir uns für euch einmal genauer angesehen haben.

Irgendwie, irgendwo, irgendwann

Das Abenteuer beginnt auf einer nicht näher benannten Welt in einer nicht näher benannten Zeit. Menschen, Aliens und Androiden leben in einer meist friedlichen Koexistenz, werden jeweils aber kaum größer als eine Blattlaus. Dementsprechend gefährlich ist das Leben in der Außenwelt, weswegen die Einwohner Mechs, große pilotierte Roboter im Insektendesign, für die Fortbewegung, Erkundung und Verteidigung nutzen.

Auch Annika “Ann” Stonefly, unsere Protagonistin, lebt in dieser Welt und führt anfangs ein relativ ruhiges Leben. Als Tochter des großen Mech-Konstrukteurs Stonefly, arbeitet Ann mit diesem in seiner Werkstatt und gemeinsam reparieren sie die kaputten Mechs anderer Einwohner. Das ändert sich jedoch in einer schicksalhaften Nacht, als der alte Lieblings-Mech des Vaters durch eine Unachtsamkeit Anns gestohlen wird. Natürlich ist der Vater aufgrund des Verlusts sichtlich erschüttert und so macht sich Ann schuldbewusst auf den Weg, um das gute Stück wieder zurückzuholen.

Mit Vollgas über Blatt und Zweig

Der Spielverlauf des gut zehn Stunden langen Spiels besteht zum größten Teil daraus, die drei zur Verfügung stehenden Zonen springend und gleitend zu erkunden, Mineralien einzusammeln und Kämpfe gegen Käfer auszutragen. Die Kamera hängt dabei schräg über dem Mech und ermöglicht so eine Vogelperspektive der stilisierten Umgebungen.

Wer jetzt bei der Vorstellung an fummelige Balanceakte über den Blättern und Zweigen des 3D-Spiels erste Anflüge von Panik bekommt, kann beruhigt aufatmen. Die Steuerung des laufenden und in der Luft segelnden Mechs funktioniert ausgezeichnet und bietet immer einen großzügigen Spielraum hinsichtlich des Winkel in dem ihr auf einem Gegenstand landen könnt. Das lässt euch zwar nicht senkrecht oder kopfüber an Gegenständen entlang krabbeln, vermittelt aber trotzdem einen gewissen Eindruck von der Freiheit, die Insekten in ihrer Bewegung haben. Zur Orientierung während der Gleitflüge wird außerdem direkt unter eurem Mech immer ein weißer Punkt eingeblendet, der euch gut erkennbar anzeigt, über welchem Stock, Blatt, Stein oder Gegner ihr euch gerade befindet. Selbst ein verpasster Absprung oder ein Absturz in einen Abgrund sind kein Beinbruch. Euer Mech erscheint eine Sekunde später wieder am letzten sicheren Absprungpunkt und hat nur ein wenig Gesundheit eingebüßt.

Ein wenig fummeliger geht es bei den Kämpfen gegen die Insekten in der Welt zu.  Einige davon können einfach umgangen werden, während andere euch in abgesperrten Gebieten in Wellen angreifen und besiegt werden müssen, ehe ihr weiterziehen könnt. Dabei ist eure Aufgabe in den Kämpfen immer gleich: Zuerst nutzt ihr euer immer größer werdendes Arsenal an Fähigkeiten, um die Lebenspunkte eines Käfers zu reduzieren, bis dieser hilflos und betäubt auf dem Rücken liegt. Dann pustet ihr ihn wortwörtlich mit dem Belüftungssystem eures Mechs über die Kante der Plattform in den Abgrund, womit er dann besiegt ist. Lasst ihr einen betäubten Käfer lange genug unbeachtet liegen, wacht er nach einer Weile wieder auf und regeneriert Lebenspunkte, sodass er erneut besiegt werden muss. Gerade der letzte Teil des Kampfes bei dem ihr den betäubten Gegner innerhalb einer begrenzten Zeitspanne über eine Kante schleudern müsst, braucht eine gewisse Eingewöhnungszeit, die zum Teil auch der Navigation in der 3D-Umgebung geschuldet ist. Doch der Schwierigkeitsgrad der Kämpfe passt sich eurem Fortschritt im Spiel an und bleibt stets fair, sodass ihr die elementaren Feinheiten der Steuerung schnell in den Griff bekommen könnt. Das bedeutet allerdings nicht, dass das Spiel durchgehend einfach ist und gerade in späteren Leveln ist schnelles Denken hilfreich, wenn euch 20 Käfer zeitgleich ans Leder wollen und ihr spontan eine Strategie entwickeln müsst, welche Käfer ihr zuerst loswerden wollt. Unter all euren Cooldown-basierten Fähigkeiten ist aber auch eine extrem nützliche Selbstreparatur und selbst wenn euer Mech dann doch einmal unrettbar zerstört wird, findet ihr euch Sekunden später im Bett eures letzten Lagers wieder und könnt den Abschnitt von dort aus noch einmal versuchen. In der Welt verteilte Speicherpunkte reduzieren den durch das Ableben verursachte Zeitverlust auf einige wenige Minuten.

Während der Erkundung und den Kämpfen findet ihr immer wieder unterschiedliche Mineralien, die es einzusammeln gilt. Dabei sind, wie in solchen Spielen üblich, nicht alle Mineralien in jeder Zone zu finden und so kommt es immer wieder vor, dass ihr bereits besuchte Gebiete noch einmal aufsuchen müsst, um bestimmte Mineralien oder Spuren von legendären Alpha-Blattläusen zu finden. Bei Letzteren handelt es sich um gigantische und nebenbei unbesiegbare Wesen, die nur selten an der Oberfläche auftauchen und allerlei Mineralien auf ihrem Rücken tragen, die ihr in einem begrenzten Zeitraum abbauen könnt, ehe das Wesen wieder unter der Erde verschwindet.

Bei all den oben genannten Aktionen sammelt ihr in gesonderten Bereichen Erfahrung, die Ann zum Bau immer neuer Mech-Erweiterungen inspiriert mit denen ihr für eure Maschine neue Fähigkeiten freischalten oder sie beweglicher, ausdauernder oder stärker machen könnt. Hierfür benötigt ihr dann auch die vorher gesammelten Mineralien und verwandelt euren anfangs schrottreifen Mech im Laufe der Zeit in das modernste Gefährt und den größten Insektenschreck weit und breit.

Ein wenig Sand im Getriebe

Mit seiner Mischung aus Erkundung, Kampf und Mech-Bastelei ist Stonefly ein überaus kurzweiliges und unterhaltsames Spiel. Das vorneweg. Viele Mechaniken, wie das Flugsystem oder das aktivierbare Wegfindungssystem, funktionieren rundum sehr gut und auch Ann als Protagonistin ist ein Charakter, mit dem wir gut und schnell warm wurden - nicht zuletzt dank der liebevollen Animationen in den Zwischensequenzen. Sogar das Kampfsystem, das mit seiner teilweise fummeligen Rumpusterei nicht jedes Herz im Sturm erobern wird, funktioniert unterm Strich gut genug, um hier nicht als negatives Beispiel herhalten zu müssen.

Dennoch wartet das Spiel mit einige Lücken und Ungereimtheiten auf, die man zum Teil leicht hätte vermeiden können. Da wären zuerst einmal die vielen offenbar bewusst ungeklärten Aspekte innerhalb der Handlung. Die Fragen wo man sich befindet, zu welcher Zeit das Abenteuer spielt und warum alle Beteiligten so klein sind, haben mich die komplette Spielzeit und darüber hinaus ohne Ergebnis grübeln lassen. Aliens, Androide und Mechs legen als Zeitpunkt noch die Zukunft fest. Doch beim Ort, der mit seiner Flora und im Spiel erwähnten Eicheln sehr an die Erde erinnert, wird es dann verrückt. Wurde die gesamte Menschheit mitsamt anwesenden Aliens geschrumpft? Haben die Menschen freiwillig ihren Platz an der Spitze der Nahrungskette geräumt? Sind die Protagonisten ein winziges auf der Erde lebendes und noch unentdecktes Volk, das sich in Mechs fortbewegt, die wir für einfache Käfer halten? Oder befinden wir uns in Stonefly auf einem anderen Planeten, auf dem ebenfalls Eichen wachsen? Keine dieser Thesen scheint sonderlich wahrscheinlich oder unwahrscheinlich, sodass wir an dieser Stelle nicht weiterkommen. Außerdem gibt es noch am Rand erwähnte Konflikte, die nach einem Halbsatz nie wieder erwähnt werden, sowie Aktionen einzelner Charaktere, die in anderen Spielen Streit ausgelöst hätten, hier aber ausnahmslos mit etwas Unfreundlichkeit und Sarkasmus abgetan werden.

All das macht es schwer, eine Bindung zu den übrigen Charakteren zu entwickeln und lässt die ansonsten netten Handlung flacher als nötig erscheinen. Ein paar offene Fragen in einer Geschichte mögen ja mitunter ein gutes Stilmittel sein, hier wurde aber etwas übertrieben.

Das genau gegenteilige Problem bereiten die Missionen, in denen ihr Materialien für eure Mitstreiter sammeln müsst sowie die am Ende des Spiels mit Fähigkeiten überladene Steuerung. Während die Sammelmissionen aber innerhalb der Handlung noch sinnvoll erklärt werden und nur kurzzeitig irritieren, weil man zum Teil die gleiche Alpha-Blattlaus mehrfach in Folge (be)suchen muss, um genug Mineralien sammeln zu können, wird es bei der Masse der Fähigkeiten ein wenig albern. So kommen einige der Fähigkeiten erst so spät ins Spiel, dass man sich bis dahin schon einen Spiel- und Kampfstil angewöhnt hat, der die neuen Fertigkeiten trotz ihrer Nützlichkeit schlicht unnötig macht. Beides, Sammelmissionen und die Steuerung, die nebenbei erwähnt trotz der Überbelegung gut funktioniert, sind an sich nichts schlimmes, erwecken aber den Eindruck, als wäre den Entwicklern erst kurz vor dem Abschluss der Entwicklung eingefallen, dass sie ja eigentlich ein viel umfangreicheres Spiel erschaffen wollten. Was aber (außer vielleicht bei der Handlung) gar nicht nötig gewesen wäre.

Sieht gut aus, läuft noch besser

Vorweg ein kurzes Geständnis: Der für mich schwierigste Part beim Verfassen eines Tests, ist der technische Teil, vor allem wenn es darum geht, die Nintendo Switch-Version eines Spiels unter Berücksichtigung der Leistungsfähigkeit der Konsole zu bewerten. Zu oft kämpft man mit relativierenden Formulierungen und ich persönlich freue mich auf eine Zukunft, in der Nintendo womöglich technisch mit seiner Konkurrenz gleich zieht. Umso glücklicher macht es mich, hier und jetzt bereits berichten zu können, dass Stonefly dank Cel Shading und handgezeichneten Texturen so gut aussieht, dass es mir erst gar nicht in den Sinn kam, dass das Spiel auf anderen Plattformen besser aussehen könnte. Natürlich ist dieser Eindruck dem Grafikstil geschuldet, der sich nicht um eine ultra-realistische Darstellung bemüht, aber trotzdem musste ich mir erst Videos vom Gameplay anderer Plattformen ansehen, ehe mir klar wurde, dass andere Versionen des Spiels detailreicher sind. Im laufenden Spiel im stationären Modus wäre mir das nicht aufgefallen. Nebenbei läuft Stonefly so flüssig, wie man es sich nur wünschen kann. Die durchschnittliche Ladezeit beträgt etwa zwei(!) Sekunden und ist damit so schnell, dass zonenübergreifende Teleports in der Regel schneller als ein kurzer Flug durch die Zone sind. Nur nach der Zerstörung ihres Mechs müssen wir etwa 15 Sekunden lang Annikas Gedankengängen zuhören, bis sie sich wieder mit frischem Mut aus dem Bett schwingt. Ob in der Zeit etwas im Spiel geladen wird, oder uns die Zeit enger mit Ann verbinden soll, bleibt dabei aber ein Mysterium.

Einzig die beim Erlernen einer neuen Fertigkeit gezeigten, stark ruckelnden Beispielvideos und die wenigen Momente, in denen sich zum Beispiel ein Blatt zwischen die statische Kamera und unseren Mech schiebt und uns so die Sicht raubt, bringen das Spiel in technischer Hinsicht um eine Bestnote. Zumindest das erste der beiden Probleme sollte aber mit einem Patch schnell behoben werden können, zumal die Videos für das Spiel kaum relevant sind.

Für den Soundtrack hat Flight School Studio den Musiker Natureboy Flako verpflichtet, dessen Musik das Geschehen großartig mit harmonischen Klängen begleitet. Die weiteren Soundeffekte des Spiels sind ebenfalls gut gewählt und markieren Ereignisse wie den Sieg über einen Gegner. Die Charaktere selbst wurden indes nicht synchronisiert. Ihren Aussagen könnt ihr lediglich in Sprechblasen auf dem Bildschirm folgen.

Fazit:

Flight School Studio hat mit Stonefly ein gutes und kurzweiliges Spiel abgeliefert, das in den zehn Stunden, die man zum durchspielen benötigt, sehr gut unterhält. Die Erkundung der Gebiete und die Kämpfe wurde mit einigen gut überlegten Mechaniken toll in Szene gesetzt. Der Grafikstil und der Soundtrack ergänzen sich gegenseitig, gefallen aber auch für sich betrachtet sehr gut.

Lediglich einige Schnitzer verpassen dem ansonsten ausgezeichneten Eindruck einen Dämpfer: Die Handlung bleibt ein wenig zu vage, um mitreißen zu können und die statische Kamera kann sich in seltenen Momenten als echtes Problem entpuppen, wenn euch ein Gegenstand den Blick auf euren Mech versperrt und euch dadurch kurzzeitig hilflos herumraten lässt, wohin ihr jetzt laufen müsst. Die etwas überladene Steuerung und die ruckelnden Beispielvideos sind dagegen nur ein wenig irritierend, trüben den Eindruck aber nicht wirklich.

Insgesamt bleibt es am Ende aber bei einem durchweg guten Eindruck den Stonefly hinterlässt und diejenigen unter euch, die ein etwas entspannteres Spiel für zwischendurch suchen, können bedenkenlos zugreifen.

Von uns getestet: Nintendo Switch-Version

Wir bedanken uns bei MWM Interactive für die Bereitstellung des Testmusters.

Wertung:

7,5

Robert Emrich meint:

"Kurzweiliges und entspanntes Abenteuer, das nur bei der Handlung etwas mehr Tiefgang vertragen könnte."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Gut
Technik: Sehr gut

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