Test: Just Die Already

Von Robert Emrich am 25. Mai 2021

Respektiert eure Senioren. Oder werft sie in diesem Spiel in eine Schrottpresse.

Das Genre der Simulationsspiele hat es nicht leicht. Während sich die Vertreter der meisten anderen Spieletypen wenigstens um eine gewisse Mindestqualität bemühen müssen, um nicht in Schimpf und Schaden von den Festplatten der Spieler gelöscht zu werden, schlich sich irgendwann und beinahe unmerklich der Trash in die Welt der Städteplaner, Busfahrer, Bauern und Angler. Hier schuf er eine sarkasmusbeladene Subkultur, die von einigen Perlen einmal abgesehen ohne weiteres mit den Trashfilmen des Horrorfilm-Genres mithalten kann und diese in Sachen Niveau stellenweise sogar noch unterbietet. Dabei stellt das vermutlich bekannteste Beispiel, der Goat Simulator, noch die unterhaltsame Spitze des Eisberges dar, während Chair Simulatoren (sitzen für Punkte) und Schlimmeres die Messlatte immer weiter nach unten legten.

In diesem offenkundig nicht ganz einfachen Feld versuchen die Entwickler von DoubleMoose jetzt ihr Glück mit dem Titel “Just Die Already” - einem Spiel, das gerne Senioren-Simulator und humorvolle Sandbox in einem sein möchte. Wir haben uns die Switch-Variante des Titels einmal genauer angesehen und ihr umfassend auf die dritten Zähne gefühlt.

Danke für nichts

Der Philosoph Schopenhauer sagte mal “Der Grundcharakterzug des höheren Alters ist das Enttäuschtsein: Die Illusionen sind verschwunden, welche bis dahin dem Leben seinen Reiz und der Tätigkeit ihren Sporn verliehen; man hat das Nichtige und Leere aller Herrlichkeiten der Welt, zumal des Prunkes, Glanzes und Hoheitsscheins, erkannt.” Ein Gedanke, der auch die kaum vorhandene Hintergrundhandlung des Spiels inspiriert haben könnte: 

In einer nicht allzu weit entfernten Zukunft verbringt die Jugend ihre Zeit lieber mit Videospielen und sozialen Medien, anstatt sich um die Senioren zu kümmern, die in verwahrlosten Altenheimen ihre letzten Tage fristen. So ergeht es auch euch, als einer von vier Charakteren, in eurem vergitterten Mehrbettzimmer, bis ihr die Geburtstagsparty für einen Mitbewohner ruiniert und dafür auf die Straße gesetzt werdet. Kaum in die neue Freiheit entlassen, drückt euch ein anderer Rentner eine Liste mit allen möglichen Aufgaben in die Hand. Die Aufgaben, so heißt es in Gerüchten, bringen nicht nur Schwung in eure alten Knochen, sondern ermöglichen euch nach einer Weile auch den Aufenthalt in einem legendären besseren Altenheim, fern des Elends eures aktuellen Daseins. Und so zieht ihr los, um die Stadt zu verwüsten und alles zu tun, worauf ihr gerade Lust habt.

Ab in den Sandkasten

Just Die Already ist wie bereits erwähnt ein Sandbox-Spiel, was bedeutet, dass ihr euch in der Spielwelt uneingeschränkt bewegen und mit allerlei Gegenständen und Personen nach bestem Wissen und Gewissen interagieren könnt. Die Hintergrundhandlung des Intros und die euch überreichte Aufgabenliste bieten euch dabei einen losen roten Faden, um zu wissen, welche Aktionen sich lohnen könnten. Ob ihr diese ausführen, oder euch lieber unter eine Dampfwalze legen wollt, ist aber komplett euch überlassen. Zumal sterben in diesem Spiel nicht nur ohne Folgen, sondern auch gar nicht so einfach ist. So verliert ihr im Laufe einer Aktion schnell mal Arme, Beine oder den Kopf, was auch mit äußerst stattlichen Blutfontänen honoriert wird. Aber erst wenn ihr als vergleichsweise nutzlos herum rollende Beckenregion zu viel Schaden kassiert, erreicht ihr irgendwann den Bildschirm-Tod, um dann nach einem Tastendruck gesund und munter im nächsten Müllcontainer zu respawnen. Die Taste kamm zum Glück auch ohne das Ableben eures Rentners zu jeder Zeit genutzt werden, da es ansonsten ziemlich nervig wäre, wenn ihr euch jedes mal aufwendig selber digital umbringen müsstet, nur weil euch mal wieder die Gliedmaßen für eine bestimmte Aufgabe fehlen.

Die besagten Aufgaben umfassen neben vergleichsweise einfachen Aufgaben, wie dem Verlust von Körperteilen auch kniffligere Aktionen, wie das Erklimmen der höchsten Gebäude der Stadt oder das öffnen diverser verschlossener Türen, von denen es nicht wenige gibt. Alles zu erledigen kann problemlos 20 bis 30 Stunden dauern und belohnt euch nicht nur mit Tickets mit denen ihr den Zugang zu dem Altenheim (und damit dem Abspann) freispielen könnt, sondern auch mit neuen Gegenständen, die ihr aus überall in der Stadt verteilten Automaten kostenfrei einsammelt.

Wer mehr Chaos sucht, kann das Spiel auch kooperativ über das Internet mit Freunden oder Fremden spielen. Das zuschaltbare Crossplay sorgt dafür, dass ihr problemlos ein paar andere Mitspieler finden könnt. Gesonderte Mehrspieler-Inhalte, wie kooperative Aufgaben bietet das Spiel aber nicht. 

Was mache ich hier nur?

Eines der großen Probleme, das Spiele haben, in denen sich die Spieler ohne die Vorgaben einer Handlung selber unterhalten müssen, ist die Langzeitmotivation, die es braucht damit der Titel nicht nach einer Stunde gelangweilt zur Seite gelegt wird. Kontextfreie Questreihen, Mehrspieler-Aufgaben, Erfolge und sammelbare oder freischaltbare Gegenstände können an dieser Stelle viel bewirken und helfen oft die Spreu vom Weizen zu trennen, wenn sie intelligent eingesetzt werden. 

Leider entpuppt sich Just Die Already an dieser Stelle aber als spielerischer Wasserball: Das Spiel ist schön anzusehen und auch für eine Weile unterhaltsam, während ihr fleißig Gegenden erkundet und Aufgaben erledigt. Wenn man sich unweigerlich fragt, was das alles nur soll, geht dem Spiel nach ein paar Stunden allerdings die Luft aus. Denn mit all seinen Freiheiten und dem zynischen Umgang mit seinen Protagonisten, schafft das Spiel es nicht, irgendeine Bindung zu seinen Spielern aufzubauen. Was wirklich schade ist, weil der Titel grundsätzlich viel Potential hat und im Genre der Trash-Simulationen durchaus zu den besseren Beispielen gezählt werden könnte, wenn er sich nur ein wenig mehr um die Gunst seiner Spieler bemühen würde.

Diese Entwicklung macht sich vor allen Dingen im Multiplayer bemerkbar, der grundsätzlich sehr gut läuft, aber schon nach kurzer Zeit lahmt, wenn ihr euch ein paar dutzend mal gegenseitig umgebracht habt und dann feststellt, dass es kaum mehr zu tun gibt, das die Anwesenheit anderer Spieler rechtfertigt.

Schrammen im Lack

Ähnlich wie im spielerischen Teil, zeigt der Titel auch bei der Technik viel guten Willen, schafft es aber leider nicht, in allen Bereichen zu überzeugen. Die Grafik, die wie üblich für die Switch entsprechend herunterskaliert wurde, fällt dabei positiv auf, denn das Spiel läuft durchgehend flüssig und die Entwickler haben sich die Mühe gemacht, relevante Texturen mit witzigen Texten mit ausreichend hoher Auflösung ins Spiel zu bringen. Auch die Multiplayer-Anbindung funktioniert schnell und problemlos. Die Ladezeiten liegen im angenehmen Mittelmaß.

Nicht so gut in Erinnerung bleibt die Akustik, die nicht schlecht ist, sich aber leider zu oft dieselben Soundeffekten wiederholt. Ähnlich mittelmäßig ist auch die Steuerung, die grundsätzlich funktioniert, stellenweise aber ein wenig zu schwammig ist und bei der Steuerung eines Fahrzeuges zu einem Albtraum mutiert.

An letzterem ist vermutlich auch die im Spiel genutzte Physik-Engine schuld, die in weiten Teilen funktioniert, aber an einigen Stellen im Spiel ohne Vorwarnung ausrastet. Etwa wenn ihr ein stehendes Auto berührt und dann wie wild im Millisekunden-Takt unkontrollierbar in alle Richtungen springt und zuckt, bis ihr das Gefährt wieder loslässt.

Das alles könnte deutlich schlimmer sein und den Großteil der Spielzeit über könnt ihr die Stadt problemlos unsicher machen. Aber Luft nach oben gibt es trotz allem.

Fazit:

Just Die Already objektiv zu bewerten fällt nicht leicht, da es im Vergleich mit teuer produzierten Qualitäts-Simulationen und Sandbox-Spielen kaum Oberwasser gewinnen kann. Im Segment der bewusst trashig-humorvoll produzierten Spiele sieht es aber ganz anders aus und hier ist der Titel durchaus vorzeigbar, auch wenn es nicht ganz reicht, um in Zukunft als Referenz genannt zu werden.

So ist das Spiel in seiner aktuellen Form ein Nischentitel. Fans des Genres, die eine kurze Pause vom Anstand regulärer Spiele brauchen, können mit ihm kurz- bis mittelfristig einigen Spaß haben. Für alle anderen gibt es zum Glück ausreichend Alternativen auf dem Markt, in denen niemand in einen Häcksler laufen kann.

Wertung:

6.5

Robert Emrich meint:

"Kurzweiliger Spaß mit kleinen Mängeln, dem aber der Inhalt fehlt, um längerfristig überzeugen zu können."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Gut
Technik: Durchschnittlich

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