Test: Famicom Detective Club

Von Andreas Held am 27. Mai 2021

Nintendo bringt zwei in ihrem Heimatland sehr beliebte NES-Titel zum ersten Mal in den Westen.

In den späten Achtzigerjahren veröffentlichte Nintendo zwei Spiele, die kaum zum restlichen Portfolio des japanischen Konzerns passen. Famicom Detective Club: The Missing Heir und sein Nachfolger The Girl Who Stands Behind vermischten das Gameplay klassischer Text-Adventures mit Elementen, die wir heute vor allem aus dem Visual-Novel-Genre kennen. Während die Serie in Europa und den USA nicht veröffentlicht wurde und selbst im Internet-Zeitalter praktisch keine Beachtung fand, war sie in Japan recht beliebt und bekam in der Folge ein SNES-Remake von The Girl Who Stands Behind, einen Satellaview-exklusiven dritten Teil sowie zahlreiche Neuveröffentlichungen auf dem Game Boy Advance und den Virtual Consoles von 3DS, Wii und Wii U spendiert. 2021 bringt Nintendo seine beiden Adventures abermals auf den Markt - diesmal in Form von vollständigen Remakes für Nintendo Switch.

In den folgenden Absätzen gehen wir kurz auf die Handlungen beider Titel ein - wer sie komplett ohne Vorwissen spielen möchte, sollte also zur nächsten Überschrift weiterspringen.

Achtung, Spoiler!

Zu Beginn von The Missing Heir erwachen wir in Person des männlichen Protagonsiten, den wir selbst benennen dürfen, am Fuß einer Klippe. Leider hat der Hauptheld - vermutlich durch den Sturz - sein Gedächtnis verloren und kennt zu Beginn des Spiels noch nicht einmal seinen Namen. Schnell trifft er jedoch auf seine Kollegin Ayumi Tachibana, die ihm erklärt, dass er in einer Detektei arbeitet und unmittelbar vor seinem Unfall für die reiche und mächtige Ayashiro-Familie Ermittlungen durchführte. Deren Oberhaupt ist nämlich an einem angeblichen Herzversagen gestorben. Eine alte Legende besagt, dass verstorbene Mitglieder dieser Familie in einer Vollmondnacht aus ihrem Grab erwachen und sich an denjenigen rächen, die ihnen zu Lebzeiten in die Quere kamen. Und zufällig folgt gleich auf das Einleitungskapitel eine Vollmondnacht...

The Girl Who Stands Behind spielt wenige Jahre vor dem ersten Teil und erzählt einen Fall, den der Hauptheld von The Missing Heir zuvor untersucht hatte. Dieser beginnt mit einer Schülerin, die tot an einem Flussufer angespült wird und offensichtlich ermordet wurde. Die erste Zeugin ist Ayumi Tachibana - eine gute Freundin der Verstorbenen, die mit ihr zusammen einen Detektiv-Club führte. Ayumis Mitschülerin untersuchte zuletzt auf eigene Faust eine Reihe von Geistersichtungen an ihrer Schule. Irgendwem waren diese Ermittlungen offenbar ein Dorn im Auge.

Moderne Aufmachung, ...

Nintendo hat die Spieleschmiede MAGES mit den Remakes von Famicom Detective Club beauftragt, die durch renommierte Werke wie Steins;Gate oder Memories Off zu den besten Entwicklern im Visual-Novel-Genre zählt. MAGES hat die audiovisuelle Präsentation der NES-Klassiker grundlegend überarbeitet: Komplett neue Grafiken, eine moderne Version des klassischen Soundtracks und eine durchgehende japanische Sprachausgabe lassen vergessen, dass die Originale mittlerweile über dreißig Jahre alt sind. Lediglich die Spielwelt lässt sich ab und zu, durch Relikte wie Schnurtelefone oder in Innenräumen stehende Aschenbecher, auf die späten 80er Jahre datieren.

Obwohl Nintendo direkt an der Entwicklung beider Remakes beteiligt war, ist Famicom Detective Club in keinster Weise familienfreundlich. Mit allzu fanservicelastigen Charakterdesigns oder sexuellen Andeutungen halten sich die Spiele zwar - zumindest für Genreverhältnisse - weitestgehend zurück, aber spätestens die sehr explizite Darstellung der Mordopfer ist unter keinen Umständen mehr für Kinder geeignet.

...altbackenes Gameplay

Während die Switch-Versionen von Famicom Detective Club aus audiovisueller Sicht fast komplette Neuentwicklungen sind, wurden das Script und somit auch das Gameplay offenbar unverändert aus den NES-Versionen übernommen - vielleicht aus Treue zu den Originalen, aber vielleicht auch einfach nur, um Entwicklungskosten zu sparen. Somit spielt sich Famicom Detective Club in erster Linie wie ein klassisches Text-Adventure, mit dem Unterschied, dass ihr nicht über eine Tastatur beliebige Kommandos eingebt, sondern über Menüs und Untermenüs ein bis zwei vorgefertigte Bausteine auswählt und daraus Befehle wie "Call Ayumi" oder "Take Phone" zusammensetzt. Außerdem dürft ihr jederzeit einen Cursor einblenden und damit Objekte auf dem Bildschirm untersuchen, was ebenfalls zum Weiterkommen nötig sein kann.

In den ersten Kapiteln von The Missing Heir funktioniert das Gameplay recht gut, da ihr an einem roten Faden durch das Spiel geführt werdet und die zum Weiterkommen nötigen Anforderungen immer fair bleiben. Mit der Zeit wird der Spielfluss jedoch immer zäher, was vor allem daran liegt, dass ihr in vielen Fällen dasselbe Kommando mehrmals eingeben oder dasselbe Detail mehrmals untersuchen müsst, bis ihr den nächsten Informationsschnipsel bekommt. Logisches Nachdenken ist in der Regel zwecklos, sodass euch nichts anderes übrig bleibt, als mit roher Gewalt sämtliche der euch zur Verfügung stehenden Kommandos mehrmals durchzuprobieren. Moderne Spieleserien wie Phoenix Wright: Ace Attorney oder Danganronpa, die ohne Zweifel von Famicom Detective Club inspiriert sind, haben zwischenzeitlich gezeigt, wie man Spiele in diesem Genre deutlich besser umsetzen kann.

Fazit:

2019 brachte Nintendo ein äußerst erfolgreiches Remake von The Legend of Zelda: Link's Awakening auf den Markt. Den Neuauflagen von Famicom Detective Club hat Nintendo in Zusammenarbeit mit den Visual-Novel-Experten von MAGES ein mindestens genauso liebevolles Facelifting verpasst und sie audiovisuell auf den neuesten Stand gebracht. Doch während beim Zelda-Remake auch Anpassungen am Gameplay vorgenommen wurden, durch die die Switch-Neuauflage selbst im sogenannten Heldenmodus sehr einfach war, macht Famicom Detective Club den umgekehrten Fehler und konfrontiert seine Spieler mit demselben 8-Bit-Gameplay, das japanische Fans in den späten 80er Jahren präsentiert bekamen. In Abwesenheit jeglicher Logik sind wir auf das plumpe Durchprobieren von Dialog- und Menüoptionen angewiesen, wodurch der Spielfluss und die Immersion sehr stark gestört werden. Das ist schade, denn die Handlungen von The Missing Heir und The Girl Who Stands Behind sind wirklich gut geschrieben und durchdacht. Mit ein paar einfachen Komfortfeatures beim Gameplay hätte Famicom Detective Club für Switch zu einem Titel werden können, den wir jedem Fan von Visual Novels oder der Phoenix-Wright-Serie bedenkenlos empfehlen könnten. Doch in seiner jetzigen Form kann das Gebotene nicht mit der Genrekonkurrenz mithalten.

Wertung:

7.0

Andreas Held meint:

"Liebevolles Remake, in dem eine hochmoderne audiovisuelle Präsentation auf Adventure-Gameplay aus den späten 80er Jahren trifft."
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Gut
Technik: Sehr gut

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