Test: Resident Evil: Village

Von Jeremiah David am 06. Juni 2021

Präsident Stiefel ist zurück.

Wer einen Trailer oder auch nur das Cover-Bild von Resident Evil: Village gesehen hat, weiß, wie geschickt Capcom im Titel die römischen Ziffern VIII hervorhebt, dabei ist Village mitnichten der achte Teil der Serie. Diverse Spin-Offs – von gelungenen Singleplayer-Ausflügen wie Code Veronica oder Revelations bis hin zu weniger gelungenen Multiplayer-Games wie Operation Raccoon City und sogar Rail-Shootern wie The Umbrella Chronicles – sorgen dafür, dass uns Capcom in Wirklichkeit bereits den 376. Teil präsentiert.

Äh… nun ja, gefühlt zumindest. Viel wichtiger als die Ziffer hinter dem Titel ist die Tatsache, dass Capcom in regelmäßigen Abständen das Gameplay ändert, um die Serie frisch und die Fans bei Laune zu halten. Auf die klassische Survival-Horror-Kost der ersten Teile folgten Actionspiele, die mit Resident Evil 6 ihren unrühmlichen Gipfel fanden. Resident Evil 7 war wieder deutlich gruseliger als der numerische Vorgänger, setzte vermehrt auf Survival-Aspekte und bot eine Ego-Perspektive, die Spieler noch mehr in die düstere Atmosphäre hineinziehen sollte. Village behält diese Perspektive bei, ist aber inhaltlich eher mit Resident Evil 4 zu vergleichen. Das heißt, obwohl gruselige, atmosphärische Stellen durchaus vorhanden sind, dürfen Spieler auch schier unendliche Gegnerhorden als Kanonenfutter erwarten. Kann Village sowohl Action- als auch Grusel-Fans zufriedenstellen?

Dawn of the Dead X Van Helsing

Kommen wir zunächst zur Story von "Präsident Stiefel will Edge". Die ist ähnlich blödsinnig wie das Wortspiel von gerade eben. Ganz im Ernst, Resident Evil ist als Serie ja ohnehin für B-Movie-Trash bekannt, aber Village setzt dem Ganzen die Krone auf: Nach den Ereignissen aus Resident Evil 7 haben sich Ethan und Mia Winters mit ihrer einjährigen Tochter Rose zurückgezogen und leben ein mehr oder weniger normales Leben, als Chris Redfield plötzlich mit Soldaten auftaucht, Mia abknallt, Ethan bewusstlos schlägt und Rose entführt. Ethan wacht etwas später neben einem umgekippten Transporter auf. Er befindet sich irgendwo in Amerika in einem osteuropäischen Dorf, das von Werwölfen überrannt wurde. Im nahe gelegenen Schloss wohnt zudem eine Riesin mit ihren drei Vampirtöchtern, während der bucklige Quasimodo einen Sumpf sein Zuhause nennt. Weitere lustige Figuren in und außerhalb des Orts sind eine durchgeknallte Marionettenliebhaberin, eine alte Hexe und Magnetos verschollener X-Men-Bruder Karl Heisenberg. Rose wurde inzwischen zerstückelt und zum leichteren Transport in vier Einmachgläser abgefüllt. Weil Ethan nicht weiß wie Babys funktionieren, macht er sich auf die Suche nach den vier Gläsern, um seine Tochter zu retten.

Ich habe an dieser Stelle das Gefühl betonen zu müssen, dass die obigen Zeilen trotz einer zugegebenermaßen sarkastischen Schreibweise wirklich die Story von Resident Evil: Village wiedergeben. Ethan macht sich wirklich auf, um in einem transsilvanischen Dorf den Kopf, den Rumpf, die Arme und die Beine seiner Tochter zu finden, und muss dabei wirklich die oben beschriebenen Personen, Vampire sowie Unmengen Werwölfe bekämpfen. Die einzigen Zombies in Village sind abgemagerte Zeitgenossen, die im Schloss und auf dem Dorffriedhof hausen. Die Autoren haben im Prinzip Stephen Sommers’ Film „Van Helsing“ aus dem Jahr 2004 mit diversen Zombiefilmen kombiniert. Das Ergebnis ist völlig schwachsinnig, aber ungeachtet dessen – und auch das möchte ich betonen – höchst unterhaltsam, nicht zuletzt aufgrund von zwei späten Storywendungen, die wir hier natürlich nicht verraten wollen. Im Laufe der rund zehn Stunden langen Kampagne werden Fans von B-Movie-Trash bestens unterhalten.

Bum, bum, bäm

Spielerisch orientiert sich Resident Evil: Village wie schon erwähnt am vierten Hauptteil der Serie. Das Dorf ist dabei Dreh- und Angelpunkt sämtlicher Inhalte. Von dort aus macht sich Ethan erst zu Disney's verwunschenem Schloss auf, dann zur Puppenkiste, dem Sumpf und Heisenbergs Unterschlupf. Die Gebiete sind relativ weitläufig und die Gebäude erinnern in ihrem Aufbau durchaus an klassische Resident-Evil-Level, wie dem Herrenhaus aus dem ersten Teil oder der Polizeistation aus Teil 2. Das heißt, es gibt viele Zimmer, die hinter verschlossenen Türen warten und erst nach und nach geöffnet werden können. Dazu muss Ethan Rätsel lösen, die selten viel Hirnschmalz erfordern, aber auch nicht zu leicht sind und die Action gekonnt auflockern. Apropos Action: Vor allem im letzten Viertel brennt Resident Evil: Village ein absolutes Action-Feuerwerk ab. Während der Anfang des Spiels noch ein relativ gemächliches Tempo bietet und uns als Ethan eher gemütlich an die neuen Umgebungen heranführt, haben spätere Passagen mehr mit Call of Duty gemein, als es dem ein oder anderen Gamer lieb sein dürfte. Unser Protagonist geht dann mit fetten Wummen und sogar einem militärischen Nachtsichtgerät gegen die untoten Horden vor. Objektiv machen aber auch diese Szenen Spaß. Mit Hilfe der einzelnen, thematisch abgegrenzten Gebiete schafft Resident Evil Village tatsächlich den Spagat zwischen gruseligem Survival-Horror und brachialer Action, bei der Munitionsknappheit selten ein Problem ist. Höhepunkte sind außerdem serientypische Bosskämpfe gegen schrecklich mutierte, riesige Kreaturen, die Ethan nach ihrem jeweiligen Ableben in der Regel mit einem weiteren Teil seiner Tochter belohnen [sic].

Zwischen seinen Besuchen bei Vampirella und Co kehrt Ethan immer wieder zum Dorf zurück, um mit Hilfe neu gefundener Schlüssel Wege und Schatztruhen zu öffnen. In den Truhen, die weitläufig verteilt sind, befinden sich neben storyrelevanten Items auch verschiedene Kunstgegenstände und Kristalle, die Ethan an einen fahrenden Händler verkaufen kann. Die In-Game-Währung heißt Lei und kann zum Erwerb neuer Waffen, Munition oder Erweiterungen eingesetzt werden. Hiervon bietet der Händler, der sich selbst The Duke nennt, eine relativ breit gefächerte, aber ziemlich klassische Auswahl an, wodurch Ethan bis zum Ende des Spiels wieder mit Pistole, Magnum, Schrotflinte, Maschinengewehr, Granatwerfer und verschiedenen Sprengkörpern ausgestattet ist. Der Duke selbst muss sich vor den Vampiren und Werwölfen nicht in Acht nehmen, da sich diese vermutlich vor dem Cholesteringehalt des überaus fettleibigen Gefährten fürchten. Qualitativ hochwertiges Fleisch sieht anders aus.

Dass der Duke so korpulent daherkommt, hat er wohl seinen famosen Kochkünsten zu verdanken. Diese führt er glücklicherweise auch Ethan vor. Die passenden Kochzutaten wie Fisch und Fleisch vorausgesetzt, kann sich Ethan einige Gerichte zubereiten lassen, die ihm zu mehr Fitness, besseren Defensivwerten oder mehr Lebensenergie verhelfen.

Technisch top

Rein optisch hat sich Resident Evil als Serie noch nie so schön präsentiert. Die R.E.-Engine hat bereits auf der PlayStation 4 und Xbox One allerlei fantastisch detaillierte Umgebungen auf den Bildschirm gezaubert, Village legt mit der Power der Next-Gen-Konsolen jedoch noch eine Schippe drauf. Das Dorf und die umliegenden Gebiete strotzen nur so vor Details. Speziell einige Innenräume kratzen mit ihren 4K-Texturen und einigen beeindruckenden Glanz- und Nebeleffekten am Fotorealismus. Die Außenareale können da nicht ganz mithalten. Einige Äste und Gräser, durch die sich Ethan bewegt, verkommen zu zweidimensionalen, etwas kantigen Sprites, wenn er ihnen zu nahe kommt, doch auch hier präsentiert sich Village alles andere als schlecht und kleine Details verraten mit welchem Eifer sich die Entwickler an die Gestaltung der Spielwelt gemacht haben so hinterlassen beispielsweise sogar Hühner und Krähen passende Spuren im Schnee. Einzig die Charaktere sind noch nicht auf Next-Gen-Niveau. Vor allem die weiblichen Figuren und zotteligen Werwölfe haben kleinere Probleme mit ihren langen, aber recht statisch und strähnig wirkenden Haaren, die kein Interesse an physikalischen Gesetzen zeigen.

Die von uns getestete PlayStation-5-Fassung überzeugt zudem mit minimalen beziehungsweise komplett fehlenden Ladezeiten und einigen DualSense-eigenen Besonderheiten. So liefern die Trigger des Controllers beispielsweise für jede Waffe einen anderen Widerstand, wodurch sich die rostige Schrotflinte etwa schwieriger abfeuern lässt als die Pistole. Das Spiel lief während unserem Testdurchlauf außerdem trotz Ray-Tracing jederzeit ruckelfrei und die Framerate fiel nur selten unter die angepeilten 60 FPS. Die Xbox Series X schafft Berichten von Digital Foundry zufolge die stabilste Framerate, hat aber etwas längere Ladezeiten. Ohne Ray-Tracing weichen beide Konsolen nie von butterweichen 60 FPS ab. Auch die Series S läuft mit 60 FPS, tut dies aber wenig verwunderlich nur ohne Ray-Tracing und mit einer reduzierten 2K-Auflösung. Mit Ray-Tracing fällt die Performance auf der Series S in den 30-FPS-Bereich.

Auf den Last-Gen-Konsolen müssen sich Spieler mit einer HD-Auflösung und weniger Details begnügen.

Fazit:

Resident Evil: Village ist wie eine gute Achterbahnfahrt: Rasant und mit einigen fantastischen Höhen und nur wenigen Tiefen, aber einfach zu schnell vorbei. Mit knapp mehr als zehn Stunden Spielzeit ist Village doch recht kurz, wobei es aktuell noch schwierig ist den Umfang des Spiels überhaupt zu bewerten, denn der Multiplayer-Modus Re:Verse wird erst noch nachgereicht. Hier ist die Wertung "Durchschnittlich" als eine Art Platzhalter zu verstehen. Ein New-Game-Plus-Mode und diverse Challenges sorgen allerdings jetzt schon für einen relativ hohen Wiederspielwert, und so oder so ist Resident Evil: Village ein wunderbar spielbares, völlig abgedrehtes Horror-Spektakel mit einwandfreier Technik, verrückten Charakteren und einer beeindruckend detaillierten Welt.

Wer Resident Evil 4 mochte, wird auch Resident Evil: Village mögen. Grusel-Fans werden eher in der ersten Hälfte des Spiels bedient, Action-Fans kommen dagegen in der zweiten Hälfte voll auf ihre Kosten.

Zweite Meinung von Michael Prammer: 

Wenn es um Resident Evil: Village geht, bin ich leider nicht ganz so euphorisch, wie mein Kollege Jerry. Das liegt an zwei grundlegenden Aspekten. Erstens: Ich habe das Spiel auf Google Stadia gespielt und musste dort einige technische Probleme in Kauf nehmen, und zweitens haben mir einige Dinge in Bezug auf die Story überhaupt nicht gepasst, was daran liegen mag, dass ich den Vorgänger Resident Evil 7: Biohazard von der Geschichte her überragend fand.

Beginnen wir mit der technischen Seite: Die Optik ist auch auf Googles Streaming-Service fantastisch. Die Charaktere wirken stimmig, die Hintergründe überzeugen und die Atmosphäre ist erste Sahne, aber die Performance kann nicht annähernd mithalten. Immer wieder kommt es zu unschönen Rucklern oder Pop-Ups, die ich nicht einmal während der Demo-Version auf der XBOX Series S erlebt habe. Dazu gesellten sich gar Verbindungsabbrüche des Dienstes, die mir in dieser Form gänzlich neu bei Stadia waren.

Spielerisch ist Resident Evil: Village ein tolles Spiel, allerdings ist die Story in meinen Augen einfach nur schlecht. War Resident Evil 7 gerade zum Ende hin noch ein echter "Knaller" mit vielen Überraschungen, fühlt sich dieser Titel für mich irgendwie nach etwas an, das nie wirklich zu Ende gedacht wurde. Späte Storywendungen schienen mir nicht schlüssig und der B-Movie-Flair konnte mich nicht packen, womöglich auch, weil mir die letzten beiden, sehr actionlastigen Gebiete wenig Spaß machten. Resident Evil lebt vom Horror. Wenn ich Action in dieser Form möchte, spiele ich andere Titel. Für mich wirkt Resident Evil: Village einfach wie der Versuch, ein "Best-of" der letzten Resident-Evil-Teile zu machen, aber die einzelnen Elemente passen nicht alle zusammen. Grundsätzlich ist das Spiel nicht schlecht, kann aber die Story nicht vernünftig erzählen und versagt auf Google Stadia, was die Technik anbelangt.

Wertung:

8.0

Jeremiah David meint:

"Hoch unterhaltsames, aber kurzes Trash-Spektakel, das brachiale Action auf atmosphärischen Survival-Horror folgen lässt, um alte und neue Resident-Evil-Fans zufrieden zu stellen."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Sehr gut

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2 Kommentare:


Asinned
vor 1 Woche | 2
Danke für den Test und den Stadia Einschub! Werde das Spiel auf jeden Fall noch zocken, auch wenn vermutlich zuerst R&C oder FF7I an der Reihe sind. Kopf schütteln kann ich nur über die Stadia-Version. Da hat man so viel Geld in die Hand genommen um das Spiel entsprechend mit Starter Kit und RE7 in Pro zu bewerben und dann versagt die Technik.

Ozymandias
vor 1 Woche | 1
Ich hab es gespielt und muss sagen, dass das Spiel einfach nicht zu Ernst genommen werden darf. Spätestens beim motorisierten Gefährt im 4. Boss Kampf und natürlich gegen Ende fährt Resi nochmals ordentlich die 6er Schiene. Nichtsdestotrotz hatte ich auch in diesen Abschnitten Spaß, die Story ist zwar Banane, aber das waren auch früheren Teilen nicht fremd. Ich für meinen Teil freue mich auf Resishock 9 und vielleicht auch auf einen Besuch in Rapture City. ^^